1. RiffReporter /
  2. Gesellschaft /
  3. Japanische Firma verschenkt gentechnisch veränderte Tomaten

Japanische Firma verschenkt gentechnisch veränderte Tomaten

Neue Methoden der Gentechnik ermöglichen gesündere Lebensmittel. Gegner warnen vor falschen Versprechen.

von
25.06.2021
3 Minuten
Äußerlich gewöhnliche Tomaten hängen an einem Strauch. Sie wurden mit Gentechnik gezüchtet und senken den Blutdruck

Beim Saatguthersteller Sanatechseed werden die ersten Pakete gepackt. Das japanische Unternehmen verschenkt seit Mai Tomatensetzlinge an Freizeitgärtner. Mehr als 5000 Menschen haben sich auf das Angebot der Firma beworben. Sie nehmen an einem nationalen Test der neuen Pflanzen teil. Die Tomaten, die sie im eigenen Garten anbauen, sollen ihre Gesundheit stärken. Das Gewächs ist gentechnisch verändert. Die Früchte enthalten besonders viel γ-Aminobuttersäure, besser bekannt als GABA, eine Substanz, die den Blutdruck senken kann und allgemein beruhigend wirkt. Nach Angaben des Herstellers produziert die Tomate vier- bis fünfmal höhere GABA-Mengen als normale Früchte. GABA wird in vielen Industrienationen als Anti-Stress-Mittel zur Nahrungsergänzung verkauft.

Sanatechseed will mit seiner Geschenkaktion „die Zweifel der Verbraucher an gen-editierten Nutzpflanzen ausräumen und zur Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz der Genome-Editing-Technologie beitragen“, heißt es in einer Pressmitteilung. „Wir haben es nicht eilig, die Tomate kommerziell einzuführen, das Wichtigste ist, den Verbraucher zu überzeugen", sagte Shimpei Takeshita, Präsident von Sanatechseed, beim globalen Tomatenkongress im Februar. Die GABA-Tomate ist ein Abkömmling der beliebten Sorte „Sicilian Rouge“. Sie trägt flaschenförmige Früchte mit viel Fruchtfleisch und gehört zu den Kochtomaten.

GABA-Tomate als gesundes Püree im Supermarkt

Bis zum Winter will das Unternehmen dann auch Bauern davon überzeugen, die gesündere Tomate im Vertragsanbau anzubauen. Deren Ernte soll vollständig zu Tomatenpüree verarbeitet werden und im Supermarkt höhere Preise erzielen als die Konkurrenz. Anders als in der EU muss das Produkt in Japan nicht speziell gekennzeichnet werden, weil die Züchter ein neues Verfahren der Gentechnik (CRISPR/Cas9) verwenden und keine artfremden Gene in die Pflanze einschleusen. . Mit der Genschere CRISPR/Cas9 sind Änderungen im Erbgut möglich, die auch während der üblichen Züchtung entstehen könnten. Experten sprechen deshalb von der zweiten Generation der Gentechnik auf dem Acker. Das Tomatenpüree stellt Europas Regeln zur Kennzeichnung von Gentechnik auf den Prüfstand. Der Export aus Japan ist verboten, aber ohne Kennzeichnung des Produkts nicht so leicht zu erkennen.

Der japanische Pflanzenzüchter will mit seinen Tomaten den Markt für gesundheitsrelevante Lebensmittel bedienen. Das ist typisch für eine Veränderung in einem Teil der Branche. Während die erste Generation der High-Tech-Pflanzen auf die Resistenz gegen Herbizide wie Glyphosat ausgerichtet war, sollen die neuen Züchtungen dem Konsumenten hochwertige Produkte bringen.

Kostenfreier Newsletter: Die Zukunftsreporter

Tragen Sie sich hier ein – und erhalten Sie Infos zu den neuesten Beiträgen der Zukunftsreporter sowie zum Projekt.

Neues Sojaöl mit weniger Transfetten

In den USA hat Calyxt im Mai 2021 das neue Sojaöl „Calyno“ vorgestellt. Das Öl aus der mit der Genschere Talen veränderten Pflanze hat eine andere Zusammensetzung als herkömmliches Sojaöl. Nach Herstellerangaben enthält es besonders viel Ölsäure und sehr wenig Linolensäure. Linolensäure zerfällt bei Lagerung und zersetzt sich schnell in der Fritteuse. Mit Calyno entstehen beim Kochen bei hohen Temperaturen deshalb keine ungesunden Transfette. „Calyno hat die von der Industrie erwarteten Leistungsziele im Premium-Ölsegment übertroffen“, berichtet Calyxt. Das neue Öl soll zunächst nicht an Privatleute, sondern an Geschäftskunden und die Industrie verkauft werden. Calyno darf in den USA als gentechnikfrei beworben werden, in Europa fällt es dagegen unter die Kennzeichnungspflicht.

Die beiden neuen Produkte lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Befürworterïnnen der Gentechnik werten sie als Beleg, dass die neuen Methoden des Gene-Editings Pflanzen mit hohem Nutzwert erzeugen und schnelle Erfolge in der Züchtung ermöglichen. Beide Aspekte sollen die Anpassung der wichtigsten Nutzpflanzen an Dürre und höhere Temperaturen erleichtern. Gentechnik könnte als Waffe gegen die Folgen des Klimawandels ein besseres Image bekommen.

Gentechnik erfüllt ihre Versprechen nicht

Doch Agrarforscherin Eva Gelinsky widerspricht. „Schon vor 40 Jahren, als die erste Generation der Gentechnik entwickelt wurde, waren die Versprechen groß: weiter steigende Erträge, ein Ende des Welthungers, weniger Pestizide und dazu Pflanzen, die Krankheiten und Schädlingen trotzen“, sagt die politische Koordinatorin der Interessengemeinschaft gentechnikfreie Saatgutarbeit in der Schweiz. Diese Ankündigungen seien nicht erfüllt worden. Eva Gelinsky erstellt seit 2016 für das Schweizer Bundesamt für Umwelt einen jährlichen Bericht, welche Nutzpflanzen mit Hilfe der neuen gentechnischen Verfahren entwickelt werden.

Die aktuelle Liste vom Dezember 2020 beinhaltet mehr als 140 Vorhaben der Saatguthersteller. „Ich erwarte einen kontinuierlichen Anstieg der Zahl dieser Projekte“, sagt Gelinsky, „aber trotzdem ist auch in Zukunft nicht mit einer Flut marktfähiger Pflanzensorten zu rechnen.“ Das Problem aus ihrer Sicht: Wenn sich eine Pflanze unter Laborbedingungen bewährt, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch unter sehr variablen Bedingungen in der Umwelt funktioniert. „Es gibt immer mehr Beispiele für bereits zur Kommerzialisierung angekündigte Produkte, die aus der Vermarktungspipeline völlig verschwinden oder deren Markteinführung immer wieder verschoben wird“, berichtet Gelinsky.

Ein bekannter Fall ist eine Kartoffel mit verbesserten Lagereigenschaften von Calyxt. Sie wurde 2014 von den US-Behörden zugelassen, 2015 sollen Feldversuche mit der Kartoffel erfolgreich verlaufen sein. „Fünf Jahre später findet man keinerlei Informationen mehr zu diesem Projekt“, sagt Gelinsky.

Mais mit mehr Stärke für die Industrie

Sie vermutet, dass die nächste CRISPR/Cas9-Pflanze eine Maissorte sein könnte. Die Maiskörner enthalten wesentlich mehr Stärke als übliche Pflanzen und sollen für Industrieprodukte verwendet werden. Dieses Produkt wird schon seit Jahren von der Firma vorgestellt, die Markteinführung war zuletzt für 2020 geplant. „Inzwischen wird der Mais nun ohne konkrete Jahreszahl angekündigt“, sagt Gelinsky.

Unterstützen Sie „die ZukunftsReporter“ mit einem Betrag Ihrer Wahl. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


die ZukunftsReporter

Unsere Zukunft beginnt nicht irgendwann, sondern schon heute. Wenn wir sie gestalten wollen, müssen wir unsere Optionen diskutieren. Die ZukunftsReporter zeigen auf, welche Herausforderungen auf uns warten, und sprechen mit Menschen, die dafür Lösungen entwickeln. Wir schreiben keine Science Fiction, sondern alltagsnahe, wissenschaftlich fundierte Zukunftsszenarien. Wir rechnen nicht damit, dass uns technische Erfindungen retten werden, und setzen uns für einen differenzierten Umgang mit Innovationen ein.

Die ZukunftsReporter laden auch zu öffentlichen Debatten ein, denn uns interessiert die Meinung der Menschen. Wir sind überzeugt, dass wir die Zukunft gemeinsam gestalten können, wenn wir ehrlich über mögliche Optionen diskutieren. Sie möchten Kontakt zu uns aufnehmen? Wir freuen uns auf Ihre Mail:

Drei Jahre lang waren unsere Beiträge dank der Förderung von Stiftungen kostenlos. Ab Mai 2021 bieten wir unsere ausführlichen Zukunftsszenarien mit wissenschaftlichem Hintergrund für einen kleinen Preis an. Wir finden: es lohnt sich!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Rainer Kurlemann

Kronprinzenstraße 36
40217 Düsseldorf

E-Mail: rainer.kurlemann@gmail.com

www: https://www.rainerkurlemann.de

Tel: +49 211 8308069

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Alexander Mäder
Lektorat: Carina Frey
VGWort Pixel