STRENGT! EUCH! AN!

moers festival, 7. bis 10.6.2019

„Genau wie 1972 will das moers festival heute die Welt verbessern. Es ist dabei der Komplize, um Ungeheuer zu besiegen und die Prinzen zu befreien.“ Davon ist Tim Isfort, künstlerischer Leiter dieses international anerkannten Festivals für aktuelle, improvisierte Musik, überzeugt. Martin Laurentius hat an Pfingsten seinem Kreuzzug zu folgen versucht.

Gleich in seiner ersten Ansage ans noch nicht so zahlreiche Publikum in der moers Festivalhalle am Eröffnungsabend versprach Tim Isfort mannigfaltige Perspektivwechsel für das anstehende Pfingstwochenende. Um diese zu ermöglichen, wurde beispielsweise die Hauptbühne verrückt. Schnurstracks hatte man diese von der angestammten Rückwand in die Ecke der rechten Seitenwand verschoben.

Auf dem Boden davor war Kunstrasen ausgerollt – eine der vielen Referenzen der 48. Ausgabe hinein in die Historie dieses Pfingsthappenings für aktuelle, improvisierte Musik, als dieses Ereignis noch Internationales New Jazz Festival Moers hieß und unter freiem Himmel stattfand. Die Zuschauer auf den Rängen mussten jedenfalls ihre Köpfe nach rechts wenden, um das Geschehen auf der Bühne verfolgen zu können. Wer das nicht wollte, konnte sich auf der „imaginären“ Wiese fläzen – oder einfach vor der Bühne stehen bleiben.

Dada und gaga

Vieles war dieses Jahr in Moers einfach ... dada und gaga. Der Holzpanzer auf der Bühne beispielsweise, der vom Publikum bemalt werden sollte – aber am Schluss dann doch nicht bemalt wurde. Die vier, fünf Stühle in Gelsenkirchener Barock ebendort, auf denen tatsächlich während der Konzerte in der Festivalhalle immer wieder Besucher Platz nahmen und den Musiker*innen auf die Finger schaute. Oder die Kinderschaufensterpuppen, die entweder über den Köpfen des Publikums schaukelten oder einfach nur im Weg standen. Manche hatten T-Shirts mit der Aufschrift übergestreift: „Soldiers Of Fortune“.

Das Publikum fläzt sich auf dem Kunstrasen vor der Bühne der moers Festivalhalle.
Publikum vor der Bühne in der moers Festivalhalle.

Als „Glücksritter“ fühlte man sich auch, wollte man dieses tatsächlich unfassbar wahnwitzige Spektakel moers festival 2019 begreifen. Das Programm in Gänze kam an diesen vier Pfingsttagen im Juni einem Mahlstrom gleich, der alles und jeden mitriss und zermalmte – ob man es wollte oder nicht. Es löste in einem vielfältige, zumeist widersprüchliche Emotionen aus, man fühlte sich wie auf einer Achterbahn, die einen gehörig durchrüttelte, oder wie in einer Geisterbahn, in der der Grusel immanent war.  Verstörend und rauschhaft zugleich, irritierend, überfordernd, beeindruckend, bedrohlich, faszinierend, übergriffig, am Schlafittchen packend und vieles andere mehr: Das moers festival war dieses Jahr eher ein schriller Jahrmarkt, auf dem jeder seine Eitelkeiten zur Schau stellen durfte, als ein seriöses Musikfest.

Orientierung? Fehlanzeige!

Orientierungshilfen gab es so gut wie keine. Das vielseitige Programmbuch war zwar mit seinen vielen Texten über die vielen Bands und Musiker*innen eng bedruckt, doch der Informationsgehalt war gleich Null. In der Programmübersicht ließen sich zwar – wenn auch mühsam – Ort, Zeit und Datum der Konzerte erkennen. Doch darüber hinaus spiegelte es eher die anarchische Realität an diesen vier Pfingsttagen in Moers.

Orte der Ruhe und der Kontemplation musste man suchen. Die Liegewiese des Freibades Solimare zum Beispiel, auf der die Zelte vieler Übernachtungsgäste standen (auch das eine, wenngleich auf den Kopf gestellte Referenz in die Festivalhistorie, als der große Markt in direkter Nachbarschaft zum Zirkuszelt und die zahllosen Camper die Nacht zum Tage machten), oder das Wandern auf den Wegen ins Stadtzentrum, um zu den vielen Nebenschauplätzen des Festivals in der Moerser Innenstadt, im Freizeit- und Schlosspark zu kommen.

Irrsinn in Moers

Diese irrsinnige Festivalatmosphäre fand ihre Entsprechung auch im Musikprogramm – vor allem abseits der Bühne in der moers Festivalhalle. Mal wurde auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens ein Klavier, auf dem ein Pianist unter freiem Himmel improvisierte, durch das der Halle vorgelagerte Festivaldorf gefahren, mal saßen dort einige Blechbläser einer Brassband und bliesen den Dorf-Gästen nach Herzenslust den Marsch.

Saxofonist Hayden Chisholm, der mittlerweile in Belgrad lebt, hatte seine Musiker-Buddies aus Serbien mitgebracht und ein zum Kafana (ein serbisches Kaffeehaus) umfunktioniertes Zelt aufgestellt, in dem allabendlich im wahrsten Wortsinn orgiastische Jamsessions stiegen. Und von wegen Kaffee: Vor allem Bier und selbstgebrannter Sliwowitz ließen das Publikum im und vor dem Zelt in Trance taumeln.

Die improvisierte, aus Holzbrettern zusammengezimmerte Dorfbühne bot Platz für teils skurrile Performance-Acts. Im Projekt „RUINS alone“ begleitete zum Beispiel der japanische Schlagzeuger Tatsuya Yoshida (Japan war einer der Länderschwerpunkte dieses Jahr in Moers) unverfroren Ausschnitte aus Beethovens 9. Sinfonie mit dem Zippen von verschieden langen Reißverschlüssen, auch Miles Davis selig wurde ein ums andere Mal gehörig durch den Kakao gezogen.

Günter Baby Sommer (Drums) und Marshall Allen (Saxofon) in Moers.
Der Schlagzeuger und Pionier des DDR-Jazz, Günter Baby Sommer, und der 95 Jahre alte, afroamerikanische Saxofonist Marshall Allen beim Auftritt in der moers Festivalhalle.
Frank Schindelbeck Fotografie

Mit emotionalem Cry

Aller Staffage in der moers Festivalhalle zum Trotz war die Atmosphäre dort einem Musikfest angemessener. Gleich der Opening-Act zur diesjährigen Ausgabe, das mit jungen Musikern besetzte Quartett Scatter The Atoms That Remain um den amerikanischen Schlagzeuger Franklin Kiermeyer, machte deutlich, dass der emotionale Cry des afroamerikanischen Free Jazz der 1960er (also einer Improvisationsmusik, mit der das moers festival vor fast 50 Jahren den Grundstein für seinen späteren internationalen Ruf legte) auch heute nichts von seiner schlagkräftigen Spiritualität verloren hat.

Wenn es einem gelang, das recht willkürliche Geknirpse des japanischen Digitalelektronikers Toshimaru Yakamura und das zumeist esoterische Gelalle des brasilianischen Spoken-Word-Artisten Rodrigo Brandão auszublenden, dann war es eine echte Schau, den intuitiven Interaktionen zwischen dem 95 Jahre alten, afroamerikanischen Saxofonisten Marshall Allen und dem Pionier des DDR-Jazz, dem Schlagzeuger Günter Baby Sommer, zu folgen. Im freien Spiel der improvisatorischen Kräfte fielen zwischen beiden Musikern die Barrieren zwischen Aktion und Reaktion: ein stetes Changieren zwischen der fleischigen Expression des Altsaxofonisten und dem flexiblen Flow der Rhythmen des Schlagzeugers brach sich Bahn – für das Sommer seine Trommeln auch mit einem Handtuch bearbeitete, wenn es der Moment erforderte.

Der amerikanische Trompeter Peter Evans beim moers festival.
Der amerikanische Trompeter Peter Evans blies auf der Trompete gut 20 Minuten am Stück ein zirkulargeatmetes, unbegleitetes Solokonzert.

Wie aus einem Guss

Komposition und Improvisation: Für viele Musiker*innen in Moers war das in diesem Jahr kein Gegensatz. Improvisiertes wirkte oftmals wie aus einem Guss komponiert, Komponiertes wiederum klang wie gerade im Moment erschaffen. Peter Evans zum Beispiel, auf dem Technikturm mit Sonnenbrille neben dem Mischpult stehend, blies auf der Trompete gut 20 Minuten am Stück ein zirkulargeatmetes, unbegleitetes Solokonzert, das in seiner Geräuschhaftigkeit dynamisch so ausdifferenziert war, dass es nur komponiert sein konnte – aber ad hoc von Evans erfunden war.

Die „Moers Abstractions“, die der amerikanische Komponist und Arrangeur Vince Mendoza eigens für die Kooperation zwischen den Jazzern der WDR Big Band und den Instrumentalisten für komponierte, Neue Musik des renommierten Ensembles MusikFabrik schrieb, waren mehr als nur eine Re-Inszenierung der „Jazz Abstractions“, mit denen vor fast 60 Jahren Gunther Schuller ein Meisterstück des „Third Stream“, also des Crossovers von Jazz und Klassik, abgeliefert hatte. Der Moment der Improvisation blieb bei der Premiere in der Halle nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich dem Gastsolisten Joshua Redman vorbehalten. Der amerikanische Tenorsaxofonist demonstrierte seine historisierende Meisterschaft, als er mit eloquenter Geschmeidigkeit und rhythmischer Nonchalance durch Mendozas Bearbeitungen von Klassikern der Jazzmoderne älteren und neueren Datums zirkelte.

Die „Moers Abstractions" mit dem Saxofonisten Joshua Redman in Moers.
Der afroamerikanische Tenorsaxofonist Joshua Redman mit der WDR Big Band und dem Ensemble MusikFabrik beim moers festival.

Abstraktion und Reduktion

Noch eine Premiere zog in ihren Bann. Es war Isforts Idee, das hochexplosive New York Trio der Kölner Saxofonistin Angelika Niescier mit dem Bassisten Chris Tordini und dem Schlagzeuger Gerald Cleaver für sein Festival mit den Sängerinnen der Trondheim Voices zusammenzubringen. Wer gehofft hatte, dass es zur direkten Zusammenarbeit zwischen dem Trio und der A-cappella-Gruppe kommen würde, der kennt Niescier schlecht. Ihr Ansinnen war es vielmehr, die diametral entgegengesetzten Klangwelten unverhofft aufeinanderprallen zu lassen: hüben das freie Abstrahieren des musikalischen Materials im Moment des Entstehens; drüben die Reduktion auf den melodischen Kern mit beinahe folkloreartigen Vokalisen. An den Bruchstellen, an denen sich diese Klangplatten untereinander schoben, brodelte und kochte es gewaltig. Großartig!

Die Kooperation zwischen den Trondheim Voies und dem Angelika Niescier Trio in Moers.
Die A-cappella-Gruppe Trondheim Voices mit dem Angelika Niescier New York Trio beim moers festival 2019.

Und dann war da noch das Trio Abacaxi (portugiesisch für „Ananas“) mit den beiden Franzosen Julien Desprez (Gitarre) und Jean-François Riffaud (E-Bass) und dem Berliner Max Andrzejewski (Drums). Die drei jungen Musiker meißelten regelrecht Klangskulpturen in den akustischen Raum, und je nach Position hatte man den Eindruck, dass sie die Frequenzen, die wie dickflüssiges Magma aus den Effektgeräten des Gitarristen strömten, aufeinanderstapelten, um ihre abstrakte Soundplastik zu hämmern. Die Musik besaß einerseits mit ihrer ungeheuren Lautstärke etwas unfassbar Kraftvolles, das nicht nur die drei Akteure auf der Bühne an die Grenzen ihrer Physis brachte. Andererseits wirkte die Inszenierung wie zufällig choreografiert – vor allem dann, wenn Desprez mit den Füßen über das Pedalboard auf dem Bühnenboden tanzte.

Der Abacaxi-Gitarrist Julien Desprez beim moers festival 2019
Der Abacaxi-Gitarrist Julien Desprez hockt vor seinem Pedalboard auf der Bühne in der moers Festivalhalle.

Nach dem Rave

Am Pfingstmontag fühlte man sich wie ausgewrungen. Dabei standen noch die Abschlusskonzerte an – unter anderem mit Anguish und dem amerikanischen Brachial-Rapper Dälek. Ausgelaugt von einer latenten, physischen wie psychischen Überforderung durch den schrillen Rave, der an diesen vier Pfingsttagen über das moers festival und die Grafenstadt am Niederrhein hinweggerollt ist, nahm man sich vor, im kommenden Jahr vielleicht doch zu den INNtönen ins oberösterreichische Diersbach zu fahren, wo es auf dem zum Festival umfunktionierten Bauernhof des Posaunisten Paul Zauner sicherlich gesitteter, vor allem wohl gemütlicher zugeht.

„Strengt euch an!“: Das war das fast schon kraftmeierische Motto, das Isfort bereits auf der Programmpressekonferenz im Frühjahr für sein Festival ausgerufen hatte. Auch darüber machte man sich Gedanken: Sollten diese orgiastischen vier Tage in Moers 2019 etwa die Blaupause für eine Festivalpräsentation der Zukunft sein?

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PS: Die Konzerte in der moers Festivalhalle wurden für Arte.Concert mitgeschnitten und sind noch eine Weile lang als Videostream auf der Website zu sehen. Das Gros der Fotos vom moers festival 2019 hier in dieser Besprechung hat Frank Schindelbeck gemacht. Das 49. moers festival findet an Pfingsten 2020 vom 29. Mai bis 1. Juni statt.

Eine der  Kinderschaufensterpuppen beim moers festival.
Eine der Kinderschaufensterpuppe im T-Shirt mit der Aufschrift „Soldiers Of Fortune“ in der moers Festivalhalle.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“ gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius (und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“ – und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, gegen Bezahlung anbieten

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