Großmöwen erobern das Regierungsviertel

Die Küstenvögel finden in Berlin eine neue Heimat.

Von Christiane Habermalz und Christian Schwägerl

Christian Schwägerl Eine xxx über dem Regierungsviertel in Berlin – die XXXX

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Gen Norden die Museumsinsel mit wilhelminischen Kuppeln und steinernen Dachskulpturen, gegenüber die Baustelle des Humboldtforums, im Süden der Reichstag, direkt an der Spree gelegen. Dazwischen ein Gemisch an alten und neuen Gebäuden mit Flachdächern, Ziegeln und Schrägen, unterbrochen von Baukränen, Fahnenstangen und Schornsteinen, die in die Höhe ragen wie Schiffsmasten. Die Aussicht vom Dach des Hotels Maritim proArte in der Berliner Dorotheenstraße ist grandios urban.

Alessandro Kormannshaus und Klemens Steiof haben hier oben in 40 Meter Höhe ihr Fernrohr aufgestellt. Sie wissen genau, wo sie suchen müssen. Auf dem unwirtlichen Flachdach des Gebäudes Unter den Linden 50, in dem Abgeordnete vor allem der SPD ihre Büros haben, sitzen zwei Möwen, kurze Zeit später wird auch ein brauner Kopf sichtbar, der vorsichtig über die flache Balustrade lugt: ein wenige Wochen altes Möwenküken. Steiof und Kormannshaus identifizieren die Eltern als Hybridpaar aus Silbermöwe und Mittelmeermöwe.

Die SPD-Abgeordneten sind sich wahrscheinlich nicht bewusst, dass über ihren Köpfen eine kleine ornithologische Sensation stattfindet: Großmöwen, die normalerweise im Sommer an der Küste brüten, entdecken die Kiesdächer des Berliner Regierungsviertels als neues Zuhause…

Lesen Sie weiter: Gehören die großen Silber-, Mittelmeer- und Steppenmöwen bald ganz normal zum Berliner Großstadtleben? Eine erstaunliche Entdeckung bei der Dach-Exkursion mit den zwei Experten lässt dies möglich erscheinen…

Urbane Ornithologie: Klemens Steiof (hinten) und Alessandro Kormannshaus auf dem Dach eines Hotels in Berlin-Mitte.
Urbane Ornithologie: Klemens Steiof (hinten) und Alessandro Kormannshaus auf dem Dach eines Hotels in Berlin-Mitte.
Christian Schwägerl

Gleich drei Arten schicken sich seit geraumer Zeit gleichzeitig an, das Meer gegen die urbane Dachlandschaft einer Millionenstadt einzutauschen: die Silbermöwe, die Steppenmöwe und die Mittelmeermöwe. Die drei Arten sehen sich zum Täuschen ähnlich, für den Laien allemal. Früher wurden sie alle als Silbermöwen bezeichnet. Auch für die beiden Möwenexperten Steiof und Kormannshaus ist es manchmal eine Herausforderung, die Arten auseinanderzuhalten.

Kormannshaus – kurze Haare, sportliche Erscheinung, von Beruf Polizist – hat sich seit Kindesbeinen für die Berliner Vogelwelt begeistert. Er ist einer von sieben Regionalkoordinatoren der vom Dachverband Deutscher Avifaunisten betriebenen Plattform www.ornitho.de, in der Vogelbeobachter ihre Beobachtungen zur wissenschaftlichen Auswertung eintragen. Meldet ein Berliner zum Beispiel, dass er im Botanischen Garten einen Raufußbussard gesehen hat, bekommt er eine freundliche, aber bestimmte Nachricht von Kormannshaus, den Vogel doch mal bitte genauer zu beschreiben. Steiof, eine halbe Generation älter, arbeitet hauptberuflich bei der Berliner Senatsverwaltung, wo er bei der Obersten Naturschutzbehörde für Artenschutz zuständig ist. Gemeinsam steigen die beiden seit sieben Jahren in ihrer Freizeit den Berlinern auf die Dächer, um die Ausbreitung von Großmöwen auf den Kiesinseln der Hauptstadt zu dokumentieren.

Nicht etwa um Kiesinseln in der Havel geht es, sondern um Kiesinseln hoch über dem Straßenniveau. Viele Bauten vor allem im Berliner Zentrum östlich des Brandenburger Tors haben Flachdächer, die von Architekten mit groben Steinchen aufgefüllt wurden. Für die Möwen eine Reminiszenz an ihren natürlichen Lebensraum – und ein neues Brutbiotop. Während unten in den Gebäuden Politiker um die Zukunft Deutschlands rangen, Touristen sich in ihren Betten fläzten und Lobbyisten ihre nächsten Kampagnen planten, starteten und landeten die Küstenvögel in den vergangenen Wochen oben auf den Gebäuden, um ihren frisch geschlüpften Nachwuchs zu versorgen. Flachdächer als neue Heimat – Berlin zieht auch ornithologisch gesehen Kreative an.

Blick auf die City West mit Möwen: Die Stadt entwickelt sich immer stärker zum Refugium für Wildtiere.
Blick auf die City West mit Möwen: Die Stadt entwickelt sich immer stärker zum Refugium für Wildtiere.
Christian Schwägerl

Bis in die 1980er Jahre sprachen Taxonomen, die Arten einteilen und abgrenzen, überhaupt nur von der Silbermöwe. Erst dann entdeckte man, dass es sich bei den Großmöwen mit dem silbergrauen Rückengefieder um mehr als eine Art handelt. 1982 wurde die "Weißkopfmöwe" beschrieben, hinter der sich wiederum zwei Arten verbargen. Erst in den 1990er Jahren wurde klar: Eigentlich handelt es sich um drei Arten. Seither grenzt man von der Silbermöwe die Mittelmeermöwe ab, die hauptsächlich im mediterranen Raum verbreitet ist. Zudem wird die Steppenmöwe unterschieden, die einen Lebensraum von Osteuropa bis ins westliche Asien besiedelt.

Angelockt durch die Mülldeponien am Rande von Großstädten haben sich Mittelmeer- und Steppenmöwe in den letzten Jahren immer weiter nach Mitteleuropa ausgebreitet, und die an Nord- und Ostsee beheimateten Silbermöwen flogen ihrerseits immer tiefer ins Binnenland. In Berlin befinden sich seit etlichen Jahren große Möwenschlafplätze am Müggelsee. Der größte Teil sind Silbermöwen, doch auch vereinzelte Steppen-, Mittelmeer-, Herings- und Mantelmöwen sind darunter, neben den kleineren, häufigen Sturm- und Lachmöwen. Zum Brüten zogen die Vögel jedoch regelmäßig zurück an die Küsten oder an die großen Binnenseen. Warum erste Pioniere nun das Wellenrauschen gegen den Verkehrslärm als Hintergrundkulisse für ihre Kinderstube eintauschen, ist unbekannt. Vielleicht haben sie entdeckt, dass es hier oben keine Nesträuber gibt – einziger natürlicher Feind ist der Stadthabicht. Ihre Jungen, das haben die Nahrungsreste neben den Dach-Nistplätzen gezeigt, ziehen sie weiter traditionell vor allem mit Fisch groß, den sie aus Spree und Havel holen. Ab und zu versuchen sie es auch mal mit alten Pommes oder einem Stück weggeworfenen Räucheraal. Aber offenbar schmeckt das den Jungvögeln nicht sonderlich.

Die Silbermöwe wurde erstmals im Juli 2010 als Brutvogel in Berlin nachgewiesen – und ging als 181. solche Art in die ornithologischen Annalen der Stadt ein. Damals fanden zuerst Passanten Unter den Linden eine flugunfähige braune Möwe. Sie riefen die Polizei, die das Tier in die Klinik für kleine Haustiere der Freien Universität Berlin brachte. Zwei Tage später tauchte ganz in der Nähe des ersten Fundorts eine weitere solche Möwe auf – auf einem Balkon im Innenhof eines Gebäudes an der Friedrichstraße. Schnell wurden die beiden Tiere als junge, gerade flügge gewordene Silbermöwen identifiziert. Später wurden die unverletzten Tiere wieder ausgesetzt.

"Dort liefen sie umher, putzten sich und suchten bei einer Lufttemperatur von über 30°C aktiv Schatten auf", steht darüber in den Berliner ornithologischen Berichten.

Zwei Silbermöwen (links) und eine Steppenmöwe (rechts) auf dem Dach des SPD-Fraktionsgebäudes.
Zwei Silbermöwen (links) und eine Steppenmöwe (rechts) auf dem Dach des SPD-Fraktionsgebäudes.
Christian Schwägerl
Zwei Silbermöwen in der Friedrichstraße: die Beringung des linken Vogels zeigt, dass er hier auf einem Dach geboren wurde und nun selbst zum Brüten die Berliner Innenstadt der Küste vorzieht.
Zwei Silbermöwen in der Friedrichstraße: die Beringung des linken Vogels zeigt, dass er hier auf einem Dach geboren wurde und nun selbst zum Brüten die Berliner Innenstadt der Küste vorzieht.
Christian Schwägerl

Auch Kormannhaus und Steiof waren damals schnell zur Stelle. "Wir fragten uns: wo kommen die denn her", sagt Kormannshaus. Damals stieg erstmals ein Ornithologen-Kommando auf das Dach des Maritim-Hotels. Beim ersten Mal sahen die Männer nur einen weiteren Jungvogel, doch dann fanden sie auf dem Dach der SPD-Bundestagsfraktion drei leere Nester, "aus locker zusammengelegten Moos- und Pflanzenteilen, in die kleine Halme und einzelne Federn, teils von Krähenvögeln, eingetragen worden waren", wie es im Bericht darüber heißt.

Als die Männer noch genauer suchten, konnten sie im Berliner Zentrum insgesamt 16 Großmöwen aufspüren, darunter elf potenziell brütende erwachsene Vögel. "Ein Knaller", sagt Kormannshaus im Rückblick. Damals packte Steiof und ihn die Leidenschaft, akribisch zu dokumentieren, wie Großmöwen die Berliner Mitter besiedeln. 2015 identifizierten sie auch auf dem Dach des Kinos „Cinestar Cubix“ am Alexanderplatz ein brütendes Paar, 2016 auf dem Kaufhaus „Alexa“ gleich drei, davon eines wieder ein Mischpaar aus Mittelmeermöwe und Silbermöwe.

„Hybridisierung kommt am Anfang einer Neubesiedelung häufig vor, wenn noch nicht genügend Partner der eigenen Art zur Verfügung stehen“, sagt Steiof. Im vergangenen Jahr zählten die beiden Möwenexperten zehn Großmöwennester in Berlin, die meisten im Ostteil der Stadt. Ein Paar hatte sich in Westberlin das Dach eines Kindergartens im 7. Stock eines Gebäude in Kudammnähe ausgesucht. Als „natürlicher Feind“ wurde vom Elternpaar der Hausmeister ausgemacht. Sobald er sich blicken ließ, attackierten ihn die beiden Möwen, während sie die Kinder größtenteils in Ruhe ließen. Der Brutplatz ist umso erstaunlicher, als es kein Wasser in der Nähe gibt.


Alessandro Kormannshaus klettert auf einer Leiter auf das Dach des Hotels: Im Hauptberuf arbeitet er als Polizist, in seiner Freizeit dokumentiert er die Vogel- und Insektenwelt der Hauptstadt.
Alessandro Kormannshaus auf dem Weg nach ganz oben: Im Hauptberuf arbeitet er als Polizist, in seiner Freizeit dokumentiert er die Vogel- und Insektenwelt der Hauptstadt.
Christian Schwägerl

Regelmäßig sind Kormannshaus und Steiof unterwegs, um Daten zu sammeln. Wie an diesem wolkenlosen Abend, an dem sich die Konturen des Häusermeers gestochen scharf gegen den Himmel abzeichnen. Nach einer ersten Bestandsaufnahme steigen die beiden über eine Leiter auf den höchsten Punkt des Hoteldachs, wo die Antennen installiert sind. Angestrengt versucht Kormannshaus, mit dem Fernglas den grünen Ring am Fuß einer adulten Steppenmöwe zu entziffern, die sich auf dem Dach des Westin-Grand-Hotels niedergelassen hat. Kann man Buchstaben und Ziffern ablesen, gibt das Auskunft, woher der Vogel stammt, wie alt er ist, wo er beringt wurde, im Zweifel auch, um welche Art es sich handelt. Doch der Vogel ist zu weit weg.

Bei manchen Vögeln sind sich die Kenner gleich sicher, bei anderen diskutieren sie hin und her. "Man darf nicht hoffen, dass man die gleich bestimmen kann", sagt Steiof. Vor allem die Hybridisierungen machen die Aufgabe schwer. Die beiden verzweifeln aber nicht, wenn es einmal nicht gelingt: "Wir Menschen haben diesen Trieb, alles abzugrenzen und zu klassifizieren", sagt Kormannshaus, aber manchmal komme man bei den Möwen selbst dann nicht weiter, wenn man die Tiere in Händen halte.


Entlang der Küsten ist es gang und gäbe, dass Großmöwen in menschlichen Siedlungen brüten. Doch im Binnenland ist der Trend neu. Nur in Frankfurt am Main gibt es abseits des Meeres schon länger eine große Stadtkolonie, nun wird offenbar Berlin besiedelt. Theoretisch wäre hier oben Platz für viele Möwen, "mindestens für drei bis fünf Mal so viele", sagt Kormannshaus. "Kein Fuchs, kein Seeadler, herrlich."

Die Möwen folgen damit einem allgemeinen Trend – nicht nur die Menschheit, auch die Tierwelt wird urbaner. An den Berliner Fernsehtürmen brüten Wanderfalken, Feldlerchen haben das Tempelhofer Feld erobert, und auf Berliner Friedhöfen und in Parks sind Habichte keine Seltenheit. Großmöwen geben dem Großstadttreiben nun eine zusätzliche Note – ihr Kreischen erinnert ans Meer, obwohl es zwei bis drei Fahrtstunden entfernt ist.

Dass es bislang nicht mehr Dachbruten gibt, liegt auch daran, dass die Möwen wählerisch sind. Ein Kiesdach sollte es sein, wohl weil die kleinen Steine irgendwie an den heimischen Meeresstrand erinnern. Wassernähe und eine gute Rundumsicht sind wichtig, um die Lage immer im Blick zu halten. Auf Störungen reagieren die Vögel empfindlich, Dächer, auf denen Menschen zu sehen sind, werden lange gemieden. Das macht es auch sehr schwierig, die Jungvögel zu beringen. Man muss die richtige Zeit abpassen, wenn die Jungen noch recht klein sind. Ist man nicht schnell genug, stürzen sich die Jungvögel, die in der Regel völlig ungeschützt auf dem Dach hocken, in die Tiefe.

Das Dach des Deutschen Historischen Museums dient neuerdings Großmöwen als Rast- und Schlafplatz.
Das Dach des Deutschen Historischen Museums dient neuerdings Großmöwen als Rast- und Schlafplatz.
Christian Schwägerl

Reichstag, Fernsehturm, Staatsbibliothek – all die Sehenswürdigkeiten, die von hier oben in ganz anderer Perspektive erscheinen als für die Touristen unten, lassen Kormannshaus und Steiof an diesem Abend kalt. Ihr Interesse gilt jetzt zwei Silbermöwen, die sich über der Straßenschlucht der Friedrichstraße auf einem Dachsims niedergelassen haben. Eine trägt einen Farbring.

„XFEE“ kann Kormannshaus mit Hilfe von Fernrohr und Adleraugen lesen. Die Nummer ist bekannt: Es handelt sich um eine der beiden Jungmöwen, die einst am Bahnhof Friedrichstraße von Passanten aufgelesen wurde. Offenbar ist sie nun an ihren Geburtsort zurückgekehrt, um selber zu brüten – ein weiteres Indiz, dass die Großmöwen in Berlins Mitte Fuß fassen. Insgesamt acht Brutpaare haben die beiden Vogelkundler in diesem Jahr in Berlin erfasst, davon zwei Unter den Linden und vier auf dem Dach des Shoppingzentrums Alexa am Alexanderplatz.

Doch es bleibt nicht bei diesem dezenten Hinweis. Während Kormannshaus die Stadtlandschaft mit dem Fernglas screent, stößt er plötzlich einen dumpfen Laut des Erstaunens aus. Ohne das Glas von den Augen zu nehmen, deutet er auf eine leuchtend blaue Dachkuppel in Richtung Osten, direkt vor der Baustelle des Berliner Stadtschlosses. Die Kuppel gehört zum Zeughaus, die Fahnen des darin beheimateten Deutschen Historischen Museums wehen im Abendwind. Sofort beginnen Kormannshaus und Steiof zu zählen. Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig, achtzig…88 Großmöwen rasten dort drüben. Eine genaue Bestimmung ist auf diese Entfernung kaum möglich, zumal viele junge Vögel dabei sind.

 "Wir sind Zeuge von etwas Neuem", sagt Kormannshaus. "Das sind alles Halbstarke, die sich mitten im Sommer in Berlin wohlfühlen und sich hier einen Schlafplatz gesucht haben." Es sieht ganz danach aus, als würde Berlin dauerhaft von den Großmöwen besiedelt.

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