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Corona-Impfpflicht: Die Politik zerredet das Impfregister

Wie Politikerïnnen aller Couleur in der Debatte gerade ein wertvolles Instrument der öffentlichen Gesundheit beschädigen. Dabei bietet es riesige Chancen.

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Eine Menschenmenge bei Nacht. Im Hintergrund ein Polizeiauto mit Blaulicht. Jemand hält ein Schild hoch mit der Aufschrift „Nein zum Impfzwang!“

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – das ist die Maxime, nach der in Deutschland Gesundheitspolitik in Sachen Corona gemacht wird.

Statt von Anfang an um das Vertrauen der Menschen in die Impfstoffe gegen das Coronavirus zu werben, statt breit angelegte Aufklärungskampagnen zu fahren, drohen die Gesundheitspolitiker hierzulande damit, was Menschen alles erleiden werden, wenn sie sich nicht impfen lassen.

Diesem Duktus folgt auch die Debatte um die Impfpflicht – und reißt dabei ein wertvolles Instrument der öffentlichen Gesundheit mit in den Strudel der Diskussion: das Impfregister. Viele in der Ampelkoalition wollen eine solche Datenbank aufbauen, um Menschen aufzuspüren, die sich nicht impfen lassen wollen.

Alle reden über das Impfregister, aber niemand sagt, was das eigentlich ist

Und so entsteht ein Zerrbild eines Registers, das wenig mit dem Ziel zu tun hat, für das es eigentlich gebraucht wird: Denn ein Impfregister soll nicht die Menschen, sondern die Impfstoffe kontrollieren.

Es ist ein Werkzeug, um Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten schnell und zugleich über einen langen Zeitraum aufzuspüren. Mit einem solchen Register lässt sich nachverfolgen, wie lang der Schutz eines Impfstoffes gegen Covid-19 wirklich anhält. Es liefert also genau die Informationen, über die Politik und Gesellschaft momentan diskutieren, und die gerade die Menschen einfordern, die noch immer zögern, sich impfen zu lassen. Doch genau das geht in der hitzigen Debatte unter.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in der Bundespressekonferenz am Freitag, 14. Januar. Er hat sich deutlich gegen ein Impfregister ausgesprochen.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in der Bundespressekonferenz am Freitag, 14. Januar. Er hat sich deutlich gegen ein Impfregister ausgesprochen.(AP Photo/Michael Sohn)

Offensichtlich genügt im Diskurs allein seine Erwähnung, um ein Impfregister zu befürworten oder in Bausch und Bogen abzulehnen. Gerade erst sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Deutschlandfunk mit Blick auf die Omikron-Variante, er halte die Überwachung der Impfpflicht auch ohne Impfregister für möglich: „Ich warne davor, ein Impfregister zu nutzen. Der Aufbau eines Impfregisters dauert lange und ist auch datenschutzrechtlich nicht unumstritten.“

Ein Impfregister kann mit dem Datenschutz vereinbar sein

Der Datenschutz ist in Deutschland eine heikle Angelegenheit. Große Datenmengen, die zudem noch sensible Informationen aus vielfältigen Quellen verknüpfen – das kann in der Tat Probleme verursachen. Doch selbst der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber mahnt in einem Interview an, es müsse erst feststehen, welche Ziele man mit einem Impfregister erreichen wolle, dann könne man darüber reden, wie das datenschutzkonform machbar sei. Schon Ende 2020 hatte er gesagt, der Datenschutz sei kein unüberwindliches Hindernis für ein Impfregister.

Der Datenschutzbeauftragte stellte damit die Diskussion vom Kopf auf die Füße: Denn niemand hat bislang beschrieben, wie ein deutsches Impfregister auch nur annähernd aussehen soll oder kann – außer eben als Werkzeug, um die Impfpflicht zu überwachen. Die eigentlichen Chancen, die ein Impfregister bietet, blieben in der Diskussion völlig außen vor.

Ein Impfregister bietet riesige Chancen

Denn davon bietet ein Impfregister eine Menge – wenn es gut gemacht ist. Wer die Sicherheit und die Wirksamkeit von Impfstoffen solide erfassen möchte, braucht schließlich Daten, muss also wissen, wer wann wo welchen Impfstoff bekommen hat. Um Nebenwirkungen und seltene schwere Reaktionen aufzuspüren, können Behörden und Epidemiologïnnen diese Informationen mit anderen Gesundheitsdaten abgleichen.

Wie gut das funktioniert, zeigen zwei Beispiele:

Nach Einführung der Impfung gegen das Humane Papillomavirus (HPV) vor etwa 15 Jahren tauchten vermehrt Meldungen über junge Frauen auf, die nach einer solchen Impfung an chronischer Müdigkeit, Schmerzsyndromen oder gar Multipler Sklerose litten. Zudem stellte eine Gruppe von Wissenschaftlerïnnen den Nutzen der Impfung überhaupt infrage. Daraufhin brach das Vertrauen in die HPV-Impfung weltweit ein. Eine HPV-Impfung bekommen Mädchen und Jungen vor dem ersten Geschlechtsverkehr, um schwere Krebserkrankungen wie Gebärmutterhalskrebs zu verhindern, die das Virus auslösen kann.

Dänische Forscher überprüften, ob der Verdacht für all die schwerwiegenden Nebenwirkungen begründet war. Dänemark hat ein besonders effizientes Impfregister, das zentral organisiert ist und mit dem Expertïnnen Nebenwirkungen mit klinischen Daten zusammenzuführen können.

In Dänemark hat jeder Einwohner eine Identifikationsnummer. Über die konnten die Forscherïnnen die digitalen Krankenakten und Impfregister von nahezu einer Millionen Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren durchsuchen. Fast ein Drittel der jungen Frauen war gegen HPV geimpft. Das Ergebnis: Die Wissenschaftlerïnnen widerlegten den Verdacht mit Zahlen aus dem Impfregister. Davon profitierten nicht nur Dänïnnen – in ganz Europa wuchs die Akzeptanz der HPV-Impfung wieder. Dank dieser Daten weiß man inzwischen, dass die HPV-Impfung auch vor Kopf-Hals-Tumoren schützt.

Schweinegrippe-Impfung: Der Ursache von Narkolepsie auf der Spur

Ein Beispiel, wie mithilfe der Impfregister schwere Nebenwirkungen aufgedeckt wurden, war die Schweinegrippe: Im Herbst 2009 klagte ein finnischer Junge bei seinem Arzt darüber, dass er tagsüber dauernd einschlafe. Kurz darauf berichteten Schlafforscher aus Finnland und Schweden auf Fachkonferenzen von überdurchschnittlich vielen jungen Patientïnnen, die an extrem seltenen Schlafstörungen litten, an Narkolepsie. Mithilfe der Impfregister fanden Forscherïnnen und Gesundheitsbehörden in Finnland und Schweden schnell heraus, dass die betroffenen jungen Menschen den Schweinegrippeimpfstoff Pandemrix erhalten hatten. Der Einsatz von Pandemix wurde daraufhin vorsorglich bei unter 20-Jährigen gestoppt.

2012 belegte eine Studie den Zusammenhang. Finnische Schlafmediziner glichen dafür mehr als dreihundert Krankenakten von Narkolepsie-Patientïnnen aus den Jahren 2002 bis 2010 mit den Daten des Impfregisters ab. Das Resultat: Nach der Schweingrippe-Pandemie lag der Anteil der Narkolepsiefälle um das 17-fache höher als in den Jahren zuvor.

Expertïnnen gehen inzwischen davon aus, dass eine Kombination aus dem Impfverstärker und einer seltenen genetischen Veranlagung die Narkolepsien auslöste. Ohne die Impfregister hätte diese Arbeit viele Jahre in Anspruch genommen – falls die Fälle überhaupt aufgefallen wären.

Kontrolle von Pharmafirmen und Impfstoffen

„Solche Impfregister sind von enormer Wichtigkeit sowohl für die öffentliche Gesundheit als auch für die epidemiologische Forschung“, sagt die Wiener Soziologin Katharina Paul. In Israel, das in puncto Corona beispielhaft organisiert ist, existieren diese Datenbanken längst, ebenso in Skandinavien.

Hierzulande stehen viele Gesundheitspolitiker auf dem Standpunkt, ein zentrales Impfregister schmälere die Impfakzeptanz in der Bevölkerung. Die Impfpolitik-Expertin Katharina Paul widerspricht. Es gehe nicht darum, solche Datensysteme zu öffnen, sagt sie, erst recht nicht um „gläserne Patienten“, sagt sie: „Es geht darum Pharmafirmen und Impfstoffe zu beleuchten.“

In Deutschland steht einem Impfregister nach skandinavischem Vorbild nicht nur der Datenschutz im Weg. In der Medizin-Branche, in der Telefonate, Papier-Briefe und Faxe die gängigsten Kommunikationskanäle sind, müsste es zuerst in der Digitalisierung vorangehen.

Schon in normalen Zeiten bremst die Datenermittlung die Überwachung von Arzneimittelnebenwirkungen. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ist auf Zahlen der gesetzlichen Krankenversicherungen angewiesen, um Verdachtsfälle einzuordnen. Experten weisen immer wieder auf zwei Mängel dieser Daten hin: Erstens sind sie unvollständig, zweitens sind sie alt: „Bis die GKV-Daten zur Verfügung stehen, vergeht etwa ein halbes Jahr. All das könnte man mit einem Impfregister besser machen“, sagt Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Am PEI wünscht man sich eine Untersuchung in Echtzeit

Beim PEI kennt man das Problem nur zu gut – mit den Corona-Impfstoffen, die innerhalb kürzester Zeit massenhaft verimpft werden, gewinnt es an Brisanz: „Wir wollten eigentlich die Häufigkeit, den Schweregrad, die Dauer und den Ausgang der unerwünschten Ereignisse in Echtzeit untersuchen können“, sagt Brigitte Keller-Stanislawski, die Leiterin der Abteilung Sicherheit von Arzneimitteln und Medizinprodukten am PEI. Doch das ist momentan nur sehr schwer möglich.

Immerhin setzt das PEI seit gut einem Jahr die Smartphone-App SafeVac ein, die das Institut gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum in Braunschweig entwickelt hat. Mit dieser App fragt das PEI die Geimpften gezielt, aber auf freiwilliger Basis nach Nebenwirkungen ab – sieben Mal nach der ersten und acht Mal nach der zweiten Dosis, sowie ein halbes und ein Jahr nach der Impfung.

Weil Deutschland aber nicht über ein Impfregister verfügt, ermittelt zurzeit das Robert-Koch-Institut (RKI) Daten über die Coronaimpfungen. Die Verdachtsfälle sammelt das PEI, und die Barmer Krankenkasse stellt anonymisierte elektronische Daten ihrer Versicherten zu Verfügung, damit die Experten beim PEI die Meldungen wenigstens mit einem Teil der Bevölkerungsdaten abgleichen können. Diese Arbeit wäre mit einem Impfregister einfacher.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – diese Weisheit gilt auch beim Impfen. Aber ein Impfregister eignet sich viel besser zur Kontrolle der Impfstoffe als der Menschen. Damit die Bürger Vertrauen in diese Impfstoffe haben können zu verbessern.

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Joachim Budde

Joachim Budde

Joachim Budde ist freier Wissenschaftsreporter und arbeitet zu allem rund um Insekten. Twitter: @buddepiept

Edda Grabar

Edda Grabar

Edda Grabar forschte an Prionen, bevor sie sich als Wissenschaftsjournalistin niederließ. In den letzten zehn Jahren arbeitete sie unter anderem für die Financial Times Deutschland, DIE ZEIT, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung und Technology Review. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Motto: Genie und Wahnsinn liegen nicht unbedingt nah beieinander, liefern aber den Stoff für gute Geschichten.


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