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Sauberes Wasser für alle: Brunnenbohren greift ohne Naturschutz zu kurz

In die Entwicklungspolitik sickert das Bewusstsein ein, dass der Schutz von Ökosystemen unerlässlich ist, um acht Milliarden Menschen mit Wasser zu versorgen

21.09.2021
5 Minuten
Eine junge Frau holt sich Trinkwasser mit einer sehr einfach gebauten Pumpe. Hinter ihr ein sehr ärmlich wirkendes Haus.

Menschen in armen Ländern Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen, gehört zu den grundlegendsten Zielen von Entwicklungspolitik. Denn mangelt es an Wasser oder führt verschmutztes Wasser zu Erkrankungen, ist das nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern macht schnell alle anderen Anstrengungen zunichte, Menschen etwa durch Schul- und Weiterbildung aus Armut zu befreien. Wenn Wasserknappheit herrscht, waren deshalb häufig schnell Experten vor Ort – oft, um Brunnen zu bohren.

“Brunnenbohren” wurde zum geflügelten Wort auch für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. Grundlegende Infrastrukturen zu schaffen, kann sehr sinnvoll sein. Wenn etwa Kinder täglich lange Wege zurücklegen müssen, um Wasser aus einem Fluss zu schöpfen und nachhause zu tragen, hält sie das vom Lernen ab. Zudem gibt es sauberes Wasser oftmals erst in größeren Tiefen oder es sind Leitungen nötig, um Wasser vor Verschmutzungen zu schützen.

Doch schon länger dämmert es den Verantwortlichen, dass Brunnenbohren alleine bei weitem nicht mehr reicht. Vielerorts sind gar nicht fehlende Brunnen das Problem. Hinter Wassermangel stecken oftmals viel komplizierte Ursachen – vor allem Schäden an natürlichen Ökosystemen, die Wasser sammeln, reinigen und in Gegenden mit Brunnen verfügbar machen. Dazu zählen etwa Feuchtgebiete, Flüsse und Wälder.

„Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Partnerschaften müssen von Grund auf den Naturschutz integrieren und Lösungen umsetzen, die den Wert der Ökosysteme erhalten“, fordert deshalb Martha Rojas Urrego, Generalsekretärin der UN-Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten. Die vielen hundert Millionen Menschen, die bis heute keinen Zugang zu sauberem Wasser hätten, „brauchen Strategien, die den natürlichen Wasserquellen einen hohen Wert zuschreiben“, sagt sie. Wie kompliziert die Zusammenhänge sind, zeigen die Länder entlang des Nils, zu denen Äthiopien und der Sudan gehören. Wie viel Wasser der Fluss transportiert, hängt wesentlich vom weit entfernten Regenwald im Kongo ab, von dem Regenwolken gen Osten ziehen. Wird der Regenwald weiter abgeholzt, ist diese Wasserzufuhr in Gefahr.

Isolierte Ansätze laufen ins Leere

Seit einiger Zeit richtet sich der Fokus der Entwicklungspolitik deshalb stärker darauf, dass der Zugang zu Trinkwasser nur nachhaltig ist, wenn man in größeren Dimensionen denkt – und jene Natur erhält, die die Regenerierung von Wasserressourcen überhaupt erst möglich macht.

In der deutschen und europäischen Entwicklungshilfe steht inzwischen der sogenannte „Nexus-Ansatz“ dafür, dass Wasser, Energie, Ernährungssicherheit und der Erhalt der natürlichen Ökosysteme nicht mehr isoliert betrachtet, sondern gemeinsam angegangen werden. In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit spielten ökosystembasierte Ansätze beim Thema Wassersicherheit eine wachsende Rolle und würden als wichtig angesehen, sagt Srinivasa Srigiri vom Deutschen Institut für Entwicklungshilfe.

Als Beispiel nennt er das Programm “Water policy – innovations for resilience“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), das die Durchführungsorganisation GIZ von 2020 bis 2023 in einer ganzen Reihe von Staaten weltweit betreibt.

Dazu gehört die Schulung von mehreren hundert Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft über den Zusammenhang von Wasserversorgung und Ökosystemen – als eine Art Schnellball-System der Aufklärung. Über das Umweltministerium gibt es zudem ein Programm für den Schutz von Feuchtgebieten in Indien, das noch bis 2022 läuft.

Dabei werden die Betreuung von vier Ramsar-Projekten gefördert, also von Feuchtgebieten, die Wasser spenden. Doch von den Grünen kommt Kritik. „Mein Eindruck ist aber, dass das Thema Wasser und Ökosysteme dennoch eher ein Nischen-Thema ist“, sagt Ottmar von Holtz, Entwicklungspolitiker der Grünen-Bundestagsfraktion.

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In den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl findet sich in den ohnehin eher knapp bemessenen Kapiteln für die Außen-, Europa- und Entwicklungspolitik kein expliziter Hinweis etwa auf das UN-Nachhaltigkeitsziel 6.6, das ausdrücklich den Zusammenhang von Wasser und Ökosystemen betont. Nur ist dies nach Auffassung von Srinivasa Srigiri vom Deutsches Institut für Entwicklungshilfe kein Zeichen, dass nichts passiert.

Sand als simples Reinigungsmittel

Das Thema wird auch durch ganz praktische Arbeit kleiner Nichtregierungsorganisationen vorangetrieben, wie etwa der “Arche NoVa”. Deren Ansatz, Menschen mit Trinkwasser zu versorgen, besteht eben nicht nur darin, Wasser aus dem Boden zu pumpen, sondern die Kraft der Natur zu nutzen, Wasser zu reinigen. Das geschieht durch das Anlegen von Sandfilter-Anlagen Trinkwasser für Dorfgemeinschaften. “Wir fangen Regenwasser mit Sanddamm-Systemen auf, die eine säubernde Wirkung haben”, sagt Giovanna Fortuni von „Arche NoVa“ etwa zu einem Projekt in Südkenia.

Die Projekte seien zwar klein und immer in der Umgebung von Dörfer angesiedelt. Dieser community-Ansatz sorge dafür, dass sich Dorfgemeinschaften bewusst für den Bau solcher Kleindämme entschieden und sie auch nach dem Abzug der Helfer weiter betrieben – weil sie den direkten Nutzen für sich sehen.

In einer zweiten Stufe will die Organisation die Anpflanzung von Bäumen in der Nähe der Sandbänke vorantreiben und damit der Verödung der Landschaft entgegenwirken. So wenig spektakulär die Projekte auch im internationalen Maßstab erscheinen – immerhin sei nun die kenianische Regionalplanung aufmerksam geworden, meint Fortuni. Die „African Sand Dam foundation“ hat mittlerweile 476 solcher Mini-Auffangstationen gebaut.

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Deutschland gehört nach Angaben des BMZ seit vielen Jahren zu den drei größten bilateralen Gebern im Wassersektor. Zwischen 2014 und 2018 hätten die deutschen Entwicklungsleistungen in diesem Bereich durchschnittlich rund 772 Millionen Euro pro Jahr betragen. Derzeit fördere die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in 50 Ländern Wasserprojekte.

„Wasser wird zu oft als Ware angesehen“

Zum überwiegenden Teil handelt es sich dabei aber um klassische Projekte, die Trinkwasser oder saubere Toilettenlösungen zur Verfügung stellen. Beides sind angesichts der großen Anzahl von Menschen in Entwicklungsländern unterhalb der Armutsgrenze tatsächlich gigantische Aufgaben. Auch die EU verweist auf eine Vielzahl von Wasser-Projekten, die unter dem Label „Zugang zu Wasser und Sanitäres“ laufen.

„Aber der Durchbruch für ein generell neues Denken ist dies nicht“, sagt Grünen-Politiker von Holtz. Es gebe zwar die Beschäftigung mit Ökosystemen, aber die beziehe sich meist gar nicht auf das Thema Wasser. „Wasser wird dafür viel zu oft eher als Ware angesehen, eben nicht als Teil von Ökosystemen“, sagt er.

Dazu kommt, dass zu schützende Wasserressourcen in Flüssen, Bergen, Feuchtgebieten und Grundwasserreservoirs liegen, die sich oft weit entfernt von den Wohnorten der Menschen erstrecken. Zwar weist Martha Rojas Urrego, die Chefin der UN-Ramsar-Konvention, darauf hin, dass „jeder Griff zum Wasserhahn eine Direktverbindung in Feuchtgebiete schafft.“ Doch ein erheblicher Teil der Wasserprojekte der deutschen und europäischen Entwicklungszusammenarbeit klammert den Schutz der Ökosysteme, aus denen das Wasser überhaupt erst kommt, noch immer aus.

Das liegt weniger daran, dass man in der Analyse streitet. Doch der Schutz von Ökosystemen, die hunderte Kilometer von Menschen entfernt sind, die dauerhaft mit Wasser versorgt werden sollen, ist eine so komplexe Aufgabe, dass er sich schlechter in konkrete Projekte umsetzen lässt.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Andreas Rinke

Andreas Rinke

Andreas Rinke ist seit 2011 Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Der promovierte Historiker hat zuvor als Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und als Politikkorrespondent in Berlin beim Handelsblatt gearbeitet. Mit Christian Schwägerl hat er das Buch „11 drohende Kriege“ (2012, aktualisiert 2015) verfasst. Sein Buch „Das Merkel-Lexikon“ ist im Herbst 2016 beim Verlag zu Klampen erschienen. Bei RiffReporter entwickelt er das „Merkel-Lexikon“ zu einem ständig aktualisierten und erweiterten Projekt fort.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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