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Wie weit ist der Weg, bis das Menschenrecht auf sauberes Wasser weltweit Wirklichkeit ist?

Bis 2030 soll laut Vereinten Nationen kein Mensch mehr verschmutztes Wasser trinken müssen. In den ärmsten Ländern muss dafür noch viel passieren – aber auch bei uns

25.04.2021
13 Minuten
Ein Tanklastwagen fährt auf einer sandigen Straße durch die südsudanesiche Stadt Dschuba. Der Tank trägt die Aufschrift „Clean Drinking Water“, sauberes Trinkwasser. Vor dem LKW stehen Passantinnen.

Am 28. Juli 2010 formulierten Vertreterïnnen von mehr als 160 Staaten in der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York ein neuartiges Menschenrecht. Sie ergänzten die traditionellen Rechte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte um ein “Recht auf Zugang zu sauberem Wasser.”

Dieses neue Recht sei essentiell dafür, ein gutes Leben zu führen und andere Menschenrechte – etwa die Meinungs- oder die Bewegungsfreiheit – überhaupt wahrnehmen zu können, erklärten die Staaten in der UN-Resolution 64/292.

Ohne sauberes Wasser, so die Botschaft, ist für uns Menschen alles nichts. Deshalb versprachen die Staaten, massiv Geldmittel und andere Ressourcen dafür aufzubringen, um das neue Menschenrecht zu garantieren.

In den vergangenen Jahren haben Hunderte Millionen Menschen von diesen Bemühungen profitiert. Dennoch haben weiterhin 2,2 Milliarden Menschen weltweit keinen gesicherten Zugang zu sauberem Wasser, was bedeutet, dass der Alltag von der Suche nach sauberem Wasser und oftmals auch von Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser entstehen, geprägt ist. 785 Millionen Menschen verfügen noch nicht einmal eine Grundversorgung. Sie holen ihr Wasser direkt aus Brunnen und Flüssen oder haben einfach nicht genug Wasser.

Was die Staaten 2010 nicht zustandebrachten, war ein einklagbares, garantiertes Recht auf Wasser. Das weltweit einzige völkerrechtlich verbindliche Instrument zum Thema Wasser und Gesundheit ist das Übereinkommen zum Schutz und zur Nutzung grenzüberschreitender Wasserläufe und internationaler Seen.

Ein real umgesetztes universelles Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser bleibt einstweilen ein Ziel: Bis zum Jahr 2030, so das sechste der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, soll sich kein Mensch auf der Erde mehr Sorgen machen müssen, täglich zu sauberem Wasser zu kommen.

Ausreichend viel, sicher und zugänglich

Doch das wirft eine große Frage auf: Was ist überhaupt “sauberes Wasser”? Ab wann gilt Wasser als verschmutzt, ab wann als genießbar, und wann eben als wirklich sauber?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet bei der Trinkwassergüte chemische, mikrobielle, radiologische und geschmacklich-optische Kriterien.

  • Sicheres Trinkwasser ist für Essen, Trinken und persönliche Hygiene geeignet, bei Bedarf jederzeit verfügbar und frei von Kontaminationen.
  • Eine Grundversorgung erfolgt dann, wenn eine geschützte Trinkwasserquelle innerhalb von 30 Gehminuten erreichbar ist.
Eine junge Demonstrantin reckt die Faust in die Höhe, während neben ihr eine Frau ein Schild mit der Aufschrift „Water is a human right“ in die Höhe hält.
Newark, USA: Ende August 2019 demonstrierten Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt in New Jersey gegen die festgestellte Verschmutzung ihres Trinkwassers. Sie wiesen dabei auf die weltbekannte Wasserkrise in der US-Stadt Flint hin.
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Die Formel „Zugang zu sauberem Wasser“ bedeutet also, mit vertretbarem Aufwand eine saubere Wasserquelle erreichen zu können. Das kann zum Beispiel ein öffentlicher Brunnen sein oder eben ein gemeinschaftlicher Wasserhahn zur Befüllung der eigenen Wasserkanister.

Die UN-Wasser-Agentur nennt als Anforderungen für den Zugang zu sauberem Wasser:

  • Die Wasserversorgung für jede Person muss für den persönlichen und häuslichen Gebrauch ausreichend und kontinuierlich sein.
  • Das Wasser muss sicher sein, also frei von Mikroorganismen, chemischen Substanzen und radiologischen Gefahren, die eine Bedrohung für die Gesundheit des Menschen darstellen.
  • Wasser sollte in Farbe, Geruch und Geschmack für jeden akzeptabel sein.
  • Die Wasserversorgung sollte gut zugänglich ist.
  • Wasser sowie Dienstleistungen müssen für alle erschwinglich sein.

Sauberes Wasser dank geschützter Wälder

Reiche Industrieländer haben teilweise strenge Kriterien. Im wald- und wasserreichen Österreich zum Beispiel bestimmt der Lebensmittel-Codex die Anforderungen an die Qualität des Trinkwassers: „Trinkwasser ist Wasser, das in nativem, das heißt in naturbelassenem Zustand oder nach Aufbereitung, geeignet ist, vom Menschen ein Leben lang ohne Gefährdung seiner Gesundheit verzehrt zu werden, und das geruchlich, geschmacklich und dem Aussehen nach einwandfrei ist.“ Ähnlich formuliert es die EU Trinkwasserrichtlinie, die im Dezember 2020 vom europäischen Parlament und dem Rat der Europäischen Union verabschiedet worden ist.

Auf der Weltkarte ist besonders Afrika übergroß zu sehen, während Nord- und Südamerika sowie Europa sehr klein dargestellt sind.
Erdregionen mit schlechtem Zugang zu sauberem Wasser sind in dieser Darstellung im Vergleich zu ihrer eigentlichen Fläche vergrößert. Je größer ein Land im Verhältnis zu seiner natürlichen Größe, desto mehr Menschen fehlt Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Die Großstadt Wien hat wie viele westliche Metropolen das Glück, über eine sichere Wasserversorgung zu verfügen. Ihre Trinkwasserquellen liegen 150 Kilometer oder 1,5 Fließ-Tage von der Stadt entfernt und werden bestens behütet. Ein Pumpwerk ist gar nicht nötig, das Wasser fließt in freiem Gefälle in die Donaumetropole.

Im südlichen Niederösterreich und in der angrenzenden Steiermark befinden sich Gebirgswälder, die jahrhundertelang vor Kahlschlag verschont geblieben sind. Sie dürfen nicht gerodet werden. Bei der Almbewirtschaftung gibt es ebenfalls genaue Vorschriften, wann und wie lange welche Tiere grasen dürfen. Das bewährt sich. Denn die Wälder und Kalkfelsspalten im natürlichen Quellbereich bleiben frisch und sauber.

Der Aufwand bei der Versorgung wirkt sich auch auf den Geschmack des Wassers aus. Kalzium und Magnesium sind in guten Proportionen enthalten, das Wasser löscht den Durst der Wienerïnnen gut, Nitrate bleiben unter der Wahrnehmungsgrenze. Während der europäische Grenzwert bei 50 Milligramm pro Liter liegt, enthält ein Liter Trinkwasser hier zwischen 3,1 und 5,4 Milligramm Nitrat. Pestizide treten so marginal auf, dass sie nicht bestimmbar sind. Aus Sicht von Menschen in Gebieten mit zu wenig oder mit verschmutztem Wasser ist das, was aus den Wiener Wasserhähnen fließt, so etwas wie flüssiges Gold.

Der globale Norden kann sich die Aufbereitung von Trinkwasser bei Verschmutzungen leisten. (Günter Langergraber, Universität für Bodenkultur)

Abwässer aus dem Bergbau gefährden die Gesundheit

Der Kontrast zu vielen Städten in ärmeren Ländern könnte größer nicht sein. In der ostafrikanischen Stadt Kabwe in Sambia ist die Trinkwassersituation besonders prekär. Dort leben 200.000 Menschen. Bis 1994 gab es hier aktive Zink- und Bleiminen. Die Minen wurden geschlossen, die Abraumhalden sind aber noch da. Sie bilden „Schwarze Berge“. Wind und Regen verfrachten die Stoffe, die über kurz oder lang ins Trinkwasser gelangen.

Bei jüngsten Stichproben zeigte sich eine deutliche Belastung mit Blei im Trinkwasser. Fast drei Viertel der untersuchten Personen hatte im Blut nachweislich zehnmal mehr Blei als es dem internationalen Grenzwert von 5 Mikrogramm pro Deziliter entspricht. Angesichts dieser immensen Gesundheits-Belastung wird der Ruf laut, die gesamte Bevölkerung von Kabwe zu testen.

Solche Problemgebiete gibt es rund um die Welt, vor allem in Südamerika und Asien: Überall dort, wo an der Oberfläche Bergbau betrieben wird, kommen gefährliche Chemikalien ins Wasser, die dann über Flüsse direkt oder über den Umweg des Grundwassers zu den Menschen gelangen können.

An einem bewaldeten Abhang befindet sich ein steinernes Tor in die Schächte der Wiener Wasserversorgung. Daneben stehen zwei Fahnen.
In Kaiserbrunn hat die Wasserversorgung der österreichischen Hauptstadt ihren Ursprung. Die Infrastruktur wird aufwändig gepflegt, die Naturgebiete, aus denen das Wasser kommt, sind geschützt.
Lalibela, Äthiopien: Ein Mädchen trägt in einer ausgetrockneten Landschaft einen Kanister mit Wasser auf ihrem Rücken über ein Feld zu ihrem Zuhause.
Wenn eine sichere Wasserversorgung fehlt, müssen Menschen das kostbare Nass oftmals von weither nachhause tragen, wie dieses Mädchen 2019 in Lalibela, Äthiopien.

Zweifelhafte Strategie der Privatisierung

In den frühen Millenniumsjahren drängten internationale Entwicklungsbanken und auch die Weltbank zu Privatisierungen im Wassersektor. Mit dem Effekt, dass die Wasserpreise stiegen, die Wartungsarbeiten aber zurückgingen. Beim Londoner Versorger Thames Water versickern nach wie etwa 40 Prozent des eingespeisten Wassers. Das ist mehr als dreimal soviel wie in kommunal verwalteten Einrichtungen. Großprivatisierungen sind nach diesen Erfahrungen in Buenos Aires, in La Paz, in Maputo und in Daressalam allerdings wieder rückgängig gemacht worden.

Gewinne bringt das Geschäft mit der Privatisierung der Wasserversorgung nur, wenn der Wasserpreis steigt, der dann aber nicht mehr leistbar für alle ist. Kontraproduktiv zur Erreichung des UN-Nachhaltigkeitsziels Nummer 6, sauberes Wasser für alle. Und weit entfernt von der Forderung Trinkwasser ist ein Menschenrecht, das 2014 eine Europäische Bürgerinitiative erhob.

Doch in ärmeren Ländern, vor allem in den am wenigsten entwickelten Staaten, den least developed countries, ist Geld ein großer limitierender Faktor für eine sichere Wasserversorgung, sagt Günter Langergraber, Leiter des Departments Wasser, Atmosphäre, Umwelt an der Universität für Bodenkultur in Wien: „Für mich ist der größte Unterschied, dass sich der globale Norden die Aufbereitung von Trinkwasser bei Verschmutzungen leisten kann. Der globale Süden hingegen scheitert oft am Betrieb von Trinkwasseraufbereitungsanlagen, was Geld und Fachwissen betrifft. Darüber hinaus ist im Süden generell der Gewässerschutz schlechter und die Länder haben oft neben Qualitätsproblemen auch ein erhebliches Problem mit der Wasserverfügbarkeit.“

Sichere Wasserversorgung kann teuer sein

Hinzu kommen Störungen der Ökosysteme, über die Wasser im natürlichen Kreislauf zu Trinkwasser wird: Von der Quelle bis zum Wasserhahn ist es ein weiter Weg: Begradigungen von Flussläufen, Entfernung der Ufervegetation, Einleitung von Industrieabwässern, Rückstände von Dünger und Pestiziden, Staustufen und überproportionale Wasserentnahmen sind Gefahren dafür, dass sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht.

Mit den Flüssen geht ein ganzes Wasserregime einher: Nicht nur das Oberflächenwasser, sondern auch der damit verbundene darunterliegende Wasserkörper sowie angrenzende Feuchtgebiete spielen im Gesamtgefüge eine wichtige Rolle, sagt Gerold Winkler vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Universität für Bodenkultur in Wien: „Werden in den Flussoberläufen Wälder abgeholzt und Feuchtgebiete vernichtet, verschwinden diese Wasserreinigungsanlagen. Sie sind die Nieren von Gewässern.“

Wesentlich ist, dass der Fluss sein eigenes Bett bauen kann und der Mensch kaum eingreift. Das ist ein wesentliches Merkmal für die Wassergüte, sagt Johann Waringer vom Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie der Universität Wien: „Menschliche Nutzungen sollen nicht so nahe an die Gewässerkante herankommen. Es würde schon viel helfen, wenn agrarisch intensiv genutzte Flächen nicht an die Wasserkante herangehen, sondern Gehölz als Puffer fungieren könnte.“ Doch das sicherzustellen, bedeutet vielmals Aufwand und Kosten, die vor allem ärmere Länder nicht leisten können.

Luftaufnahme eines Bergbaugebiets. Die Oberfläche ist bis zum Horizont aufgerissen, trübe Abwässer gelangen in einen Fluss.
Bergbau bringt viele gesundheitsgefährliche Stoffe an die Oberfläche und oftmals auch ins Trinkwasser. In der peruanischen Region Madre de Dios tobt seit langem ein Streit um Quecksilber, das aus Bergbau ins Wasser gelangt und dort Fische belastet, die der indigenen Bevölkerung als Nahrung dienen.

Chemische Verunreinigungen kommen auch im Hochtechnologieland USA vor. In der Stadt Flint im Bundesstaat Michigan litt ein Teil der Bevölkerung unter belastetem Trinkwasser, das aus dem Fluss Flint entnommen wurde. Seine aggressiven Inhaltsstoffe setzten das Blei in den Rohrleitungen frei und die Menschen tranken dieses Wasser, mindestens zwölf Menschen starben. Flint wurde zum weltweiten Symbol für die Folgen einer unsicheren Trinkwasserversorgung.

Aber auch im wasserreichen Österreich gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Im Norden und Südosten des Landes gibt es Zonen, wo die Nitratmengen den Grenzwert von 50 mg/ Liter überschreiten. 2018 trat deswegen ein überarbeitetes Nitrat-Aktionsprogramm gemäß der EU Nitrat-Richtlinie in Kraft. So dürfen beispielsweise im Herbst kein Dünger und keine Gülle mehr ausgebracht werden.

Die Verfasser der EU-Trinkwasser-Richtlinie 2020 identifizieren zudem aktuelle Gefahren durch neuartige Stoffe wie Mikroplastik und sogenannte endokrine Disruptoren, also hormonell wirksame Stoffe, die über das Trinkwasser in den menschlichen Körper gelangen können. Diese sind nun ebenfalls als Gefahrenstoffe deklariert.

Immenses Leid durch Mikroorganismen im Wasser

Weltweit am gefährlichsten ist aber nicht die chemische, sondern die mikrobielle Verunreinigung. Sie ist die wichtigste und die am weitesten verbreitete Art der Trinkwasserverschmutzung.

In der Europäischen Union geht von Legionellen die stärkste mikrobielle Gesundheitsbelastung über das Wasser aus. Günter Langergraber von der Universität für Bodenkultur erklärt: „Legionellen sind Keime, die beispielsweise beim Duschen über die Atmung aufgenommen werden und grippeähnliche Erkrankungen sowie schwere Lungenentzündungen hervorrufen können.“ Immer wieder gebe es Todesfälle durch die Bakterien, die nur in warmem Wasser gedeihen.

Weltweit gesehen ist das krankheitserregende Darmbakterium Escherichia coli eine der häufigsten Todesursachen. „Escherichia coli ist ein Indikator für fäkale Verunreinigungen im Wasser und verursacht beim Menschen vor allem gefährliche Darmerkrankungen, die zum Tod führen können“, sagt Langergraber. Weitere Erreger wie die von Cholera und Typhus kommen hinzu

Das menschliche Leid durch verschmutztes Wasser ist immens. Einer Studie von WHO und Unicef von 2019 zufolge

  • gibt es jährlich rund 1,7 Milliarden Fälle von Durchfallerkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren durch verschmutztes Wasser
  • sterben knapp 300.000 Kinder jährlich an den Folgen
  • sterben weitere rund 220.000 Menschen an Cholera- und Typhus-Infektionen durch verschmutztes Wasser
  • sind Hunderte Millionen Menschen aufgrund von unsauberem Wasser und mangelnden Hygienemöglichkeiten mit parasitären Würmern infiziert, fast 10 Millionen Menschen sind durch ein sogenanntes Trachom sehbehindert oder erblindet.

Unter diesen katastrophalen Folgen von Wasserverschmutzung leiden besonders Menschen in den least developed countries.

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Die Bakterien haben die Form länglicher Tabletten mit runden Enden, gezeigt wird eine kleine Ansammlung.
Gefürchtet und weit verbreitet: Elektronenmikroskopische Aufnahme des Bakteriums Escherichia coli mit 6836-facher Vergrößerung.
Eine Frau hat ein Baby im Arm und einen Löffel in der rechten Hand, den sie an den Mund des Kindes führt.
Eine Mutter aus Bangladesch versucht ihrem Kind, das unter Durchfall leidet, Nährstofflösung einzuflössen.

In einem von UNICEF und WHO publizierten Bericht über Wasseruntersuchungen im Haushalt aus dem Jahr 2020 wird am Beispiel von Laos, einem LDC, veranschaulicht, wie stark die Belastung von Trinkwasser sein kann.

Zunehmender Wasserstress

86 Prozent der Laotïnnen mussten im Jahr 2017 Wasser verwenden, das mit Escherichia coli belastet war. In Äthiopien, Kiribati, Sierra Leone und Nigeria lag die Quote in dieser Studie sogar bei über 90 Prozent. Etwas besser war die Lage in Nordkorea, in der Mongolei und in Tunesien mit maximal 36 Prozent Vorkommen von Escherichia coli, was aber nach europäischen Standards auch ein hoher Wert ist.

Jeden Tag sterben mehr als 800 Kinder an vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall, der durch verunreinigtes Wasser oder mangelnde Hygiene hervorgerufen wird.

In Kambodscha, einem weiteren least developed country, haben 21 Prozent des Landes nicht einmal einfachsten Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Das Ziel, dass bis 2030 jeder Mensch diesen Zugang bekommen soll, ist daher so wichtig wie schwierig zu erreichen.

Denn hinzu kommt, dass zugleich

  • der Verbrauch des knappen Guts Wasser weltweit steigt
  • die Quellen sauberen Wassers – vor allem Feuchtgebiete wie Sümpfe und Moore – in großem Tempo zerstört werden
  • die Klimakrise die Lage verschärft, wie unser Report dazu zeigt.

Steigender Wasserbedarf der Landwirtschaft führt zu Knappheit

Seit den 1960er Jahren ist im globalen Durchschnitt der häusliche Wasserverbrauch ständig gestiegen, berichtete das WRI (World Ressources Institute) im Februar 2020, und zwar um sagenhafte 600 Prozent.

Laut UN Wasserreport 2020 ist auch die gesamte globale Wassernutzung in den letzten 100 Jahren um den Faktor sechs gestiegen – und steigt weiter. Das liegt nicht nur am Wachstum der Weltbevölkerung auf heute 7,8 Milliarden Menschen, sondern vor allem an problematischen Konsummustern, wie das Beispiel des Avocadoanbaus zeigt. Alle Probleme zusammen führen in vielen Regionen zu Wasserstress.

Gewässerschutz ist der beste Trinkwasserschutz. (Gerold Winkler, Universität für Bodenkultur)

70 Prozent des Süßwassers beansprucht die Landwirtschaft für die Bewässerung von Feldern und für die Viehhaltung. Besonders problematisch ist das dort, wo Schnittblumen, Baumwolle und andere landwirtschaftliche Produkte ausschließlich für den Export dienen und es den Menschen vor Ort an Wasser fehlt. Übernutzung von Grundwasserreservoirs schafft langfristige Risiken für die Wasserversorgung, wie wir in unserem Grundwasser-Report zeigen. Bis zum Jahr 2040, schätzen Experten, wird der Wasserbedarf um mehr als 50 Prozent steigen.

Eine Landschaft mit zahlreichen kleinen Tümpeln vor einem Dorf und Hügeln.
Intelligentes Landmanagement ist der Schlüssel zu einer sicheren Wasserversorgung. In der offiziellen „Zhaodi-Feuchtgebietsregion“ im Kreis Anlong in der chinesischen Provinz Guizhou wird der Schutz von Feuchtgebieten groß geschrieben.

Schon im vergangenen Jahrhundert, so der UN Wasserbericht 2020, gingen mehr als die Hälfte der Süßwasser-Lebensräume verloren und mit ihnen 88 Prozent der Bestände der großen, sprich mehr als 30 Kilogramm schweren Süßwasser-Tierarten weltweit. Kleinere Zeigerarten für sauberes Wasser, etwa Steinfliegen, sind in dieser Analyse nicht berücksichtigt.

Der Schwund an Feuchtgebieten und die Verschmutzung von Seen und Flüssen sind eine Gefahr für die Trinkwasserversorgung. 144 Millionen Menschen müssen ungereinigtes Oberflächenwasser trinken. Wenn Oberflächengewässer durch Nährstoffeintrag, niedrigen Wasserstand und durch den Anstieg der globalen Temperaturen stark eutrophieren, also überdüngt und sauerstoffarm werden, ist dies ein erhebliches Risiko.

Allein in China leiden mehr als 60 Prozent der Seen an belastender Algenblüte, die sich ausbreitet. Der Klimawandel erschwert und verunmöglicht es, diese Algenblüte zu kontrollieren. (UN Wasserbericht 2020)

In der Klimakrise verschärft sich die Trinkwasser-Situation aber auch in den hochentwickelten Ländern. Das bekommen marginalisierte Bevölkerungsgruppen bereits zu spüren. Während die meisten Menschen zuhause oder in Restaurants Wasser bekommen können, ist das im Sommer bei Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, oftmals anders. Die EU-Trinkwasser-Richtlinie 2020 fordert deshalb: „Roma und Travellers, Nomadengemeinschaften und Obdachlose sollen Zugang zu Wasser bekommen – über Tanks, Zisternen und über die Bereitstellung der Infrastruktur in Lagern.“ Was klingt, wie ein Problem ärmster Länder, ist auch bei uns eine politische Aufgabe. Darüber, in Städten öffentliche Wasserquellen zu schaffen, wird bereits diskutiert.

Brunnen und Leitungen reichen nicht

Bis 2030 allen Menschen Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen, ist ein grundlegend wichtiges Ziel. Denn ohne eine gute Wasserversorgung ist es schwer, Menschen die anderen 16 Ziele der nachhaltigen Entwicklung wie Bildung und Geschlechtergleichheit zu garantieren. Dazu braucht es weltweit Investitionen in die technische Infrastruktur der Wasserversorgung und Abwasserreinigung – aber das allein reicht nicht.

Gerold Winkler von der Universität für Bodenkultur in Wien nennt zwei wesentliche Faktoren: „Landnutzung beziehungsweise Landmanagement und eine intakte Vegetationsdecke sind die entscheidenden Faktoren zur Verbesserung der Wasserqualität.“ Gewässerschutz sei „der beste Trinkwasserschutz“, sagt Winkler.

Trotzdem werden weiter viele Feuchtgebiete und Moore trockengelegt, warnt Martha Rojas Urrego, die Generalsekretärin der UN-Konvention Ramsar, in unserem Interview. Urrego kritisiert, dass weltweit die feuchten Ökosysteme noch schneller als die tropischen Regenwälder zerstört werden: “Wir wollen mehr Wasser, aber zerstören seine Quellen. Wie soll das funktionieren?” Naturschutz und Zugang zu sauberem Trinkwasser gemeinsam anzugehen, sei "die Mutter aller Win-win-Situationen”, sagt Urrego.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Ilse Huber

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Ilse Huber ist im Riff für die Koralle Flussreporter aktiv. Sie thematisiert Lebensräume in Wechselwirkung von Mensch, Klima, Natur und Umwelt.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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