Korallenkonferenz in Bremen: „Ein Verlust von 50 Prozent ist das optimistischste Szenario“

Andréa Grottoli, Präsidentin der International Coral Reef Society, warnt vor Totalverlust des Ökosystems, sollten Klima- und Naturschutzbemühungen nicht rechtzeitig greifen

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Bild mit zwei Hälften, links ein intaktes Riff, rechts ein ausgebleichtes.

In Bremen findet bis zum 8. Juli die weltgrößte Konferenz zur Zukunft der Korallenriffe statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen zusammen, um über den Zustand der Riffe, Forschungsfragen und neue Erkenntnisse sowie Lösungsstrategien für den Schutz der marinen Ökosysteme zu beraten. Eröffnet wird die Konferenz von Bundesumweltministerin Steffi Lemke und auch von Andréa Grottoli, Präsidentin der International Coral Reef Society. Die aus Kanada stammende Professorin an der Ohio State University gehört zu den renommiertesten Korallenriff-Forscherinnen weltweit.

Frau Grottoli, in Lissabon hat gerade der UN-Ozeangipfel stattgefunden. Passiert nun wirklich etwas zum Schutz des Ozeans und seiner Ökosysteme?

Grottoli: Auf jeden Fall ist es so, dass immer mehr Menschen und auch Verantwortlichen klar wird, wie lebenswichtig der Meeresschutz für uns ist. Es geht bei den Korallenriffen eben nicht nur um die Gesundheit von Ökosystemen, sondern um planetare Gesundheit, die uns Menschen, unsere Zivilisation und die wirtschaftliche Stabilität mit einschließt.

Was macht Ihnen für den Schutz der Korallenriffe Hoffnung?

Es wurde in Lissabon sichtbar, dass die Dringlichkeit des Schutzes von Korallenriffen nun wirklich ins Bewusstsein gedrungen ist. Positiv ist zudem, dass sich auch die nötigen Mittel für Forschung oder etwa für konkrete Bemühungen, Korallenriffe durch Naturschutzmaßnahmen zu regenerieren, leichter zu bekommen sind. Aber es muss auch allen klar sein, dass reiner Naturschutz nur kurzfristig dabei helfen kann, Korallenriffe zu erhalten. Diese Ökosysteme werden keine Chance haben, wenn die Erderhitzung nicht effektiv bekämpft wird.

Weil wärmere Meere zum Ausbleichen der Riffe führen?

Ja, wenn das Meerwasser immer wärmer und immer saurer wird, helfen die besten Naturschutzprojekte nichts, dann verschwinden die Korallenriffe und ihre ganze Artenvielfalt. Naturschutzprojekte sind ungeheuer wichtig, auch dafür, dass es in den kommenden Jahrzehnten überhaupt noch Regionen mit intakten Riffen gibt, von denen aus sich diese Gebilde dann wieder verbreiten können, wenn es gelingt, die Temperaturen zu stabilisieren und letztlich wieder abzusenken. Aber ohne drastische CO2-Reduktion hilft das alles nur kurzfristig etwas und langfristig sehr wenig.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES warnt, dass bis zum Ende des Jahrhunderts 99 Prozent der Korallenriffe verschwinden könnten. Ist das ein Worst-case-Szenario, das aufrütteln soll, oder könnte es tatsächlich so kommen?

Die Wissenschaftlerin schnorchelt in türkisblauem Meer über lebendigen Korallen und sieht glücklich aus
Andréa Grottoli in ihrem natürlichen Lebensraum
Fisch mit spitzem Gesicht und rot-beiger Färbung
Der Langschnäuzige Korallenwächter (Oxycirrhites typus) ist ein beliebter Aquariumsfisch. Sein natürlicher Lebensraum ist bedroht.

Korallenriffe sind der beste Küstenschutz, sie verringern die Wucht von Sturmfluten, was in einer Zeit, in der der Meeresspiegel deutlich steigt, enorm wertvoll ist.

Andréa Grottoli

Es muss einfach überall gleichzeitig alles gemacht werden, was möglich ist. Nur dann besteht eine realistische Chance, die Korallenriffe zu erhalten.

Andréa Grottoli
Autos im Stau
Der Autoverkehr trägt maßgeblich zu CO2-Emissionen und damit zum Niedergang der Korallenriffe bei.
Das Bild zeigt quirlige Fischschwärme vor einem Korallenriff
Korallenriffe sind vielfältig, tiefgründig, kooperativ organisiert – und bedroht.

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Redaktion: Tomma Schröder