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Falter, Fliege, Biene & Co: So können wir sie retten

Ein Team von Ökologen fasst den Wissensstand zum Insektensterben zusammen – und zeigt praxiserprobte Wege, es aufzuhalten

5 Minuten
Ein Grünes Blatt, geometra papilionaria, sitzt auf einem Finger. Der Schmetterling ist hellgrün und sieht aus wie ein Blatt.

Mit Ach und Krach ist es dann doch noch verabschiedet worden, das Insektenschutzgesetz, nachdem Umwelt- und Agrarministerin der vergangenen Bundesregierung monatelang darum gerungen hatten. Aber so richtig glücklich ist bis heute kaum jemand damit. Landwirte fürchten Ertragsverluste durch die Einschränkungen beim Pestizideinsatz; Naturschützer wiederum kritisieren, dass sich das Gesetz zu stark auf Pestizide fokussiere, die zudem nur innerhalb von Schutzgebieten verboten werden sollen – also auf gerade mal 0,5 Prozent der gesamten Anbaufläche.

Was hilft denn nun wirklich gegen das Insektensterben?

Die gute Nachricht ist, dass es darauf mittlerweile zahlreiche gesicherte Antworten gibt. Sie sind in einem Buch versammelt, das man am liebsten sowohl der neuen Umweltministerin als auch dem Agrarminister als Pflichtlektüre auf den Schreibtisch legen würde. Denn „Insektensterben in Mitteleuropa – Ursachen und Gegenmaßnahmen“ bietet genau das, was der Titel verspricht.

Die Liste möglicher Schutzmaßnahmen ist lang

Das Autorenteam – drei Experten und eine Expertin auf den Gebieten Landschaftsökologie, Biogeografie und Landschaftsplanung – liefern eine detailgenaue, auf Dutzenden wissenschaftlicher Studien basierende Analyse aller Faktoren, die zum katastrophalen, flächendeckenden Schwund der Insekten geführt hat, der größten und vielfältigsten heimischen Tierklasse. Sie stellt nicht nur 90 Prozent aller Tierarten Mitteleuropas, sondern bildet auch die Lebensgrundlage für alle Wirbeltierarten.

Titelseite des Buchs „Insektensterben in Mitteleuropa – Ursachen und Gegenmaßnahmen“
Das Buch „Insektensterben in Mitteleuropa“, erschienen im Ulmer Verlag, umfasst über 300 Seiten mit zahlreichen Farbfotos, Grafiken und Karten.

Das Buch beschränkt sich jedoch nicht auf eine bloße Analyse der Katastrophe. Ebenso ausführlich und detailliert zeigt es auf, was gegen das Insektensterben zu tun ist. Und die Maßnahmen, viele davon bereits praxiserprobt, lesen sich wie eine To-do-Liste für alle, die von Amts wegen für den Schutz der Natur zuständig sind – Bundes- und Landespolitikerïnnen, aber auch Beschäftigte in Naturschutzbehörden und Landwirtschaftskammern.

Die Liste ist lang, und sie wird sich vermutlich in nur einer Legislaturperiode nicht abarbeiten lassen. Denn, und das ist das eher ernüchternde Fazit dieses Buchs: Es wird nicht reichen, Pestizidmengen zu begrenzen und die (ohnehin zu wenigen) Schutzgebiete effektiver zu pflegen, obwohl auch das bitter nötig wäre. Es geht um mehr.

Ein paar Alibi-Blühstreifen halten den Artenschwund nicht auf

Wenn wir nicht nur die Vielfalt der Insekten bewahren, sondern auch ihre dramatisch geschrumpfte Biomasse wieder steigern wollen; wenn wir auch in Zukunft die zahlreichen Ökosystemleistungen nutzen wollen, die sie uns bieten und auf die wir angewiesen sind – Bestäubung, Gewässerreinhaltung, Förderung der Bodenfruchtbarkeit – dann, so die Botschaft des Buchs, müssen wir die Art, wie wir Äcker, Wiesen, Wälder und Gewässer gestalten und bearbeiten, von Grund auf verändern.

Mit ein paar Alibi-Blühstreifen oder Biotop-Bäumen ist es da nicht getan. Vielmehr gilt es, neu zu schaffen, was Ökologen mit dem sperrigen Begriff „Strukturvielfalt“ bezeichnen: das Mosaik aus kleinen und kleinsten Biotopen, das früher die Landschaft wie ein lebensspendendes Netz durchzog. Hecken, Tümpel und kräuterreiche Feldraine gehören ebenso dazu wie Trockenmauern, vermodernde Stämme und Dungfladen von Weidetieren, die übrigens – kleines, aber lebenswichtiges Detail – nicht mit Entwurmungsmitteln behandelt werden sollten, weil diese die stark bedrohten Mistkäfer und andere Bewohner von Kuhfladen vergiften.

Natürlich befasst sich das Autorenteam auch mit dem Thema Pestizide. Allerdings nicht so ausführlich, wie es vielleicht manche erwartet hätten, die in den vergangenen Jahren die öffentliche Diskussion zu den Ursachen des Insektensterbens verfolgt haben. Ein naheliegender Grund für diese Untergewichtung: Zwar sei, schreiben die Autorïnnen, von „weitreichenden Konsequenzen“ des Pestizideinsatzes auszugehen. Aber es gebe „erstaunlich wenige wissenschaftliche Arbeiten zur direkten und indirekten Wirksamkeit von Pestiziden, vor allem Insektiziden (…), erst recht nicht zu Wechselwirkungen verschiedener Wirkstoffe untereinander.“

Dieser Mangel an Studien zu den unerwünschten Nebenwirkungen von Pestiziden ist durchaus erklärbar. Denn um solche Studien zu realisieren, bräuchte es exakte Daten, wann welche Chemikalien in welcher Dosierung in bestimmten Gebieten ausgebracht wurden – vor allem dann, wenn es sich um Naturschutzgebiete handelt.

Fehlender Zugang zu Spritzbüchern

Aber genau diese Daten sind für Insektenkundler bislang nicht zugänglich; die für Landwirtschaft zuständigen Behörden verweigern prinzipiell die Einsicht in die Spritzbücher, die alle Landwirte führen müssen. Die Blockade besteht bis heute, obwohl mehrere Gerichtsurteile bereits im vergangenen Jahr das Recht aller Bürger – nicht nur der wissenschaftlich Interessierten – bekräftigt haben, Zugang zu Umweltinformationen zu erhalten.

Wie notwendig neue, umfassende Analysen zur Pestizidwirksamkeit wären, hat auch eine erst kürzlich erschienene Fortsetzung der berühmten „Krefeld-Studie“ bestätigt: Bei der Untersuchung von Insekten aus 21 Schutzgebieten des Natura 2000-Netzwerks entdeckten die Wissenschaftlerïnnen 47 verschiedene chemische Wirkstoffe zur Bekämpfung von Wildpflanzen, Insekten und Pilzen. In 16 der 21 Schutzgebiete wurden sogar die mittlerweile verbotenen, weil besonders schädlichen Neonicotinoide festgestellt.

Es gibt eine Substanz, mit der sich die Autorïnnen noch ausführlicher beschäftigen als mit Pestiziden: Stickstoff. Umweltinteressierte kennen ihn vor allem als Gefahr für das Grundwasser; weniger bekannt – und im Detail auch weniger erforscht – ist dagegen seine Wirkung auf die Insektenwelt. Zwar schädigt Stickstoff in Form von Gülle und Kunstdünger diese nicht gezielt, wie es Insektizide tun, aber er beeinträchtigt sie auf vielfältige indirekte Weise: weil er Gewässer und Böden versauern und Algenteppiche wuchern lässt, weil er die Verdrängung vieler Insektenfutterpflanzen durch wenige schnellwüchsige Arten fördert, weil er Magerrasen, offene Sandflächen und besonnte Waldlücken unter einem dichten grünen Filz ersticken lässt, in dem viele wärme- und lichtliebende Insektenarten nicht überleben können.

Gemeindeflächen als Insekten-Eldorados

„Insektensterben in Mitteleuropa“ ist ein Buch, das sich schon wegen seines Umfangs an eher überdurchschnittlich wissensdurstige Naturfreundïnnen richtet. Es ist aber auch als Nachschlagewerk zu empfehlen für alle, die schnelle und fundierte Informationen suchen – zu Sachthemen wie Beweidung, Moorrenaturierung, Flächenverbrauch und Lichtverschmutzung ebenso wie zur Ökologie einzelner Arten – vom Braunfleckigen Ameisenbläuling bis zur Wiesenschafstelze.

Ich habe beim Lesen immer wieder gestaunt, wie viele konkrete Positiv-Beispiele es schon gibt – für Maßnahmen, die, mit überschaubarem Aufwand, sowohl Insektenvielfalt als auch -biomasse messbar fördern und schützen: von Altgrasstreifen in Mähwiesen, pestizidfrei gepflegten Wegrändern, wiedervernässten Flussauen und wildkrautfreundlich bewirtschafteten Äckern bis zur Aufwertung von sogenannten „Eh-da“-Flächen: Bahndämmen, Deichen, Straßenrändern, Verkehrsinseln und sonstigen Gemeindegrünflächen, die zu Eldorados für Pflanzen und Insekten werden können – wenn man sie schonend pflegt oder einfach nur in Ruhe lässt.

Meine persönlichen Lieblings-Takeaways der Lektüre würde ich gern an alle naturverbundenen Gärtnerïnnen weitergeben: Vergesst Insektenhotels! Lasst lieber abgeblühte Stengel auf Euren Beeten stehen. Und wenn Ihr Euren Rasen oder Eure Wiese mäht, tut es nicht mit einem Kreisel-, sondern mit einem Balkenmäher. Der lässt Grashüpfern und allem anderen, was zwischen den Halmen krabbelt, eine realistische Überlebenschance.

Thomas Fartmann et al., Insektensterben in Mitteleuropa, Ursachen und Gegenmaßnahmen, Ulmer-Verlag, ISBN 978–3–8186–0944–3, 48,00€. Auch für Wunschlisten von Stadtbibliotheken geeignet

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Johanna Romberg

Johanna Romberg

Johanna Romberg war von 1987 bis 2019 Autorin und Redakteurin der Zeitschrift GEO. 2018 erschien ihr erstes Buch „Federnlesen – vom Glück, Vögel zu beobachten“ im Lübbe-Verlag. 2021 erschien ihr zweites Buch, Titel: „Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze – wie wir sie entdecken und retten können“.


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