Zoologe Reichholf: „Nur die öffentliche öffentliche Meinung schützt den Bären“

Als 2006 „Bruno“ nach Bayern kam, wurde er zum Problembären ernannt und abgeschossen. Jetzt ist wieder ein Bär da, aber es bleibt ruhig. Ein Interview

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Ein Braunbär bewegt sich in einem lichten Birkenwald auf den Fotografen zu.

Bayern hat einen Bären und niemand regt sich auf. Knapp einen Monat nach der Bestätigung durch das Foto einer Wildkamera hat sich die Aufregung um die neuerliche Anwesenheit eines Braunbären – 13 Jahre nach „Problembär Bruno“ – schnell gelegt. Der höchstwahrscheinlich aus der benachbarten italienischen Population im Trentino zugewanderte Bär war in der Nacht zum 23. Oktober im Landkreis Garmisch-Patenkirchen von der Automatikkamera abgelichtet worden. „Seither gab es keinen weiteren Nachweis, weder eine Sichtung noch durch eine Wildkamera“, berichtet die Sprecherin des Landesumweltamts, Maria Hußlein.

Winterschlaf in den bayerischen Alpen?

Bärenexperten halten es für gut möglich, dass sich das vermutlich knapp zwei Jahre alte Jungtier in einen abgelegenen Winkel des Nationalparks Berchtesgaden zum Winterschlaf zurückgezogen hat und nun in einem sicheren Versteck vor sich hindöst. „Die Alpen sind gemessen an den Habitatansprüchen der Bären ein guter Lebensraum“, sagt Jon Swenson, einer der weltweit führenden Bärenforscher. Viel mehr als ein ruhiges und vor Menschen geschütztes Plätzchen brauche der Bär in den kommenden Wintermonaten nicht, sagt der Ko-Vorsitzende des Braunbär-Expertenteams der Internationalen Naturschutzunion IUCN und Autor des vom Europarat beauftragten europäischen Bären-Aktionsplans. Möglicherweise wandere er danach zurück, vielleicht bleibe er auch. „Ich habe beides erlebt.“

Das Wichtigste sei für den wahrscheinlich knapp zweijährigen Jungbären, einen Platz zu finden, an dem er seine Paarungsreife – die mit etwa vier Jahren eintritt – erreichen könne, ohne einem erwachsenen Bärenmännchen zu begegnen. Erst, wenn er selbst erwachsen sei, werde er anfangen, sich für Weibchen zu interessieren. Dass er in Bayern eine Partnerin finden könnte, ist äußerst unwahrscheinlich. Denn Weibchen wandern in der Regel nur über geringe Distanzen. Das ist der Grund, warum sich Bärenvorkommen nur langsam, quasi durch Anbau an die bestehenden Vorkommen, verbreiten.

Deshalb laufen erfolgreiche Einbürgerungsprojekte meist so ab, dass Weibchen dort ausgesetzt werden, wo sich einzelne Männchen abseits der Kern-Verbreitung angesiedelt haben. So etablierte sich auch die kleine, aber anwachsende Trentino-Population rund 120 Kilometer jenseits der deutschen Grenze aus mittlerweile rund 60 Tieren. Baldiger Bärennachwuchs steht für Bayern allerdings nicht zu erwarten. „Eine Aussetzung von Bären in Bayern ist nicht vorgesehen“, heißt es klipp und klar im Managementplan für den Braunbären, der nach dem Debakel um „Bruno“ erarbeitet wurde.

Der ebenfalls aus Italien zugewanderte Bär war 2006 vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber nach Angriffen auf Nutztiere auch innerhalb von Ortschaften zum „Problembären“ erklärt und nach einigen vergeblichen Fangversuchen erschossen worden. Reflexhafte Forderungen nach einem Abschuss des Bären blieben diesmal Ausnahmefälle. Zeigt sich darin auch ein verändertes gesellschaftliches Verständnis der Natur? Der Wildbiologe, Ornithologe und Sachbuchautor Josef Reichholf hat den Umgang mit „Bruno“ in einem kritischen Sachbuch aufgearbeitet. Wir sprachen mit ihm über die Rückkehr des Bären und darüber, was sich seit „Bruno“ auch im öffentlichen Bewusstsein verändert hat.

Aufnahme des Biologen Josef H. Reichholf. Er steht zwischen Schilf an einem Bach.
Der Biologe Josef H. Reichholf war bis April 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München. Er engagiert sich als Wissenschaftler und Buchautor in vielfältiger Weise für den Natur- und Artenschutz.

Herr Reichholf, hat man in Bayern seit „Bruno“ dazugelernt, was den Umgang mit großen Beutegreifern betrifft?

Josef Reichholf: Ganz sicher. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass die bayerische Staatsregierung nach dem Abschuss von Bruno ziemlich unter Druck geraten war. Kinder hatten noch zu seinen Lebzeiten geschrieben und auf seinen Schutz gedrängt und nach seiner Tötung – mit bitteren Tränen gewürzt – seinen Tod beklagt. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren immer mal wieder Bären auf der Tiroler Seite nahe der bayerischen Grenze gesichtet wurden und es eine gewisse Gewöhnung gab. Die gegenwärtige Situation ist auch günstig, weil der der Bär jetzt nach einem Überwinterungsplatz sucht und nicht mehr allzu aktiv sein wird. Wenn die Leute sehen, dass wir einen Bären haben, der weitgehend unsichtbar bleibt und nur hier und da einen Kothaufen hinterlässt, der nach Bärendreck stinkt, aber ansonsten passiert nicht viel: Das wird den ersten Druck aus der ganzen Situation herausnehmen.

Haben auch Jäger und Bauern dazugelernt, die 2006 massiv auf einen Abschuss Brunos gedrängt haben?

Nein, und sie wollen offenbar auch gar nichts lernen. Die wollen absolut weder Wolf noch Bär haben. Viele Jäger schüren immer noch dieses Rotkäppchensyndrom, weil sie keine Konkurrenten haben wollen. Schlicht ausgedrückt: Wenn Wolf oder Bär einen Hirsch reißen, der Knochen am Kopf hat, die ein Jäger an die Wand hängen will, dann finden diese das ganz furchtbar. Eigentlich müssten sie aber froh sein, wenn Wolf oder Bär sie dabei unterstützen, ihre Abschusspläne zu erfüllen. Ein Umdenken ist bei den Funktionären der Jagd- und Bauernverbände nicht zu erwarten. Das Einzige, was Wolf und Bär erhalten und schützen kann, ist die öffentliche Meinung.

In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. In Bayern gab es ein erfolgreiches Volksbegehren für mehr Artenvielfalt, überall gehen Jugendliche freitags für Klima- und Umweltschutz auf die Straße. Hilft dieses neue Umweltbewusstsein auch den zuwandernden Beutegreifern?

Das ist natürlich eine vage Hoffnung, die wir alle hegen. Aber ich glaube, wenn es sich um einen Bärenspinner, also einen Schmetterling, handelt, ist die Lage einfacher als bei einem Braunbären. Es sind eben die alten Ängste, die in einigen lokalen Medien immer noch verbreitet werden. Die Suche nach Sensationsgeschichten sind eine große Gefahr.

Eine Braunbären-Mutter läuft mit einem Jungen über eine Wiese.
Bärennachwuchs steht für Deutschland nicht zu erwarten. Im Managementplan der bayerischen Staatsregierung wird ausdrücklich festgehalten, dass an ein Wiederansiedlungsprogramm nicht gedacht ist.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zeigt sich offensiv von seiner grünen Seite. Gibt ihnen das Hoffnung?

Ja, natürlich. Die CSU ist weit von einer absoluten Mehrheit entfernt und Söder weiß genau, dass er vielleicht eher früher als später eine Koalition mit den Grünen eingehen muss. Also muss er rechtzeitig Signale setzen, die ihn koalitionsfähig machen. Eine vernünftige Umsetzung des bestehenden Managementplans für die großen Beutegreifer könnte dazugehören und das wiederum würde Wolf und Bär helfen. Trotzdem bin ich insgesamt skeptisch, ob es gelingen wird, dass Bären jenseits von Einzeltieren als kleine Population in Bayern wieder Fuß fassen können. Das hat in Österreich leider auch nicht geklappt.

Ist in Deutschland denn aus wildökologischer Sicht noch oder wieder Platz für Bären?

Platz wäre auf jeden Fall, das ist gar keine Frage. Auch die Nahrung wäre angesichts übergroßer Schalenwildbestände und anderer Nahrung im Gelände ausreichend vorhanden. Das Problem liegt woanders. Ein Überleben für Bären ist wegen der Anwesenheit des Menschen meiner Ansicht nach in den allermeisten Gebieten dauerhaft nur in großflächigen weitgehend unbewohnten Arealen wie den Truppenübungsplätzen möglich. Wenn sie es in Bayern beispielsweise nicht schaffen, beispielsweise bis zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr zu kommen, haben sie wohl keine Chance. Das ist für Bären mit ihrem geringeren Aktionsradius aber viel schwerer als beispielsweise für Wölfe. Am ehesten wären die Karpartenbären in der Lage, über Tschechien etwa nach Grafenwöhr-Hohenfels zu gelangen.

Was ist mit den der existierenden Großschutzgebieten in den bayerischen Alpen?

Ich glaube nicht, dass Bären dort heimisch werden können. Nicht wegen mangelnder ökologischer Voraussetzungen, sondern, weil sie vom Menschen dort nicht dauerhaft akzeptiert würden.

Warum können Bären im Trentino unbehelligt leben und in Tirol und Bayern nicht?

Das liegt ganz offensichtlich an der ganz anderen Einstellung der Bevölkerung zu ihnen. Die Beispiele Italien und Slowenien zeigen eigentlich, dass man auch in „zivilisierten Gegenden“ mit dem Bären zurechtkommen kann, es muss nicht Transsylvanien sein oder irgendein anderes ganz abgelegenes Eck Europas. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Bären in den genannten Gebieten nie ganz ausgerottet waren. Andererseits ist es auch so, dass es in diesen Ländern in Regionen wieder Bären gibt, wo sie auch über 100 oder 150 Jahre völlig verschwunden waren. Was Italien und Slowenien aber von uns unterscheidet ist, dass es dort dieses – vielleicht typisch deutsche – extreme Bestreben nicht gibt, über alles bestimmen zu wollen.

Was meinen Sie damit?

Das sehen wir ja auch in anderen Bereichen, etwa in der Landwirtschaft: Dass wir hier per Gesetz festschreiben müssen, dass nicht auch noch der letzte Zentimeter Randstreifen an der Wiese oder dem Bach abgemäht werden darf, ist ein Beispiel. Das kostet zwar nur Geld und Zeit und bringt nichts im Sinne von Ertrag. Aber trotzdem ist die Grundeinstellung vielfach: Das Zeug hat da nichts zu suchen und muss weg, denn es sieht sonst nicht ordentlich aus. Italiener und Franzosen beispielsweise sehen das nicht so.

In Österreich ist die Wiederansiedlung von Bären an illegaler Tötung gescheitert. Auch beim Bartgeier bremsen Abschüsse andernorts erfolgreiche Wiederbesiedlungen in unserem Nachbarland aus. Gleichzeitig wäre Österreich ein wichtiges Transitland für slowenische Bären nach Deutschland.

Eine Ansiedlung in Deutschland wäre in der Tat wahrscheinlich nur möglich, wenn die Österreicher zuließen, dass sich die Bären aus Slowenien in den weiteren Alpenraum ausbreiten. Dann würde über kurz oder lang auch Bayern besiedelt. Und aus Slowenien kommen ja auch immer wieder Bären nach Österreich. Österreich ist in der Tat der Schlüssel.

Wölfe haben sich dank ihrer großen Anpassungsfähigkeit bereits wieder in vielen Gebieten Deutschlands etabliert. Doch kaum sind die immer noch äußerst seltenen Beutegreifer wieder da, setzt bereits die Diskussion um ihre Bejagung ein.

Was müsste alpenweit getan werden, um eine Wiederbesiedlung von Wolf und Bär zu unterstützen?

Ich plädiere für einen Entzug der Jagdlizenz auf Lebenszeit bei Tötung eines Wolfs oder Bären. Das kann aber nur funktionieren, wenn im Falle eines Abschusses eines Wolfs oder eines Bären die Revierinhaber nachweisen müssten, dass nicht sie das Tier getötet haben.

Das würde eine Umkehr der Beweislast bedeuten …

Richtig. Aber Revierinhaber beanspruchen so viele Privilegien für sich, dass es vertretbar wäre, dass sie in so einem schwerwiegenden Fall auch nachweisen müssten, dass sie es nicht waren. Solange es nicht gelingt, die Jäger in die Schranken zu weisen, werden wir keinen Fortschritt erzielen.

Das klingt ziemlich pessimistisch. Dabei hat es doch im aktuellen Fall deutlich weniger Forderungen nach Abschuss oder Vertreibung des Bären gegeben.

Ich fürchte in der Tat, dass wir hier nur eine gerade sehr günstige Lage haben. Das Vieh ist für den Winter von den Almen geholt und der Bär ist in einer ruhigen Phase des Jahreszyklus. Ich fürchte, dass die Stimmung wieder kippen würde, wenn der Bär Nutztiere erbeuten würde.

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