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  3. Was passiert, wenn das Volk nach mehr Artenvielfalt begehrt?

Eine Zeitenwende für die Natur?

Vor einem Jahr startete das Volksbegehren Artenvielfalt in Niedersachsen. Was es gebracht hat – und was nicht – zeigt, dass die Natur in ganz Deutschland neue Verbündete braucht

von
23.03.2021
15 Minuten
Blauer Himmel, davor ein Schwarm von rund 40 Kiebitzen, erkennbar am schwarzweißen Gefieder

Ich habe einen Traum: Dass auf den Wiesen rund um mein Dorf wieder Kiebitze balzen und Kuckuckslichtnelken blühen, dass an den Feldrändern neue Schlehenhecken sprießen und der Dorfbach, zurzeit ein dünner, schnurgerader Strich durch die Landschaft, wieder Kurven ziehen darf.

Seit Jahren schon trage ich diesen Traum mit mir herum, obwohl – oder gerade weil – die Wirklichkeit ihm eher widerspricht. Ich lebe im ländlichen Nordniedersachsen, besondere Kennzeichen: Mais-, Kartoffel- und Grasäcker im Großformat, durchsetzt mit Nutzholzforsten und Gewerbegebieten. Ich bin schon froh, wenn ich im Frühjahr noch ein paar Lerchen höre, am Wegrand Hahnenfüße blühen sehe, und die letzten verbliebenen Feldhecken vom Schredder verschont geblieben sind.

Schon zum vierten Mal stimmten die Menschen in einem Bundesland für mehr Naturschutz ab

Vor einiger Zeit aber erschien mir mein Traum plötzlich realistischer als sonst. Da las ich vom Volksbegehren Artenvielfalt in Niedersachsen, dem bereits vierten seiner Art in Deutschland. Den Anfang hatten bayrische Aktivistinnen und Aktivisten gemacht, die mit dem Aufruf „Rettet die Bienen!“ im Februar 2019 innerhalb von nur zwei Wochen über 1,7 Millionen Menschen dazu bewegten, ein neues bayrisches Naturschutzgesetz zu fordern. Es folgten zwei Aktionen in Brandenburg und Baden-Württemberg, die aus unterschiedlichen Gründen vorzeitig beendet wurden; im vergangenen Sommer haben Menschen in Nordrhein-Westfalen mit einer noch laufenden Volksinitiative nachgezogen.

Zwei Frauen und drei Männer stehen auf einer Wiese und halten ein Transparent vor sich mit der Aufschrift „Vielfalt schützen, Zukunft retten. Volksbegehren Artenvielfalt“ und eine stilisierte Honigbiene.
Initiatorinnen und Initiatoren des Volksbegehrens Artenvielfalt werben in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover für ihr Anliegen: (von links) Klaus Ahrens (Imkerverband), Hanso Janßen (Grüne), Magdalena Schumacher (NAJU), Anne Kura (Grüne) und Holger Buschmann (NABU)

In meinem Bundesland startete das Volksbegehren Artenvielfalt, genau gesagt seine erste Phase, offiziell am 2. März 2020. Initiiert hatten es die Landesverbände von NABU und Bündnis 90/Die Grünen sowie der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund; mitgetragen wurde es von über 200 Bündnispartnern – lokalen Umweltinitiativen ebenso wie Forschungsinstituten, Gewerkschaften, Unternehmen und NGOs. Die Forderungen des Bündnisses umfassten 17 Punkte, ausformuliert in einem „Gesetz zur Sicherung der Arten- und Biotopvielfalt in Niedersachsen“. Die meisten davon standen – und stehen – seit Jahren auf den To-do-Listen von Naturschutzfachleuten: Ausbau des Ökolandbaus (mindestens 20 Prozent bis 2030), Stopp des Flächenfraßes (Netto-Null bis 2050) mehr Natur im Wald (Laubholz auf mindestens 55 Prozent der Fläche, keine Kahlschläge und Entwässerung mehr) und besserer Schutz von Gewässern (fünf Meter breite Randstreifen an jedem Bach).

Grünland im Frühjahr in Ruhe lassen – das wäre eine wichtige Erste-Hilfe-Maßnahme für Wiesenvögel

Es waren aber vor allem drei Forderungen, die ich am liebsten mit Leuchtstift auf allen Info-Flyern und Webseiten der Aktion markiert hätte:

  • das Verbot, artenreiche Wiesen (in der Fachsprache „Dauergrünland“) umzupflügen, um sie in Äcker oder andere landwirtschaftliche Nutzflächen umzuwandeln
  • ein verbindlicher Schutz für Hecken, Alleen, Feldgehölze und andere ökologisch wertvolle Landschaftselemente
  • eine „Sperrfrist“ für die Bearbeitung aller Flächen, die Kiebitzen und anderen Wiesenvögeln als Brutplatz dienen: Zwischen dem 20. März und dem 15. Juni sollten sie, laut Gesetzentwurf, weder gewalzt noch gemäht werden – mit Ausgleichszahlungen für die betroffenen Landwirte. Solche Zahlungen sah das Volksbegehren übrigens bei allen geforderten Maßnahmen vor, die Einschränkungen und Ertragsverluste für Landbesitzer oder -pächter mit sich bringen würden.
Die leuchtend pinkfarbenen, charakteristisch ausgefransten Blüten der Kuckuckslichtnelke beleben eine feuchte Wiese an der Oste, einem Fluss im Landkreis Stade. In den Schilfzonen zwischen den Grasflächen brüten sogar Rohr- und Wiesenweihe sowie die Sumpfohreule
Blühende Kuckuckslichtnelken auf einer feuchten Wiese: ein Anblick, der in der norddeutschen Agrarlandschaft selten geworden ist. An der Oste im Landkreis Stade finden sich noch 120 Hektar artenreiches Grünland, das auch Zugvögeln als Rastplatz dient
Vor einem Supermarkt in Nordstemmen bei Hildesheim haben Unterstützerïnnen des Volksbegehrens Artenvielfalt Niedersachsen einen Stand errichtet, um Unterschriften zu sammeln
Das Werben um Unterschriften war durch die Corona-Beschränkungen erheblich erschwert. Dennoch unterzeichneten zwischen Mai und Oktober über 165.000 Wahlberechtigte den Forderungskatalog des Volksbegehrens – wie in Nordstemmen bei Hildesheim
Eine Rebhuhnfamilie wandert über einen Feldweg am Rand einer blühenden Wiese entlang
Kaum eine Vogelart hat durch die Intensivierung der Landwirtschaft so sehr gelitten wie das Rebhuhn. Ein Schutzprojekt in Göttingen zeigt, wie ihm zu helfen wäre: durch mehr naturnahe Brachen und Blühstreifen in der Feldflur
Ein von Güllefrachten braun gefärbtes Stoppelfeld, an dessen Rand ein einzelner Baum aufragt
So sieht vielerorts die niedersächsische „Normallandschaft“ aus: großflächige, von Gülle durchtränkte Äcker, zwischen die weder Hecken noch Brachstreifen passen, sondern höchstens vereinzelte Bäume
Ein Maisacker mit ebenmäßigen Reihen von Jungpflanzen, zwischen denen völlig nackte Erde liegt. Gleich daneben, ohne einen Krautsaum davon getrennt, ein schnurgerader Feldweg
Wenn der Maisacker, auf dem dank Glyphosat kein einziges Wildkraut sprießt, bis an die Fahrspur des Feldwegs reicht, haben Insekten, Vögel und andere TIere keine Chance
Die Lutter, ein Bach in der Nähe von Celle, fließt auf weite Strecken durch einen Wald. Sie wurde ab den 1980er Jahren auf ganzer Strecke renaturiert, mitsamt ihrer Zuflüsse
Wenn Bäche und Flüsse in Niedersachsen endlich breite, unbewirtschaftete Randstreifen bekommen, wie es das neue Naturschutzgesetz vorsieht, dann fließen sie vielleicht irgendwann so quicklebendig dahin wie die vor Jahrzehnten renaturierte Lutter bei Celle. Und wer weiß …
Im Bachbett der Lutter, die nicht weit von Celle an einer Mühle vorbeifließt, sitzt die Heide aus Lüneburg – eine Steinskulptur der Künstlerin Petra Förster
… vielleicht werden dann auch die Bachelfen und Flussnixen, die bis jetzt nur in Form steinerner Figuren existieren, wieder zum Leben erwachen. Diese hier heißt Heide, ist ein Werk der Bildhauerin Petra Förster und hockt im Bachbett der Lutter an einer Mühle
Ein Moortümpel in einer nebligen Landschaft
Wenig ist von den früher riesigen Mooren in Norddeutschland übriggeblieben. Die restlichen Moore – wie hier im Emsland – sind deshalb umso wichtiger.
Hecken säumen einen matschigen Feldweg. Sie sind mit einer großen Fräse brachial zurückgestutzt worden
So „liebevoll“ wie an einem Feldweg bei Lüneburg werden vielerorts die Hecken gestutzt. Wenn sie den brachialen Schnitt nicht überstehen – auch egal. Hauptsache, die Mähdrescher kommen vorbei
Der Randstreifen neben einer Nebenstraße: bis auf einzelne Bäume ratzekahl abgemäht, mehrere Gehölze bodennah abgesägt.
Hier wäre genug Platz, um Nistgelegenheiten für Dorngrasmücke, Neuntöter und viele andere zu schaffen. Aber Gemeinde und Landbesitzer sorgen dafür, dass kein „Wildwuchs“ hochkommt. Öko ist ja gut und schön, aber Ordnung ist wichtiger
Eine Uferschnepfe sucht in einer überschwemmten Wiese am Dümmersee nach Nahrung. Sie trägt an jedem Bein bunte Ringe, die den Vogelschützern helfen, die dortige Population zu zählen und ihren Bruterfolg zu verfolgen
Viele in Niedersachsen heimische Tier- und Pflanzenarten können heute nur noch in wenigen Refugien überleben. Wie etwa die Uferschnepfe, die in dem weitläufigen Wiesenvogel-Schutzgebiet am Dümmer See Nahrung und Brutplätze findet …
Drei übereinander hockende Moorfrösche in einem Tümpel
… der Moorfrosch, der nur in klaren, nicht durch Gülle oder Umweltgifte verunreinigten Kleingewässern überlebt …
Eine grünbraun gemusterte Zauneidechse sonnt sich auf einem warmen  Steinboden
… die Zauneidechse, die warme, wenig bewachsene Böden auf Heiden oder Waldlichtungen bevorzugt und sich kaum je aus ihrem Revier entfernt …
EIn locker gewebter Teppich von Sonnentaublüten bedeckt eine Moorfläche in der Südheide
… und der Sonnentau, der in einigen Moorgebieten des Naturparks Südheide gedeiht

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Eine Heidefläche im Naturschutzgebiet Nordheide. Zwischen den Heidekrautpolstern sprießen Wacholder und Birken, in der Mitte steht ein überdachter Bienenstock
Die Lüneburger Heide bei Egestorf. Wenn alle der über 450 Natura 2000-Gebiete Niedersachsens so sorgfältig gepflegt würden wie dieses, das zu den ältesten Schutzgebieten Norddeutschlands zählt, dann müsste man sich um viele gefährdete Arten keine Sorgen machen
Anhängerïnnen der Fridays For Future-Bewegung demonstrieren in Berlin
Die Klimaschützerïnnen von Fridays For Future machen vor, wie man ein lange vernachlässigtes Umweltthema auf die politische Agenda setzt. Vielleicht sollten sich Naturfreundinnen und -freunde ein Beispiel an ihnen nehmen und öfter auf die Straße gehen
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Johanna Romberg

Johanna Romberg

Johanna Romberg war von 1987 bis 2019 Autorin und Redakteurin der Zeitschrift GEO. 2018 erschien ihr erstes Buch „Federnlesen – vom Glück, Vögel zu beobachten“ im Lübbe-Verlag. Soeben ist ihr zweites Buch erschienen, Titel: „Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze – wie wir sie entdecken und retten können“.


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