Alexander von Humboldt – ein früher Vordenker des Anthropozäns

Ein Gespräch mit der Biografin und Bestsellerautorin Andrea Wulf

8 Minuten
Die Buchautorin und Humboldt-Biografin Andrea Wulf sitzt auf einem Treppenabsatz. Neben ihr sind Pflanzen.

Donald Trump hat den „Globalismus“ zum Feind erklärt. Andrea Wulf, Autorin des Bestsellers über Alexander von Humboldt, „Humboldt – Die Erfindung der Natur”, zur Bedeutung des Naturforschers für unsere Zeit.

Ihr Buch über Humboldt ist ein Bestseller, Sie bekommen einen renommierten Preis nach dem anderen. Warum ist das Interesse an Humboldt mehr als 150 Jahre nach seinem Tod wieder so groß?

Viele Menschen, die sich für Umweltschutz interessieren, glauben, dass alles mit Rachel Carsons Buch „Stummer Frühling“ in den 1960er Jahren begonnen hat. Wenn sie jetzt durch mein Buch oder bei meinen Vorträgen erfahren, dass Humboldt der vergessene Gründervater des modernen Umweltschutzes ist, sind viele überrascht. Sie können es gar nicht glauben, wie klar Humboldt schon vor 200 Jahren die Dinge gesehen hat, etwa als er über bemannte Raumfahrt schrieb und warnte, die Menschen würden ihre dunklen Seiten, ihre Arroganz und ihre Raffgier mit auf andere Planeten nehmen und diese womöglich ebenso verwüsten wie die Erde.

Was beeindruckt Sie an Humboldt?

Dass er keine scharfe Trennlinie zwischen der Wissenschaft und den Künsten gezogen hat. Ja, er war regelrecht besessen von wissenschaftlichen Messungen, aber zugleich philosophierte er darüber, dass unsere Vorstellungskraft und auch Emotionen wichtig sind, um sich mit der Natur zu verbinden. Bei aktuellen Umweltdebatten geht es hauptsächlich um trockene Statistiken, darum, ob die globale Durchschnittstemperatur nun um 1,5 Grad oder 2 Grad Celsius steigen darf oder wie viele Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen dürfen. Zu solchen Zahlen haben Menschen keine echte Verbindung, ja sie schaffen sogar eine merkwürdige Distanz zu dem, was passiert. Humboldt bringt in seiner Arbeit eine Begeisterung für Naturwunder zum Ausdruck, er empfindet Freude an der Natur. Und wir wissen doch, dass wir nur das wirklich beschützen können, was wir lieben. Er war natürlich kein Romantiker, der schwärmerisch durch die Wälder läuft. Er war ein Hardcore-Wissenschaftler, aber einer, der die Welt der Künste immer in sich trug.

Warum spricht Sie das so an?

Weil ich überzeugt bin, dass wir Wissenschaft nicht länger so engstirnig wie heute betreiben können. In der Schule bekam ich immer gesagt, dass ich echt gut in Sprachen und Kunst sei, aber schlecht in wissenschaftlichen Fächern. Und jetzt? Ich habe den Buchpreis der Royal Society gewonnen, einer der ehrwürdigen wissenschaftlichen Gesellschaften der Welt. Es gibt Tage, an denen ich einen speziellen Lehrer anrufen und ihn fragen möchte, wie das denn bitte sein könne. Der Prozess des Schreibens hat mir nochmal gezeigt, dass es zur Wissenschaft nicht nur einen Weg gibt. Das sah auch Humboldt so. Man schaue sich nur an, wie er mit Grafiken und Illustrationen umging, die zu seiner Zeit neu waren. Ihm gelang es, in einem einzigen Bild eine ganze Landschaft wissenschaftlich zu beschreiben, er hat über die Isothermen Wetterdaten zu einer visuellen Geschichte in den Landkarten verwandelt und dabei die Klimazonen entdeckt. Das sagt mir, dass Zugänge zur Wissenschaft sehr vielfältig sein können.

Eine von Humboldt erstellte Karte zeigt Vegetationszonen an einem Berg in Südamerika.
Zusammen mit seinem Gefährten Bonpland schuf Humboldt ein Ordnungssystem für Landschaften und Vegetation
Eine Briefmarke mit dem Konterfei von Alexander von Humboldt
Eine kubanische Gedenkmarke zum zweithundersten Geburtstag Humboldts aus dem Jahr 1969 zeigt den Gelehrten in Gesellschaft eines Kondors.
Eine Vorderansicht des Berliner Stadtschloss während der Rekonstruktion im Jahr 2016.
Jahrelange wurde über das Berliner Stadtschloss und das Humboldt-Forum gestritten, nun soll der Brite Neil MacGregor Ruhe ins Projekt bringen.

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