Sex, Erpressung, Covid-19: Warum Menschen in Kolumbien beim Wort „Impfung“ gemischte Gefühle haben

Kleines Südamerika-Lexikon: V wie Vacuna

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Grafik mit einer Ärztin, die mit wehender Mähne und Stethoskop durchs Bild rennt. In der Hand hält sie eine gigantische Riesen-Spritze.

Impfgegnerïnnen sind in Kolumbien selten. Im Gegenteil: Hierzulande warten die meisten Menschen seit Monaten auf die vor dem Coronavirus schützenden Spritzen. Das Wort selbst weckt in Kolumbien keineswegs nur Vorfreude. Eine kleine Wortkunde.

Vacuna ist das spanische Wort für Impfung. Wenn Kolumbianerïnnen es hören, werden bei ihnen drei recht unterschiedliche Assoziationen wach, wie die Linguistin Myriam Constanza Moya Pardo von der Universidad Nacional in Bogotá erklärt.

Grafik mit einer Ärztin, die mit wehender Mähne und Stethoskop durchs Bild rennt. In der Hand hält sie eine gigantische Riesen-Spritze.
Auf zum Impfen gegen Covid-19: Auch in Kolumbien soll jetzt endlich Tempo in die Kampagne kommen.

Für Ärzte, Ärztinnen und Patientïnnen

Zum einen denken Kolumbianerïnnen wie alle spanischen Muttersprachlerïnnen an die Impfung, um einer Krankheit vorzubeugen.

Dem spanischen Wort vacuna hört man seinen Ursprung an: die Kuh, la vaca (lat. vacca). 1796 vermutete der englische Arzt und Wissenschaftler Edward Jenner, dass eine Kuhpocken-Erkrankung (auf Spanisch viruela bovina oder viruela vacuna), die beim Menschen harmlose sogenannte Melkerknoten hervorruft, später vor einer Ansteckung mit den tödlichen Pockenviren schützt. Denn Melkerinnen, die sich bei der Arbeit mit Kuhpocken angesteckt hatten, waren gewöhnlich immun.

So kam Jenner auf die Idee zur modernen Pocken-Schutzimpfung. Er war damit nicht der erste, und der Name ist bis heute irreführend: Das für die Impfung verwendete Vacciniavirus ist, wie man mittlerweile weiß, näher mit den Pferdepocken als mit den Kuhpocken verwandt. Aber bis heute sind die Pocken die erste und einzige Krankheit, die ausgerottet wurde – dank der Impfung.

„Mit der Bedeutung (von „Impfung“, K.W.) taucht vacuna auch in den spanischen Wörterbüchern und Enzyklopädien auf“, sagt Myriam Constanza Moya Pardo. „Das ist die verbreitetste.“

Das Wort vacuna löst in diesem Sinne bei vielen Kolumbianerïnnen eher positive Gefühle aus. Dass die meisten Länder des globalen Nordens und auch in Südamerika früher als Kolumbien mit dem Impfen gegen Covid-19 starten konnten, wurde mit hierzulande mit Neid beobachtet – und der Impfstart immer sehnlicher herbeigewünscht. Gleichzeitig wuchs die Skepsis – was auch mit der zweiten Bedeutung von vacuna zu tun hat.

Eine Hand reicht einer anderen einen Geldschein.
Die zweite Bedeutung des Wortes „vacuna“ in Kolumbien hat mit Geld zu tun.
Grafik mit einem bärtigen Mann, der die Hände jubeln in die Höhe streckt. Dort, wo sein Genital sein sollte, hängt eine Impf-Spritze.
Die dritte Bedeutung des Worts „vacuna“ bringt uns zurück zu Spritzen und Flüssigkeiten.
Schwarz-weiß Porträt einer Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren und dunkel geschminkten Augen.
Linguistin Dr. Myriam Constanza Moya Pardo (50) von der Universidad Nacional in Bogotá beschäftigt sich seit etwa 15 Jahren speziell mit kolumbianischer Pragmatik, also mit dem Sprachgebrauch der Kolumbianerïnnen. Darüber spricht sie regelmäßig mit Kollegïnnen im Uni-Podcast Intervoces. Besonders interessiert sie, wie die Gewalt und der bewaffnete Konflikt die Sprache beeinflusst haben.

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