Ernährungssouveränität im Maghreb: Unabhängig werden vom Norden – nur wie?

Der Krieg gegen die Ukraine bringt das Thema Ernährungssouveränität in Nordafrika wieder auf die Agenda. Doch über den Weg zur Unabhängigkeit sind sich die Akteure uneinig.

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Die römischen Ruinen in Dougga, Tunesien, und ein Weizenfeld

Leere Supermarktregale, lange Schlangen vor den Bäckereien, Bauern, die gegen hohe Futtermittelpreise protestieren: der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen auf den Maghreb haben das Thema Ernährungssouveränität nicht nur dort wieder auf die Agenda gesetzt. Gestern hat die G7 beschlossen, ein Bündnis für globale Ernährungssicherheit zu schaffen. Hilfsorganisationen hatten seit Beginn des Krieges davor gewarnt, dass er Hungersnöte in anderen Weltregionen nach sich ziehen könnte. Dass sich in den nordafrikanischen Staaten in der Agrarpolitik etwas ändern muss, ist dort Konsens. Aber über die Frage wie die Region unabhängiger von Lebensmittelimporten werden kann, sind sich die Akteure uneinig.

Werden Milch, Eier und Zucker nun teurer oder nicht? Seit Tagen schwelt in Tunesien die Diskussion über Preiserhöhungen für Lebensmittel. Landwirtschaftsministerium, Regierungssprecher und Staatspräsident höchstpersönlich haben sich eingemischt, jeder mit seiner eigenen Variante der Geschichte – mal hieß es, die Erhöhungen würden am nächsten Tag in Kraft treten, dann sollen es auf einmal alles nur Gerüchte gewesen sein. Die Bevölkerung ist verunsichert. In den vergangenen Tagen haben Landwirte immer wieder Straßen blockiert, um gegen die steigenden Preise für Futtermittel zu protestieren.

Im Winter lagen zwei Containerschiffe mit einer Getreidelieferung für den staatlich kontrollierten Zentraleinkauf wochenlang vor der tunesischen Küste, ohne dass die Ladung gelöscht wurde. Der Grund: Tunesien konnte die bestellte Ware nicht bezahlen. Letztendlich löste sie die Europäische Union cash aus, erklärte Anfang Mai ein spanischer Abgeordneter des Europaparlaments bei einer Sitzung des Außenausschusses. Das Land stehe kurz vor der politischen und wirtschaftlichen Explosion, so seine Diagnose nach dem Besuch einer Parlamentariergruppe in Tunesien im April. Dort hatte Staatspräsident Kais Saied im vergangenen Sommer die Macht an sich gerissen. Die seit Jahren andauernde Wirtschaftskrise hatte sich zuletzt weiter verschärft, während die politische Zukunft des Landes ungewiss ist. Angesichts dieser Ereignisse fordern nun viele Tunesierïnnen, dass ihr Land endlich unabhängiger werden müsste von Lebensmittelimporten.

Die bestehende Krise wird durch den Krieg verschärft

Schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war die Situation Tunesien, aber auch in anderen Ländern Nordafrikas wie zum Beispiel Marokko, angespannt. Es mangelte an Getreideprodukten. Vor den Bäckereien bildeten sich teils lange Schlangen. Manche hatten ganz geschlossen, da sie kein subventioniertes Mehl mehr bekamen für ihre Baguettes. Schuld waren damals in erster Linie die steigenden Weltmarktpreise für Getreide und Düngemittel.

Dann kam der Krieg und mit ihm die Angst vor ernstzunehmenden Versorgungsengpässen, denn Tunesien bezieht rund die Hälfte seines Getreides aus der Ukraine und Russland. Ferid Belhaj, Vizepräsident der Weltbank für Nordafrika und den Nahen Osten, warnte vor negativen Auswirkungen des Krieges auf die Versorgung von Millionen Menschen. Man müssen jetzt „auf jedes Korn Weizen oder Gerste“, auf jeden Tropfen Wasser achtgeben, warnte Zentralbankchef Marouen Abbassi

Eine neue Agrarstrategie ist nötig – aber wie soll sie aussehen?

Ein Mann steht hinter Körben mit Getreide
Immer mehr Tunesierïnnen wollen wieder traditionelles Saatgut nutzen
Zwei Gurken liegen auf einem Holzbrett
Hellgrün, pelzig und krumm: die traditionelle tunesische Gurke sollte eigentlich gar nicht mehr auf dem Markt sein.

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