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Wie Südafrikas Top-Epidemiologe in der Corona-Krise hilft und dabei Herzen gewinnt

Professor Salim Abdool Karim ist nicht nur ein international anerkannter Forscher, sondern auch ein Aktivist im Dienst der Wissenschaft

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24.04.2020
etwa eine Stunde
Scientist Professor Salim Abdool Karim, a South African epidemiologist and infectious diseasaes specialist, and one of the conveners of the march leads people during the 'March for Science’ in Durban on April 14, 2018. – The march was organised by the University of KwaZulu-Natal (UKZN), the South African Medical Research Council (SAMRC), the South African Medical Students Association (SAMSA), the Centre for the AIDS Programme of South Africa (CAPRISA), and Global Laboratories. (Photo by RAJESH JANTILAL / AFP)

Er ist mehr als die südafrikanische Antwort auf Christian Drosten – Salim Abdool Karim ist nicht nur ein international anerkannter Epidemiologe, der die Regierung in der Corona-Krise berät. In seiner Brust schlägt auch das Herz eines Aktivisten. Seine Heimat liebt ihn dafür.

Zum Glück ist er kein Ingenieur geworden, so wie er es eigentlich vorhatte. Für einen jungen, indisch-stämmigen Südafrikaner waren die Berufsaussichten während der Apartheid begrenzt. Deshalb habe er sich in den 1970er Jahren für die „sichere Variante“ entschieden, sagte Salim Abdool Karim in einem Interview mit ‚The Lancet‘: Ein Medizinstudium. Südafrika ist heute sehr dankbar für diese Entscheidung.

Denn der ehrgeizige Medizinstudent von damals, dessen besondere Gabe für Epidemiologie sein Professor schon früh erkannte, sitzt heute dem wissenschaftlichen Corona-Rat der Regierung vor. Ein Mann dessen Qualifikation ebenso außer Frage steht, wie sein tiefer Humanismus. Ein Wissenschaftler, der nicht nur von Kollegen respektiert, sondern von der Bevölkerung geliebt wird.

Aktiv in der Anti-Apartheid-Bewegung

Abdool Karim, der Ende Juli seinen 60. Geburtstag feiert, stammt aus der südafrikanischen Hafenmetropole Durban. Als er zehn Jahre alt war, wurde seine Familie vom Apartheid-Regime zwangsumgesiedelt – nach der rassistischen Ideologie in ein „indisches“ Township am südlichen Stadtrand. Seine Mutter war in der Anti-Apartheid-Bewegung aktiv, nahm an Protestmärschen und Aktionen gewaltfreien Widerstands nach dem Vorbild Gandhis teil. Das habe auf ihn abgefärbt, erinnert er sich.

Porträtfoto von Professor Salim Abdool Karim
Professor Salim Abdool Karim

Als Student engagierte er sich für Menschenrechte und gegen die Apartheid. Später, nach der demokratischen Wende, unterstützte er die Aktivisten der ‚Treatment Action Campaign‘ in ihrem Kampf für HIV-Medikamente. Hintergrund dieses Kampfes war die verheerende, auf Verschwörungstheorien statt Wissenschaft basierende Aids-Politik der Regierung unter Präsident Thabo Mbeki.

Während abertausende Südafrikanerïnnen qualvoll und wegen des Stigmas häufig auch einsam starben, warben der Präsident und seine Gesundheitsministerin selbst bei internationalen Konferenzen für „Heilmittel“ wie Knoblauch und Rote Beete. Diese Ära sei der Tiefpunkt seines Lebens gewesen, so Abdool Karim rückblickend in einem Interview des ‚Journal of Experimental Medicine‘. Es habe sich so angefühlt, als würde alles untergraben, wofür er und seine Kolleg*innen gearbeitet hätten.

Bei der UN-Aids-Konferenz kam es zum Showdown

Salim Abdool Karim, damals bereits ein anerkannter Epidemiologe, hatte seine Doktorarbeit über Hepatitis B bei Kindern, die epidemiologischen und sozialen Folgen geschrieben. Sein Doktorvater, Professor Hoosen Coovadia, war ein ehemaliger Freiheitskämpfer, Kinderarzt und führend in der HIV/Aids-Forschung. Im Jahr 2000 gehörten beide zum Vorstand der internationalen Aids-Konferenz in Durban. Dort kam es zum Showdown. Eine wütende Gesundheitsministerin zitierte die Wissenschaftler zu sich, spuckte Gift und Galle, beschimpfte die beiden als Verräter. Doch sie ließen sich nicht einschüchtern.

5.000 internationale Wissenschaftlerïnnen hatten zuvor in einer Erklärung unmissverständlich den Forschungsstand festgehalten. Nelson Mandela verurteilte die südafrikanische Verleugnungspolitik in seinem Schlusswort scharf. Und der 11-Jährige Nkosi Johnson forderte in einem flammenden Appell antiretrovirale Medikamente für Schwangere, damit Kinder wie er nicht länger HIV-positiv geboren werden.

Caprisa ist ein international führendes Forschungsinsitut

Die südafrikanische Regierung stand mit dem Rücken zur Wand, es war der Beginn der Kehrtwende in der Behandlung HIV-Infizierter und Aids-Kranker im Land und Abdool Karim hatte dazu entscheidend beigetragen. Nur ein Jahr später wurde das Forschungsinstitut Caprisa (Centre for the Aids Programme of Research in South Africa) gegründet. Als Direktor arbeitet Abdool Karim dort Seite an Seite mit seiner Frau, Quarraisha Abdool Karim, die er im Medizinstudium kennenlernte und mit der er seine Leidenschaft für die Erforschung von Infektionskrankheiten teilt.

Der Vater zweier erwachsener Töchter gilt als Arbeitstier, lehrt neben seiner Forschungstätigkeit an renommierten Universitäten wie der Columbia University, sitzt in wissenschaftlichen Beiräten von UNAIDS und WHO und ist mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem prestigeträchtigsten afrikanischen Wissenschaftspreis ‚Kwame Nkrumah Continental Scientific Award‘. Im vergangenen Jahr wurde er als Mitglied in die britische ‚Royal Society‘ aufgenommen. Aber trotz dieser Ehre bleibt er bescheiden: Ohne die fantastischen Menschen, mit denen er bei Caprisa arbeite, hätte er all dies nie erreicht.

Südafrika kann sich keinen besseren Covid-19 Berater wünschen

Es ist also kein Wunder, dass sich Südafrikas amtierende Regierung in der Corona-Pandemie ratsuchend an ihn gewandt hat. Sie hätte keine bessere Wahl treffen können. Und sie beweist, dass ihre Entscheidungen mit Blick auf das neue Virus, im Gegensatz zu früher, wissenschaftsbasiert sind. Gemeinsam mit Gesundheitsminister Zweli Mkhize, einem alten Studienfreund, erläuterte Abdool Karim die Entwicklung der Pandemie in Südafrika, die Trends und Gefahren, in einer landesweit übertragenen Präsentation.

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Spätestens seit diesem Auftritt kennt und liebt ihn ganz Südafrika. Denn dem Spezialisten für Infektionskrankheiten gelang es nicht nur, die komplexe Materie mit einer, für viele Wissenschaftler ungewöhnlichen Lockerheit, allgemeinverständlich zu erläutern, auch sein Mitgefühl für die schwierige Situation vieler seiner Landsleute beeindruckte die Zuschauer.

In einem Artikel von News24 hieß es: Sein Platz in den Geschichtsbüchern sei gesichert, das sei sein Moment gewesen, der Höhepunkt einer Karriere, die davon geprägt sei, neue Wege bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu beschreiten. HIV, Tuberkulose, Covid-19.

Der Höhepunkt der Corona-Infektionen steht noch bevor

Abdool Karim macht keinen Hehl daraus, wie ernst die Lage ist. Trotz vergleichsweise langsam steigender Infektionszahlen, werde Südafrika dem Schrecken dieser Pandemie nicht entrinnen können, der Höhepunkt stehe noch bevor. Der harte Lockdown habe seiner Heimat lediglich Zeit verschafft, um sich auf eine regelrechte Infektionsflut vorzubereiten.

Sorgen bereiten ihm insbesondere HIV-positive Menschen und Tuberkulose-Kranke, die keine Medikamente einnehmen. Die konkrete Auswirkung von Covid-19 auf diese Patienten müsse jedoch noch erforscht werden, betont er. So schwer diese Fakten auch zu verdauen sind, so sehr schätzen viele Südafrikanerïnnen diese offenen Worte. Dem Wissenschaftler gelingt es, ein realistisches Bild der Krise zu entwerfen, ohne Panik zu verbreiten. Die Regierung kann froh sein, dass sie ihn an seiner Seite hat. Zum Glück ist Professor Salim Abdool Karim kein Ingenieur geworden.

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Leonie March

Leonie March

Leonie March lebt und arbeitet seit 2009 als freie Auslandskorrespondentin in Südafrika.


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