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Jung, urban, Mapuche

Dank digitaler Medien entdeckt die Enkelїnnen-Generation der Mapuche in Chile die Sprache ihrer Vorfahren wieder – und bekommt dadurch neues Selbstbewusstsein

von
20.01.2021
8 Minuten
Eine Zeichentrickfigur im Mapuche-Look auf dem Fahrrad, im Hintergrund die Stadt

Digitale Technologien werden oft als Bedrohung traditioneller Welten betrachtet. Doch die Aktivistïnnen der Internetplattform Kimeltuwe nutzen sie kreativ, um die indigene Sprache der Mapuche wiederzubeleben. Und das hat Folgen.

„Es gibt diese Vorstellung, dass die indigenen Völker keine modernen digitalen Werkzeuge wie Handys benutzen können“, sagt Simona Mayo, „als lebten sie nur in ihrer Vergangenheit, in ihren Traditionen. Aber wir Indigenen bewegen uns in allen Bereichen.“ Mayo ist Lehrerin und Forscherin an der Katholischen Universität von Santiago und bezeichnet sich als „Neo-hablante“, also als eine Person, die ihre Sprache zurückgewonnen hat.

Seit das Mapudungun auf Webseiten und in den sozialen Netzwerken auftaucht, habe es sich von einer fast ungebräuchliche in eine lebendige Sprache verwandelt, sagt Mayo. Mapudungun, so heißt die indigene Sprache der Mapuche, die in Chile und Argentinien beheimatet sind. Die Digitalisierung verhilft ihrer Sprache zu mehr Raum und zu einem besseren Status.

Nur zehn Prozent der Mapuche beherrschen noch ihre Sprache

Tatsächlich ist das Mapudungun, die „Sprache der Erde“, vom Aussterben bedroht. Obwohl die Mapuche bekannt sind für ihren Kampf gegen die spanischen Kolonisatoren und später gegen die Herrschaft der Chilenen, konnten sie ihre Sprache nicht ausreichend schützen. Nur noch zehn Prozent der knapp zwei Millionen Menschen, die sich in Chile und Argentinien als Mapuche bezeichnen, beherrschen die Sprache ihrer Ahnen, weitere zehn Prozent verstehen sie noch.

Dabei sind die Mapuche nicht allein: Lateinamerika ist der Kontinent mit der größten linguistischen Diversität weltweit und gleichzeitig der Ort, wo diese Vielfalt am stärksten in Gefahr ist. 40 Prozent der indigenen Sprachen Amerikas sind vom Aussterben bedroht.

In der chilenischen Gesellschaft galt das Mapudungun bis vor Kurzem als eine Ursprache, die man in einer modernen Welt nicht mehr sprechen oder erlernen konnte.

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Junge Mapuche-Frau
Simona Mayo erforscht indigene Sprachen. Sie folgte dem Rat ihrer Großmutter und lernte das Mapudungun. Das hat ihr Leben vollkommen verändert.

„Meine Großeltern väterlicherseits kamen aus Lancoche im Süden von Chile”, sagt Simona Mayo. „Sie gingen nach Santiago und gründeten dort ihre Familie. Meine Eltern und ihre Geschwister wuchsen nicht sehr eng mit ihrer Sprache und Kultur auf. Ganz im Gegenteil.” Um nicht diskriminiert zu werden, hörte ein großer Teil der indigenen Bevölkerung auf, seine Muttersprache weiterzugeben. Die meisten Mapuche leben heute im urbanen Umfeld. Ihre Sprache geriet fast in Vergessenheit.

Was Simona Mayo erzählt, ist typisch für viele Mapuche-Familien, die in den 1950er und 1960er in die Stadt ziehen mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Sprache und ihre Sprecherїnnen wurden als zurückgeblieben betrachtet: „Mapuche-Frauen hatten es damals in den Städten sehr schwer. Unsere Großmütter und Mütter haben viel Gewalt erlebt, vor allem wegen ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Art sich zu kleiden und ihrer Form des Zusammenlebens”, sagt Mayo.

Mit der Sprache verlieren die Sprechergemeinden aber nicht nur ihre besondere Ausdrucksweise, sondern ihre historischen Wurzeln, ihre Zugehörigkeit und ihr Selbstwertgefühl. Denn Sprache besteht nicht nur aus Wörtern und Grammatik, sondern ist grundlegend für die Identität. Sie speichert Bräuche, Wissen über Flora und Fauna, ganze Kosmologien und eben eine ganz spezifische Art, die Welt zu begreifen.

„Unsere Weltsicht versteht man nicht auf Spanisch“, sagt der Mapundungun-Lehrer Patricio Bello Huenchumán gegenüber dem Online-Portal El Definido. „Das Spanische verfügt nicht über die Verben und spezifischen Worte, die es braucht, um die Spiritualität der Mapuche zu verstehen.” So bezeichnet zum Beispiel „Che“ in der Mapuche-Kosmovision nicht nur die individuelle Person, sondern diese Person ist verbunden mit den Flüssen, mit den Vulkanen und ihrem Ursprung.

Der Wasserzyklus der Natur.
Im linken Bild umarmt eine weibliche Figur die Erde. „Die Erde gehört nicht uns. Wir gehören ihr.“ Im rechten Bild hält eine Figur ein Plakat mit der Aufschrift: „Lasst uns unsere Sprache verteidigen“
Links: „Die Erde gehört nicht uns. Wir gehören ihr.“ Rechts: „Lasst uns unsere Sprache verteidigen!“

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Die Illustration der Mapuche-Fahne, die sich aus den Farben Blau für den Himmel, Grün für die Erde und Rot für das Blut, den Himmelsrichtungen und den Gestirnen zusammensetzt.
Auf der Internetplattform Kimeltuwe erklären die Lehrerїnnen nicht nur die Wörter, sondern auch die Konzepte der Mapuche-Kultur. Hier die Fahne, die sich aus den Farben Blau für den Himmel, Grün für die Erde und Rot für das Blut, den Himmelsrichtungen und den Gestirnen zusammensetzt.
Sticker für WhatsApp mit indigenen Zügen und Symbolen
Mit den „mapuchisierten“ WhatsApp Stickern gelang der Internet-Plattform ein echter Erfolg.
Man sieht eine Mapuche-Familie in traditioneller Kleidung.
In der Darstellung der traditionelle Mapuche-Familie bleibt die heterosexuelle Familie die Norm.
Zwei Bildchen der Internetplattform Kimeltuwe. Eines spielt auf die feministische Bewegung in Chile an und das andere zeigt die Mapuche als Mate-Tee-Trinker.
Links: „Um 'Nicht eine [ermordete Frau] weniger' sagen zu können, müssen wir aufhören, hilflose Prinzessinnen und gewalttätige Machos heranzuziehen.“ Rechts: Lieber Mate-Tee aus der Kalebasse als Coffee to go. (rechts)
Ein Graffiti in den Straßen von Santiago de Chile: „Newen Mapuche“ was bedeutet Mapuche Energie
Während der Revolte in Chile wurden viele Mapuche-Slogans in der Stadt sichtbar. „Newen Mapuche“ bedeutet Mapuche Energie
Auf einer Parkbank liegt eine frisch gebügelte Arbeitsschürze, welche die indigenen Hausangestellten tragen mussten.
Die Arbeitsschürze macht die Anwesenheit der Mapuche-Frauen sichtbar, die in der Stadt für die reichen chilenischen Familien arbeiten mussten.
Während einer Performance sieht man eine Künstlerin mit weißer Maske unter dem Reiterstandbild des Konquistadoren Pedro de Valdivia herumgehen.
Die „Plaza de Armas“ von Santiago, wo heute das Reiterstandbild des spanischen Eroberers Pedro de Valdivia prangt, war Ausgangspunkt der Kolonialgeschichte. Mit künstlerischen Performances geben die Aktivistїnnen ihr eine neue Bedeutung und dekolonisieren sie.
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Ulrike Prinz

Ulrike Prinz

Ulrike Prinz ist promovierte Ethnologin und Journalistin. Sie lebt in München und Barcelona.


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