Freiheit auf zwei Rädern: Was an Deutschlands Fernradwege besser werden sollte

Überfüllte Flughäfen und Züge, drohende Energieknappheit, Klimakrise – alles spricht für Radurlaub. Doch nach mehr als 1000 Kilometern quer durch Deutschland hat unser Autor eine lange Wunschliste für bessere Fernradwege

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Das Bild zeigt die Umrisse von zwei Radfahrern im Abendlicht in freier Landschaft. Es vermittelt ein Gefühl der Freiheit, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

Millionen Menschen suchen auch im Sommer 2022 Ruhe, Erholung, Sonne und ein bisschen Abstand zum Alltag. Da ein Winter naht, in dem zugleich die Corona-Pandemie wieder zuschlägt und das Erdgas knapp zu werden droht, ist der Erholungsbedarf umso akuter. Doch es droht ein „Drama“, warnt Florian Harms bei t-online: Horrende Warteschlangen und gestrichene Verbindungen an den Flughäfen, überfüllte Züge und an den Sehnsuchtsorten am Mittelmeer drohe der Wassermangel.

„Ja, die Urlaubsfreude verfliegt dieser Tage fix“, schreibt Harms und empfiehlt: „Vielleicht ist das ja jetzt ein guter Zeitpunkt, mal was ganz anderes auszuprobieren. Rucksack auf, raus aus dem Haus und los in die Natur, soweit die Füße tragen: Wie wäre das? Oder mit Satteltaschen aufs Rad, und ab?“ Flussufer und Küsten, Gebirge und Täler, Wälder und Felder: Deutschland biete so viele schöne Landschaften, die sich erwandern oder durchradeln lassen, dass garantiert jeder glücklich werde. „Das Chaos auf Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen überlässt man dann getrost den Gestressten.“

Die umweltfreundlichste Urlaubart – vernachlässigt

Da ist sehr viel dran – weshalb ich meine Urlaube schon seit vielen Jahren auf dem Sattel verbringen. Die Vorstellung, CO2 in die Luft zu blasen, um mich zu erholen, kommt mir absurd vor. Doch dass die umweltfreundlichste Reiseart garantiert stressfrei ist, kann ich nicht ganz bestätigen. Und das liegt an der vielerorts noch immer schlechten Fahrrad-Infrastruktur in Deutschland. Im Gegensatz zu den liebevoll gepflegten Autobahnen und Bundesstraßen werden nämlich ausgerechnet die Wege für Menschen, die zum deutschen Klimaziel beitragen, vernachlässigt.

Vor nicht langer Zeit bin ich einen Sommer lang besonders viel Fahrrad gefahren – auch, um für euch Radfernwege zu erproben. Die erste Tour ging von München über die Alpen an den Bodensee. Die Fahrt war so großartig, dass ich, wieder zurück im Arbeitsalltag, nicht mehr vom Fahrradfahren lassen wollte.

Als an einem Freitag Anfang August klar war, dass ich am Montagmittag in unserem RiffReporter-Büro in Bremen sein wollte, setzte ich mich nachmittags in Berlin kurzerhand aufs Rad, radelte los Richtung Westen, zuerst die Havel hinunter, denn die Elbe hinauf, quer durch das Wendland und die niedersächsischen Ebenen. Mit nur einer kleinen Abkürzung per Zug kam ich am Montag um 11 Uhr zum Meeting in Bremen an.

Fahrradurlaube boomen

Wenig später wiederholte ich das, diesmal von Magdeburg entlang der Aller bis an die Weser. Und als ich Ende August in Bremen ein Wochenende zur freien Verfügung hatte, setzte ich mich wieder aufs Rad, diesmal gen Norden, die Weser hinauf an den Jadebusen und wieder zurück nach Bremen.

Ich habe die Kilometer unterwegs nicht gemessen, weil ich mich nicht auch noch auf dem Sattel mit Zahlen beschäftigen und auch nicht irgendwelche Fitnessalgorithmen füttern, sondern in meiner eigenen Zeitrechnung unterwegs sein will, der Zeitrechnung der velophilen Freiheit. Überschlagsweise waren es wohl 1300 bis 1400 Kilometer, die ich insgesamt zurückgelegt habe. Und das bot reichlich Gelegenheit, mir Gedanken über die diversen Fernradwege zu machen, auf denen ich unterwegs war: Isarradweg, Innradweg, Bodenseeradweg, Havelradweg, Elberadweg, Heideradweg, Weserradweg, Allerradweg, Nordseeradweg.

Lange Radtouren zu machen ist ungemein populär für Urlaub und Wochenende. 2019 haben laut ADFC-Radreise-Analyse insgesamt 5,4 Millionen Deutsche eine Radreise mit mindestens drei Übernachtungen unternommen. Am beliebtesten sind die Radwege entlang von Weser, Elbe, Ruhr und Donau. Wenn das Interesse an umweltfreundlicher Mobilität anhält, dürften diese Zahlen weiter steigen.

Ich mache lange Fahrradtouren schon seit meiner Jugend. Meine persönliche Entdeckung dieses Sommers ist, dass sich auch Geschäftsreisen wie in meinem Fall zwischen Berlin und Bremen mit Radfahren verbinden lassen. Wer in Hamburg lebt und am Montag einen Termin in Berlin hat, kann das Wochenende zur Anreise mit dem Rad nutzen – warum nicht? Oder eher: Warum immer nur an Auto und Zug denken? In der Nähe von Magdeburg traf ich einen Radler, der es so macht: Er ist Freiberufler und legt seine Termine so, dass er zwischen 50 und 100 Kilometer Anreise mit dem Rad einplant. Ihm kommen unterwegs gute Ideen und telefonieren kann er auch.

Gemischte Erfahrungen auf den deutschen Radwegen

Auf meinen langen Touren auf den Fernradwegen habe ich in diesem Sommer viele wunderbare Strecken erlebt und dabei oft dankbar an die Menschen gedacht, die solche Radwege planen, gestalten und unterhalten. Etwa an der Havel westlich von Werder, wo ich auf Flüsterasphalt durch die wunderbare Flusslandschaft zischte und an keiner Kreuzung überlegen musste, ob ich nun rechts oder links abbiegen soll, weil alles gut ausgeschildert war.

Unter dem Strich überwiegt aber eine andere Erfahrung: Es gibt noch viel zu tun, wenn Fernradwege einladend, sicher und komfortabel sein sollen. Sehr viel. Deshalb habe ich eine Liste der Missstände gemacht, die mir unterwegs aufgefallen sind, und zugleich Ideen notiert, wie man sie beseitigen könnte.

Das Bild zeigt einen Radweg an einem Ortsrand in Niedersachsen, der als benutzungspflichtig ausgeschildert ist, aber in einem sehr schlechten Zustand ist. Darauf weist zugleich ein Schild hin, das vor Radwegschäden warnt.
Ein typischer Fall: Sobald Radwege in Ortschaften münden fängt das Elend an. Ausnahmen hat unser Autor auf seinen zahlreichen Fahrradkilometern nur vereinzelt gefunden.
Das Bild zeigt ein Radwegeschild mit der Inschrift „Wolfsburg 70 Kilometer“. Das begrüßt unser Autor.
Vorbildich: Am Allerradweg wird durch dieses Schild auch das weiter entfernte Ziel Wolfsburg ausgewiesen und nicht nur das nächste Dorf.
Ein Radweg ist wohl durch eine Wurzel aufgebrochen, ein Riss klafft quer über die Fahrbahn.
Nur eine kleine Delle? Für Radfahrer fühlt sich das anders an, nämlich eher wie ein zwanzig Zentimeter hohes Hindernis für ein Auto – ohne Stoßdämpfer. Wenn man da mit etwas Tempo um die Ecke kommt, ist das kein Spass. Gesehen und erlebt auf der östlichen Seite des Weserradwegs, wenige Kilometer vor Bremen.
Dargestellt ist ein offener Brunnen in Tirol, aus dem Wasser fließt. Am Brunnen lehnt ein Fahrrad mit Gepäck.
So soll es sein: In den Alpen gibt es in den meisten Ortschaften Brunnen, aus denen Trinkwasser fließt. In weiten Teilen Deutschlands befinden sich Radfahrer dagegen auf dem Land auf Durststrecken – zumal es in vielen Ortschaften auch keine Gaststätten mehr gibt.

Das sind meine Eindrücke und Vorschläge. Findet Ihr Euch darin wieder? Gibt es andere Kritikpunkte und eigene Vorschläge? Dann macht bei unserer Umfrage mit! Teilt diesen Artikel gerne mit anderen Radfahrerinnen und Radfahrern, so dass wir ein möglichst gutes Stimmungsbild bekommen.

Ideen, Stimmen und Vorschläge von Leserinnen und Lesern

„Die Betreiber der Radwege sollten in der Darstellung stärker zwischen touristischen Radwanderwegen und Fernradwegen differenzieren. Touristische Radwege machen oft unnötige Umwege über landschaftlich reizvolle Strecken statt möglichst kurze, bequeme und sichere Verbindungen zwischen entfernten Zielen anzubieten.“

„Es sollten Schilder an den jeweils nächsten Abfahrten zu folgenden Zwischenzielen Standard sein: Bäckerei, Laden, Supermarkt, Bahnhof.“

„Ein eklatanter Mangel sind Baustellen auf den Radfernwegen bzw. ihre Ausschilderung. Hier wünsche ich mir mindestens die gleiche Sorgfalt wie bei Auto-Umleitungen. Es muss klar erkennbar sein, dass eine Umleitung für den Radfernweg gilt, auch wenn die Sperrung erst Kilometer später erfolgt. Auch könnten viele Umleitungen zeitlich befristet sein, da man z.B. an Wochenenden durchaus auf der Trasse fahren kann, wenn nur werktags gearbeitet wird.“

„Ich wünsche mir Landkarten mit dem Radnetz in die nächste Stadt und dem aktuellen Standort.“

„Ich erlebe immer wieder, dass auch Kopfsteinpflasterstrecken als “Radweg" ausgewiesen sind, was denke ich überhaupt nicht ok ist. Was auch oft schwierig ist: Wege mit vielen Konflikten mit Fußgängern. In Berlin führt zum Beispiel der Berlin-Leipzig-Radweg durch vielgenutzte Parkanlagen. Aber das allergrößte Problem sind Gefahrstellen – ein „Radweg“ der ohne separate Fahrbahn auf einer Bundesstraße verläuft, ist einfach völlig inakzeptabel. Hier braucht es Mindeststandards." (Hanno Böck, Berlin)

„Es stört mich sehr, dass man auf den Fernradwegen kein Wasser nachtanken kann . Notlösung sind Friedhöfe, wo es fast immer Wasser gibt. Dank der deutschen Bürokratie müssen Schilder angebracht sein, wenn es kein Trinkwasser ist.“ (Matthias Schlomannn, Lübbecke)

„Das Fernradwegenetz ist zu löchrig. Es gibt große Gebiete ohne Fernradwege z. B. im Norden und Osten von Sachsen-Anhalt, in Brandenburg südwestlich Berlins.“

„Die Fernradwege sind bevorzugt für Touristen geplant, denen es nur auf den Weg und nicht auf das Ziel ankommt. Wer aber – wie im Artikel beschrieben – mal von einer Großstadt zur anderen Großstadt radeln möchte, muss entweder auf Radwegen zahlreiche Umwege in Kauf nehmen oder sie verlassen und Straßen nutzen.“

„An der Elbe gab es leider zweimal die Situation, dass die von Komoot und Google verzeichnete Fähre nicht mehr vorhanden war. Die entsprechenden Ämter bzw. Verantwortlichen solcher Infrastruktur sollten sich dessen bewusst sein und solche Daten digital pflegen. Gerade wenn man schon 150 Kilometer in den Beinen hat, ist ein Umweg von 15 oder 20 Kilometern nicht so toll.“ (Willi Meierhof, Gera)

„Ich würde mir in regelmäßigen Abständen Biwakplätze wünschen, wie es sie für PaddlerInnen gibt. Nicht jede/r will oder kann sich Hotelzimmer leisten oder fühlt sich auf Zeltplätzen, die von Wohnmobilen überlaufen sind, wohl. Ein einfacher Platz mit Sitzgelegenheit und Mülleimer – und jaaa, Ladestationen – reicht aus.“ „Es sollten immer auch weniger fitte Radler*innen mitgedacht werden – ich würde zum Beispiel gerne noch mal mit meinem Mann auf Tour gehen, aber der schafft das aus eigener Kraft nicht mehr & wir bräuchten eine Radkonstruktion zum Mitreisen, die wahrscheinlich breiter, schwerer & langsamer ist, als normale Räder. Auch Kinder sollten mitgedacht werden, die langsamer sind, noch nicht so spurhaltend, damit sie gleich reinwachsen können in das lange Radeln."

„Die fehlenden Raststätten, Toiletten und teilweise auch fehlende Möglichkeiten zur Versorgung mit Essen (nicht immer Bock auf mitgeschleppten Proviant) fand ich auf meiner letzten 1500 km-Tour am nervigsten. Schlechte Radinfra bin ich ja gewohnt… Mittlerweile meide ich auf Ferntouren teilweise die ausgewiesenen Radwege, weil mich deren Gestaltung und Zustand so sehr ärgert, dass ich lieber irgendwo fahre, wo ich weiß, dass ich nichts Ordentliches zu erwarten habe."

„In meinen Augen wäre es dringend notwendig die Kriterien, die für die Beschilderung als „Radweg“ erfüllt werden müssen, an die Realität anzupassen. Ein Trampelpfad tut es da nämlich nicht, genauso wenig wie ein Feldweg eine Straße ist. Das Problem an nicht befahrbaren Radwegen ist nämlich auch, dass man dadurch den Radfahrer zwingt ihn zu benutzen und das Befahren der Straße nach geltender StVO eigentlich nicht erlaubt. Dieser Missstand provoziert in meinen Augen weitere unnötige Konflikte zwischen Autofahrern und Radfahrern. Dabei ist doch klar: Gibt es einen befahrbaren Radweg, nutze ich diesen. Ansonsten weiche ich auf die Straße aus. Ostseeradwanderweg zwischen Stralsund und Greifswald. Positivbeispiel: Der Radwanderweg zwischen Prag und Berlin. Zumindest auf tschechischer Seite, ab der deutschen Grenze wird es dann wieder durchwachsen."

„Zu den Raststätten sollten unbedingt auch Toiletten mit Handwaschmöglichkeiten gehören. Ließe sich mit der Trinkwasserversorgung kombinieren. Schon alleine, um einen Tampon wechseln zu können, muss das Händewaschen einfach möglich sein."

„Die asphaltierten Radwege sollten so hergestellt werden, dass nicht nach wenigen Jahren sämtliche Baumwurzeln diese wieder zerstören. Dies ist bei (Auto)Straßen doch Standard! Überhaupt sollte mehr Wert auf einen guten Untergrund gelegt werden. Manche Streckenabschnitte sind mit einem normalen Tourenrad nur schwer zu bewältigen. „Vom Feinsten“ sind auch Schotterauflagen bergab. Das ist mitunter richtig gefährlich. Bergauf kann so etwas durchaus zum Durchdrehen der Reifen führen.Außerdem wäre es eine Erleichterung, wenn die Ränder der Radwege regelmäßig gemäht würden. Erstens verbessert dies die Sicht und zweitens ist es sehr unangenehm nach Regen das nasse Gras an die Beine zu bekommen."

„Zusätzlich zu Wasserbrunnen und überdachten Ruheplätzen wären auch sogenannte 'shelter’ super, so wie es sie z.B. in Dänemark gibt, es gibt sogar eine eigene „shelter app’. Das sind sehr basic gehaltene 'Radbiwakplätze’ mit holzüberdachten, simplen 'Hütten’, auf Brettern, etwas über dem Boden, wo man mit Isomatte und Schlafsack ohne Zelt trocken und angenehm übernachten kann. Meines Wissens nach kostenlos. Es gibt eventuell einen Feuerplatz, vielleicht vereinzelt ein Plumpsklo. Ausserdem sei auf diesen wichtigen, oft unterschätzten Aspekt hingewiesen, hier gut zusammengefasst inklusive Video.

„Bin gerade den von Bikeline empfohlenen Ostseeküstenradweg von Lübeck nach Usedom gefahren. Eine einzige Katastrophe. Eine Zertifizierung wäre hilfreich mit verschiedenen Qualitätskategorien."

„Meine Ideen: Ein Trinkwasserbrunnen sollte in jeder Ortschaft vorhanden sein, dieser dann auch mit Ausschilderung. Durchgehende Asphaltierung OHNE Absenkungen an Grundstücksausfahrten, also Rennrad tauglich. Ausrüstung der Rad-Raststätten mit Eratzteilversorgung 'a la „Schlauchomat“ und Reifenluft bis 8 bar. Grasstreifen zw. Fahrbahn und Radweg an viel befahrenen Straßen. Panoramaspiegel an schlecht einsehbaren Ausfahrten und Kreuzungen." „In meiner Stadt gibt es eine „Fahrradstation“, wo es Werkzeug und Luft für kleinere Reparaturen am Fahrrad gibt. Sehr gute Idee, aber ebenso gut versteckt hinter einer Sporthalle, damit ja keiner sie findet. Erst recht nirgends ein Hinweis darauf. Schade."

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Lektorat: Andrea Reidl