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KI ersetzt nicht den Kurator

Das EU-Projekt Beyond Matter schafft die Grundlagen für eine Virtuelle Museologie

von
15.05.2021
4 Minuten
Abstrakt geformte Körper in unterschiedlichen Farben sind vor einem schwarzen Hintergrund  im Raum angeordnet.

Ein Eisblock, der über der Themse schwebt, eine riesige Spinne, die das Ufer der South Bank erklimmt. Augmented Reality ermöglichte im vergangenen Winter eine spektakuläre Kunstausstellung, für die weder Heizungs- noch Transportkosten anfielen. Alles virtuell, alles immateriell, zugänglich über eine App im öffentlichen Raum. „Augmented Reality braucht das Museum nicht mehr“, sagt Daniel Birnbaum, der künstlerische Direktor von Acute Art, einem britischen Technologiedienstleister für Künstler:innen. „Wir fragen, wo eine digitale Kunst angesiedelt sein kann, ob sie kommerzialisierbar ist und wie sie archivierbar sein könnte“, so der Kunsthistoriker, der zuletzt das Moderna Museet in Stockholm geleitet hat. Auf der HyMEx-Tagung stellte Birnbaum die neuesten Projekte von Acute Art vor. HyMEx steht für Hybrid Museum Experience und ist Teil des Forschungsprojekts Beyond Matter.

Seit drei Jahren beschäftigt sich das von Lívià Nolasco-Rózsás initiierte Projekt mit Museumsfragen der Zukunft. Sie ist Mitarbeiterin des Hertz-Labors am Zentrum für Kunst und Medien (ZKM). Wie wichtig die technologische Aufrüstung der Ausstellungshäuser ist, haben die angewachsenen Online-Aktvitäten der pandemiebedingt geschlossenen Museen gezeigt. Das Karlsruher ZKM widmet sich seit seiner Eröffnung 1997 der Medienkunst, erprobt aber auch neue Ausstellungsformate wie „Open Codes“, bei dem Workspace, Lounge und Ausstellungsraum ineinander übergingen.

Kein „digitaler Zwilling“

Im Forschungsprojekt Beyond Matter werde gefragt, wie Digitalität den Begriff von Raum beeinflusse und welche Folgen das für die Kunstvermittlung und die museale Arbeit habe, sagt Lívià Nolasco-Rózsás. Das bis 2023 laufende Projekt vernetzt Aktivitäten des Centre Pompidou, der Tallin Art Hall, der Aalto University und des Tirana Art Lab. Mit dabei ist auch ein enger Partner des ZKM, das Ludwig Museum in Budapest. Dort fand die HyMEx-Tagung als Online-Veranstaltung statt. Zugeschaltet waren Experten aus der ganzen Welt.

Screenshot der Diskussionsrunde: gesplitterter Bildschirm mit den vier Gesprächsteilnehmern.
Während der HyMEx-Tagung diskutierten Experten aus aller Welt online über digitale Anwendungen wie KI oder VR für Ausstellungsinstitute und Museen. Darunter Lívià Nolasco-Rózsás (ZKM, Karlsruhe), Daniel Birnbaum (Acute Art, London), Corina L. Apostol (Tallin Art Hall) und Béla Tamás Kónya (Ludwig Museum Budapest).

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Das von der EU geförderte Projekt Beyond Matter soll Grundlagen für eine Virtual Museology schaffen, die das analoge Museum ergänzt. Im Zentrum steht die „Rekonstruktion“ von zwei legendären Ausstellungen: „Les Immatériaux“, kuratiert 1985 von dem Philosophen Jean-François Lyotard im Pariser Centre Pompidou, und „Iconoclash“, 2002 realisiert von dem Soziologen Bruno Latour und ZKM-Chef Peter Weibel . Aus diesen beiden Pilotprojekten sollen im engen Austausch der Forscherteams in Paris und Karlsruhe Schlüsse für virtuelle Dokumentationsformen von analogen Ausstellungen gewonnen werden. Die Erkenntnisse des Projekts werden bis 2023 in einer Publikation, einem Virtual Museology Tool Kit, veröffentlicht.

Auf der HyMEx-Tagung sagte Felix Koberstein vom Forschungsprojekt Beyond Matter, dass es nicht darum ginge, einen „rekonstruierten digitalen Zwilling“ einer historisch bedeutsamen Ausstellung herzustellen. Überlegt werde, wie das Konzept der Ausstellungsmacher in ein anderes Medium transferiert werden könne. Der auf Dokumentation spezialisierte Kunsthistoriker arbeitet im Rahmen des Beyond-Matter-Projekts an einer virtuellen Fassung von Iconclash. Die erste „Gedankenausstellung“ Bruno Latours, der noch weitere folgen sollten, zeigte 400 Objekte und zielte auf den Funktionswandel, dem Bilder in der Wissenschaft, in der Religion und in der Kunst unterworfen sind.

Virtuelle Ausstellungsdokumentation

Das Team um Felix Koberstein wertete nicht nur Fotografien, Filme und Pläne aus, sondern auch das bei MIT Press erschienene, umfangreiche Katalogbuch, Unterlagen der Ausstellungskuratoren sowie anderer an der Umsetzung beteiligter Abteilungen. Erforscht werden aber auch Fragen, die sich im Prozess der Planung von „Iconoclash“ ergaben, wie etwa das Ringen um die Realisierung des von den Kuratoren und dem Architekten nicht linear, sondern rhizomförmig gedachten Ausstellungsparcours. Für die virtuelle Variante werde deshalb erwogen, die Anordnung der verschiedenen Themencluster KI-gesteuert zu präsentieren, so dass jeder Nutzer seine eigene Variante erzeugt. Bruce Altshuler, Direktor der Museum Studies an der New York University, stellte in der anschließenden Gesprächsrunde fest, dass, bei allem was er gehört habe, die digitale Rekonstruktion von „Iconoclash“ die ursprüngliche Ausstellung an Komplexität weit übersteige. Auch werde erst jetzt sichtbar, wie viele Menschen an solchen Unternehmungen arbeiteten und in welchem Kontext sich die Ausstellung zu Beginn der Nullerjahre ereignete.

An geschmolzene Schokolade erinnert die amorphe Ruine im Vordergrund. Im Hintergrund öffnet sich der Raum zu einer bergigen Wüstenlandschaft.
Carola Bonfili schafft anhand neuer Technologie vielschichtige Erzählungen, die von natürlichen Formen inspiriert sind. „The Infinite End of Franz Kafka’s Das Schloss“ (2018).

Im Rahmen von Beyond Matter entstanden noch zwei weitere Ausstellungen, in denen die neue Virtual Museology theoretisch untermauert wird. Mit der analogen Ausstellung „Spatial Affairs“ im Ludwig Museum Ludwig Budapest untersuchten die Kuratorinnen Lívià Nolasco-Rózsás und Giulia Bini den Raumbegriff in der Kunst der vergangenen 100 Jahre. Zu sehen sind rund 40 Werke, beispielsweise von Katarzyna Kobro, Lucio Fontana, Alicja Kwade und Carola Bonfili. Ein 3-D-Rundgang gibt einen Eindruck von der pandemiebedingt geschlossenen Schau. Über die ausgestellten Kunstwerke, die Zielsetzung und Inhalte informiert der englischsprachige Katalog, der im Verlag Hatje Cantz erschienen ist.

„Spatial Affairs. Worlding“ hingegen versteht sich als virtuelle Erweiterung der analogen Ausstellung in Budapest. Wie bei einem Computerspiel sitzen die Besucher zuhause an ihrem Rechner und gelangen über ein paar Klicks in einen Raum jenseits der Schwerkraft. Darin driften pastellfarbene Körper und andere Formen umher, die zu den digitalen Kunstprojekten führen. „Es ging darum, eine Alternative zur Konvention des White Cube zu finden, zum weißen Ausstellungsraum“, sagt Lívià Nolasco-Rózsás. Der Begriff „Worlding“ stehe für den Versuch, Besucher, Kunstwerke und das Environment als Teile eines ökologischen Systems zu begreifen.

KI ersetzt nicht den Kurator

Die HyMEx-Tagung stellte eindrücklich vor Augen, wie selbstverständlich bereits mit KI und Augmented Reality experimentiert wird. Joasia Krysa, Professorin an der Liverpool School for Art and Design, stellte ihr in Kooperation dem Whitney-Museum in New York konzipiertes Forschungsprojekt „The Next Biennial Should be Curated by a Machine“ vor. Im Rahmen dieser interdisziplinären Untersuchung hatte sie das Künstlerduo Ubermorgen mit einer virtuellen Umsetzung der Idee beauftragt. Ubermorgen arbeitete mit KI und fütterte sie nicht nur mit Daten der beteiligten Ausstellungsinstitute, sondern auch mit Musikvideos von TikTok und Daten anderer populärer Online-Plattformen. Das Ubermorgen-Werk entlarvt in seiner lauten Monstrosität die Absurdität einer künstlich erzeugten Kunstschau. Doch wird KI bereits in digitalen Museumsanwendungen wie Chat-Bots oder bei der Bewältigung großer Datenmengen eingesetzt. Auch die Analyse, Erforschung und virtuelle Modellierung der digitalen Iconoclash-Version am ZKM ist ohne KI nicht zu stemmen.

Den wohl bemerkenswertesten Beitrag zur HymEx-Tagung lieferte Jonathan Dotse, ein Informatiker und Science-Fiction-Autor aus Ghana. Der Afrofuturist schilderte, wie er als Junge die lange Fahrt im Schulbus mit einem Buch über Virtual Reality überbrückte. Er versank in seiner Lektüre, befand sich zwischen Raum und Zeit. Ein ähnliches Erlebnis generiere VR, sagte der in Kanada ausgebildete Wissenschaftler. Ihm kam der Gedanke, dass jede Realität eine Art von VR sei, es gäbe einen unsichtbaren Faden, der solche Erfahrungen verbinde.

Aktualisiert am 24.5.2021

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Carmela Thiele

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Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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