Zum Artikel springen
  1. RiffReporter /
  2. Gesellschaft /
  3. Spanien muss warten

Solide Gründe, Tourismus in Teruel nicht nur den Piloten zu überlassen

Reise-Update für Aragonien, wo seit knapp einem Jahr ungenutzte Flugzeuge aus der EU parken und wo Teruel nach den Pandemie-Restriktionen wieder lohnendes Reiseziel ist.

von
15.11.2020
6 Minuten
Steinhaus

Wie das Auswärtige Amt am 15. Februar 2021 aktualisiert hat, gilt das Ein- und Ausreiseverbot der Autonomen Gemeinschaft Aragón zunächst bis 4. März 2021. Ausnahmen sind nur aus triftigen Gründen möglich und erfordern eine Erklärung nach behördlichen Maßstäben. Über die „Sicher reisen“-App bekommen App-Nutzer·innen nach Angaben des Auswärtigen Amts eine

Push-Nachricht, wenn sich bei den Reise- und Sicherheitshinweisen etwas ändert.

Zu Teruel – südlichster Provinz (mit gleichnamiger Hauptstadt) im Lande Aragón – habe ich eine besondere Beziehung. Dort übte ich für den Radreport Deutschland das Streckenfahren mit Minimalgepäck unter harten Bedingungen. Eine Generalprobe durch die Montes Universales. Ich schätze die Gegend aber nicht nur wegen des extremen Klimas, sondern vor allem wegen der Einsamkeit, der Vegetation und den Landschaftsformen.

Landstraße durch Einöde, vorne das Rennrad des Autors, hinten Heckflossen von Flugzeugen.
Leeres Land, voller Flughafen (schwach in der Bildmitte erkennbar: Heckflossen). Bekannt wurde Teruel zu Beginn der Coronakrise, weil dort immer mehr Airlines ungenutzte Maschinen zwischenparkten.
Ein Schäfer hat ein großes Schaf an den Beinen gepackt, um es in den Laderaum seines Kombi zu schieben.
Schäfer haben weder Zeit noch Muße, zimperlich zu sein mit ihrer Zucht.
Abonnieren Sie „RadelnderReporter“. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.

Die Provinz Teruel liegt im Schnitt mehr als tausend Meter über dem Mittelmeer, das gut zwei Stunden mit dem Bummelzug entfernt ist. Außer im Sommer (Hitze) empfiehlt sich die Gegend sowohl Kultur- als auch Natur-Fans als lohnendes Reiseziel – schon allein weil man/frau als Tourist·in meist unter seinesgleichen bleibt.

Allerdings schadet es nicht, über einige Eigenheiten bescheid zu wissen.

Teruel ist arm

– und wird durch den Pandemie-bedingten Einbruch im Tourismus wohl noch ärmer.

Die Provinz fühlt sich von der spanischen Zentralregierung chronisch vernachlässigt. Deswegen formierte sich vor rund zwanzig Jahren die Bewegung namens ¡Teruel Existe!, Teruel existiert. Bei der Herbstwahl 2019 trat sie als Wählergruppe an, wurde in Teruel stärkste Kraft und stellt jetzt einen Abgeordneten im Parlament. Teruel meint übrigens ebenso die Stadt wie die Provinz. Nachfolgend ist von der Provinz die Rede, sofern nicht anders angegeben.

Teruel ist reich

– an Kultur.

Die UNESCO befand die Reste der Mudéjar-Architektur in der Stadt Teruel als einzigartig und erklärte sie 1986 zum Weltkulturerbe. Die Mudéjares, eingedeutscht Mudejaren, sind (Zitat Wikipedia) „Muslime, die im Verlauf der Reconquista unter die Herrschaft der christlichen Königreiche in Spanien gekommen waren, ihre Religion weiter ausüben konnten, sich jedoch auch an ihre christliche Umgebung anpassten“.

– an Dino-Funden.

Über die Provinz verteilen sich etliche paläontologische Fundstellen. Zu sehen gibt es Reste von Dinosauriern im Museum der Stadt sowie an sieben Außenstellen, verteilt in der Provinz. „Dinópolis“ hat vor allem Kinder als Zielgruppe und bekam in jüngerer Zeit spektakulären Zuwachs

  • einen Aragosaurus, benannt nach Aragonien und gefeiert als „erster spanischer Dino“
  • den Turiasaurus riodevensis, gefunden beim Weiler Riodeva und dem nahen Fluss namens Turia – laut Dinópolis „einer der größten Saurier des Planeten“.
Bergdorf inmitten eher karger Gebirgslandschaft.
Westlich der Stadt Teruel bilden die Montes Universales eine raue Gebirgslandschaft, mit der sich die Menschen vor Jahrhunderten arrangiert haben.

Ist der südlichste Zipfel Aragoniens landschaftlich schön? Daran scheiden sich die Geister, denn:

Teruel ist hie und da eine Wüste

– was die Provinz wild und exotisch macht und, meinem Geschmack nach, besonders schön. Aber extreme Trockenheit, ausgemergelte rote Lehmböden und seltsame Erosions- und Felsstrukturen liegen außerhalb des touristischen Mainstreams der meisten Spanier. Deswegen sind Teruel und das Umland, abgesehen von den Dörfern und Städten, nahezu frei von Touristen.

Fotos aus Einöden ganz unten.

Teruel ist hart

– was auch Warnung sein soll! Mobilfunk funktioniert in vielen Winkeln nicht, Siedlungen sind dünn gesät. Wem unterwegs das Wasser ausgeht, gerät schnell in ernsthafte Probleme. im Herbst ebenso wie im Sommer – der eigentlich tabu ist um outdoor unterwegs zu sein wegen der brutalen Hitze.

Von Erosion bizarr geformte rote Felstürme.
Wo im westlichen Teruel der Karst dem Buntsandstein weicht, sind Felsstrukturen umso bizarrer.

Teruel ist leer

Die Einwohnerdichte ist geringer als in den menschenleeren Flächen Brandenburgs. Die meisten Spanier haben wenig Sinn für Wüsteneien und kommen als Touristen, wenn überhaupt, eher wegen der Kultur und wegen des Kulinarischen: Jamón de Teruel ist eine Delikatesse. Der Schinken reift – wie aller spanischer Jamón – ganz ohne Rauch. Die besonders trockene Bergluft gibt ihm sein typisches Aroma.

Teruel wird voll

– sobald es im Winter schneit. – Wie bitte?

Ja, die Voraussetzungen für Schneefall sind bestens im Winter, mit mittlerer Höhenlage von über 1.000 Metern und Bergrücken, die über 2.000 Meter aufragen. Zudem herrscht winters wahres Polarklima, oft mit strengem Dauerfrost – des stark kontinentalen Klimas wegen. Zu arktischen Verhältnissen fehlen allein die Niederschläge. Die atlantischen Luftmassen haben fast die ganze iberische Halbinsel „Zeit“, ihre Feuchtigkeit loszuwerden, bis sie nach Teruel gelangen. Und vom Mittelmeer wallt kaum Feuchtigkeit hinauf bis Teruel.

Bis auf die wenigen Tage im Winter, wenn dann doch ordentlich Schnee fällt. Viele Valenzianer fahren die gute Stunde per Pkw bis an die Hänge des Javalambre-Masivs, damit ihre Kinder vielleicht zum ersten Mal Schnee sehen, spüren – eventuell sogar befahren! Denn am Javalambre gibt es eine Liftanlage mit knapp 300 Höhenmeter Skipiste. Was ich nur als Kuriosum erzähle, nicht jedoch, um die klimafeindlichen Autokarawanen in die Berge noch zu verlängern (zumal, zumindest noch vor einigen Jahren, die Pisten künstlich beschneit wurden).

Ein Skitourengeher bewegt sich über die Schneereste auf einer Gebirgsanhöhe.
Sich im Javalambre-Massiv auf Skitour zu begeben, ist nur wenige Tage im Jahr möglich – und muss schnell gehen: Binnen weniger Tage schwindet die weiße Pracht unter mediterraner Sonne (außer im Ausnahme-Januar 2021).
Zwei Menschen stehen hinter einem von Raureif verzierten Krüppelkieferchen.
Teruel kann im Sommer ein Glutofen und im Winter eine Eiswüste sein.

Teruel ist klar

– für Sterngucker.

Oft sinkt die Luftfeuchte nachts gegen Null. Zudem gibt es wenig Lichtverschmutzung durch Siedlungen. Deswegen hat die Regierung von Aragón auf einem Nebengipfel des Javalambre-Massivs eines der wichtigsten astronomischen Observatorien Spaniens installiert.

Teruel ist grün

– wo Gewässer plätschern.

Botanische Oasen sind viel häufiger als in echten Wüsten; die gibt es eigentlich nur nahe der Stadt Teruel. In den Tälern und Klüften des Iberischen Randgebirges herrscht oft ein feuchteres Mikroklima. Auf den Höhenzügen gedeihen zwei verschiedene Spezies von Wacholderbäumen, die einzigartig sind auf der Iberischen Halbinsel. Und teils mehrere hundert Jahre alt sind (Fotostrecke; unter dem letzten Foto: kostenpflichtige praktische Radreise-Infos).

Regenbogen vor dunklen Wolken über trockenem land.
Meist erst im Oktober bringt unbeständiges Wetter jenen Regen, den es für Monate nicht gegeben hat. Im Hintergrund ist die Stadt Teruel zu erkennen.
Immergrünes Laub über mächtigem Stamm.
Dieser Wacholderbaum im Javalambre-Massiv ist über 500 Jahre alt.
Ein mächtiger, zerfurchter Baumstamm.
Steht unter Naturschutz: Wacholderbaum im Javalambre-Massiv der Provinz Teruel.
Ein einzelner Laubbaum in herbstlich goldener Tracht.
Laubbäume abseits von Flusstälern sind in den Weiten der Provinz Teruel etwas Exotisches.
Im Vordergund ein verwaistes Steinhaus, im Hintergrund ein Bergrücken mit Windkraftanlagen.
Landflucht nicht wegen der Rotoren, sondern wegen fehlender Infrastruktur: Jenseits der Stadt Teruel und den dünn gesäten Ortschaften fehlt heute den meisten Menschen das Nötigste zur Grundversorgung.
Weinreben auf rotem Grund.
Wo es das Mikroklima in der Provinz Teruel zulässt, zieht man Reben für rassige Weine.
Zwei Männer vor der Taberna El Roso, einer stehend, der andere sitzend.
Erste Verpflegungsmöglichkeit nach Teruel Stadt ist westlich das 38 Kilometer entfernte Albarracín, wo die Zeit stehengeblieben ist. Die Taberna „El Roso“ liegt in der Calle San Antonio 29. Mehr Fotos und praktische Reiseinfos hinter der Paywall.

Kostenfreier Newsletter: Der radelnde Reporter

Tragen Sie sich hier ein – und erhalten Sie kostenfrei Infos zu den neuesten Beiträgen von Der radelnde Reporter sowie zum Projekt.

Teruel Stadtansicht.
Mit dem Rad zum Start in Teruel: Die Stadt ist ca. zweieinhalb Zugstunden von Valencia an der Ostküste entfernt. Das kostet mit der spanischen Bahn namens RENFE 17 Euro pro Person und 3 Euro pro Fahrrad.
Abonnieren Sie „RadelnderReporter“. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Martin C Roos

Martin C Roos

Ich texte und fotografiere seit 1996 freiberuflich für Internetmedien, Magazine und Zeitungen. Themen schöpfe ich aus den LifeSciences, aus der Geographie und mitten aus unserem Land, dem ich seit 2018 als RadelnderReporter auf den Zahn fühle.


RadelnderReporter

Rasch reagieren, spontan auf's Rad steigen, vor Ort recherchieren – mit unverstellter Neugierde, aus eigener Muskelkraft: So gehe ich auch kleine Themen an, aus denen sich bisweilen große Fragen formen. Wie geht’s Deutschland? Unter diesem Motto gab ich 2019 meinen Einstand als RadelnderReporter. Er ist mein Signum und meine Hommage an Egon Erwin Kisch. Seit 2021 sind meine Schwerpunkte Umwelt, Wirtschaft sowie Politik und Kultur. Über das Erscheinen von Texten, Bildern und Clips informiert der kostenlose Newsletter. Hier finden Sie Infos zu meiner Person sowie zum aktuellen Deutschlandbuch.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Martin C Roos
Faktencheck: Maria Magdalena Rafecas López