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Die Unsichtbaren

Alle reden über Pflegeheime. Aber die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Die Corona-Pandemie macht das immer schwieriger. Nur redet niemand darüber.

von
28.12.2020
6 Minuten
Eine Frau legt ihrer alten Mutter zuhause die Hand auf die Schulter. Sie kümmert sich um die Pflege und Betreuung der alten Dame. Die Versorgung ist aufwändiger geworden, weil durch Corona viele Unterstützungsangebote weggefallen.

Vielen pflegenden Angehörigen geht es in der Corona-Pandemie schlecht. Sie haben keine Lobby und werden mit ihrer Verzweiflung allein gelassen. Wenn sie ausfallen, ist die Versorgung von Millionen Pflegebedürftigen gefährdet. Trotzdem werden pflegende Angehörige bei vielen Entscheidungen übersehen. Dabei bräuchte es nicht viel, um ihnen in der Pandemie zu helfen. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Höchste Zeit, sie umzusetzen.

Dieser Text gehört zu einer Serie der ZukunftsReporter und Plan G, in der wir in das Corona-​Jahr 2021 blicken. Wir haben bereits über Triage-Regelungen, die Organisation der Impfung und über notwendige Informationen zu den Impfstoffen geschrieben. In diesem Artikel geht es um die Pflege zu Hause.

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Rebecca Beer ist pflegende Angehörige, eine von Tausenden: Die gelernte Krankenschwester versorgt ihren Mann und ihre Mutter. Seit Corona ist sie weitgehend auf sich alleine gestellt. „Mein Mann hat eine Immunschwäche. Ich kann niemanden anrufen, der mir bei der Versorgung hilft, weil ich immer Angst habe, ihn zu gefährden“, sagt sie. Brigitte Braun geht es ähnlich. Ihr Mann ist schwer an Demenz erkrankt und muss ständig beaufsichtigt werden. Vor Corona besuchte er tagsüber eine Pflegeeinrichtung, während Brigitte Braun arbeiten ging. Dann kam der Lockdown, die Tagespflege schloss. „Das war für mich eine Katastrophe“, sagt sie. Seitdem versucht sie den Spagat zwischen Homeoffice und Rund-um-die-Uhr-Betreuung. „Eigentlich ist das kaum zu schaffen.“

Zwei pflegende Angehörige, zwei Stimmen aus dem Corona-Jahr 2020. Sie zeigen, was sich hinter den nackten Zahlen aus Studien verbirgt. Mehr als ein Drittel der pflegenden Angehörigen fühlt sich aktuell überfordert, ergab eine Online-Umfrage der Universität Mainz. Hochgerechnet sind das 825.000 Menschen. Die ohnehin prekäre Situation in der häuslichen Altenpflege spitze sich unter Covid-19 weiter zu, stellen die Forscher fest.

Die Angehörigen springen ein

Corona führt dazu, dass pflegende Angehörige immer mehr Aufgaben übernehmen müssen. Dabei hatten viele von ihnen schon vor dem Ausbruch der Pandemie kaum Zeit für sich selbst. Rund jede zweite Pflegende gab damals an, sich täglich mehr als zwölf Stunden um den Angehörigen zu kümmern, 67 Prozent waren auch nachts gefordert.

Mit Corona verschärfte sich die Situation. Unterstützungsangebote wie Betreuungsgruppen oder die Tagespflege schlossen wochenlang und arbeiten noch immer vielerorts eingeschränkt. Besuche von Pflegediensten und Ehrenamtlichen fielen weg oder wurden aus Angst vor eine Ansteckung abgesagt. Brechen Unterstützungsangebote weg, müssen andere einspringen: die Angehörigen. 60 Prozent aller pflegenden Angehörigen sagen, dass sich der tägliche Zeitaufwand für die Pflege während Corona weiter erhöht hat, ergab eine im September veröffentlichte Studie der Universität Bremen.

Hinzu kommt die Isolation. Da alte und pflegebedürftige Menschen ein besonders hohes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, schränkten drei Viertel der pflegenden Angehörigen ihre Kontakte ein. Auch das hat Folgen: Die Hälfte von ihnen fühlt sich einsam – vor der Pandemie war es ein Drittel.

Ich habe immer Angst, das Virus nach Hause zu bringen.“ Rebecca Beer.

Besonders prekär ist die Situation für pflegende Angehörige, die berufstätig sind. Zwar wurde der gesetzliche Anspruch auf Freistellung vom Job mit Lohnfortzahlung im Zuge der Pandemie erhöht, allerdings nur von 10 auf 20 Tage. Damit kommen Berufstätige nicht weit, wenn es keine Betreuungsmöglichkeit für ihre pflegebedürftigen Angehörigen gibt. 37 Prozent der Pflegenden bauten in den vergangenen Monaten Minusstunden auf, nahmen unbezahlte Auszeiten, verkürzten die Arbeitszeit oder kündigten den Job, so Bremer Studie. Über diese Menschen spricht kaum jemand.

Entschädigung nur für Eltern

Berufstätige Eltern, die ihre Kinder betreuen müssen und deshalb nicht arbeiten können, bekommen für bis zu 20 Wochen eine Entschädigung gezahlt. Pflegende Angehörige können davon nur träumen. Sie kriegen 20 Tage Geld – wobei früher genutzte Zahlungen abgezogen werden. „Für pflegende Angehörige hätte es ein ähnliche Lösung geben müssen wie für Eltern“, sagt Sigrun Fuchs von wir pflegen! in Thüringen, der Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger. „Über das Infektionsschutzgesetz wäre das einfach möglich gewesen.“ Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) forderte schon im März eine Pflegezeit mit Lohnersatzleistung für bis zu drei Monate – bisher vergebens.

Fehlende Unterstützung, mehr Verantwortung für die Pflege, Angst vor einer Ansteckung, fehlende Kontakte nach außen und Sorge um den Job – das hinterlässt Spuren. Schon vor der Pandemie waren viele pflegende Angehörige an der Belastungsgrenze, wie die ZukunftsReporter in einem anderen Artikel beschrieben haben. Jetzt hat sich die Situation weiter verschärft, zeigt die Bremer Studie. Die Hälfte aller pflegenden Angehörigen gab an, ihr Gesundheitszustand habe sich in den vergangenen Monaten verschlechtert. 23 Prozent bezeichnen ihre Lebensqualität als schlecht oder sehr schlecht – vor der Pandemie waren es 7 Prozent.

„Die elf Wochen ohne Tagespflege war ich völlig auf mich alleine gestellt. Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt. Da ging es mir sehr schlecht.“ Brigitte Braun

Jetzt könnte man natürlich sagen: Corona stellt alle vor Probleme, das lässt sich nicht ändern! Aber so einfach ist es nicht. Zum einen weiß man, dass Überlastung das Risiko für Gewalt erhöht. Wer nicht mehr kann, fängt eher an zu schreien, zu schimpfen, wird grob oder schlägt sogar zu. In der Mainzer Online-Umfrage geben drei Viertel der befragten pflegenden Angehörigen an, die Beziehung zum Pflegebedürftigen habe sich während der Pandemie verschlechtert. Bei einem Drittel kommt es häufiger zu Konflikten. Der Staat müsste wirksame Hilfen anbieten, um seiner Schutzpflicht nachzukommen.

Kein Plan B

Zum anderen ist völlig unklar, was passiert, wenn pflegende Angehörige ausfallen, weil sie nicht mehr können oder selbst an Covid-19 erkranken. Drei Viertel aller Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt. Wer kümmert sich um all diese Menschen? Die BAGSO und die Interessenvertretung wir pflegen! forderten schon im Frühling, regionale Soforthilfe-Teams für die häusliche Pflege aufzubauen, die bei Bedarf einspringen können. „Nach wie vor sind uns keine solchen Initiativen bekannt“, schreibt wir pflegen!

Eine Notlösung ist die Kurzzeitpflege, bei der Pflegebedürftige vorübergehend in einem Pflegeheim betreut werden. Aber die Pflegeheime ächzen schon jetzt unter der hohen Belastung durch die Pandemie, immer wieder fallen Pflegekräfte coronabedingt aus. Unwahrscheinlich, dass sie im großen Stil Kurzzeitpflegegäste aufnehmen könnten. Umso wichtiger ist es, die häusliche Pflege zu stärken.

Bezahlte Auszeiten, Tests, Impfungen

Die Bremer Forscher haben pflegende Angehörige gefragt, was ihnen in der Pandemie besonders helfen würde. Weit oben auf der Wunschliste stehen ein frei verfügbares Budget, um die Pflege individuell gestalten zu können, eine Freistellung im Job mit Lohnersatz, die bessere Versorgung mit Schutzausrüstung und eine Ausweitung der Tests. Die Interessenvertretung wir pflegen! fordert außerdem, dass pflegende Angehörige Zugang zu Schnelltests bekommen und bei der Impfung Vorrang haben. Tatsächlich räumt das Bundesgesundheitsministerium engen Kontaktpersonen von über 70-Jährigen oder Demenzkranken hohe Priorität ein. Wer einen jüngeren pflegebedürftigen Angehörigen betreut, muss aber erstmal warten.

Mir wäre es wichtig, dass mein Mann und meine Mutter schnell geimpft werden.“ Rebecca Beer

Pflegebedürftige, die zu Hause leben, sind nicht als eigene Gruppe von Bedürftigen erwähnt. Das zeigt, wie weit diese Menschen unter dem Radar der Aufmerksamkeit leben. Ob sie schnell eine Impfung bekommen können, hängt vom Alter und den Vorerkrankungen ab.

Unklar ist auch, wie diese Menschen an die Impfung herankommen sollen. Müssen sie in ein Impfzentrum gebracht werden – selbst wenn sie körperlich stark eingeschränkt oder schwer demenzkrank sind? Kümmern sich die mobilen Impfteams auch um Pflegebedürftige zuhause? „Das wäre wünschenswert“, sagt Felizitas Bellendorf, Pflegeexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Aber das müsste jetzt organisiert werden. Ein mobiles Impfteam muss ja irgendwie erfahren, in welchen Haushalten besonders gefährdete Menschen leben.“

Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedienst der Nation. In Sonntagsreden heben Politiker diese Tatsache gerne hervor. Wenn es um konkrete Hilfen geht, ist dieser „Pflegedienst“ oft außen vor. Unternehmen erhalten Millionen-Entschädigungen, Familien bekamen einen Kinderbonus gezahlt – pflegende Angehörige hörten nicht mal ein Dankeschön. Rebecca Beer wünscht sich, dass die Arbeit pflegender Angehöriger endlich gesehen wird: „Pflegende Angehörige stehen immer in der Verantwortung, sie haben nie Feierabend. Es wäre schön, wenn andere das mal anerkennen würden.“

Quellen:

Positionspapier wir pflegen e.V.: Pflegende Angehörige fordern und erwarten Lösungen für die zweite Welle der Pandemie, 9.12.2020

Positionspapier Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und wir pflegen: Vorschläge zum Schutz und zur Sicherung der häuslichen Pflege in der Corona-Pandemie, 18.03.2020

Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik; Institut für Public Health und Pflegeforschung Universität Bremen: Zur Situation der häuslichen Pflege in Deutschland während der Corona-Pandemie. Ergebnisse einer Online-Befragung von informellen Pflegepersonen im erwerbsfähigen Alter, September 2020

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Carina Frey

Carina Frey

Carina Frey arbeitet als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Alter und Pflege sind ihre Spezialgebiete. Sie hat unter anderem die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben.


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