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Neue Regeln für Paare mit Kinderwunsch und Forschung an Embryonen

Das Embryonenschutzgesetz ist nicht mehr zeitgemäß. Verbände fordern Änderungen, die der Forschung und den Frauen zugute kommen würden.

13.06.2021
3 Minuten
Ein Arzt hält ein Icon eines Embryos in der Hand. Symbol für den Schutz von Embryonen bei der Forschung und künstlicher Befruchtung.

Die deutschen Akademien der Wissenschaften sprechen sich für eine weitgehende Neufassung des Embryonenschutzgesetzes aus. Die beiden Spitzenverbände der Forschung wollen das Verbot der Forschung an Embryonen kippen. Sie fordern, dass Paare ihre befruchteten Embryonen, die in Kinderwunschkliniken lagern, in Zukunft für Forschungszwecke spenden können, wenn sie ihre Familienplanung abgeschlossen haben. Bisher werden diese als „überzählig“ bezeichneten Embryonen meist verworfen, die Ärzte lassen sie absterben.

Die Änderungsvorschläge zielen nicht nur auf die Wissenschaft. Sie berücksichtigen auch die Interessen von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen. Die Akademien werden hier sehr deutlich: Die geltende Rechtslage zwinge die Fortpflanzungsmedizinerïnnen in Deutschland nicht selten zu einer Behandlung, die dem heutigen internationalen Stand nicht mehr angemessenen sei und zu unnötigen Risiken für Mutter und Kind führe. Dennoch beschäftigte sich der Bundestag nicht mit dem Thema. In Deutschland ist das Gespräch über den Umgang mit einem unerfüllten Kinderwunsch noch immer ein Tabu. Politikerïnnen aller Fraktionen kündigten bei einer Veranstaltung der Leopoldina und der Konrad-Adenauer-Stiftung nun an, das Thema in der nächsten Legislaturperiode aufgreifen und das Gesetz modernisieren zu wollen.

Reform nach 30 Jahren überfällig

30 Jahre nach Inkrafttreten des Embryonenschutzgesetzes sei es an der Zeit, den rechtlich zulässigen und ethisch vertretbaren Umgang mit frühen menschlichen Embryonen neu zu bewerten, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Die neue Stellungnahme ergänzt ein Papier der Akademien aus dem Jahr 2019 und soll eine längst überfällige Debatte in Bewegung bringen. Das Embryonenschutzgesetz ist seit 1990 in wichtigen Punkten nicht mehr überarbeitet worden. Die Liste neu zu regelnden Aspekten ist lang. „Die Komplexität der Materie ist kein Grund, eine gesetzliche Neuregelung weiter aufzuschieben“, schrieben die Akademien schon vor zwei Jahren.

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Eizellenspende in Deutschland bald erlaubt?

So ist es hierzulande bei der künstlichen Befruchtung verboten, Methoden einzusetzen, mit denen die Embryos ausgewählt werden können, die für eine Transplantation in die Gebärmutter besonders geeignet sind (Elective Single-Embryo-Transfer). Deshalb werden in der Regel mehrere Embryonen eingesetzt, die Frauen nehmen Mehrlingsschwangerschaften in Kauf, die für Mutter und Kind risikoreich sind. Kritisiert wird auch das Verbot der Eizellenspende, die es in fast keinem anderen europäischen Land mehr gibt. Während unfruchtbare Männer mit Hilfe einer Samenspende eine Familie gründen dürfen, bleibt unfruchtbaren Frauen in Deutschland der Weg über die Eizellenspende verwehrt.

Die Forschung an Embryonen, die in einigen Ländern schon lange erlaubt ist, müsse auch in Deutschland endlich zugelassen werden. „Die Forschung im Ausland hat in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Einblicke geliefert, auf deren Basis reproduktionsmedizinische Behandlungen verbessert und sicherer gestaltet werden konnten“, heißt es in der Stellungnahme. Nach internationaler Auffassung gebe es eine Reihe wichtiger Fragen, die nur mithilfe der Embryonenforschung bearbeitet werden können. Die Identifizierung von genetischen und umweltbedingten Ursachen von Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Fehlbildungen und erblichen Erkrankungen sei ein hochrangiges Forschungsziel, dass die wissenschaftliche Arbeit an Embryonen rechtfertige, argumentieren die Akademien. Sie schlagen die Gründung einer neuen Bundesbehörde vor, die gemeinsam mit einer Ethikkommission jedes einzelne Projekt zur Embryonenforschung prüfen und genehmigen soll.

Grundlagenforschung am Embryo?

Die Forscherïnnen nennen auch Beispiele aus dem Bereich der Grundlagenforschung: Wie genau entwickelt sich nach der Befruchtung menschliches Leben? Wie überlebt die befruchtete Eizelle auf ihrem Weg vom Eileiter zur Gebärmutter? Warum sterben so viele Embryonen in vitro oder in der Frühphase einer Schwangerschaft ab? Warum sind manche Paare auf medizinische Unterstützung angewiesen, um den Kinderwunsch zu erfüllen? Wie kann man die Weitergabe schwerer genetisch bedingter Erkrankungen an die nächste Generation verhindern?

Das Expertïnnen-Papier der Akademien regt eine breite Debatte an, die sich nicht auf das klassische Familienmodell beschränken sollte. Zudem müssen ganz neue Fragen diskutiert werden, die in anderen Ländern bereits geregelt werden. Zum Beispiel, unter welchen Bedingungen die Veränderung des Erbgut eines Kindes vor seiner Geburt möglich sein soll, oder wie viele Tage Embryos außerhalb eines menschlichen Körpers im Labor kultiviert werden dürfen. Ohne diese Debatte droht das Gesetz nach seiner Neufassung bald wieder veraltet zu sein.

Kinderwunsch ist Frage des Geldes

Schon heute ignorieren viele Paare, die in Deutschland geltenden strengen Regelungen, in dem sie Kinderwunschkliniken im Ausland aufsuchen. Beobachter rechnen damit, dass sich dieser Baby-Tourismus verstärken wird, wenn die Forschung an Embryonen den Ärzten mehr Möglichkeiten liefert, einen Kinderwunsch zu erfüllen.

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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