Manifest für einen Journalismus der Dinge

Ein Diskussionsvorschlag

Unter diesem Titel stellen wir zehn Thesen auf der re:publica 19 vor. Kein in Stein gemeisselter Text, aber der Grundstein einer Diskussion über ein gemeinsames Verständnis eines Journalismus der Dinge.

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

Vorspann

Wir begründen heute, am 8. Mai 2019 den Journalismus der Dinge. Das Internet der Dinge verändert die Welt grundlegend. Es gibt eine rasant zunehmende Zahl und Allgegenwärtigkeit vernetzter Geräte. Ob Drohnen, Sprachassistenten, Fitnesstracker, Satelliten, Kameras, Luft-, PH- oder Abstandssensoren. Sie alle sind so verfügbar und billig wie nie zuvor. Durch ihre Vernetzung mit Menschen und anderen Maschinen über das Internet verändert diese Entwicklung weitreichend, wie wir die Welt sehen und welche Informationen über uns gesammelt werden. Wir teilen die Überzeugung, dass diese Entwicklung langfristige Folgen für Gesellschaft, Umwelt und die Verteilung von Macht haben wird. Um diese Entwicklungen sowohl kritisch begleiten als auch kreativ nutzen zu können, braucht es einen neuen Journalismus. Den Journalismus der Dinge.

1. Dinge vermitteln die Welt.

Jeden Tag erheben Sensoren Massen von Daten. Wer alternative Sichtweisen der Welt und damit andere Entscheidungen zur Debatte stellen will, muss sowohl die erhobenen Daten reproduzieren als auch andere Messweisen durchführen können. Dinge sind eine neue Hardware des Journalismus.

2. Dinge übernehmen Verantwortung.

Maschinen treffen zunehmend automatisch Entscheidungen. Die Entscheidungen basieren auf Daten, die häufig ebenfalls automatisch von Maschinen erhoben wurden. Um diese Entscheidungen einordnen und hinterfragen zu können, muss Journalismus solche immer komplexeren Prozesse verstehen lernen. Sonst verliert der Journalismus seine Möglichkeit, Verantwortung den richtigen zuzuweisen.

3. Dinge müssen zur Rechenschaft gezogen werden können.

Wie sie Aussagen über die  Welt erheben, muss nachvollziehbar sein. Wer eine quantifizierte Aussage über die Welt treffen kann, erreicht oft Deutungshoheit über ein Thema. Wenn offizielle Stellen beispielsweise als einzige die Wasserqualität messen, haben sie auch die Deutungshoheit, ob das Wasser sauber ist. Journalismus muss diese Methoden und Auswertungen nachvollziehen können, um Politik und Wirtschaft zu kontrollieren. Je abhängiger Journalisten von den Erhebungen zentralisierter Stellen sind, desto weniger unabhängig ist ihre Berichterstattung.

Barbie mit Beschriftung "Dinge manifestieren Haltung"
Dinge wie dieses vernetzte Spielzeug manifiostieren Haltung

4. Dinge können Reporter sein.

Sensoren können langfristig vor Ort sein, Ereignisse aus einer anderen Sicht beobachten und neue Informationen beschaffen. Sie können aber auch an Orte gehen, wo Menschen nicht hinkommen, seien es verstrahlte Gebiete, Abflussrohre oder das Verdauungssystem. Wie gute menschliche Reporter können vernetzte Geräte somit eine andere Betrachtungsweise der Welt ermöglichen. Das bedeutet nicht, dass es dafür keine Menschen braucht. Dinge helfen als Reporter dort, wo Menschen keinen Zugang haben.

5. Dinge manifestieren Haltungen.

Was ein Sensor misst, wie eine Kamera aufnimmt, was ein Server speichert ist nie wertfrei. Die Analyse solcher eingebauten Prioritäten gleicht der Frage nach der Motivation eines Handelnden. Sie muss deshalb Kern journalistischer Arbeit werden.

6. Journalismus-Dinge müssen nicht digital sein.

Wenngleich oft digitale Geräte die einfachste Möglichkeit sind, Daten zu erheben, sind genauso chemische, biologische oder physikalische Erhebungen bisher im Journalismus als Methoden kaum ausgebildet. Das muss sich ändern.

7. Dinge sind Interfaces.

Dinge können Quelle und Ausspielkanal gleichzeitig sein. Gerade Journalismus auf Smartphones ermöglicht gleichzeitig die Erhebung und Vermittlung von Informationen. Diese Rückkopplung ermöglicht neue Mechanismen und Austausch zwischen Journalisten und Publikum, die gerade erst begonnen haben.

Tasse mit Aufschrift "Dinge müssen nicht digital sein."
Auch eine Tasse kann zum Journalismus-Ding werden.

8. Dinge können ein Mittel im Kampf gegen Desinformation sein.

Weil Informationen durch Sensoren und andere Erhebungsinstrumente oft quantfizierbarer und überprüfbarer sind, können sie Aussagen belastbarer und zuverlässiger machen. Fundamental ist dafür ein technisches Grundverständnis innerhalb von Redaktionen.

9. Dinge beeinflussen, was sagbar ist.

Welche Geschichte erzählbar ist, welche Daten verständlich und welche Sicht der Welt sagbar, hängt untrennbar mit den sich rasant wandelnden Ausspielkanälen der Medien zusammen. Der Journalismus der Dinge kann nicht nur neue Fragen fragen. Er muss auch darüber nachdenken, wie digitale Geräte neue Geschichten erzählen können. Er ist damit keine Alternative oder Konkurrenz zu Text-, Video- oder Datenjournalismus. Journalismus der Dinge funktioniert nur als gleichberechtigte Partnerschaft mit anderen Formen des Journalismus.

10. Dinge machen Journalismus greifbar.

Der Journalismus findet auch mit Dingen in den Händen der Leser statt. Wenn die vernetzte Barbie mit Kindern Weltpolitik diskutiert, wenn der Radfahrer seine Daten mit der Redaktion teilt, werden Leser Teil  der Recherche. Der Journalismus der Dinge braucht eigene Formate, die Geschichten live denken und Bürger einbeziehen, um Vertrauen zwischen dem Journalist und seiner Leserschaft herzustellen.

Über diesen Text diskutiert haben Michael Gegg, David Meidinger, Hendrik Lehmann, Jan-Georg Plavec, Jakob Vicari, Helena Wittlich, Astrid Csuraji. Er ist eine Arbeitsfassung. Die aktuelle Version steht hier auf Github.

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Das Manifesto-Team Hendrik Lehmann, Jakob Vicariu und Helena Wittlich präsentieren auf der re:publica19.
Hendrik Lehmann, Jakob Vicari und Helena Wittlich präsentieren auf der re:publica19.
Hendrik Lehmann
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