Der erste von uns in Europa

Homo sapiens erreichte unseren Kontinent Jahrtausende früher als bislang gedacht

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Das Foto zeigt die mit grellen, kaltweißen Leuchten angestrahlten Wölbungen und den feuchten Boden der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien. In der Mitte stehen bunte Plastikeimer, die Grabungsutensilien der Forscher enthalten, und am Rande Plastikhocker. Die 45.000 Jahre alten Hinterlassenschaften der ersten modernen Menschen in Europa ruhten hier im Boden verborgen.

Der moderne Mensch lebte bereits vor mindestens 45.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien, dokumentieren neue Forschungsergebnisse. Er jagte dort Wisente und Hirsche, stellte hochwertige Steinwerkzeuge mit einer neuartigen Technologie her und fertigte Schmuck aus den Zähnen von Höhlenbären. Diese Neuerungen beeindruckten offenbar auch den bisherigen Herrscher Europas, den Neandertaler. Und das blieb nicht ohne Folgen

Auf dem Foto zu sehen ist der hellbraune, von der Seite aufgenommene Schädel eines Homo sapiens, der sehr gut erhalten ist und noch fast alle Zähne hat. Die Hirnkapsel ist rund, das Kinn ausgeprägt, die Bögen über den Augen sind deutlich weniger stark als etwa beim Neandertaler – kurzum, er ähnelt heutigen Menschen schon weitgehend. Das Fossil wurde bereits vor vielen Jahren in Skhul, einer Höhle im heutigen Israel, entdeckt und wird auf rund 90.000 Jahre datiert. Dieser Mensch und seine Angehörigen waren offenbar bereits aus Afrika ausgewandert. Anatomisch dürften sie jenen Menschen ähneln, die als erste auch den europäischen Kontinent besiedelten. Wie jetzt eine Grabung in Rumänien ergab, erreichte der Homo sapiens Europa bereits vor mindestens 45.000 Jahren – viel früher als bislang gedacht.
Dieser rund 90.000 Jahre alte Schädel aus dem israelischen Skhul zeigt einen frühen Homo sapiens, der den afrikanischen Kontinent bereits verlassen hatte. Er dürfte anatomisch jenen Menschen ähneln, die – wie neue Forschungen ergaben – bereits vor mindestens 45.000 Jahren Europa erreichten
Auf der linken Seite des Bildes hocken mehrere Archäologen am Boden der Bacho-Kiro-Höhle und graben in einer dunklen Bodenschicht vorsichtig mit speziellen Schaufeln und Spateln nach Relikten der früheren Bewohner. Weiter rechts und im Hintergrund sind hellere, höher liegende Bodenschichten zu erkennen, zudem ein Maßband, ein Holzbrett und Plastikplanen, die Teile des Bodens abdecken.
In der dunklen Schicht der Bacho-Kiro-Höhle fanden die Ausgräber zigtausende Knochenfragmente (darunter solche vom Homo sapiens), Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein und Knochen, sowie Schmuckgegenstände – Nachweise für die ersten modernen Menschen in Europa
Auf hellem Hintergrund zu sehen sind verschiedene Klingen und Schaber aus Feuerstein, sowie rechts oben eine zerbrochene Perle aus Sandstein, die in der Mitte durchlocht ist. Die filigran zugeschlagenen Stein-Objekte zeigen Farbtöne von fast schwarz, über grünlich, orange, rötlich und gelb. Sie sind rund 45.000 Jahre alt, stammen aus der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien und wurden von den ersten modernen Menschen in Europa hergestellt.
Rund 45.000 Jahre alt und vom ersten Homo sapiens in Europa gefertigt: Filigran gearbeitete Feuerstein-Klingen, beziehungsweise Bruchstücke davon (1–3 und 5–7), eine durchlochte Perle aus Sandstein (4) und eine besonders lange, vollständige Klinge (8) – gefunden in der Bacho-Kiro-Höhle in Bulgarien
In der linken Bildhälfte sind in drei Reihen übereinander längliche Knochenwerkzeuge sowie kleine Schmuckgegenstände, etwa durchlochte Tierzähne, zu sehen. Sie stammen aus der Bacho-Kiro-Höhle, sind rund 45.000 Jahre alt und wurden von modernen Menschen gefertigt. In der Grotte du Renne in Frankreich fanden sich ganz ähnliche Knochengeräte und Schmuckgegenstände, die auf der rechten Seite des Bildes in zwei Reihen übereinander zu sehen sind. Sie sind einige Jahrtausende jünger und dort lebten in jener Zeit Neandertaler. Die Forscher vermuten daher, dass die Neandertaler diese Kultur vom Homo sapiens übernommen haben.
Die links abgebildeten, in der Bacho-Kiro-Höhle gefundenen Knochengeräte und persönlichen Ornamente (etwa durchlochte Zähne) wurden vor 45.000 Jahren von modernen Menschen hergestellt. Sie ähneln stark jenen, die Neandertaler einige Jahrtausende später in der Grotte du Renne fertigten. Haben sich die Neandertaler vom Homo sapiens anregen lassen?

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