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„Schlechte Information kann den Heilungsprozess behindern“

Wie gute Gesundheitsinformationen in die Hausarztpraxis kommen: Ein Interview mit der Leiterin des EVI-Projekts Andrea Siebenhofer-Kroitzsch

30.07.2021
7 Minuten
Bild mit vielen Beinen von Menschen, die in einem Wartezimmer sitzen.

Wenn Patient:innen gemeinsam mit Arzt oder Ärztin informierte Entscheidungen treffen sollen, brauchen sie gute Informationen über ihre Krankheit sowie den Nutzen und die Risiken der unterschiedlichen Behandlungen – im Idealfall auch schriftlich.

Doch solche verlässlichen Gesundheitsinformationen sind sogar in Hausarztpraxen rar. Darüber haben wir mit Andrea Siebenhofer-Kroitzsch gesprochen. Sie ist Professorin für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung an den Universitäten Frankfurt und Graz. Zusammen mit anderen Mediziner:innen und Gesundheitswissenschaftler:innen hat sie ein Projekt ins Leben gerufen, das Hausarztpraxen dabei unterstützt, ihre Patient:innen mit guten Gesundheitsinformationen zu versorgen: die EVI-Box.

Die EVI-Box wird zurzeit vor allem in der Steiermark in Österreich in Arztpraxen eingesetzt. Das Konzept ist aber für alle Praxen und ihre Patient:innen im deutschsprachigen Raum interessant.

Frau Siebenhofer-Kroitzsch, Sie haben die Idee gehabt, Hausärzt:innen mit evidenzbasierten Gesundheitsinformationen zu versorgen. Also mit Flyern für Patient:innen, die verlässlich über Krankheiten sowie Nutzen und Risiken von Behandlungsmöglichkeiten aufklären. Ganz naiv gefragt: Gibt es solche Informationen nicht längst in den Praxen?

Sollte man meinen, nicht wahr? Aber das ist leider nicht so.

Wie ist es stattdessen?

Das kann ich jetzt nur für die rund 1000 Hausarztpraxen in der Steiermark in Österreich sagen, die wir alle vor dem Start unseres EVI-Projekts angeschrieben haben. Wir haben sie gebeten, uns die Broschüren zu schicken, die sie im Wartezimmer ihrer Praxen auslegen oder ihren Patient:innen aktiv mitgeben. Egal, ob sie zehn Seiten haben oder nur eine. Wir wollten einfach wissen: Wie viele dieser Materialien entsprechen denn den Kriterien für evidenzbasierte Gesundheitsinformationen, stellen also das aktuelle Wissen korrekt, vollständig und neutral vor, so dass Menschen auf dieser Grundlage eine informierte Entscheidung treffen können?

Wir haben bei dieser Aktion rund 1000 Broschüren eingesammelt, sie gesichtet, die doppelten aussortiert und knapp 400 unterschiedliche Broschüren bewertet. Dabei haben wir folgendes festgestellt: 60 Prozent der Broschüren wurden von Pharmafirmen bereitgestellt, der Rest wurde entweder von Fachgesellschaften, anderen medizinischen Vereinigungen oder Verlagen produziert. Circa zehn Prozent wurden von den Ärztinnen selbst verfasst.

Am Ende kam heraus: Keine einzige Broschüre genügte den Ansprüchen der modernen Medizin. Das war schon ein Schock.

Was fehlte den Gesundheitsinformationen vor allem?

Wir haben die Broschüren mithilfe eines Instruments bewertet, mit dem sich die Qualität von Patienteninformationen gut beurteilen lässt [1]. Dabei haben wir gesehen: Fast 80 Prozent der Broschüren enthielten keine Angaben darüber, wie gut die Evidenz ist, die den Informationen zugrunde lag. Überhaupt nur neun Prozent der Materialien gaben eine Quelle an. Doch trotz der schlechten Qualität nutzt die überwiegende Mehrheit, nämlich circa 90 Prozent der Hausärzt:innen, diese Materialien zur Aufklärung ihrer Patient:innen [2].

Welche Gefahr sehen Sie, wenn solche Materialien eingesetzt werden?

Patient:innen sind nach den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin Teil des Behandlungsteams. Die Aufgabe von Gesundheitsprofis ist es, sie in die Lage zu versetzen, informierte Entscheidungen zu treffen. Dafür brauchen sie aber auch Informationen, die bestimmten Qualitätsansprüchen genügen. Wenn diese Materialien nur einseitig informieren oder sogar falsch sind, dann haben die Patient:innen nichts davon. Im Gegenteil, das behindert sie, eine aktive Rolle bei ihrer Behandlung einzunehmen. Schlechte Information kann auch den Heilungsprozess behindern.

Sie haben daraufhin die EVI-Box entwickelt, um Hausarztpraxen mit qualitativ hochwertigen Gesundheitsinformationen zu versorgen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir haben uns gefragt: Welche Behandlungsanlässe kommen in den Praxen häufig vor? Und welche Krankheitsbilder betrifft das? Bei einer Literaturrecherche fanden wir 30 Krankheiten, mit denen Hausärzt:innen oft zu tun haben. Anschließend haben wir unsere Hausärzt:innen in der Steiermark gebeten, für uns zu sortieren, zu welchen dieser 30 Krankheitsbilder sie sich evidenzbasierte Gesundheitsinformationen für ihre Patient:innen wünschen würden. Daraus ergab sich eine Liste mit 14 Krankheitsbildern. Zu diesen haben wir evidenzbasierte Informationen gesucht und die qualitativ hochwertigen für die Praxen ausgewählt.

Was sind das für Krankheitsbilder? Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Zum Beispiel orthopädische, wie der akute oder chronische Rückenschmerz, die Arthrose und Schultersteife. Aber auch internistische, wie Diabetes, die Herzschwäche oder Koronare Herzkrankheit. Und neurologische, wie Schwindel und Demenz. Patient:innen finden die Materialien auch auf unserer Website.


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Portraitfoto und Darstellung der Infobox, einer Art Fächersystem, in dem Infoblätter stecken.
Die Leiterin des EVI-Projekts, Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, und die vom Team entwickelte Box.

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Sie nutzen also schon bestehende Materialien, die den Kriterien für evidenzbasierte Gesundheitsinformationen entsprechen?

Ja, und da gibt es einige, zum Beispiel von gesundheitsinformation.de oder die Patientenleitlinien vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin. Wir haben das Rad nicht neu erfunden. Unser Ziel ist es, dass sowohl Hausärzt:innen als auch Patient:innen möglichst leicht an diese Informationen kommen, und gute Materialien schnell greifbar sind. Wenn Sie als Hausarzt erst noch selbst suchen und die Information aus dem Internet ausdrucken müssen, dauert das zu lange und ist viel zu umständlich. Wenn in Hausarztpraxen eins fehlt, dann ist es Zeit für solche Extra-Arbeit.

Das heißt, die EVI-Box spart Zeit?

Ja, die 14 Infoblätter, die wir in der EVI-Box gesammelt haben, kommen in ein kleines Regal, das wir von einem Hersteller hier aus der Region haben anfertigen lassen. Man kann es auch schön dekorativ in der Praxis aufstellen, im Sprechzimmer oder im Wartebereich. Dafür haben wir zwei Versionen: eine schmalere, höhere und eine breitere. Die Info-Flyer sind so gestaltet, dass sich Patient:innen schnell einen Überblick über das Wichtigste zu ihrer Krankheit verschaffen können. Uns war es aber auch wichtig, dass die Homepage und die Broschüren optisch ansprechend gestaltet werden, dass man sie gerne in die Hand nimmt und anschaut.

Wie kommt die EVI-Box bei den Hausärzt:innen und ihren Patient:innen an?

Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir können im Moment noch nicht die Patient:innen selbst befragen, aber von den Hausärztinnen hören wir, dass sie die hochwertigen Informationen sehr schätzen. Sie helfen ihnen bei ihrer Beratung. Außerdem sparen sie Zeit, weil sie den Patient:innen, die mit falschen Informationen aus dem Internet kommen, etwas in die Hand geben können.


Das ist der Mehrwert der EVI-Box, den wir gerne vermitteln wollen: Die EVI-Box spart Zeit, sie spart Arbeit, sie hilft Menschen, sich gut zu informieren und gute Entscheidungen zu treffen.

Aber Ärzt:innen, die die EVI-Box nutzen wollen, müssen zuerst auch etwas investieren, oder?

Ja, sie müssen ein bisschen Zeit mitbringen und einen Workshop besuchen. Der findet zurzeit als Online-Workshop statt. Darin erfahren sie etwas über die Vorteile von Gesundheitskompetenz, auf welchem Stand die Bevölkerung gerade steht und wie die EVI-Box dazu beiträgt, die Gesundheitskompetenz zu stärken. Und es geht natürlich auch direkt um die EVI-Box selbst. Wie wir da vorgegangen sind, welche Materialien enthalten sind und welchen Nutzen die Materialen haben.

Und was kostet die EVI-Box?

Sie ist für die Arztpraxis gratis. Wir von der Medizinischen Universität Graz sind gefördert vom Gesundheitsfond Steiermark und haben das Institut für Gesundheitsförderung und Prävention (IfGP) als Kooperationspartner.

Welche Hürden gibt es für die EVI-Box?

Eines ist sicherlich klar, dass die EVI-Box in den Köpfen der Hausärzt:innen einen festen Platz haben muss, aber wir möchten auch weitere Berufsgruppen wie zum Beispiel Physiotherapeut:innen oder die Pflege erreichen. Denn auch sie können die Materialien für ihre Arbeit gut einsetzen. Wir haben kleine Visitenkarten, die man auslegen kann, es gibt die Homepage, es gibt die verschiedenen Netzwerke. Das hilft! Trotzdem bleibt es schwer, den Mehrwert der EVI-Box zu vermitteln. Es erfordert auch, dass sich die Gesundheitsprofis umstellen, sich auf etwas Neues einlassen müssen. Das fällt nicht leicht, wenn man sich bislang keine Gedanken dazu gemacht hat und sich in einem stressigen Praxisalltag als Einzelkämpfer auch noch damit beschäftigen soll..

Was müsste sich ändern, damit evidenzbasierte Gesundheitsinfos tatsächlich einen Beitrag zu mehr Gesundheitskompetenz leisten können?

Ändern müsste sich vor allem das Bewusstsein. Es ist ein gemeinsamer und auch politischer Beschluss, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern. Wir haben uns in Österreich Gesundheitsziele gesetzt, und zu denen müssen wir uns zuerst alle bekennen. Das Thema sollte auch in der Bildung bei Kindergärtner:innen, Eltern, Schüler:innen und Lehrer:innen präsent sein, und endlich auch bei den Sozialversicherungsträgern und der Politik ankommen und ernst genommen werden.

Wir wollen eine informierte Bevölkerung haben. Dazu braucht es aber auch Kompetenz in den Arztpraxen und Krankenhäusern. Dieser Prozess muss allerdings gestaltet werden. Wir wollen mit der EVI-Box dazu beitragen, dass die Gruppe derer, die weiß, wie man sich Wissen besorgt und wie man es auch kritisch bewertet, größer wird.

Welche Rolle spielt die Finanzierung dabei?

Wir haben immer wieder kleinere Projekte, die über einen bestimmten kurzen Zeitraum gefördert wurden und dann auf dem Friedhof der ehemals geförderten Projekte landen und es nie in die Regelversorgung schaffen. Das ist sehr traurig, denn obwohl die Projekte auch von den Förderern wie zum Beispiel den Sozialversicherungsträgern als gut eingestuft wurden, gibt es oft keine Fortsetzung der Initiativen.

Unsere Förderung in Österreich läuft bald aus, aber wir wollen die EVI-Box am Leben erhalten. Ebenso freuen wir uns, dass die Idee wieder weitergetragen wird und die Stiftung Gesundheitswissen in Deutschland 2020 mit meinen Frankfurter Kolleg:innen das wissenschaftliche Projekt Gesundheitsförderung in der Hausarztpraxis – GeHa gestartet hat.

Zum Weiterlesen

[1] Measuring quality of patient information documents with an expanded EQIP scale. Charvet-Berard AI, Chopard P, Perneger TV. Patient Educ Couns 2008; 70(3): 407–411

[2] Written patient information materials used in general practices fail to meet acceptable quality standards. Posch N, Horvath K, Wratschko K, Plath J, Brodnig R, Siebenhofer A. (2020). BMC family practice, 21(1), 1–6

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Silke Jäger

Silke Jäger

Silke Jäger ist als freie Journalistin spezialisiert auf evidenzbasierte Gesundheitsinformationen und Gesundheitspolitik


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