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Long Covid: Der blinde Fleck der deutschen Corona-Strategie

Bund und Länder ringen darum, ob im Herbst und Winter wieder strikte Regeln zum Infektionsschutz gelten. Die Gefahr von Langzeitschäden durch Covid-19 spricht dafür – eine Analyse

08.08.2021
8 Minuten
Reha-Therapie, der Trainer zeigt einer Gruppe mittelalter Menschen Bewegungsabläufe mit einem Gymnastikreifen

In diesen Tagen beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Coronakrise für den nahenden Herbst und Winter. Damit sind sie deutlich früher dran als im vergangenen Jahr. Damals wurde nach der Sommerpause überhaupt erst realisiert, dass die Corona-Pandemie alles andere als vorbei ist und es einer Strategie für die dunklen und ansteckungsreichen Jahreszeiten bedarf.

Zugleich ist aber auch das Corona-Virus früher damit dran, nach einer Phase niedriger Inzidenz wieder härter zuzuschlagen: Die 7-Tage-Inzidenz liegt – Stand 7. August – wieder bei 22 Fällen pro Hunderttausend Einwohnern. Das ist nicht nur deutlich höher als noch vor wenigen Wochen, sondern auch doppelt so hoch wie im vergangenen Jahr, wo es zu diesem Zeitpunkt rund 10 Fälle waren.

Das Robert-Koch-Institut warnt, dass es schon jetzt wieder unmöglich geworden ist, alle Infektionsketten nachzuverfolgen. Der in letzter Zeit wenige beachtete R-Wert, der die Ausbreitungsdynamik wiedergibt, liegt – Stand 6.8. – bei 1,18. Das deutet auf eine stark steigende Zahl von Infektionen hin.

Doch viele Verantwortliche bauen derzeit darauf, dass es im Vergleich zum vergangenen Jahr einen entscheidenden und rettenden Unterschied gibt: In Rekordzeit ist es gelungen, Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln, massenhaft zu produzieren und einzusetzen. Stand 5. August 2021 waren 62,2 Prozent der Bürger mindestens einmal geimpft. 54,1 Prozent verfügten über den sogenannten “vollen Impfschutz”, für den es bei allen Mitteln außer einem einer zweiten Dosis bedarf.

Forderungen nach einer Privatisierung der Pandemie

Der Schutzeffekt der Impfung ist riesig: Laut Analysen des Robert-Koch-Instituts konnten durch die Impfkampagne in Deutschland bisher 706.000 Infektionen, 76.600 schwere Verläufe und 38.300 Todesfälle verhindert werden.

Ist Deutschland also auf dem sicheren Weg, die Pandemie hinter sich zu lassen?

Viele politische Forderungen, im gesellschaftlichen Leben zur vielbeschworenen “Normalität” zurückzukehren, klingen danach. So hat CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet bereits weitgehend ausgeschlossen, dass er nach einem Wahlsieg einen Kurs neuerlicher Schulschließungen in den Bundesländern mittragen würde. Am Dienstag geht es nun um das ganze Spektrum möglicher Maßnahmen: Bleibt die Maskenpflicht für alle? Unterbleiben wegen der Impfangebote weitere Restriktionen?

Vor allem die FDP, die in mehreren Bundesländern in wichtigen Ministerien mitregiert, will den Infektionsschutz stark zur Privatsache machen, da es für alle Menschen über 12 Jahren ein Impfangebot gibt.

Der nordrhein-westfälische Familienminister Joachim Stamp (FDP) sagte in der “Zeit”: “Wir besitzen Impfstoffe, die für jedermann zugänglich sind und die uns schützen – vor schweren Verläufen, überwiegend auch vor Ansteckungen. Deshalb sollten wir den Tag der Deutschen Einheit zum Tag der Freiheit und Eigenverantwortung ausrufen.” Stamp will also einen ähnlichen Kurs wie in Großbritannien, wo Beschränkungen schon Mitte Juli weitestgehend aufgehoben wurden.

Erheblicher Teil der Infizierten hat Langzeitprobleme

CDU-Kanzlerkandidat Laschet und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollen bei der Lagebewertung nicht mehr nur auf die Inzidenz schauen, sondern die “Belastung des Gesundheitssystems” betrachten. Das Kalkül: Dank Impfung landen weniger Menschen im Krankenhaus und auf Intensivstationen, wie auch die Entwicklung in Großbritannien zeigt.

Doch es gibt neben dem Risiko, dass erneut steigende Inzidenzen wegen der großen Zahl Ungeimpfter wieder zu steigender Zahl von Akutfällen in Krankenhäusern und deren Intensivstationen führen, eine weitere schwere Belastung für das Gesundheitssystem, und vor allem auch für die Betroffenen. Es geht um eine Belastung, die in der politischen Debatte bisher weitgehend unter den Tisch fällt: Long Covid.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel wird neben Jens Spahn von Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch Instituts (RKI), vor dem Eingang des RKI begrüsst.
Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft: RKI-Chef Lothar Wieler (links) beim Besuch von Bundeskanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn am 13. Juli 2021 in Berlin.

Bei einer erheblichen Zahl von Infizierten bestehen nach der anfänglichen akuten Phase, die oftmals mit Fieber und Husten einhergeht, schwere Probleme über Wochen und Monate hinweg fort: Die Symptome sind unterschiedlich schwer und extrem vielfältig, sie reichen von Kurzatmigkeit über Thrombosen in Lunge und Gehirn bis zu massiven Schwierigkeiten bei Gedächtnis und Konzentration. Viele weitere Symptome werden mit Long Covid in Verbindung gebracht.

Das Virus kann im ganzen Körper wüten

Noch ist die Studienlage unübersichtlich. In bisherigen Studien ist mal von zehn, zwanzig und mehr Prozent der Infizierten die Rede, die unter Long Covid leiden – darunter sind auch viele Menschen, bei denen die ursprüngliche Infektion eher milde verlief und ohne Krankenhausaufenthalt wieder abklang. Betroffen sind auch Kinder und Jugendliche. Es geht aber in jedem Fall um einen erheblichen Teil derer, die sich mit dem Virus infiziert haben.

In einer Anfang Juli publizierten Studie legten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Köln dar, dass 35 Prozent der Menschen in einer Untersuchungsgruppe mit Covid-19 auch nach sieben Monaten unter mindestens einem der Symptome Kurzatmigkeit, Geruchsstörungen, Geschmacksstörungen oder Erschöpfung litten.

Der Erreger Sars-CoV-2 befällt bei weitem nicht nur die Lunge, sondern alle Körperteile, in denen er in Zellen eindringen und sich vermehren kann. Das betrifft viele Organe und alle Blutgefäße. Zudem kann das Virus Immunreaktionen auslösen, die entweder direkt eskalieren oder dazu führen, dass fehlgeleitete Antikörper gebildet werden, mit denen sich die Immunabwehr gegen das eigene Körpergewebe richtet, die sogenannten “Autoantikörper”.

Im politischen Diskurs kommt Long Covid kaum vor

Schon heute gibt es in Deutschland unter den – Stand 7. August 2021 – bisher knapp 3,8 Millionen bestätigten Infektionsfällen sehr viele Menschen, die mit Long Covid kämpfen. Einige dieser Schicksale hat der Fotograf Patrick Junker in beeindruckenden Bildern dokumentiert. “Ich kann nicht mehr so wie früher”, das ist ein typischer Satz von Betroffenen. Manche sind etwa wegen Schlaganfällen dauerhaft von der Krankheit gezeichnet.

Nach anfänglichem Ignorieren und Zögern stellt sich das Wissenschafts- und Gesundheitssystem zunehmend auf Long-Covid-Patienten ein. An Universitätskliniken etwa in Berlin und Jena gibt es spezielle Anlaufstellen und Therapieangebote. Das Bundesforschungsministerium hat im Mai 2021 – im Vergleich etwa zu Großbritannien sehr spät – eine Ausschreibung für Forschungsprojekte zu Long Covid publiziert. Die Erforschung der Langzeitfolgen läuft nun etwa in Dresden, Hannover, München und Berlin mit zahlreichen Studien bei Kindern wie Erwachsenen an. Thüringen hat auf Initiative der FDP-Fraktion im Landtag eine Forschungs- und Therapiestrategie zu Long Covid auf den Weg gebracht.

Öffentliche Aufmerksamkeit ist da: TV-Sender bieten Dokumentationen, Einzelschicksale wurden im RiffReporter-Projekt #50survivors vorgestellt und werden vom Bundesgesundheitsministerium in einer Sammlung präsentiert.

Doch im politischen Diskurs, dort wo es um die Frage geht, welche Probleme als drängend gelten und was sofort geschehen muss, ist “Long Covid” kaum zu hören, in den Strategiepapieren kaum zu finden. Mit Ausnahme etwa des unermüdlichen Karl Lauterbach von der SPD und Politikerinnen wie Karoline Preisler von der FDP, die selbst betroffen ist, ist Long Covid ein Randthema. Die Politik konzentriert sich auf das gut sichtbare, akute Leid, auf das Heulen von Blaulicht und das Vorfahren von Leichenwagen – und vernachlässigt das stille, oftmals lähmende Leid von Long-Covid-Erkrankten, die zu Hause sitzen oder sich zum Hausarzt schleppen.

Selbst das RKI spricht fälschlicherweise von „Genesenen“

Wenn etwa diskutiert wird, ob angesichts steigender Impfraten statt der Inzidenz stärker die Belastung des Gesundheitssystems als Richtschnur für Strategien benutzt werden sollte, taucht Long Covid so gut wie nie auf.

Grund dafür ist, dass sich die Betroffenen nicht akut mit Atemwegsproblemen in Intensivstationen sammeln, sondern bei Hausärzten anlanden, die vielfach die Symptome nicht zuordnen können, in depressiver Verstimmung erst gar nicht Hilfe suchen oder erst im Abstand von Monaten ins Krankenhaus kommen, wo zum Beispiel Blutgerinnsel nicht immer der Covid-Erkrankung zugeordnet werden.

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Das spiegelt sich auch in den Strategiepapieren wider. So legte ausgerechnet die Deutsche Krankenhausgesellschaft eine lange Liste möglicher zusätzlicher Bewertungsmaßstäbe vor – darunter die Zahl der Einweisungen auf Intensivstationen -, die den Anteil von Menschen mit Long Covid ignorierte, obwohl die Erkrankung selbstverständlich auch das Gesundheitssystem belastet.

Lange Zeit verbreitete sogar das RKI auf seiner Statistikseite die falsche Formulierung, dass Infizierte nach Ablauf kurzer Fristen pauschal “genesen” seien. Inzwischen ist diese Rubrik zumindest aus dem Covid-Dashboard verschwunden. In den detaillierteren Berichten des RKI wird aber weiter pauschal von “Genesenen” gesprochen, versehen mit dem Hinweis, die Zahl erfasse “nicht, ob ggf. Spätfolgen der Erkrankung vorliegen, weil diese Daten nicht regulär im Meldesystem erfasst werden.”

Mangelnde Erfassung von Long Covid

Das beschreibt aber nur einen weiteren Fehler in der Corona-Politik: Es gibt in Deutschland noch immer keine systematische Dokumentation von Long Covid in der Gesundheitsstatistik. Allerdings sehen Krankenkassen und Rentenversicherer ein wachsendes Problem. Zahlen der Barmer-Versicherung zufolge waren 17 Prozent der betroffenen Versicherten länger als vier Wochen krankgeschrieben.

Patientenorganisationen begehren gegen das weitverbreitete Ignorieren des Problems auf. In einer Petition verlangen Betroffene mehr Anerkennung, Aufmerksamkeit und Betreuung.

Das Problem wird noch immer deutlich unterschätzt. Und wenn Deutschland ohne strenge Regeln in den Herbst und Winter geht, droht zusätzlich zum bisherigen Heer der Long-Covid-Kranken einer erheblichen Zahl von Menschen langfristiger gesundheitlicher Schaden.

Das Argument, dies sei jetzt Privatsache, weil man sich impfen lassen könne, greift deshalb nur teilweise. Impfung ist und bleibt der beste Schutz gegen Covid-19. Doch die Gefahr von Long Covid betrifft bei weitem nicht nur Impfverweigerer, denen man dafür selbst die Schuld geben könnte.

Das Risiko von Long Covid betrifft auch

  • junge Menschen unter 12 Jahren, für die noch kein Impfstoff zugelassen ist
  • Menschen, die aufgrund von Sprachbarrieren und Lebensumständen auf den bisherigen Wegen nicht über das Impfangebot informiert sind
  • Menschen, die sich aufgrund von Vorerkrankungen nicht impfen lassen können
  • Geimpfte, bei denen der Impfschutz versagt, weil sie nicht über ausreichend effektive Antikörper verfügen oder diese sich schnell wieder zurückgebildet haben.

Die Zahl der Menschen, die von Long Covid betroffen sein könnten, ist damit immer so groß wie die Zahl der Ungeimpften plus die Zahl derer, bei denen der Impfschutz versagt. Es geht auf absehbare Zeit um Millionen Deutsche, von denen sehr viele Long Covid bekommen könnten.

Belastung im Alltag, Risiken für alle

Dieses Risiko betrifft nicht nur die Individuen. Es ist auch ein gesellschaftliches und ein volkswirtschaftliches Risiko. Neueren Analysen aus Großbritannien zufolge kann Long Covid das Denkvermögen so reduzieren, dass der Verlust im Durchschnitt einem Minus von sieben Punkten in einem IQ-Test entspricht. “Unsere Analysen liefern übereinstimmende Belege für die Hypothese, dass eine Covid-19-Erkrankung mit kognitiven Defiziten einhergeht, die bis in die Erholungsphase andauern”, heißt es in der Studie.

Long Covid schadet beispielsweise Schülerinnen und Schülern, deren Lernfähigkeit sinkt, ebenso wie Facharbeiterinnen oder Ingenieuren, die nicht mehr so viel leisten können wie früher. Es beeinträchtigt Familien, bei denen ein Elternteil hilfsbedürftig wird und führt bei jedem Betroffenen zu Problemen in Alltag, die zu sozialem Rückzug und Depressionserkrankungen beitragen können.

Konzentrationsschwierigkeiten schaffen zudem zusätzliche Risiken im Alltag, etwa im Straßenverkehr oder an Arbeitsplätzen, bei denen Aussetzer Gefahren erzeugen können, etwa im Umgang mit Maschinen.

Vermeidung von Long Covid als Maß des Erfolgs

Dass der Anteil der Infizierten, die auf Intensivstationen landen und an der Krankheit sterben, wohl rückläufig ist, verleitet manche Politikerinnen und Politiker zu der Forderung, man könne Regeln des Infektionsschutzes nun lockern oder ganz aufheben.

Das Problem Long Covid sendet aber die gegenteilige Botschaft: Für die weitere Strategie in der Corona-Pandemie bedeuten Ausmaß und Schwere von Long Covid, dass es äußerst wichtig bleibt, die Zahl der Infektionen möglichst niedrig zu halten – auch bei Kindern und Jugendlichen, für die eine besondere Schutzverpflichtung besteht.

Selbst wenn ein geringerer Teil der Infizierten im Krankenhaus landet und die Zahl der Toten verhältnismäßig niedrig bleibt, droht bei stark steigenden Inzidenzen durch Long Covid eine massive Belastung. Das Robert-Koch-Institut listet daher in seinem Strategiepapier für den Winter 2021/22 auch die Vermeidung zusätzlicher Long-Covid-Fälle als Grund für fortgesetzt strenge Regeln auf.

Wenn Kanzlerin und Ministerpräsidentinnen und -präsidenten über die Strategie für den Herbst und Winter beraten, verdient Long Covid einen Platz auf der Tagesordnung und in den Bewertungskriterien dafür, wie erfolgreich Deutschland die neue Phase der Pandemie bewältigt – oder dabei versagt.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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