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Fotoserie zu Long Covid: Zeigen, wie es sich anfühlt

Der Fotograf Patrick Junker hat Betroffene von Long-Covid mit der Kamera begleitet. Die Bilder machen den Alltag nach einer Corona-Infektion erlebbar, aber auch den Schmerz, sich selbst nicht mehr zu erkennen

von
03.05.2021
4 Minuten
Luisa Meißner steht gebückt auf Krücken zwischen zwei Autos, und ruht sich aus. Sie hat eine Atemschutzmaske auf.

Herr Junker, Sie haben in einer Fotoserie Betroffene von Long Covid portraitiert. Warum?

Ich habe in der ersten Welle der Pandemie schon sehr vielseitig zur Corona-Pandemie in Deutschland fotografiert, hatte aber damals den Fokus auf der Pflege in einem Krankenhaus gelegt. Als das Projekt abgeschlossen war, hatte gerade die zweite Welle in Deutschland begonnen. Es hat sich im Grunde alles wiederholt, aber die Anspannung der ersten Welle war nicht mehr da. Gleichzeitig kamen die ersten Berichte zu Langzeitfolgen auf. Ich hatte aus dem ersten Projekt noch einen guten Kontakt zu einem Patienten und dachte mir: Wenn diese Langzeitfolgen wirklich so gravierend sind, die Betroffenen aber dennoch unter dem Radar durchfallen, weil man immer nur auf die Infizierten guckt und auf die Todeszahlen, dann sollte ich dem mal nachgehen. Ich hatte das Gefühl, dass eben dieser Bereich gerade besondere Aufmerksamkeit braucht. Ich wollte zeigen, wie es sich anfühlt, von Long Covid betroffen zu sein.

Sie kommen den Menschen auf Ihren Fotos sehr nah. Hatten Sie das Gefühl, dass die Menschen auch ein Bedürfnis hatten, sich zu zeigen in ihrer Situation?

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte Anfragen an verschiedene Selbsthilfegruppen gestellt. Wer sich auf eine solche Anfrage meldet, will ja auch ein Bewusstsein schaffen. Die wenigsten Betroffenen gehen zu einem Arzt und finden sofort Hilfe. Wir haben in Deutschland zwar hervorragende Spezialisten, aber es fehlt an Ärztinnen und Ärzten, die den Menschen ganzheitlich betrachten – und genau das ist bei Long Covid wichtig. Insofern war vielen der Betroffenen auch wichtig, das zu thematisieren.

Gleichzeitig können sich die Betroffenen oft gar nicht vorstellen, was auf sie zukommt, denn die meisten Menschen sind ja keine Medienprofis. Deshalb habe ich Vorgespräche geführt und auch die Bilder mit den Menschen besprochen. Denn ich möchte natürlich nicht, dass ein Mensch, der erkrankt ist und dem es dadurch auch psychisch vielleicht schlecht geht, durch meine Bilder noch tiefer dort reingezogen wird. Deshalb ist eine gewisse Sicherheit sehr wichtig.

Chronische Erschöpfung, Gedächtnisprobleme, Muskelschmerzen, Riech- und Geschmacksstörungen: Die Folgen einer Covid-19-Infektion sind für Außenstehende kaum sichtbar. Wie fotografieren Sie so etwas?

Mit der Recherche habe ich im Februar begonnen und bis April 12 Menschen getroffen. Ich habe die Menschen in der Regel ein bis zwei Tage in ihrem Alltag begleitet. Da gab es dann schnell Erschöpfungsmomente, die sichtbar werden. Es gibt zum Beispiel ein Foto einer Situation, in der eine Frau sich beim Ausräumen der Spülmaschine auf der Küchenzeile abstützen muss. Das sind Details, auf die man achtet und Stimmungen, die man spürt.

Ich habe auch Portraits gemacht, mit verschiedenen Folien, die ich vor die Linse gehalten habe. Dadurch entsteht ein Unschärfe-Effekt. Da hatten dann auch viele Patientinnen und Patienten gesagt, dass sie sich gut getroffen fühlen. Weil sie das Gefühl haben, gar nicht mehr sie selbst zu sein, sich selbst gar nicht mehr zu kennen. So habe ich verschiedene Mittel miteinander kombiniert.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit besonders bewegt?

Die Geschichte mit der 22-jährigen Betroffenen. Sie hatte einen sehr schweren Verlauf und kann nach einem Jahr noch immer nicht laufen, ist auf Gehstöcke angewiesen. Sie hat sich in Spanien angesteckt, wo sie ein Praktikum machte. Dort hatte sie einen Mann kennengelernt. Mit dem war sie noch gar nicht in einer Beziehung. Dann kam sie ins Krankenhaus, lag mehrere Wochen auf der Intensivstation. Und dennoch entstand zwischen den beiden eine Beziehung, die bis heute hält. Das fand ich sehr bewegend.

Eine junge Frau liegt in eine bunte Decke gehüllt auf ihrem Sofa und schaut erschöpft an der Kamera vorbei.
Stuttgart, 04. Februar 2021: Daniela Müller leidet noch ein Jahr nach ihrer Covid-19-Erkrankung an schwerer Fatigue. Körperlich ist sie kaum belastbar und erzielt kaum Trainingseffekte. Sie sagt:"Mein Leben vor Corona konnte man mit höher, schneller, weiter beschreiben. Ich war beruflich eigentlich non-stop auf Reisen. 27 Wochen im In- und Ausland unterwegs."
Ein mit Rotlicht verfremdetes Portrait der Long-Covid-Betroffenen Daniela Müller aus Stuttgart.
Deutschland, Stuttgart, 21. Februar 2021: Ein Portrait von Daniela Müller. „Den schlimmsten Crash hatte ich, nachdem ich zwei Stunden in der Stadt Bummeln war.“
Ein älterer Mann sitzt zusammengesunken in einer Glaskabinen, in der Lungenfunktionstests gemacht werden. Er blickt auf einen Plastikaufsatz in seiner Hand, durch den er in der Kabine durchpusten muss.
Donaustauf, 15. März 2021: Karl Baumann bei einer Untersuchung im Krankenhaus in Donaustauf. Alle seine Werte zeigen keine Auffälligkeiten, aber er hat zahlreiche Langzeitfolgen. Vor allem ist er vergesslich und wird körperlich nicht mehr fit. Seine Frau muss heute die Getränkekisten hoch in die Wohnung tragen.
Ein Portrait des an Long-Covid erkrankten Karl Baumann.
Donaustauf, 15. März 2021: Karl Baumann erkranke Anfang März 2020. Nach seiner Reha gründete er die erste Selbsthilfegruppe für Menschen mit Langzeitfolgen in Deutschland. „Ich hab erst im Januar realisiert, dass ich wirklich krank bin. Das Leben von früher gibt es bei mir nicht mehr“, sagt er.
Luisa Meißner steht gebückt auf Krücken zwischen zwei Autos, und ruht sich aus. Sie hat eine Atemschutzmaske auf.
Düsseldorf, 19. März 2021: Luisa Meißner rechnet damit, noch Jahre mit ihren Langzeitfolgen zu kämpfen. Durch Covid-19 und die Zeit auf der Intensivstation entwickelt sie eine Ataxie, eine Störung der Kleinhirnfunktion. Ein Jahr nach ihrer Erkrankung kann sie nur wenige Meter mit der Hilfe von Stöcken gehen. Wenn ungeplante Wartezeiten entstehen, setzt sie sich oft einfach auf den Boden.
Ein Portrait der an Long-Covid erkrankten Luisa Meißner.
Deutschland, Düsseldorf, 19. März 2021: Ein Portrait von Luisa Meißner. „Unternehmen bekommen eine Corona-Hilfe“, sagt sie. „Menschen mit Corona-Langzeitfolgen bekommen keine Hilfe. Das ist für mich unerklärlich.“

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Was haben Sie aus dem Fotoprojekt für sich mitgenommen?

Ein wichtiges Detail ist sicherlich, dass ich selbst Corona hatte, im vergangenen November. Ich hatte keinen schweren Verlauf, lag aber dennoch mehrere Tage flach und brauchte den gesamten Dezember, mich von der Infektion zu erholen. Seit Januar geht es mir nun wieder gut und ich bin sehr froh, dass ich von solchen Langzeitfolgen verschont geblieben bin. Diese Erfahrung und die Arbeit an der Fotoserie haben mir gezeigt, was für ein großes Gut und Glück unsere Gesundheit eigentlich ist. Es ist mir auch noch einmal klar geworden, dass wir mit unserem Leben vorsichtig umgehen müssen – und gleichzeitig auch im Hier und Jetzt ausleben sollten, was wir gerne mögen. Dass wir diese Barrieren im Kopf überwinden, Dinge nicht mehr so lange vor sich hinschieben. Da noch einmal bewusster zu leben, das ist mir klarer geworden.

Patrick Junker, 30 Jahre, ist freier Fotograf in Stuttgart. Er hat sich bereits früher fotografisch mit Covid-19 beschäftigt: In seiner Fotoserie „There is glory in prevention“ zeigte er den Alltag auf der Corona-Station im Stuttgarter Marienhospital. Seine Recherche zu Long Covid wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Tanja Krämer

Tanja Krämer

Tanja Krämer ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Reportage. Sie ist zudem Mitgründerin und Vorstand von RiffReporter.


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