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Long Covid: „Ich kann einfach nicht mehr so wie früher“

Woher anhaltende Beschwerden nach der Corona-Infektion kommen und was man dagegen tun kann

von
16.04.2021
11 Minuten
Ein junger Mann fasst sich mit der Hand an die Stirn. Er ist erschöpft.

Gerade morgens fehlt die Kraft. Dusche oder Frühstück? Leanne muss sich entscheiden. Für einen „normalen“ Start in den Tag ist sie zu erschöpft. Zehn Wochen nachdem die 40-Jährige an Covid-19 erkrankt ist, leidet sie noch immer. Sie hat starke Kopfschmerzen, Herzstolpern, Magen-und Darmprobleme. Wenn sich die zweifache Mutter endlich dazu gezwungen hat, für ein oder zwei Stunden aktiv zu sein, reagiert der Körper prompt: Arme und Beine werden bleischwer. Leanne hat Schwierigkeiten, deutlich zu sprechen.

Adam Rutherfords Covid-19-Erkrankung liegt schon mehr als ein Jahr zurück. Doch noch immer müsse er sich nach jedem Treppensteigen hinsetzen und ausruhen. Würden seine Kinder einen harmlosen Schnupfen mit nach Hause bringen, hat der 46-Jährige das Gefühl, der Infekt dringe bei ihm gleich tief in die Atemwege vor. Irgendetwas sei noch immer nicht in Ordnung mit seinem Körper, berichtet der britische Genetiker, Autor und BBC-Journalist auf der Online-Veranstaltung „Long Covid: an unfolding story“ der britischen „Royal Society“ am 8. April.

Leanne und Adam sind nur zwei von vielen. Angesichts der hohen Infektionszahlen mit Sars-Cov-2 weltweit fürchten ExpertInnen eine Flutwelle an chronischen Erkrankungen durch den Pandemie-Sturm, die Millionen Menschen beeinträchtigen und die Gesundheitsversorgung extrem herausfordern wird. In einer Befragung, die Anfang März endete, gaben beispielsweise 1.094.000 Menschen in Großbritannien an, noch immer Beschwerden zu haben, obwohl ihre akute Covid-19-Erkrankung länger als vier Wochen zurücklag.

Was ist „Long Covid“ überhaupt?

„Eine allgemeingültige Definition, was Long Covid ist, gibt es noch nicht“, sagt der Epidemiologe Paul Elliott vom Imperial College London auf der Veranstaltung der Royal Society. Wir hätten noch viel zu lernen, Covid-19 sei neu, Long Covid sei neu.

US-amerikanische ÄrztInnen fassen unter dem Begriff „Post-akutes Covid-19 Syndrom“ all die Beschwerden und Langzeitkomplikationen zusammen, die die Betroffenen auch vier Wochen nach Krankheitsbeginn noch plagen. Es gibt zudem Vorschläge die Krankheit in eine akute Phase, eine post akute Phase (ab drei Wochen) und chronische Phase (12 Wochen nach Beginn) einzuteilen. „Long Covid“ wäre dann die chronische Phase.

Das Robert-Koch-Institut zitiert eine Übersichtsarbeit, die vorschlägt „Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung nicht als einheitliches Phänomen zu betrachten, sondern verschiedene Krankheitsbilder zu beschreiben, die sowohl zeitversetzt als auch parallel in verschiedenen Ausprägungen auftreten können“. Für eine Aufteilung in mehrere Syndrome plädiert auch das britische National Institute for Health Research. PatientInnen, die schwer erkrankt waren und auf der Intensivstation behandelt werden mussten, leiden danach unter dem „Post-Intensiv-Syndrom“. Außerdem unterscheiden die ForscherInnen ein „Post virales Erschöpfungssyndrom“, ein „Langzeit Covid-Syndrom“ und „bleibende Organschäden“.

Welche Symptome sind typisch für Long Covid?

Covid-19 ist in erster Linie eine Erkrankung der Atemwege, äußert sich aber mitunter in einer Fülle verschiedener Symptome, weil das Virus viele Organe des Körpers befallen kann. In mindestens genauso vielen verschiedenen Facetten zeigt sich auch Long Covid. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Brustschmerzen, Riechstörungen oder Verlust des Geruchsinns, Geschmacksstörungen, Durchfall, Bauch- und Muskelschmerzen, Herzrasen und Tinnitus. Typisch ist das wellenförmige Auftreten der Symptome. Am einen Tag geht es gut, den Tag darauf wieder schlecht. Die Infektion beeinflusst die Blutgerinnung. Thrombosen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle sind deshalb nach der akuten Erkrankung häufiger als gewöhnlich.

Die gute Nachricht: „Chronisch bedeutet zunächst für mehrere Wochen oder Monate, impliziert aber nicht automatisch „für immer““, schreibt die Gefäßchirurgin Claudia Ellert, die im November 2020 nach einer Ansteckung im Krankenhaus an Covid-19 erkrankt war. Die Ärztin, die sonst als Triathletin sieben bis zehn Stunden Sport in der Woche getrieben hatte, versteht das Gefühl, „Ich kann nicht so wie früher“, von Long-Covid-Betroffenen aus eigener Erfahrung nur zu gut. Die Erschöpfung nach der akuten Krankheitsphase sei kaum zu beschreiben. „Es ist mit nichts zuvor Erlebtem vergleichbar. Es überfällt einen aus dem Nichts.“

Wie häufig ist Long Covid?

Häufig ist zu lesen, jeder Zehnte würde nach dem akuten Infekt von Long Covid betroffen sein. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Wenn nicht klar ist, was genau unter diesen Begriff fällt oder von welchem Syndrom man nun eigentlich spricht, sind die erfragten Symptome oder Kriterien häufig nicht zu vergleichen. Einige Trends zeichnen sich jedoch trotz unvollständiger Datenlage ab: Langfristige Beschwerden treten nach milden wie auch nach schweren Verläufen auf. Dabei scheint Long Covid eine Art gegensätzliches Spiegelbild von akutem Covid-19 zu sein. Während von schweren akuten Verläufen besonders alte Menschen und in der Regel häufiger Männer als Frauen betroffen seien, beobachte man Long Covid häufiger bei Mittelalten und Frauen, sagt Nishi Chaturvedi, Epidemiologin vom University College London.

Zusammen mit Nisreen Alwan, Public Health Expertin von der University of Southampton machte sie bei der Long Covid Veranstaltung der Royal Society auf ein Grundproblem bei der Erfassung der Folgeschäden von Covid-19 aufmerksam: Man wisse viel zu wenig darüber, wie es den Menschen nach einer milden Erkrankung langfristig ergehe. Diese Personengruppe läuft quasi unter dem „epidemiologischen Radar“. Es sei durchaus möglich, dass neu diagnostizierte Leiden – zum Beispiel Herz- oder Autoimmunerkrankungen – bei dieser Personengruppe auf eine Monate zurückliegende Sars-CoV-2 Infektion zurückgingen, ohne dass es den Betroffenen oder den behandelnden Ärzten überhaupt bewusst sei.

In einer britischen Studie mit 20.000 TeilnehmerInnen, die zwischen April 2020 und März 2021 positiv auf das neue Coronavirus getestet worden waren, hatten knapp 14 Prozent auch nach 12 Wochen noch Symptome. In einer Anfang April in „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichten Untersuchung erhielten von über 235.000 PatientInnen innerhalb der sechs Folgemonate nach einer Covid-19-Erkrankung etwa jede® Zehnte eine Erstdiagnose einer neurologischen oder psychiatrischen Erkrankung, wie Schlaganfall, Demenz, Angststörung oder Parkinson. Das sind mehr, als man es in Folge von schweren Influenza-Infektionen kennt.

Von 1733 wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelten PatientInnen waren laut einer Studie aus China auch sechs Monate nach der Entlassung noch über die Hälfte der 47– bis 65-jährigen Männer und Frauen erschöpft, rund ein Viertel hatte Schlafstörungen, ebenfalls ein Viertel litt unter Angst und Depression. Das Problem bei diesen Angaben: Wir wissen nicht, wie viele der Betroffenen auch schon vor ihrer Infektion an den jeweiligen Beschwerden litten.

Von über 4000 zunächst milden Infektionsfällen hatten in einer weiteren Studie 13 % der Erkrankten länger als vier Wochen Symptome, knapp 5% länger als acht Wochen und gut 2 % länger als 12 Wochen. Laut der Studie, die am Kings College London durchgeführt wurde, steigt das Risiko Long Covid zu bekommen mit der Anzahl an Symptomen, die die Infizierten zu Erkrankungsbeginn hatten: Waren es mehr als fünf, hatten sie auch häufiger längerfristige Beschwerden. Möglich wäre es daher, Menschen mit einem hohen Risiko schon früh „herauszufiltern“ und ihnen im besten Fall geeignete Therapien zukommen zu lassen, die verhindern, dass die Krankheitszeichen chronisch werden.

Auch Kinder können betroffen sein. Eine erste Studie aus Italien bei Kindern, die zwischen März und November 2020 an Covid-19 erkrankt sind, zeigt, dass mehr als die Hälfte der 129 untersuchten 6– bis 16-Jährigen auch vier Monate nach der Erkrankung noch mit mindestens einem Symptom zu kämpfen haben. Davon geben über 40 Prozent an, von diesen Beschwerden in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt zu sein.

Die elektronenmikroskopische Aufnahme (Ultradünnschnitt, koloriert) zeigt den Ausschnitt einer Zelle in der Riechschleimhaut. Sowohl innerhalb der Zelle als auch auf den Zellfortsätzen findet sich eine große Zahl intakter SARS-CoV-2-Partikel (rot). Gelb: Flimmerhärchen.
Die elektronenmikroskopische Aufnahme (Ultradünnschnitt, koloriert) zeigt den Ausschnitt einer Zelle in der Riechschleimhaut. Sowohl innerhalb der Zelle als auch auf den Zellfortsätzen findet sich eine große Zahl intakter SARS-CoV-2-Partikel (rot). Gelb: Flimmerhärchen.

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Was sind die Ursachen von Long Covid?

Die an der US-amerikanischen Yale-University tätige Virologin und Immunologin Akiko Iwasaki ist aktuell eine der gefragtesten Expertinnen. Seit Beginn der Pandemie haben Iwasaki und ihr Team fast zwei Dutzend wissenschaftliche Publikationen zu Covid-19 verfasst. Schon Mitte des letzten Jahres hielt Iwasaki drei Mechanismen für denkbar, die für eine Vielzahl der anhaltenden Langzeit-Folgen bei Covid-19 verantwortlich sein könnten.

Nach Iwasakis erster Hypothese gibt es irgendwo im Körper ein Reservoir mit Sars-CoV-2, das der Immunabwehr entkommen ist. Tatsächlich sind Viren während der akuten Krankheit nicht nur in den Atemwegen anzutreffen, sondern in vielen Organen nachweisbar, darunter im Herz, Verdauungstrakt, in Blutgefäßen, der Niere, im Lymphgewebe. Nach der aktiven Krankheitsphase (also in der Regel nach drei Wochen) konnten jedoch bisher keine infektiösen Viren gefunden werden, was die „Virus-Reservoir“ Hypothese eher unwahrscheinlich macht.

Für die beiden anderen Vermutungen der Yale-Immunologin gibt es jedoch inzwischen handfeste Beweise. Es kommt zu Autoimmunreaktionen, die durch die Infektion ausgelöst wurden. Und eine nachhaltig aus dem Tritt gebrachte Immunabwehr sorgt über anhaltende Entzündungen für körperliche Beschwerden.

Autoimmunreaktionen – wenn die Abwehr den eigenen Körper angreift

Antikörper, die sich gegen körpereigene Strukturen richten, scheinen sowohl bei akutem Covid-19 als auch bei Long Covid eine wichtige Rolle zu spielen. ForscherInnen der Boston University School of Medicine, fanden solche Auto-Antikörper bei 12 von 20 PatientInnen mit akutem Infekt und bei allen fünf in dieser Studie eingeschlossenen Personen mit Long Covid bis sieben Monate nach der akuten Erkrankung. Die Antikörper richteten sich gegen alle möglichen Strukturen des menschlichen Körpers. Vermutlich komme es bei Covid-19 zu einer allgemeinen Überaktivierung der B-Zellen, die die Antikörper herstellen, vermuten die AutorInnen der Studie. Unglücklicherweise werden dabei auch solche, sonst still gelegten B-Zellen angeregt, die autoaggressiv sind.

ForscherInnen der Yale-University fanden bei Menschen nach Covid-19 ebenfalls Antikörper, die sich gegen Strukturen im Gehirn, in den Blutgefäßen, der Leber, im Verdauungstrakt und sogar gegen Botenstoffe der Immunabwehr richten. Je aggressiver der Infekt ursprünglich verlaufen war, desto mehr solcher Antikörper traten auf. „Post-Covid-Syndrome könnten durch langlebige Autoantikörper ausgelöst werden, die selbst dann noch da sind, wenn das Virus längst aus dem Körper verschwunden ist“, sagt Mitautor Aaron Ring. Medikamente, die das Immunsystem hemmen und etwa auch zur Therapie von Rheuma zum Einsatz kommen, könnten auch bei Long Covid helfen, mutmaßt der Immunologe.

Das Virus und die Nervenzellen

Viele der Antikörper, die während des akuten Infektes gebildet werden, richten sich gegen Moleküle im Gehirn der Patienten. Solche autoimmunologischen Prozesse könnten eine Ursache für die akuten und chronischen neurologischen Beschwerden von PatientInnen sein.

Kann das Virus Nervenzellen aber vielleicht zusätzlich auch direkt infizieren und damit schädigen? Diese heikle Frage scheint noch immer nicht geklärt. Manche ForscherInnen finden genetische Spuren des Virus im Gehirn, andere nicht. Im Tiermodell mit Mäusen, können die Viren die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Für den Menschen wird zumindest diskutiert, ob sich Sars-CoV-2 in einigen Fällen über die Riechbahn oder auch die Blutbahn Zugang zum zentralen Nervensystem verschaffen kann.

Drei Röhrchen mit Blutplasma werden im Labor auf Antikörperhin untersucht. Man sieht zwei Hände mit lila Handschuhen, die gerade eines der Röhrchen beschriften.
Blutproben von Sars-CoV-2-Infizierten werden im Labor aufbereitet, um darin Antikörper zu bestimmen.

Entzündungen verantwortlich für chronische neurologische und andere Beschwerden

Wenn es auch das Virus möglicherweise nicht unbedingt immer selbst ist, das für neurologische Komplikationen verantwortlich ist, die bisweilen überschießende Entzündungsantwort ist es in jedem Fall. Gerade bei schwerem Covid-19 braucht es Wochen bis Monate bis das aus dem Gleichgewicht gebrachte Immunsystem wieder zu alter Verlässlichkeit zurückfindet. So fanden US-amerikanische ForscherInnen bei Menschen, die Wochen oder Monate nach einer akuten Covid-19 Erkrankung gestorben waren, nicht nur winzige Blutgerinnsel in den feinen Blutgefäßen des Gehirns. Auch kleine, punktförmige Entzündungsherde mit aktivierten Immunzellen waren über das ganze Organ verteilt.

Kartik Sehgal und seine KollegInnen von der Harvard Medical School in Boston schlagen fünf mögliche Ursachen für neurologische Komplikationen als Folge von Covid-19 vor. Es geht dabei um Ursachen für Symptome von Kopfschmerzen bis hin zu Parkinson, Schlaganfall und Demenz. Das Virus könnte Nervengewebe direkt schädigen. Eine schwere Entzündungsreaktion im Körper stört die empfindlichen Zellen und Prozesse im zentralen Nervensystem. Es treten direkt im Gehirn Entzündungen auf. Es kommt zu winzigen Blutgerinnseln, wodurch umliegende Nervenzellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden können. Neurodegenerative Prozesse werden angestoßen oder gefördert, weil die Immunabwehr im Gehirn gestört ist und sich unlösliche Proteinmoleküle (beta-Amyloid) ablagern.

„Brain Fog“ ist messbar

Die bei Long Covid häufig auftretenden Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme sind auf eine Funktionsstörung der Hirnrinde zurückzuführen. Sie können mit modernem medizinischem Gerät sichtbar gemacht werden. Ärzte der Universitätsklinik Freiburg entdeckten mit Hilfe der Positronenemmissions-Tomografie nach der akuten Infektion Regionen im Gehirn, deren Stoffwechsel deutlich heruntergefahren war. Hirnareale im Stirn- und Scheitellappen waren besonders betroffen.

Im Laufe der Studie, die sich über sechs Monate erstreckte, verbesserte sich die Gedächtnisleistung der acht untersuchten Long Covid Patienten deutlich. Mit der Verbesserung normalisierte sich auch die Stoffwechselaktivität der Nervenzellen. „Als erfreuliches Ergebnis lässt sich festhalten: Die kognitiven Einschränkungen sind per se reversibel. Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass einige Betroffene auch sechs Monate nach der Akuterkrankung noch kein Normalniveau erreicht hatten, die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit also in einigen Fällen langwierig zu sein scheint“, sagt der an der Studie beteiligte Neurologe Jonas Hosp.

Geruchs-und Geschmacksverlust halten sich bei manchen Menschen hartnäckig

Bei der Mehrzahl der Infizierten normalisieren sich der häufig gestörte Geruchs- und Geschmackssinn innerhalb einiger Wochen wieder. Bei etwa jedem zehnten Fall bleiben die Probleme aber weiter bestehen. Manchmal kommt es auch zu gestörten Wahrnehmungen. Dann „riecht alles nach Zigarettenrauch“ oder dann „schmeckt das Käsebrot nach Melone“. Das bedeutet nicht nur einen sinnlichen Verlust und verursacht weniger Freude am Essen. Von Familie und Freunden aber auch von ÄrztInnen wird häufig unterschätzt, welche emotionalen und psychischen Auswirkungen dieses unsichtbaren Symptom haben kann. Das Wohlbefinden, die Intimität und die sozialen Bindungen können leiden.

Entzündung richtet überall im Körper Schaden an

Nicht nur Lunge und Gehirn nehmen durch die Entzündungen manchmal Schaden. Auch der Herzmuskel, die Gelenke, die Nieren und die Bauchspeicheldrüse können betroffen sein. Manche Covid-PatientInnen erleiden Wochen oder Monate nach der akuten Erkrankung einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Woher kommt das?

Mögliche Ursache: Einen Monat nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus hatten Covid-Überlebende nicht nur erhöhte Entzündungswerte im Blut. Florence Chioh und ein Forscher-Team aus Singapur fanden dort außerdem doppelt so viele geschädigte Endothelzellen im Blut als bei völlig Gesunden. Das Endothel kleidet Blutgefäße wie eine Tapete von innen aus. Chioh vermutet, dass ein überaktives Immunsystem für den Schaden an den Blutgefäßen, damit auch für die erhöhte Gerinnungsneigung und so letztlich für Herzinfarkt und Schlaganfall verantwortlich ist. Um Komplikationen zu verhindern, wäre es hilfreich, so die ForscherInnen, vor allen Dingen bei Menschen, die ohnehin chronische Erkrankungen hätten, die Gerinnung auch nach der akuten Krankheitsphase sorgsam zu beobachten.

Ein Fläschchen mit Corona-Impfstoff, dahinter liegt eine Impfspritze bereit.
Bei einem Teil der Long Covid PatientInnen bessern sich die Symptome nach einer Corona-Impfung.

Hilft eine Corona-Impfung auch bei Long Covid?

Je besser wir verstehen, welche Mechanismen bei Long Covid eine Rolle spielen, desto geeignetere Therapien wird es geben. Auf der Veranstaltung der Royal Society kamen erste Erfolge zur Sprache, die zum Beispiel eine Impfung gegen das Coronavirus für Long Covid PatientInnen haben kann. Berichte von einzelnen Betroffenen sowie eine kleine bisher noch nicht begutachtete Studie lassen vermuten, dass die Impfung – zumindest bei einem Teil der PatientInnen – die Symptome abmildern kann.

Neue Leitlinie Long Covid im April

Für Deutschland wird noch für April eine S1-Leitlinie erwartet, die die Diagnostik und Therapie von Long Covid erleichtern soll (38). Betroffene und Behandelnde sollten aufmerksam auf mögliche Spätfolgen achten. „Wenn sechs bis acht Wochen noch Atemnot herrscht, sollte das unbedingt untersucht werden“, sagt Claus Vogelmeier von der Deutschen Lungenstiftung. Herz und Lunge sollten besonders in den Blick genommen werden.

Aktuell ist die Situation für Betroffene wegen der fehlenden Leitlinie eher chaotisch. Die Anlaufstellen sind häufig überlastet. Vermutlich wird es in Zukunft multidisziplinäre Post-Covid-Kliniken geben, in denen sich NeurologInnen, ErgotherapeutInnen, PsychotherapeutInnen gemeinsam mit Herz- und Lungenfachleuten um die Langzeitkranken kümmern.

Großer Forschungsbedarf

Eine gute Therapie braucht Forschung, der Bedarf ist immens. Ende des letzten Jahres waren von weltweit rund 5000 laufenden oder geplanten Covid-Forschungsprojekten allerdings nur 45 der chronifizierten Variante Long-Covid gewidmet. In Deutschland beschäftigen sich ForscherInnen und ÄrztInnen zum Beispiel im Forschungsprojekt COVIDOM mit den Langzeitfolgen einer Sars-CoV-2 Infektion. Studienzentren in Berlin, Würzburg und Kiel erfassen die Symptome, die Dauer und die Langzeitschäden von Betroffenen. Eine Liste mit weiteren Studien in Deutschland finden sich auf der Informationsseite „Langzeit-Covid“.

Und die Betroffenen selbst? Sorgsamer Umgang mit Energiereserven

Die Long-Covid-Patientin und Gefäßchirurgin Claudia Ellert litt direkt nach der Ansteckung mit Sars-Cov-2 zunächst nur unter Symptomen eines grippalen Infektes. Sie hatte leichten Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, leichte Magen-Darm-Beschwerden. Nach gut einer Woche ging der Geruchssinn vollständig verloren. Sie versuchte trotzdem, in Bewegung zu bleiben, mit der Arbeit klappte es aber nicht mehr. Nach einem „körperlichen Einbruch“ machte die frühere Amateur-Triathletin eine vierwöchige Reha in einer Klinik im Berchtesgadener Land. Dort sollen die Erkrankten lernen, die neuen, krankheitsbedingten engeren Grenzen zu spüren und anzunehmen. Spezielle Atem- und Entspannungstherapien helfen dabei. Das als „pacing“ in der Behandlung von chronischen Erschöpfungszuständen (Fatigue) beschriebene Konzept soll erneute Einbrüche verhindern, schreibt Claudia Ellert. Ihr hat dieser Ansatz offenbar geholfen: Die Symptome besserten sich, als sie lernte, sorgsam mit den eigenen Energiereserven umzugehen.

Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden über die Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Dr. Ulrike Gebhardt

Dr. Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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