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Corona: Impfung für Genesene?

Der Impfstoff ist weltweit immer noch sehr knapp. Doch mancherorts werden bereits Menschen geimpft, die Covid-19 bereits hinter sich haben.

von
02.06.2021
8 Minuten
Ein Arzt mit Mund-Nase-Schutz impft einen Menschen, der vor ihm sitzt in den Oberarm.

Boris Johnson krempelte im März seinen Hemdsärmel hoch, Jens Spahn erschien im Mai zum Impftermin. Dabei waren beide im Vorjahr schon an Covid-19 erkrankt.

Warum sollten sich Menschen, die bereits mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen sind, noch einmal genau gegen den gleichen Erreger impfen lassen? Ist das nicht Verschwendung, angesichts der aktuell immer noch knappen Impfstoff-Ressourcen oder sogar gefährlich, wie manche Stimmen behaupten?

Individuelle Immunaktivierung

Ein paar Dinge sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich mit der Frage „Impfen nach der Infektion?“ beschäftigt.

Die Aktivierung der Immunantwort ist individuell unterschiedlich. Das gilt nicht nur für eine Infektion mit Sars-CoV-2, sondern auch für andere Infekte. Bei manchen Menschen finden sich höhere Antikörper-Spiegel oder mehr virusspezifische Immunzellen als bei anderen. In der Regel wird die Immunabwehr stärker bei heftigeren Infekten aktiviert als bei milden, bei jüngeren Infizierten stärker als bei Älteren.

Aber noch ist unbekannt, wie hoch der Spiegel an neutralisierenden Antikörpern beziehungsweise passgenauer, speziell auf Sars-CoV-2 reagierende Immunzellen (T-Zellen) sein muss, um eine Infektion oder auch eine Erkrankung zu verhindern. Wenn es also heißt, der Antikörper-Spiegel würde nach einer Infektion über einen gewissen Zeitraum stark heruntergehen, bedeutet das nicht automatisch, dass der Organismus dann wieder anfällig für eine Infektion oder eine Erkrankung ist.

Infektion und Erkrankung sind nicht das gleiche

Infektion und Erkrankung sind zwei verschiedene Dinge. In der Regel bemerken wir nur, dass wir uns mit einem Virus angesteckt haben, wenn wir Symptome haben. Wie oft wir für eine begrenzte Zeit Krankheitserreger in uns tragen, ohne es zu spüren, weil unsere Körperabwehr rasch eingegriffen hat, wissen wir nicht. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte ist so aufmerksam beobachtet worden, in welchen Nasen oder Rachen sich ein Virus, wie jetzt Sars-CoV-2, gerade aufhält. Dies gilt zumindest für Länder mit ausgedehnten Testungen. Wenn von „Neuinfektion“ oder „Reinfektion“ die Rede ist, heißt das erst einmal nur, dass das Virus erneut in einem Menschen nachgewiesen wurde, der vormals positiv, dann negativ und jetzt eben wieder positiv getestet wurde. Ob diese Person auch wieder an Covid-19 erkrankt oder erkranken wird, kann ein solcher positiver Test nicht beurteilen.

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Der schlechte Ruf der Coronavirus-Immunität

Die natürliche Immunität nach einer Sars-CoV-2-Infektion hat einen schlechten Ruf. Immer wieder wird auf die anderen saisonalen (Schnupfen-) Coronaviren hingewiesen, mit denen man sich ja auch erneut anstecken könne, weil die Antikörper-Spiegel so rasch herunter gingen. Dabei bildet sich nach dem ersten Kontakt mit diesen Viren in der Kindheit meist eine solide Abwehr heraus. Diese tritt jährlich in den Wintermonaten bei erneutem Kontakt zu den Viren in Aktion und macht schwere Erkrankungen nach einer Infektion mit diesen Coronaviren im Erwachsenenalter selten beziehungsweise unwahrscheinlich.

Der schlechte Ruf der Sars-CoV-2-Immunität könnte auch davon geprägt sein, dass das Pandemie-Virus so bedrohlich ist und die Immunabwehr dagegen hilflos erscheint angesichts der vielen Todesfälle und schweren Erkrankungen durch Covid-19. Dabei ist unser Körper keineswegs hilflos, sondern reagiert in den meisten Fällen angemessen und gut – auch auf das neue Virus.

Die Faktenlage: Wie ist es um die natürliche Immunität nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 bestellt?

Zunächst ein kurzer Blick auf Sars-CoV, einen nahen Verwandten von Sars-Cov-2. Bei der Sars-Pandemie 2002/2003 starben weltweit 774 Menschen als Folge der Infektion. Die erste Begegnung zwischen dem menschlichen Immunsystem und diesem Virus liegt also schon länger zurück. Daher gibt es inzwischen genauere Angaben zur Dauer einer Immunität.

Eine Studie fand bei 176 Menschen, die an Sars erkrankt waren, deutlich sinkende Antikörper-Spiegel ab dem dritten Jahr nach der Infektion, weshalb ab diesem Zeitpunkt eine erneute Infektion möglich sein könnte. Eine Langzeit-Studie aus China an 34 Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, die sich mit Sars angesteckt hatten, wies sogar 12 Jahre später noch Antikörper gegen das Virus im Blut der Frauen und Männer nach. Deren Antikörper waren im Rahmen der Studie von 2003 bis 2015 jährlich kontrolliert worden. Zunächst waren die Spiegel stark, später nur noch leicht abgesunken. Doch bis zum Ende der Studie, wiesen die chinesischen Forscher beachtliche Mengen von Antikörpern nach. Das spricht dafür, dass sich langlebige, Antikörper produzierende B-Zellen im Knochenmark niedergelassen hatten.

Wie tief sich ein Virus in das immunologische Gedächtnis eingraben kann, zeigt das Beispiel der Grippe: Überlebende der 1918er Grippe-Pandemie hatten selbst 90 Jahre danach noch Antikörper gegen das Pandemie-Virus im Blut. Diese Abwehrmoleküle stammen von langlebigen B-Zellen, die lebenslang Antikörper freisetzen. Der Grund: Sie sind im Knochenmark gut eingebettet und versorgt.

Dass solche langlebigen Immunzellen auch nach einer Sars-CoV-2-Infektion gebildet werden, zeigt eine aktuelle Arbeit US-amerikanischer ForscherInnen um Ali Ellebedy (Washington University School of Medicine). Bei 77 Frauen und Männern, die eine milde Covid-19-Erkrankung hinter sich hatten, fand man im Blutserum bis mindestens elf Monate nach der Infektion Antikörper, die sich gegen das Spike-Protein richten. Langlebige Gedächtniszellen, die diese Antikörper herstellen, konnten die Wissenschaftler sowohl im Serum als auch im Knochenmark der StudienteilnehmerInnen nachweisen.

Wie häufig sind Reinfektionen?

Wie häufig oder wie schnell kann das Virus durch die Maschen der Abwehr schlüpfen, obwohl der Organismus bereits Kontakt hatte und Abwehrmoleküle bereitstehen? Die bisherigen Studien zeigen, dass das wohl eher selten der Fall ist. Eine britische Untersuchung bezifferte die Häufigkeit einer solchen Reinfektion bei über 6500 Untersuchten auf weniger als 1 Prozent.

In einer dänischen Studie waren von 11.068 Personen, die in der ersten Welle ein positives PCR-Testergebnis hatten, 72 auch in der zweiten Welle positiv getestet worden, was einem Anteil von 0,65% entspricht. Von 514.271 Nicht-Infizierten in der ersten Welle, wurden während der zweiten Welle dagegen 16.819 positiv getestet, das entspricht 3,27%. Daraus errechneten die dänischen Wissenschaftler einen Schutz vor einer erneuten Infektion durch eine vorherige Infektion von 80,5%. Interessant ist, wie unterschiedlich diese Zahlen interpretiert werden. Laut den Experten des „Corona-Netzwerkes“ zeige die Studie einen guten Schutz vor Reinfektion, sowie man dies an einem positiven PCR-Befund bemesse. Eine zurückliegende Covid-19 Infektion schütze nicht vollständig vor einer zukünftigen Infektion; Impfstoffe seien erforderlich, schreibt dagegen Joshua Niforatos von der Johns Hopkins University of Medicine.

Schadet eine Impfung nach einer überstandenen Infektion?

Immer wieder tauchen Meldungen auf, eine Impfung nach Covid-19 erhöhe das Risiko für schwere Nebenwirkungen inklusive Todesfolge. FactCheck.org ein US-amerikanisches Projekt des Annenberg Public Policy Center ging den Bedenken auf den Grund. Keine der bisher acht zum Thema durchgeführten Studien zeige gefährliche Effekte einer Impfung bei Personen mit einer vorherigen Infektion. Menschen deren Immunabwehr wegen des vorherigen Kontaktes bereits auf das Virus aufmerksam gemacht worden sind, können eine stärkere Impfreaktion bereits bei der ersten Impfung zeigen – bei mRNA-Impfstoffen ist die Impfreaktion sonst meist erst bei der zweiten Booster-Impfung heftiger.

„Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Impfen von Personen, die bereits Covid hatten, das Risiko für Nebenwirkungen erhöht“, zitiert FactCheck.org den Immunologen E. John Wherry von der University of California. Die Bedenken gründen sich auf der Überlegung, Bestandteile des Virus könnten nach einem Infekt noch eine Weile im Organismus, zum Beispiel in den Wänden der Blutgefäße, verbleiben. Würde dann die Körperabwehr durch die Impfung aktiviert, könnte sie die Blutgefäße schädigen und die Bildung von Blutgerinnseln fördern. Dass es zu solchen Prozessen kommt, hält Steven Varga, Mikrobiologe und Immunologe von der Universität Iowa für unwahrscheinlich. Es gebe keine wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass das Virus-Antigen lange im Körper verbleibe, wenn die Infektion vorbei ist. Selbst wenn noch Virusmoleküle vorhanden wären, würde deren Menge nicht ausreichen, um heftige Reaktion oder gar Schäden zu verursachen.

Wenn die Körperabwehr immer wieder auf ein (virales) Antigen treffe, sei das ganz und gar nicht schlecht, ergänzt die Immunologin Donna Farber (Columbia University) in diesem Faktencheck. Der wiederholte Kontakt zu einem Fremdmolekül sei vielmehr das, worauf sich das Immunsystem im Laufe der Evolution spezialisiert habe. Es sei genau die Art und Weise, die die Körperabwehr dazu bringe, sich am besten zu erinnern, das beste Immungedächtnis hervorzubringen, ergänzt Donna Farber.

Welchen Nutzen könnte eine Impfung zusätzlich zu einer Infektion haben?

Mehrere Studien zeigen, dass eine zusätzliche Impfung die Menge blockierender Antikörper steigern und das immunologische Gedächtnis vertiefen kann. Die Impfung nach der Infektion steigert nicht nur die Aktivität der Antikörper-produzierenden B-Zellen und der B-Gedächtnis-Zellen. Auch die Antwort der T-Zellen fällt intensiver aus. Forscher der Rockefeller University in New York fanden heraus, dass die Immunantwort dabei nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Breite geht. Eine Art Feinschliff durch die zusätzliche Impfung sorgt dafür, dass Antikörper gebildet werden, die ein breiteres Spektrum an Virusmutanten abdecken, inklusive bedrohlicher Varianten.

Entscheidend ist der zwei- oder mehrfache Kontakt mit dem Virus. Ob dieser über eine Infektion und eine zweite Infektion, eine Impfung und eine zweite Impfung oder eine Mischung aus beidem, einer Infektion und dann einer Impfung, erfolgt, ist offenbar egal. Manche Experten meinen jedoch, dass eine durch die Impfung ausgelöste Immunität grundsätzlich besser sei, als diejenige nach einer Infektion – wenn nicht bei allen, so doch bei einigen Betroffenen.

Martin Bachmann, Immunologe an der Universität Bern, hat einen Mechanismus entdeckt, der das erklären könnte: Das Virus wendet einen Trick an, über den es der Antikörper-Antwort zu entkommen versucht. Der Abstand zwischen den Spike-Proteinen auf der Virus-Hülle (den Bereichen über die sich das Virus an die Körperzellen lagert) ist bei Sars-CoV-2 verhältnismäßig groß: 25 Nanometer statt 5 bis 10 Nanometer wie bei anderen Viren. Dieser große Abstand auf der Virushülle führt dazu, dass die Immunantwort gegen diese Bereiche schwächer in Gang kommt, als bei anderen Erregern. Bei einer Impfung mit dem Spike-Protein direkt kann die Immunabwehr offenbar effektiver angekurbelt werden.

Wann und wie häufig nach einer Infektion impfen?

Nach einer Infektion reicht eine einmalige Impfung offenbar aus. Diese entspricht dann der Booster-Impfung bei denjenigen, die nur geimpft werden und nicht infiziert waren. Eine zweite Impfung für die bereits Infizierten kann die Immunantwort, wie die Studien zeigen, nicht noch weiter steigern. Über den Zeitpunkt, wann nach einer Infektion geimpft werden sollte, gehen die Meinungen etwas auseinander. Das Robert-Koch-Institut rät zu einer solchen Impfung frühestens sechs Monate nach der Genesung. Die Centers for Disease Control in den USA hatten ursprünglich zu einer Impfung unmittelbar nach der Genesung plädiert. Ideal scheint es jedoch zu sein, ein wenig zu warten, dass die Immunantwort heruntergeht, um dann den Effekt der Auffrischung optimal zu nutzen.

Ein weiterer Grund, der für eine Impfung von Genesenen spricht, ist der positive Effekt der Vakzine auf manche Menschen mit Long Covid. Größere Studien zur Wirksamkeit sind gerade erst angelaufen. Erste Hinweise liefern Schilderungen von Einzelfällen und eine britische Untersuchung, die auf Initiative von Betroffenen gestartet wurde: Bei einem Drittel der 345 Long-Covid-PatientInnen verbesserten sich die Symptome nach einer Impfung, bei etwa der Hälfte tat sich nichts. Ein Fünftel berichtete über eine Verschlechterung der Beschwerden.

Das Wichtigste in Kürze

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 hinterlässt einen guten Immunschutz, eine erneute Infektion ist möglich aber unwahrscheinlich, eine erneute Erkrankung sehr unwahrscheinlich – zumindest in den Zeiträumen, die wir aktuell überblicken können. Eine Impfung kann den Immunschutz nach einer Infektion ähnlich wie die Booster-Impfung vertiefen und steigern. Hinweise für schädigende Effekte einer solchen Impfung gibt es nicht. Angesichts der immer noch vorherrschenden Knappheit an Impfstoffen, sollten sich bereits Infizierte jedoch ganz hinten in der Warteschlange anstellen. In manchen Fällen scheint eine Impfung bei Long Covid zu helfen, wissenschaftliche Studien zu Wirksamkeit laufen gerade.

Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden über die Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Dr. Ulrike Gebhardt

Dr. Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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