Unseriös: „Impfstudie“ entpuppt sich als PDF mit falschem Absender

Dubiose Behauptungen zu indirekten Impfschäden bei Kindern / Twitter löscht Post des Journalisten Boris Reitschuster / Karlsruher Institut für Technologie wehrt sich gegen Nennung

7 Minuten
Warnzeichen

Karl Lauterbach hat sich am frühen Nachmittag des 1. Juli auf Twitter ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. „Wer so einen Schwachsinn verbreitet, sollte sich nicht Journalist nennen dürfen“, urteilte der SPD-Politiker über Boris Reitschuster, der nach eigenen Angaben von 1999 bis 2015 das Büro des Nachrichtenmagazins „Focus“ in Moskau geleitet hat. Reitschuster ist seit einiger Zeit in der Bundespressekonferenz präsent. „Klartext-Journalismus“ nennt er das, was er macht und wofür er um Unterstützungszahlungen seiner Leserinnen und Leser bittet.

Lauterbach bezog sich auf einen Tweet Reitschusters, der mit einem Zitat aus nicht direkt genannter Quelle beginnt: „Kinder können an Spike-Protein von Geimpften sterben“. Weiter heißt es in dem Tweet von Reitschuster: „Die Covid-19-Impfung kann sich nicht nur nachteilig auf die Geimpften selbst auswirken, sondern auch auf Nicht-Geimpfte. Zu den Betroffenen zählen auch Kinder, wie eine brisante Studie zeigt.“

Der Tweet, den Twitter inzwischen wegen eines Verstoßes gegen die Regeln der Plattform gelöscht hat, verlinkte auf einen Artikel auf Reitschusters Webseite, in dem der Autor, Christian Euler, eine „beunruhigende Studie“, so die Unterzeile, präsentiert. Darin steht: „Hervé Seligmann, der am Karlsruhe Institute of Technology forscht, hat zwischen Januar und Mai dieses Jahres ungeimpfte Kinder im Alter von 0 bis 14 Jahren aus 22 europäischen Ländern analysiert.“

Alle Nebenwirkungen müssen untersucht werden

Eine seiner zentralen Erkenntnisse seien „indirekte Wirkungen der Covid-19-Vakzine, mutmaßlich durch Impfstoff-Shedding von Spike-Proteinen und/oder anderen Molekülen“. Diese erhöhten die Gesamtmortalität bei den Ungeimpften – „insbesondere in der frühen Phase, in der die Impfung nachteilige Auswirkungen auf die Geimpften“ habe. Besonders betroffen seien Kinder. Autor Euler führt sogar das Beispiel eines verstorbenen Babys an und behauptet, es gebe einen Zusammenhang zur Impfung der Mutter.

Euler beschreibt sich als Finanz- und Wirtschaftsjournalist, der „nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim ‚Focus‘ in Frankfurt schreibt“, und seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, „Cash“ und den „Wiener Börsen-Kurier“ tätig sei.

Wer den Link zu der „Studie“ im Artikel anklickt, wurde am Donnerstag im Kreis geschickt, man landete wieder auf der Webseite Reitschusters. Allerdings zeigte Google die Webseite an, auf die der Link verweisen soll. Und wenn man diese URL eingibt, erscheint ein PDF, das als Autor einen gewissen Hervé Seligmann vom „Institute of Microstructure Technology, Karlsruhe Institute of Technology (KIT), Hermann-von- Helmholtz-Platz 1, 76344, Eggenstein-Leopoldshafen, Germany“ angibt.

Euler präsentiert die „Studie“ scheinbar korrekt. Sie sei „noch nicht peer-reviewt”, informiert er die Leserinnen und Leser. Das ist ein wichtiger Punkt, denn wissenschaftliche Publikationen durchlaufen eine Begutachtung, die „Peer review”, und ohne diese sind sie nur sogenannte „Pre-prints“. Weil es in der Coronakrise wichtig ist, neue Erkenntnisse schnell zu teilen, hat sich durchgesetzt, dass auch Pre-prints Teil der öffentlichen wissenschaftlichen Diskussion werden.

Es handelt sich eindeutig nicht um eine Studie des KIT

Eine Studie, ein Institut am weltweit renommierten KIT in Karlsruhe, eine Einordnung als Pre-print – klingt gut. Und in der Tat ist es wichtig, bei Risiken und Nebenwirkungen der Corona-Impfung aufmerksam hinzusehen. Dass seltene Nebenwirkungen wie die Hirnvenen-Thrombosen möglich sind, haben wir erlebt. Aber auch, dass sie umgehend aufgespürt, ernstgenommen und nachverfolgt wurden, und dass viele Länder die Verabreichung der Impfstoffe anschließend angepasst haben.

Doch darum geht es in diesem Fall nicht. Es handelt sich vielmehr um ein abschreckendes Lehrstück, wie Journalismus zu wissenschaftlichen Fragen gerade nicht aussehen sollte.

Fünf Gründe dafür:

1. Euler behauptet auf der Reitschuster-Seite, Hervé Seligmann forsche „am Karlsruhe Institute of Technology“. Das ist falsch.

Auf Anfrage teilte das KIT mit: „Es handelt sich eindeutig nicht um eine Studie des KIT. Herr Seligmann ist kein Mitarbeiter des KIT, und er hat die Affiliation KIT widerrechtlich verwendet. Im Rahmen eines Gastwissenschaftlerprogramms hatte das KIT Herrn Seligmann zu einem Gastaufenthalt zu einem späteren Zeitpunkt eingeladen. Dieser Gastaufenthalt hat bislang nicht stattgefunden. Auch aufgrund der aktuellen Entwicklungen beabsichtigt das KIT, die Einladung zurückzuziehen, und wir werden den Gastaufenthalt von Herrn Seligmann am KIT nicht umsetzen. Herrn Seligmann wurde untersagt, unter der Affiliation KIT zu publizieren. Sollte diese Aufforderung seitens Herrn Seligmann keine Beachtung finden, behalten wir uns rechtliche Schritte vor.“

Es gibt einen Wissenschaftler namens Hervé Seligmann, der sich mit RNA und auch mit der Pandemie beschäftigt hat. Einem älteren Lebenslauf zufolge hat er 2003 eine Doktorarbeit in Biologie an der Hebrew University in Jerusalem abgeschlossen. Eine Anfrage bei Seligmann vom Freitagmorgen, ob er der Autor des von Reitschuster verlinkten PDFs ist und warum das KIT als Affiliation, also institutionelle Zugehörigkeit, genannt ist, blieb bisher unbeantwortet.

Zumindest in einem weiteren Fall hat Seligmann offenbar unbefugt eine wissenschaftliche Institution als Affiliation in einem paper benutzt, ohne dass man dort von ihm oder seiner Arbeit wusste. Im Paper „Bijective codon transformations show genetic code symmetries centered on cytosine’s coding properties” führte Seligmann 2020 das „Department of Ecology, Evolution, and Behavior, The Alexander Silberman Institute of Life Sciences, The Hebrew University of Jerusalem, 91904 Jerusalem, Israel“ als Affiliation an. Doch dort hat er nach Angaben von dessen Leiter, Yehu Moran, in den vergangenen Jahren nicht gearbeitet. Moran teilte auf Anfrage mit, seiner Meinung nach sei „Dr. Seligmanns Nutzung der Affiliation unseres Departments unangemessen.“

2. Es handelt sich beim verlinkten Dokument um ein bloßes PDF

Pre-Prints sind in der Regel, um in den Prozess der wissenschaftlichen Begutachtung zu kommen, zunächst zur möglichen Veröffentlichung in einem anerkannten Fachmagazin angenommen worden, um anschließend auf sogenannten Pre-Print-Servern wie ArXiv oder Medrxiv veröffentlicht zu werden. Dort können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie inspizieren und kommentieren. Das PDF aus Eulers Artikel befindet sich aber nicht auf einer solchen wissenschaftlichen Datenbank, sondern auf der Internetseite einer NGO in Israel und – Update 3.7. – auf ResearchGate, einer Art sozialem Netzwerk für Wissenschaftlerïnnen. Zudem fehlt in dem PDF, was zu jeder guten wissenschaftlichen Veröffentlichung zwingend dazugehört: die Nennung von Quellen und Referenzen. Der Hervé Seligmann, dessen Publikationen in Datenbanken zu finden sind, weiß das auch. Reitschusters Autor Euler offenbar nicht, jedenfalls hält es ihn nicht davon ab, das offenkundig unfertige paper als „Studie“ zu präsentieren.

3. Das PDF enthält reihenweise pure Spekulationen

Auch inhaltlich stehen der Artikel auf der Reitschuster-Webseite und das verlinkte PDF auf tönernen Füßen – um es zurückhaltend zu formulieren. Dass Geimpfte durch das Ausscheiden von Spike-Proteinen an ihre Umgebung gesundheitliche Schäden verursachen könnten, ist reine Spekulation und durch nichts belegt. Eine kausale Verbindung zwischen Impfungen und der Sterblichkeitsrate von jungen Menschen konnte ebenfalls noch nie beobachtet werden. Vor allem ist die sogenannte „Übersterblichkeitsrate“ junger Menschen, also die Zahl der Fälle, die über dem statistisch Erwarteten liegen, zuletzt gesunken und nicht gestiegen. Dies geht aus den Zahlen der Euromomo-Datenbank hervor, die diese Angaben erfasst.

4. Für einen konkreten Fall gibt es keinen Beweis

In seinem Artikel führt Autor Euler auch den Fall eines Babys an, das laut einer ungeprüften Meldung in einer US-Datenbank in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung der Mutter gestorben war. Die Datenbank dient aber nur der Meldung von Verdachtsfällen aller Art und die Meldung stellt auch nur den zeitlichen Ablauf dar. Dass ein kausaler Zusammenhang bestand, ist wegen der Art der Datenbank noch nicht einmal geprüft und schon gar nicht bewiesen, wie die Nachrichtenagentur AFP in einem Faktencheck dargelegt hat.

5. Der Autor des PDFs macht aus Vermutungen Tatsachenbehauptungen

Der Autor des PDFs wechselt beim Schreiben über das hochsensible Thema zwischen spekulativem, teils doppeltem Konjunktiv und Tatsachenbehauptungen, die daraus noch nicht einmal herleitbar sind. Das zeigt ein Satz wie: „Der indirekte Impfeffekt könnte durch COVID19 Impf-Shedding sein, der besonders ungeimpfte Kinder betreffen könnte.“ Kurz darauf folgt aber eine Tatsachenbehauptung dazu, dass nämlich die wachsende Impfrate ursächlich sei für eine angeblich gestiegene Sterblichkeit von ungeimpften Kindern unter 15 Jahren. Besonders problematisch ist das, weil der Autor an anderer Stelle selbst schreibt, es gebe gar keine getrennten Sterblichkeitsdaten für geimpfte und ungeimpfte Kinder.

Ein unfertiges paper, das noch nicht einmal auf einem Preprint-Server liegt, deckt die Aussagen auf Reitschusters Webseite nicht. Dennoch gilt natürlich: Sollten tatsächlich statistische Auffälligkeiten in diesem Bereich existieren, wäre es wichtig, sie zu untersuchen. Allen möglichen Wirkungen und Nebenwirkung des größten Impfprogramms in der Geschichte der Menschheit muss zügig nachgegangen werden. Bei den Hirnvenen-Thrombosen ist das zum Glück geschehen. Darüber herrscht unter den Verantwortlichen Einigkeit.

Gefahr, wenn Gutgläubige darauf hereinfallen

Doch in dem PDF werden die aufgestellten Behauptungen definitiv nicht belegt – was aber die Voraussetzung für ein wissenschaftliches paper wäre. Der Artikel auf der Webseite von Boris Reitschuster über das PDF trägt zur Aufklärung nichts, aber auch gar nichts bei. Er verstärkt durch ungedeckte Behauptungen die Ängste von Impfskeptikern zu einem Zeitpunkt, wo im Angesicht der Delta-Variante eine schnell wachsende Impfquote den besten Schutz vor weiteren Krankheits- und Todesfällen durch Covid-19 bietet. Und sie spielen mit den Ängsten von Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder.

Was passiert, wenn Menschen derart unseriösen Alarmismus ernst nehmen? Es könnte sie dazu bringen, ihren Impftermin abzusagen oder ihn gar nicht erst anzustreben. Das würde nicht nur grundlos zu eigenen gesundheitlichen Risiken bis hin zum Tod führen, sondern es würde – wenn viele sich von solchen Publikationen beeindrucken lassen – auch die gesamte Pandemie verlängern. Und das kann man mit Karl Lauterbach getrost als “Schwachsinn” bezeichnen.

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