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Wir brauchen naturverträgliche Lösungen für unsere Gewässer

Der Gewässerökologe Klement Tockner über die Bedrohung der aquatischen Biodiversität und damit auch der Menschen.

18.07.2021
17 Minuten
Das Dorf liegt im Flusstal und ist komplett überschwemmt.

Zuerst Dürre, jetzt Hochwasser: Die Menschen in Deutschland und anderen Teilen der Welt erleben derzeit wieder besonders intensiv, wie wichtig Wasser für unser Leben ist und wie abhängig wir im Guten wie im Schlechten von wassernahen Lebensräumen sind. Der Gewässerökologe Klement Tockner kennt sich mit dem Lebensraum Wasser besonders gut aus. Als Generaldirektor steht er an der Spitze der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, einer der führenden naturkundlichen Sammlungen und Forschungszentren. Im Gespräch mit Sonja Bettel spricht er über die aktuelle Situation, die Bedeutung von Wasser-Ökosystemen und den UN-Naturschutzgipfel, der nach einem Auftakt im Oktober nun im Frühjahr 2022 stattfinden soll.

Der Wissenschaftler mit Brille und dunkelblauem Sakko lächelt
Klement Tockner, Generaldirektor Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
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Herr Tockner, in einigen Teilen Deutschlands, in Belgien, den Niederlanden und Österreich haben Starkregen in den vergangenen Tagen zu extremen Hochwässern, großen Schäden und vielen Verletzten und Toten geführt. Meteorologen und Klimaforscher sagen, diese Extremniederschläge werden durch blockierende Wetterlagen durch Abschwächung des Jetstreams verursacht – eine Folge des Klimawandels. Trägt die Veränderung von Gewässern durch den Menschen zu derartigen Hochwässern bei?

Starkregenereignisse nehmen mit dem Klimawandel zu, das ist unbestritten. So steigt etwa der Wassersättigungsgrad der Luft pro Grad Temperaturzunahme um 7 Prozent, und in Deutschland hat die Lufttemperatur in den letzten 100 Jahren bereits um fast 2°C zugenommen. Die Auswirkungen der Starkregenereignisse verstärken sich aber massiv durch Begradigung der Bäche, Versiegelung der Landschaft und den Bau von Infrastrukturen in hochwassergefährdeten Räumen. Es ist unmöglich, nur durch technische Maßnahmen einen Schutz vor solchen Katastrophen zu gewähren. Da benötigt es ein grundsätzliches Umdenken im klassischen Hochwasserschutz – hin zu naturverträglichen und gesamtheitlichen Lösungen.

Brauner Bach mit grünem Uferbewuchs, fünf Feuerwehrleute am Ufer schauen ins Wasser.
Feuerwehrleute suchen am Steinbach nach einer vermissten Person. Eine Sturzflut hatte bei einem Unwetter im sächsischen Jöhstadt einen Menschen mit sich gerissen. Aufnahmedatum 13.07.2021

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Man kann davon ausgehen, dass solche Extremwetterereignisse im Zuge der Klimaerwärmung häufiger auftreten. Können wir ihre Auswirkungen verringern, z.B. durch veränderte Nutzung, Gestaltung oder Renaturierung der Gewässer und Feuchtgebiete?

Selbstverständlich! Feuchtgebiete speichern Wasser in der Landschaft – und sie sind zugleich besonders wertvolle und artenreiche Lebensräume. Den Flüssen mehr Raum geben ist eine bereits seit langem bestehende Forderung – gerade hinsichtlich eines effizienten und nachhaltigen Hochwasserschutzes. Forststraßen verändern den Wasserhaushalt genauso wie Waldmonokulturen und Zersiedelungen. Wir betreiben einen immensen, unverantwortlichen Raubbau an unserer Natur – es sind ja keine Naturkatastrophen, es sind in erster Linie menschengemachte Katastrophen. Wir sind durch unser Handeln für diese Schäden voll verantwortlich.

Was bedeuten solche extremen Ereignisse denn für die Lebewesen in und an den Flüssen? Können die das überleben?

Hochwässer spielen in naturnahen und natürlichen Gewässern eine zentrale Rolle für den Erhalt der biologischen Vielfalt und funktionierende Ökosysteme. Hochwasser schaffen Pionierstandorte, halten die Gewässersohle durchlässig und verbinden die Auen mit dem Umland und dem Hauptstrom. Die Lebewesen sind darauf angepasst, ja benötigen wiederkehrende Hochwässer sogar. Treten aber Hochwasser in einem bereits geschädigten oder begradigten Fluss auf, dann können sich die Lebensgemeinschaften nicht mehr erholen. Wenn dazu noch Schadstoffe in die Gewässer gelangen – und die Bilder aus den Hochwassergebieten zeigen überschwemmte Keller, vollgelaufene Autos und unübersehbaren Unrat, dann kommt es zu zusätzlichen Belastungen. Auf diese menschengemachten Katastrophen ist die Natur nicht „vorbereitet“. Somit kommt zum menschlichen Leid und zum ökonomischen Schaden noch die zusätzliche Belastung für die Natur. Es kommt zu Rückkoppelungsprozessen, ein zerstörerischer Kreislauf.

Sie haben in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit, in Interviews und Vorträgen wiederholt darauf hingewiesen, dass es um die Biodiversität in den Gewässern nicht gut steht. Was sind die wichtigsten Gründe, warum sieht es gerade in den Gewässern so schlecht aus?

Es sind zwei zentrale Gründe: Erstens liegen die Gewässer zumeist an der tiefsten Stelle in der Landschaft. Das heißt, sie akkumulieren und integrieren alle Prozesse, die in der Umgebung stattfinden. Man könnte fast sagen, sie sind der „Mistkübel“ der Landschaft, alles kommt dort zusammen. Zweitens ist der Wettbewerb zwischen Mensch und Natur um die Ressource Wasser hier besonders ausgeprägt. Wir müssen aus dieser Konkurrenzsituation herauskommen und viel stärker zu einer Synergie gelangen; wir müssen Wasser und Gewässer als hybride Systeme managen: einerseits als zentrale Ressource für uns Menschen, andererseits als besonders wertvolle Ökosysteme.

Welche Ursachen und Probleme sind das konkret?

Es gibt nicht eine Ursache, sondern überlagernde. Man spricht von multiplen Stressoren, die auf die Gewässer wirken – Verschmutzung, morphologische Veränderung, Ausbreitung invasiver Arten oder Übernutzung. Bei der morphologischen Veränderung ist insbesondere die Fragmentierung durch Stauseen ein großes Thema. Zudem belasten unzählige Schadstoffe die Gewässer. So entlassen wir knapp 100.000 synthetische Chemikalien in die Umwelt, und die meisten davon enden in den Gewässern, inklusive dem Grundwasser. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die biologische Vielfalt in den Gewässern um ein Vielfaches stärker zurückgeht, als in terrestrischen oder marinen Ökosystemen. Gleichzeitig zählen natürliche Gewässer zu den artenreichsten und wertvollsten Ökosystemen, die wir weltweit haben – vergleichbar den tropischen Regenwäldern und Korallenriffen.

Spielen der Klimawandel und die Zunahme der Weltbevölkerung auch eine Rolle oder könnte die Natur das ausgleichen, wenn wir anders mit den Gewässern umgehen würden?

Im Moment ist die Erderwämung noch nicht der wesentlichste Faktor, aber er spielt eine immer stärkere Rolle. Vor kurzem ist zum Beispiel ein Artikel erschienen, in dem gezeigt wurde, dass die sauerstofffreien Zonen in den Seen massiv zunehmen, weil sich durch die Temperaturerhöhung eine stabilere Schichtung der Wassersäule aufbaut. Wenn es dann nicht mehr zur Durchmischung dieser Schichten kommt und zugleich ein starker Nährstoffeintrag stattfindet, dann hat das fatale Auswirkungen auf die Gewässer, weil kein neuer Sauerstoff in die tieferen Schichten der Seen gelangt. Es entstehen sogenannte Todeszonen, wie wir sie zum Beispiel auch aus der Ostsee kennen.

Wenn wir uns stärker bewusst wären, welch vielfältigen Nutzen natürliche Gewässer für den Menschen haben, sei es Hochwasserrückhalt, Trinkwasserversorgung, Erholung und so weiter, dann würden wir wahrscheinlich nicht in dieser unverantwortlichen Art und Weise mit unseren Gewässern umgehen, wie wir es jetzt tun. Wir betreiben eine Art Domestizierung unserer Ökosysteme, insbesondere der Gewässer, das heißt wir „züchten“ uns Hochleistungsökosysteme heran mit ganz wenigen, hauptsächlich ökonomischen Leistungen für uns Menschen. Flüsse werden zu Schifffahrtsstraßen umgebaut oder in Kanäle oder gar Rohre gezwängt, Das geht zu Lasten von ganz vielen anderen Werten und Leistungen von Gewässern.

Eine Frau trägt einen Sack Reis von einem Boot am Irawadi-Fluss.
Intakte Flüsse, Feuchtgebiete und Seen spielen weltweit eine wichtige Rolle für die Artenvielfalt und die Menschen. Sie liefern Wasser und Nahrung, sind Transportweg und oft auch von kultureller und spiritueller Bedeutung. Das Irawadi-Delta in Myanmar z.B. ist wichtig für den Reisanbau.

Wenn wir uns die Wasserreinigung durch die Natur als eine Ökosystemleistung anschauen, welche Rolle spielt da die Biodiversität oder die Intaktheit der Gewässer?

Natürliche Feuchtgebiete und Auengebiete haben eine ganz wichtige Rückhaltefunktion für Nährstoffe und Kohlenstoff. Das wissen wir, da gibt es sehr gute Daten. Die mikrobielle Vielfalt spielt eine besonders große Rolle für die Selbstreinigungskapazität eines Gewässers. Intakte Uferbereiche sind wichtig, denn Ufervegetation hält Stickstoff und Phosphor zurück. Die Erhaltung von Auengebieten und eine natürliche Morphologie befördern somit die Selbstreinigungskapazität. Das zeigt wieder, dass wir die Gewässer als hybride Systeme nutzen sollten. Damit meine ich auch, dass man die Leistungen von technischen Systemen besser mit den Leistungen der Natur koppeln kann. Statt bei einer Kläranlage eine vierte Reinigungsstufe zu bauen, könnte man verstärkt Gewässerabschnitte renaturieren. Wenn man den Ausbau von Kläranlagen und die Renaturierung von Gewässern koppelt, hätte man wahrscheinlich die effizientesten Lösungen, um Wasser in hoher Qualität und zugleich Gewässer von großer Vielfalt zu erhalten.

Das heißt, wenn wir dafür sorgen, dass die Gewässer in einem besseren, natürlicheren Zustand sind, würden wir uns selbst etwas Gutes tun?

Hochwasserschutz ist dafür ein weiteres gutes Beispiel. In der Schweiz gibt die Hochwasserschutzrichtlinie vor, dass Hochwasserschutzmaßnahmen zugleich zu einer Verbesserung des ökologischen Zustandes führen müssen. Den Flüssen mehr Raum zu geben und die natürliche Rückhaltekapazität zu erhöhen, dient nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern hat gleichzeitig sauberes Trinkwasser, größeren Erholungswert und eine höhere biologische Vielfalt zur Folge. Aber das Land, das man dafür braucht, ist natürlich teuer – besonders in der Schweiz, und das stellt oft ein Hemmnis für solche Maßnahmen dar. Ein ganz großes Hindernis ist aber die Subventionspolitik! In Deutschland werden nach den Daten des Umweltbundesamtes pro Jahr 57 Milliarden Euro an Förderungen für natur- und umweltschädigende Maßnahmen aufgewandt. Dazu gehören viele Subventionen für die Landwirtschaft – Stichwort Flächenprämie etwa, den Verkehr, den Energiesektor sowie den Baubereich. Eine Änderung der Subventionspolitik hin zu nachhaltigen Lösungen hätte daher massive positive Effekte für die Natur, für die Gewässer und schlussendlich für uns Menschen. Öffentliche Mittel müssen für öffentliche Leistungen verwendet werden.

Ich nehme an, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für viele Länder.

Das gilt für viele Länder, das gilt für Österreich genauso. Wir subventionieren Umweltzerstörung.

Sie haben immer wieder auf sogenannte Mega-Wassertransfer-Projekte hingewiesen, mit denen Länder versuchen, die Wasserversorgung ihrer Bevölkerung sicherzustellen, indem sie auf große technische Lösungen setzen, wie das River-Linking-Projekt in Indien oder das Süd-Nord-Wassertransferprojekt zur Ableitung von Wasser des Jangtsekiang in China. Warum ist das keine gute Idee?

Megaprojekte haben auch Mega-Auswirkungen. Das gilt sowohl für die Größe der Effekte, als auch für die Möglichkeit, sie zu steuern. Wir wissen teilweise nicht, welche langfristigen Folgen diese Megaprojekte haben können. Sie schränken zudem alternative Optionen ein oder schließen sie aus, weil sie besonders kostenintensiv sind und die Realisierung sehr lange dauert und somit unglaublich viele Ressourcen bindet. Es besteht ein großes Vertrauen, dass wir die Herausforderungen der Zukunft durch ingenieurtechnische Maßnahmen alleine lösen können. Das wird im Klimabereich genauso kommen, „climate engineering“ wird noch ein großes Thema werden. Das gilt auch für den Wasserbereich: für die Trinkwasserversorgung, Entsalzungsanlagen, Dammbauten, Wasserumleitungen etc. Das Vertrauen in technische Lösungen bedeutet aber auch, dass wir stärker mit den Ingenieurwissenschaften zusammenarbeiten müssen, das ist eine Herausforderung für die Ökologen und Naturwissenschaftlerinnen. Es erfordert eine viel stärkere Kopplung zwischen Ingenieurwissenschaften, Sozialwissenschaften und den Naturwissenschaften. Und wir müssen bei diesen Megaprojekten die sozialen, ökologischen und die ökonomischen Konsequenzen gemeinsam betrachten. Es werden ja sehr häufig die schlechtesten Projekte gefördert, entsprechend dem „Survival of the Unfittest“, weil die Risiken systematisch unterschätzt und die Vorteile überschätzt werden. Sonst würden viele dieser Projekte ja nicht unterstützt und realisiert werden.

Können Sie dazu ein konkretes Beispiel nennen?

Ich habe gerade heute früh ein Gespräch geführt, in dem es um den großen Dammbau am Rufiji-Fluss im Selous Game Reserve ging, einem der größten Naturschutzgebiete Ostafrikas im Süden von Tansania. Da wird im Moment ein gigantisches Stauseeprojekt mit Hilfe internationaler Investoren verwirklicht. Die Auswirkungen betreffen natürlich nicht nur die Region des Stausees, sondern reichen bis in den Mangroven- und den Küstenbereich. Es wäre zentral, soziale, ökonomische und ökologische Studien zur Folgenabschätzung durchzuführen, aber nicht durch die Betreiber, sondern durch unabhängige Fachleute. Und es ist klar, wenn man dort im Süden von Tansania ein Megaprojekt betreibt, wird der Strom nicht der Landbevölkerung zur Verfügung stehen, sondern der wird für die Industrie, den Bergbau oder für den Export verwendet.

Insofern sind diese Projekte langfristig kaum kontrollierbar, weil man die Konsequenzen und Auswirkungen nicht kennt, und sie können zu einer unglaublichen ökonomischen Bürde für ein Land werden. Ein bekanntes Beispiel ist der Assuan-Staudamm am Nil. Da wird der Strom für die Herstellung von Düngemitteln verwendet, da der fruchtbare Schlamm durch den Staudamm zurückgehalten wird. Das ist doch absurd! Zudem sind die Delta-Regionen besonders betroffen – durch fehlenden Sedimenteintrag, steigenden Meeresspiegel und die Absenkung des Geländes.

Im Hintergrund Bäume, am Fluss ein Krokodil, Affen und verschiedene Wasservögel.
Der Rufiji-Fluss im Naturschutzgebiet Selous Game Reserve in Tansania, Afrika, ist durch ein gigantisches Stauseeprojekt bedroht.

Wo kann man ansetzen, um diese Situation zu ändern? Was sind die Gründe dafür? Ist es Profitstreben von Einzelnen ohne Rücksicht, ist es fehlendes Wissen, ist es fehlende Abstimmung unter den Disziplinen?

Ich glaube, wesentlich wäre es, sorgfältige und unabhängige Studien zu den ökologischen und sozialen Folgen durchzuführen. Und man braucht globale Standards. Die gibt es grundsätzlich im Wasserkraftwerksbau. Es gibt Verfahren zur Nachhaltigkeitsbewertung, von der „International Hydropower Association“ selbst herausgegeben. Aber wenn sie nicht implementiert und eingehalten werden, dann bestehen diese natürlich nur auf dem Papier und sind eigentlich wertlos. Die Frage ist ja nicht Wasserkraft ja oder nein, sondern es geht um die zentralen Fragen: Wo baue ich, wie baue ich, und wie betreibe ich diese Anlagen? Die Weltbank z.B. finanziert keine neuen Großprojekte mehr, sondern unterstützt in erster Linie Optimierungen von bestehenden Anlagen. Ich glaube, jede alternative Maßnahme muss genutzt werden, bevor man neue große Anlagen baut.

Was würde das für das Beispiel des Rufiji bedeuten?

Der Rufiji ist der letzte große, frei fließende Fluss in Ostafrika. Wir verlieren solche einzigartigen Gewässer unwiederbringlich. Es ist ein immenses Dilemma, vor dem wir stehen. Da müssen die Verantwortlichen und die Betroffenen gemeinsam mit der unabhängigen Wissenschaft nach Lösungen suchen, es darf nicht nur um das Streben nach Profit gehen. Es müssen Lösungen gefunden werden, die auch für die Menschen vor Ort die besten Ergebnisse darstellen. Und in ruralen Gebieten in Afrika sind dezentrale kleine Lösungen anzustreben. Gerade alternative Energieformen wie Sonnen- oder Windenergie sind natürlich viel umweltfreundlicher als die Wasserkraft.

Ich nehme an, dass diese Projekte sehr viel Geld binden und die Probleme einer Bevölkerung, die vielleicht arm ist und keinen Zugang zu einer ausreichenden Wasserversorgung oder zu Strom hat, damit gar nicht gelöst werden.

Sie binden nicht nur viele ökonomische Ressourcen, sie binden diese ökonomischen Ressourcen auch über lange Zeiträume. Und es gibt Analysen über die tatsächlichen Kosten dieser Dammbauten, die sind im Mittel doppelt so hoch wie ursprünglich kommuniziert. Auf jeden Fall sind die Kosten viel zu niedrig angesetzt. Also die Risiken, auch die ökonomischen Risiken für die nächsten Generationen in den betroffenen Ländern sind immens.

Ist der Bau eines Stausees wenigstens eine sinnvolle Maßnahme zur Sicherung der Trinkwasserversorgung?

Grundsätzlich sind multifunktionale Stauseen zu bevorzugen, sie sollten gleichzeitig dem Hochwasserschutz, der Trinkwasserversorgung und der Stromproduktion dienen. Aber gerade in den Tropen und Subtropen, wo hohe Temperaturen herrschen und viel Biomasse aus dem Oberlauf kommt, die im Stausee abgebaut wird, kommt es zu einer massiven Emission von Treibhausgasen, an CO2 und Methan. Und natürlich führt der Bau dieser Staudämme auch zu Landnutzungsänderungen – man baut Straßen, es kommt zu Abholzungen, was wiederum zu einer stärkeren Erosion führt und diesen Prozess des Eintrags und Abbaus organischen Materials verstärkt. Es gibt eine Reihe von Studien, die eindeutig zeigen, dass Stauseen in den Tropen und Subtropen mehr klimawirksame Gase produzieren, als durch die Produktion aus Wasserkraft eingespart wird.

Und es wird vermutlich auch soziale Folgen haben, wenn Dörfer für den Bau umgesiedelt werden, womöglich mit Gewalt, wie weltweit immer wieder geschehen.

Das kommt natürlich noch dazu, und die lokale oder regionale Bevölkerung profitiert zumeist nicht oder nicht in dem Maße, wie es ihr versprochen wird.

Im Oktober 2021 sollte die Konferenz zur Biodiversitätskonvention in Kunming in China stattfinden, wird aber auf Frühjahr 2022 verschoben werden. Was müsste dort beschlossen und dann auch durchgesetzt werden, um für die Gewässer etwas zu verändern? Welche Regelungen würde man brauchen?

Es wäre schon ein großer Schritt, wenn die Abkommen und die ambitionierten Ziele, die die Politik setzt, auch umgesetzt würden. Die Biodiversität nimmt ungebremst ab. Etwa alle zehn Jahre werden ambitionierte Ziele formuliert, die nicht erfüllt werden, und zehn Jahre später kommen die nächsten Ziele, und man kann davon ausgehen, dass sie wieder keinen Effekt haben werden. Das ist wirklich sehr frustrierend. Man kann relativ simpel vorgehen: Erhaltung der letzten frei fließenden Flüsse, keine Stauseen und keine großen Maßnahmen in Naturschutzgebieten, Erhaltung und Wiederherstellung einer natürlichen Ufervegetation. Das sind schon drei Maßnahmen, die unglaublich viel bewirken würden. Wenn wir die Süßwasser-Megafauna nehmen, das sind knapp über 200 charismatische große Arten, die mehr als 30 Kilogramm wiegen – Süßwasser-Delfine, Stör-Arten, Krokodilartige und so weiter – dann haben deren Populationen in den letzten 40 Jahren um knapp 90 Prozent abgenommen. 90 Prozent! Und das, noch bevor der jetzt zu erwartende große Boom im Ausbau der Wasserkraft passiert. Mit dieser Studie haben wir es sogar auf die Titelseite der New York Times geschafft. Das Tragische ist, dass man erst dann die große Öffentlichkeit erreicht, wenn es fast zu spät ist. Wir brauchen natürlich auch Ergebnisse und Geschichten die zeigen, dass Maßnahmen ausgesprochen Positives bewirken können, also Beispiele, an denen man sich orientieren kann und soll. Bei den Gewässern kommt noch dazu, dass sie möglicherweise die größten Verlierer des Pariser Abkommens sind, weil erneuerbare Energie gleichgesetzt wird mit umweltfreundlicher und klimaneutraler Energie. Was aber nicht stimmt und einen unglaublichen Anstieg im Ausbau der Wasserkraft nach sich zieht. Daran erkennt man auch die grundsätzliche Problematik, wenn man Klimaschutz und Biodiversitätsschutz isoliert betrachtet. Beide Herausforderungen müssen gemeinsam bewältigt werden, weil sonst klimaschonende Maßnahmen riesige umweltschädigende Maßnahmen sein können.

Muss noch geforscht werden, um dafür gute Kompromisse zu finden, oder weiß man schon genug?

Es gibt sicher nie genug Wissen. Aber die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, müssen auf Basis des derzeit besten verfügbaren Wissens getroffen werden. Man kann immer sagen, wir brauchen noch dieses und jenes Wissen. Aber wir haben wirklich wenig Zeit. Und es gibt ja nicht nur eine Form von Wissen. Wir brauchen eine Art neue Wissensökonomie. Wir müssen Systemwissen mit Orientierungswissen, Handlungswissen und Transformationswissen zusammenzubringen. Wir dürfen auch nicht Information mit Wissen vermischen. Also wenn man eine Pyramide hernimmt, hat man als Basis Daten, darauf aufbauend Informationen und als Spitze Wissen. Es geht um die Umsetzung von Informationen in Wissen und schlussendlich in Handeln. Es besteht ein ganz großes Defizit, dieses Scharnier zu bilden. Wo wir nicht genug Wissen haben, sind klare Priorisierungen zu treffen zu diesen Fragen, wo, wann und wie man Maßnahmen setzt. Es beginnt gerade die UN-Dekade der Natur-Renaturierung, die UN Decade of Ecosystem Restoration. Ich kenne jedoch keine Karte von Europa, an der man ablesen kann, bei welchen Flüssen man beginnen soll, wenn man zehn Prozent von ihnen renaturieren möchte.

Breiter dunkelblauer Fluss mit Nadelwald.
Der Fluss Vindelälven in Schweden ist geschützt, hier dürfen keine Kraftwerke gebaut werden.

Wo sollte man denn Ihrer Meinung nach beginnen?

Die höchste Priorität muss der Schutz der letzten frei fließenden Flüsse haben. In Europa sind es nur noch ganz wenige: zum Beispiel die Vjosa in Albanien und der Tagliamento in Italien. Am Vindelälven in Schweden hat man einen wichtigen Schritt gesetzt. Das ist nun ein geschützter, frei fließender Fluss, an dem keine Kraftwerke gebaut werden dürfen. In Südostasien gibt es nur noch zwei frei fließende Flüsse: den Irawadi und den Salween. Und wenn man an die Ausbaupläne denkt, die es etwa für den Rufiji-Fluss gibt, dann verlieren wir den letzten großen frei fließenden Fluss in ganz Ostafrika.

Aber andererseits brauchen die Menschen Trinkwasser und Strom. Warum ist es so wichtig, diese Flüsse dennoch nicht zu verbauen?

Es sind unwiederbringliche Verluste, und das macht den Rückgang der biologischen Vielfalt zu einer der größten Herausforderungen. Weil einmal verloren, ist zumeist für immer verloren. Das gilt nicht nur für Arten, sondern auch für Ökosysteme. Und wir wissen nicht, welche Folgen ein Rückgang von zehn, 20 oder gar 40 Prozent der biologischen Vielfalt, und zwar genetische Vielfalt, Artenvielfalt und Vielfalt an Lebensräumen und Ökosystemen, für unsere Umwelt und schlussendlich für uns Menschen haben wird. Und man muss sich vergegenwärtigen: Die biologische Vielfalt ist das Ergebnis einer natürlichen Evolution von 3,5 Milliarden Jahren. Da ist die ganze Information, das Wissen von 3,5 Milliarden Jahren natürlicher Evolution gespeichert, das sind die Bibliotheken der Natur. Niemand würde es zulassen, dass wir mit unseren Kulturgütern in der gleichen Form umgehen, wie wir mit unseren Naturgütern und unserem Naturerbe umgehen.

Könnte traditionelles Wissen – von Indigenen zum Beispiel – helfen, besser mit der Natur und den Gewässern umzugehen?

Ich bin überzeugt, das sogenannte indigene Wissen ist ein gesellschaftliches Wissen, das wir unbedingt nutzen müssen. Ein Beispiel: Im Nordpazifik drehen sich viele der Kulturen der indigenen Völker um den Lachs. Der Lachs spielt dort somit eine ganz zentrale Rolle im kulturellen Gedächtnis. Das heißt, ein Rückgang oder ein Verlust von Lachsen hat immense Auswirkungen auf die kulturelle Identität dieser Menschen. Am Kaspischen Meer ist das etwa der Stör. Es gibt eine sehr enge Bindung von indigenen Völkern zur biologischen Vielfalt. Insofern spielt die Kopplung zwischen biologischer Vielfalt und kultureller Vielfalt eine sehr starke Rolle, wir bezeichnen das als bio-kulturelle Vielfalt. Eine interessante Frage, auch eine wissenschaftliche Frage ist, wann kommt es zur Kopplung oder Entkopplung von biologischer und kultureller Vielfalt? Wie bedingen sie sich gegenseitig? Wie beeinflussen sie sich? Wir müssen biologische und kulturelle Vielfalt gemeinsam betrachten: auf der einen Seite zum Schutz indigener Völker und Kulturen, und andererseits zum Schutz der biologischen Vielfalt. Man kann etwa Oasen als Beispiele nehmen, oder Gebirgstäler, Inseln, auch Städte, um diese Kopplung zwischen kultureller und biologischer Vielfalt viel besser zu verstehen und möglicherweise auch gemeinsam wiederherzustellen.

Menschen mit weißen Protest-Bändern auf der Stirn und Plakaten am Flussufer.
Überall auf der Welt kämpfen Menschen für ihre Flüsse. Hier der Protest von Dorfbewohnern am Salween in Shwe Oo Wei, Myanmar, im März 2015. Foto von Hsa Moo/Karen Environmental and Social Action Network/dpa.

Können die Zivilgesellschaft, Naturschutzvereine oder Institutionen wie die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung etwas tun, damit die Politik die richtigen Entscheidungen gegen den Verlust der Biodiversität trifft?

Ich würde nicht sagen, dass die Politik nicht die richtigen Entscheidungen trifft, sondern ich würde sagen, die Politik ist nicht mutig genug. Sie tut sich sehr leicht, große Versprechungen zu machen. Aber es fehlt der Mut, dann auch gegen Widerstand etwas Großes umzusetzen. Das ist eines der Probleme. Aber auch die Wissenschaft muss unbequem sein. Wir müssen darauf aufmerksam machen, was mögliche Konsequenzen sind, wenn nicht mutig gehandelt wird. Wenn man proklamiert, dass wir ein Drittel der Erdoberfläche unter Schutz stellen, dann muss man das auch umsetzen. Wir Wissenschaftlerïnnen müssen identifizieren helfen, welche 30 Prozent unter Schutz gestellt werden sollten. Das ist unsere Aufgabe. Als Wissenschaft sind wir keine NGO, wir sind „honest broker“, Advokaten für eine von ideologischen, politischen und ökonomischen Erwartungen unabhängige Wissenschaft. Wir müssen von einer direkten gesellschaftlichen Wertung Abstand halten. Das ist die Aufgabe der NGOs, sie sind Advokaten für eine intakte Natur zum Beispiel. Die Wissenschaft entwickelt Szenarien und kann sagen, wenn man das macht, dann passiert wohl dies. Aber die Wissenschaft entscheidet nicht, das müssen die Menschen machen. Es braucht allerdings eine sehr gute Kooperation – auf Augenhöhe – zwischen den Wissenschaften, den NGOs, der Zivilgesellschaft und natürlich der Politik und Wirtschaft. Das erfordert für uns als Wissenschaft, dass wir nicht nur informieren, sondern auch zuhören. Und das erfordert einen transdisziplinären Ansatz in der Wissenschaft, dass wir akademisches Wissen und gesellschaftliches Wissen zusammenfügen müssen. Im Endeffekt ist es eine Entscheidung der Gesellschaft und der Politik, was gemacht wird. Aber wir können es uns nicht leisten, nicht auf Basis des besten verfügbaren Wissens Entscheidungen von großer Dimension zu treffen, denn wir leben im Moment zu Lasten unserer Kinder und Enkelkinder. Es kann nicht gut gehen, wenn die Erde inklusive des Wassers nur als Ressource betrachtet wird oder nur als Abfallort. Das kann mittelfristig einfach nicht gut gehen, und das versteht eigentlich jeder. Aber wir werden nicht weiterkommen, wenn man nur schrittweise etwas verbessert, es braucht fundamentale Transformationen.

Muss die Bevölkerung den Druck dafür erzeugen, dass die Entscheidungsträger mutiger werden?

Der Druck wird so oder so kommen. Jetzt gab es gerade Tornados in Südmähren in Tschechien und Hochwasserkatastrophen in weiten Teilen Mitteleuropas. Sorgen sollte uns nicht nur, dass die globale Temperatur um 1,5 Grad steigt, Sorgen sollten uns die Zunahmen der Extreme machen. Denn das ist etwas, das viel schwieriger zu handhaben ist, als 1,5 Grad Anstieg der Durchschnittstemperatur. Wir können uns ja fast nicht vorstellen, was in den kommenden Jahren noch passieren wird. Hurrikans, Überflutungen oder große Feuer sind traumatische Erfahrungen für ganze Bevölkerungsgruppen, ähnlich wie jene, die Kriegsheimkehrer erlebt haben. Also da geht es um die mentale Gesundheit von uns Menschen. Wenn man alle zehn Jahre neue Visionen erstellt und es passiert nichts, dann hat es zudem fast fatalistische Konsequenzen und unterminiert das Vertrauen, insbesondere auch in die Politik. Und wenn das gegenseitige Vertrauen fehlt, dann hat das fatale Konsequenzen für den Menschen und die Natur – heute und für die kommenden Generationen.

Danke für das Gespräch.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Die Recherchen für diesen Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Sonja Bettel

Sonja Bettel

Sonja Bettel ist freie Wissenschaftsjournalistin und interessiert sich für große und kleine Vorgänge in der Natur.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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Lektorat: Claudia Ruby
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