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Die Kunst im Wiener-Donaukanal zu schwimmen

Der feuchte Blick auf die Stadt

von
26.02.2021
4 Minuten
Der Wiener Donaukanal spiegelt die Skyline der  Wiener Innenstadt

Wien. An der Donau? Nein! Ab in die Donau. Wie ein Kunstprojekt den Donaukanal zum öffentlichen Raum macht.

Der Wiener Donaukanal zweigt bei Nussdorf vom großen Donaustrom ab, schlängelt sich durch die Stadt und mündet bei Albern wieder hinein.

Dieser Abschnitt heißt Donaukanal, obwohl diese Flussstrecke eigentlich natürlich ist – ein echter Seitenarm der Donau. Ausflugsschiffe, Touristenboote und der Twin-City Liner, ein Schnellkatameran zwischen Wien-Innere Stadt und dem Zentrum der slowakischen Hauptstadt Bratislava, sorgen für rege Frequenz, jedenfalls außerhalb der Corona-Pandemie.

Seit Sommer 2020 gesellt sich der Schwimmverein Donaukanal dazu – nicht auf dem, sondern im Wasser. Denn laut Initiatoren symbolisiert auch der Fluss ein Stück öffentlichen Raum.

Wien war die Hauptstadt der Bäder

Noch gehen die beiden Schwimmerinnen am Ufer des Donaukanals entlang. Bald lassen sie sich im Fluss an der Innenstadt vorbeitreiben.
Zwei Frauen im Badegewand suchen am Ufer des Donaukanals den passenden Einstieg in den Fluss.

Derweil ist die Idee gar nicht neu. Denn schon früh lud der Fluss zum Baden ein. Im Schwimm-Lehrbuch aus dem Jahr 1538 „Colymbetes, sive de arti natandi“ (Der Schwimmer oder ein Zwiegespräch über die Schwimmkunst) erwähnte der Autor, ein Schweizer namens Nicolaus Wynmann, den Fluss als möglichen Badeplatz. Das Baden wurde zwar wenige Jahre später wegen kirchlicher und grundherrlicher Einsprüche wieder verboten. Aber im 17. und 18. Jahrhundert forderten Ärzte die Errichtung staatlicher Schwimmschulen in freien Gewässern. Zur körperlichen Stärkung. Sogenannte Badeschiffe fassten die Wasserfläche und umrahmten sie mit Kabinen. Etliche derartige Bademöglichkeiten fanden sich stromab von Nussdorf..

Von 1869 bis 1875 verlor die weit verzweigte Donau ihre vielen Wasserarme. Die technisch „harte“ Regulierung machte aus dem wilden Fluss einen geraden, gut schiffbaren und von Hochwässern und Eisstößen geschützten Strom. Der fließt seitdem allerdings an der Stadt vorbei.

Alle Arme der Donau sollten zusammengelegt und zwischen Kuchelau und Fischamend in einem geraden Strombett fließen, als einziger Seitenarm blieb der Donaukanal erhalten. Jene Mitglieder der (Anm.: personalintensiven) Donauregulierungskommission, die sich für die Fixierung der Donau im damaligen Hauptbett aussprachen, wurden überstimmt.

Dies schreibt Judith Duller-Mayrhofer in ihrem 2012 erschienenen Buch „Die Alte Donau – auf Sommerfrische in der Stadt“. Wien besitzt viele Bäche, die aus dem Wienerwald kommen und nach Gewittern rasend schnell zu reißenden Wildbächen anschwellen. Ein Risiko. Alle Bäche landen früher oder später in der Donau.

Mit der Industrialisierung und den zahlreichen Gerbereien und Handwerksbetrieben an den Ufern des Wienflusses gelangte auch das Abwasser ungefiltert in den Donaukanal. Eine gesundheitsgefährdende Brühe. Erst durch die Kanalisation verbesserte sich die Wasserqualität im Fluss wieder und auch Epidemien wie die Cholera wurden eingedämmt. Zwischen 1904 und Ende der 1920er Jahre erwarb sich Wien den Ruf als „Stadt der Bäder“.

Na also. Alles schon dagewesen. Und dennoch verdrängt. Der Schwimmverein Donaukanal will nun ein Zeichen setzen: ein Kontra zur Wasserstraße, ein Pro zum „liquiden öffentlichen Raum“, sagt Amelie Schlemmer. Sie ist eine der vier Ideenbringerïnnen zum Schwimmverein.

Die Einen finden es blöd, dass da Schiffe fahren. Die anderen finden es wichtig, dass ein politischer Raum aktiviert wird. Die Motivationen sind sehr divers.

Neben Amelie Schlemmer konzipierten drei weitere Studierende des Masterstudiengangs Social Design von der Universität für Angewandte Kunst in Wien den Schwimmverein Donaukanal: Amanda Sperger, Ana Mumzlade und Fabian Ritzi. Zuerst als Kunstprojekt gedacht und seit Herbst als eingetragener Verein institutionalisiert. Damit auch Förderungen nach dem Vereinsgesetz beantragt werden können.

Zu Beginn der Kunstaktion funktionierten die Initiatorïnnen den Hof des Kunsthauses Wien im dritten Wiener Gemeindebezirk völlig um: Umkleidekabinen und Kästchen wurden aufgestellt. Wasserdichte Baderucksäcke im mintgrünen Design und Badetrikos im Retro-Charme sowie Abzeichen und Schirmkappen sind Verkaufsartikel, die anstelle eines herkömmlichen Mitglieds-Beitrags für Einnahmen sorgen.

Denn in der kommenden Saison sollen Stammtische, Veranstaltungen und weitere Diskussionsrunden – wie etwa zur Aneignung der Stadt, das Wasser als öffentlicher Begegnungsort und zur Kunst des Schwimmens – stattfinden.

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Beim Sprung ins kalte Wasser des Wiener Donaukanals.
Nun ist es soweit: der erste Wasserkontakt im Wiener Donaukanal.

Vom Treibenlassen und Untergehen

Das Unterfangen ist komplex. Denn obwohl es behördlich erlaubt ist, sich im Fluss treiben zu lassen, sind dennoch Risiken damit verbunden. Die Strömung, der Schiffs-Verkehr, die Unfallgefahr, Hochwasser.

Darauf weist auch die zuständige Stabsstelle der Wiener Gewässer hin. Sie ist zwar nicht die Eigentümerin des Gewässers – das ist die Donauhochwasserschutz-Konkurrenz (DHK) als rechtliche Nachfolgerin der Donauregulierungskommission, gegründet 1927 – aber die Wiener Magistratsabteilung hält in einem Schreiben fest:

Der Donaukanal ist ein öffentliches Gewässer, somit hat nach Österreichischer Rechtslage jede/r Zutritt zu diesem Gewässer, er wird aber von der Wiener Stadtverwaltung bewusst nicht als Badeplatz angeboten und deshalb gibt es auch keine Untersuchung der Badewasserqualität.
Die Magistratsabteilung Wiener Gewässer rät vom Schwimmen im Donaukanal aus verschiedenen Gründen (hohe Fließgeschwindigkeit, Schiffsverkehr, Schiffsstationen, Länden, Sichttiefe, etc.) ab.

Soweit die Behörde. Aber den Künstlerinnen und Künstlern geht es um viel mehr als um Erlaubnis: Sie wollen ein Bewusstsein in Gang setzen. Eine neue Sicht auf die Stadt, eine Begegnungszone auf Augenhöhe und ein Freizeitvergnügen vergleichbar mit jenem der Wandervereine:

Unser Schwimmverein Donaukanal soll ähnlich wie die Alpinvereine wirken. Diese sind verantwortlich für Veranstaltungen und geführte Wanderungen. Sie pflegen die Wanderwege, die aber nicht die ganze Zeit überwacht werden können. So wie das Schwimmen im freien Gewässer. (Amelie Schlemmer)
Sich durch Wien treiben zu lassen, eine neue Perspektive vom Fluss auf die Innenstadt.
Buntes Treiben mitten in der Stadt – mitten im Donaukanal Wien.

Der Donaukanal ist ein Hotspot für Stadtflaneure. An seinen Ufern treffen sich die Menschen und spannen gemeinsam aus. Das Wasser hingegen war bis jetzt noch kaum Thema. Genau das versucht der Schwimmverein Donaukanal nun zu ändern. Mögen badefreundliche Temperaturen frischen Schwung in die Donauwellen bringen…

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Ilse Huber

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