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Open Economy

Commons-Projekte weisen den Weg in eine Gemeinwohl-orientierte Wirtschaft

von
21.06.2020
11 Minuten
Bild einer Siedlung in Vancouver.

In der Corona-Krise bringen Menschen mit viel Engagement gemeinnützige Projekte auf den Weg – mit Konzepten der Offenheit wie Open Source und Open Hardware. Dass das mit staatlicher Förderung zusammengehen kann, zeigt die Corona-Warn-App. Auf diesem Weg in eine resiliente Gemeinwohl-Ökonomie fehlen aber noch geeignete Förderinstrumente – und der politische Wille.

Teil der KlimaSocial-Serie „An der Weggabelung“ – von Christiane Schulzki-Haddouti

Mitte April verteilten in einer gemeinsamen Aktion mehrere Offene Werkstätten, FabLabs und Makerspaces aus Brandenburg und Berlin 12.000 Gesichtsvisiere an Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Die transparenten Visiere können über den Atemschutzmasken getragen werden und decken vor allem den Augenbereich ab. Doch damit nicht genug: Bis Anfang Juni ebbte die Nachfrage nicht ab.

Schnell, dezentral, ehrenamtlich

Innerhalb weniger Tage war Ende März ein dezentrales Produktions- und Designnetzwerk entstanden: Angefangen beim 3D-Design, über die Material-Beschaffung, die dezentrale Produktion in Haushalten und Offenen Werkstätten mit 3D-Druckern und Lasercuttern, bis hin zur Verteilung an Krankenhäuser, Arztpraxen oder Pflegestationen – alles erfolgte in ehrenamtlichem Engagement, das Material wurde gespendet. Dabei wurde auch noch die Produktion um einen industriellen Spritzgussprozess ergänzt, der die Anzahl produzierbarer Visiere auf einen Schlag vervielfachte.

Angefangen hatte die Initiative an mehreren Orten in Brandenburg: Mitglieder des Verstehbahnhofs (Fürstenberg), des Wissenschaftsladens Potsdam e.V. und der Offenen Werkstatt in Spremberg begannen, die international entwickelten Gesichtsvisiere nachzudrucken. Dabei konnten sie einen Prototypen verwenden und weiterentwickeln, der in den Niederlanden als „Open Hardware“ veröffentlicht worden war.

Die Idee der dezentralen Produktion verbreitete sich über das Netzwerk Offene Werkstätten Brandenburg, wodurch auch weitere Werkstätten in Brandenburg an der Havel, Cottbus, Lübbenau und Berlin mit der Produktion begannen. In Berlin waren vor allem die Beuth Hochschule für Technik und Masken.berlin rund um den xhain Makerspace aktiv. Pflegekräfte, in Arztpraxen, Laboren und Apotheken Tätige, sowie alle Personen, die beruflich mit an Covid-19 Erkrankten oder Risikopersonen in Kontakt kommen, konnten sich bei den beteiligten Initiativen melden. Inzwischen ist es Ende Juni, und nach 25.000 Gesichtsvisieren sind fast alle Bedarfe gedeckt.

Daniel Domscheit-Berg, der an der Organisation des Netzwerks beteiligt war, sagt: „Heute haben wir nochmal 30 Stück an eine Einrichtung der AWO für betreutes Wohnen abgegeben. Und wir organisieren gerade einen Transport von 1500 Stück über die Türkei nach Syrien.“ Zwei weitere Lieferungen sollen noch raus, dann ist das Lager leer: Eine soll an Kinderkrankenhäuser im Kongo, eine andere über die Hilfsorganisation CADUS und das Global Diplomacy Lab im Auswärtigen Amt in die Amazonas-Region gehen.

„Informell und unkompliziert“

„Der Erfolg der ganzen Aktion lag darin, dass sie informell und unkompliziert verlief“, erzählt Domscheit-Berg. Er sieht in dem Projekt ein Beispiel für resiliente Produktion durch dezentrale Werkstätten und Aktivisten. Sie konnten die Versorgungslücke schließen, nachdem die regulären Lieferketten zusammengebrochen waren und sich Unternehmen nicht schnell genug an die neue Situation anpassen konnten. Domscheit-Berg glaubt, dass der Staat daraus lernen könnte, indem er sein Fördersystem flexibler gestaltet. Denn bisher arbeiten die Initiativen ehrenamtlich nur auf Spendenbasis. Mit etwas staatlicher Unterstützung hätten sie noch mehr erreichen können.

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Christiane Schulzki-Haddouti

Christiane Schulzki-Haddouti

schreibt seit 1996 über das Leben in der Informationsgesellschaft, seine Chancen und Schwierigkeiten. Für Riffrepoerter befasst sie sich mit praktischen und theoretischen Fragen der Kommunikation, Organisation und Vernetzung im Rahmen der Klimakrise.


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