Wie politisch ist der Weltklimarat IPCC?

Können Regierungen Einfluss auf die Ergebnisse des Sachstandberichts nehmen? Ein FAQ.

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Das Bild zeigt das Hochhaus, in dem der Weltklimarat IPCC in den Räumlichkeiten der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf untergebracht ist.

Am 4. April 2022 veröffentlicht der IPCC den 3. Teil seines 6. Sachstandsberichts. Daraus wird klar, wie die Politik auf den Klimawandel reagieren soll. Können Regierungen Einfluss auf die Ergebnisse des Sachstandberichts des Weltklimarats nehmen? Wie zuverlässig und belastbar sind die Aussagen der Forscher:innen? Hier die Antworten auf die häufigsten Fragen.

Wer ist der Weltklimarat?

In den Medien ist der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) als Weltklimarat bekannt. Übersetzt bedeutet sein Name „Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimawandel“. Sitz des IPCC ist Genf. Der IPCC ist ein zwischenstaatliches und zugleich auch wissenschaftliches Gremium. Gegründet wurde er 1988 von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen als Ausschuss der Welt-Meteorologie-Organisation (WMO) und des UN-Umweltprogramms (UNEP).

Bestimmt der Weltklimarat, was die Politik zu tun hat?

Die Berichte sind „relevant für Politik, empfehlen aber keine bestimmte Politik“, betont der IPCC. Das bedeutet, dass die Berichte entscheidungsrelevante Fakten vermitteln, aber keine bestimmten Handlungen vorgeben.

Wie unabhängig ist der Weltklimarat von der Politik?

Unter dem Vorstand und dem Exekutivkomitee befinden sich drei Arbeitsgruppen sowie eine Projektgruppe zu nationalen Treibhausgasinventaren. In diesen Gremien sitzen nur Fachexpert:innen und keine Vertreter:innen von Regierungen. Die Regierungen sprechen nur bei der sogenannten „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ (Summary for Policymakers, kurz: SPM) mit, aber auch hier haben die Fachexpert:innen das letzte Wort.

Wie arbeitet der Weltklimarat?

Der IPCC betreibt keine eigene Forschung und erhebt keine Daten. In seinen Berichten wird die aktuelle Klimaforschung zusammengefasst und aus wissenschaftlicher Sicht bewertet. In der Regel werden dazu Studien verwendet, die ein wissenschaftliches Prüfverfahren, das so genannte Peer Review, durchlaufen haben. Die Sachstandsberichte durchlaufen mehrere Prüfrunden durch die Autor:innen, durch leitende und koordinierende Autor:innen sowie externe Fachgutachter:innen. Die Anmerkungen der externen Fachgutachter:innen werden im Internet veröffentlicht, nachdem der Bericht verabschiedet wurde.

Wer bestimmt darüber, was der Weltklimarat in seiner „Zusammenfassung für die Politik“ empfiehlt?

Nach einem aufwändigen Schreib- und Prüfprozess werden zu jedem Teilband Zusammenfassungen erstellt: Eine „Technische Zusammenfassung“ (TS) und eine „Zusammenfassung für die Politik“ (SPM). Nur bei der SPM können Regierungen direkt Einfluss nehmen. Der Entwurf für das SPM wird in einer Plenarsitzung verabschiedet, in der die hauptverantwortlichen Wissenschaftler:innen mit den Delegierten der Mitgliedstaaten zusammensitzen. Die Regierungen können Änderungsvorschläge unterbreiten, doch die wissenschaftlichen Inhalte dürfen nicht verändert werden. Hier wird zäh um jede Formulierung gerungen, doch das letzte Wort haben die Leitautor:innen. Die Regierungen verabschieden den Bericht.

Wann erfolgen die Veröffentlichungen für den Sachstandbericht AR6?

Am 9. August 2021 veröffentlichte der Weltklimarat den ersten der drei Einzelbände des Sechsten Sachstandsberichts (AR6). Am 28. Februar werden der Teilband 2 und Ende März Teilband 3 folgen. Im September 2022 soll schließlich eine Zusammenfassung veröffentlicht werden: der Synthesebericht (SYR), der alle Teil- und Sonderberichte zusammenfasst. Auch dieser Bericht wird eine Zusammenfassung für die Politik (SPM) enthalten.

Wie sieht der aktuelle Sachstandsbericht AR6 aus?

Der Sachstandsbericht besteht wie bereits seine Vorgängerberichte aus drei Teilen aus je 12 bis 18 Kapiteln bestehen. Jeder Teil wurde von einer eigenen Arbeitsgruppe erstellt: Die Arbeitsgruppe 1 behandelt naturwissenschaftliche Grundlagen des Klimawandels und schätzt künftige Entwicklungen des Klimasystems ab. Die Arbeitsgruppe 2 analysiert Folgen des Klimawandels, Verwundbarkeiten von menschlichen und natürlichen Systemen und Möglichkeiten der Anpassung. Arbeitsgruppe 3 befasst sich mit politischen Optionen und Technologien, den Klimawandel zu bremsen, beispielsweise mit konkreten Möglichkeiten zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes.

Wie belastbar sind die Aussagen des Weltklimarats?

Der IPCC legt fest, wie die Belastbarkeit von Aussagen beschrieben werden soll, und macht dies in seinen Berichten für jedes zentrale Statement kenntlich. Je mehr Belege für eine Aussage vorliegen und je stärker sie übereinstimmen, desto höher ist das wissenschaftliche Vertrauen in die Richtigkeit dieser Aussage.

Die Grafik des IPCC illustriert ein mehrstufiges Verfahren zur Ermittlung der Belastbarkeit von Aussagen: In einem ersten Schritt werden die vorliegenden Forschungsergebnisse und deren Übereinstimmungen gesammelt. In einem zweiten Schritt wird die Robustheit einer Aussage überprüft. Schließlich wird in einem dritten Schritt die Wahrscheinlichkeit in Zahlen ausgedrückt. Beispielsweise bedeutet eine zu 95 bis 100 Prozent sichere Aussage, dass sie „äußerst wahrscheinlich“ zutrifft.
Die Belastbarkeit einer Aussage wird in einem mehrstufigen Verfahren ermittelt: In einem ersten Schritt werden die vorliegenden Forschungsergebnisse und deren Übereinstimmungen gesammelt. In einem zweiten Schritt wird die Robustheit einer Aussage überprüft. Schließlich wird in einem dritten Schritt die Wahrscheinlichkeit in Zahlen ausgedrückt. Beispielsweise bedeutet eine zu 95 bis 100 Prozent sichere Aussage, dass sie „äußerst wahrscheinlich“ zutrifft.

Wie viele wissenschaftliche Arbeiten wurden für den aktuellen Sachstandsbericht ausgewertet?

Traditionelle Synthese-Methoden stoßen angesichts der großen Menge wissenschaftlicher Publikationen zunehmend an ihre Grenzen: Seit dem letzten Sachstandsbericht (AR5), der 2014 und 2015 veröffentlicht wurde, sind etwa 350.000 neue wissenschaftliche Publikationen erschienen, schätzt eine mit Methoden der künstlichen Intelligenz erstellte topografische Literaturanalyse des Mercator Research Institutes on Global Commons and Climate Change (MCC) und der University of Leeds aus dem Jahr 2019. Nicht alle Veröffentlichungen können ausgewertet werden: Die Anzahl der in den IPCC-Berichten zitierten Klimawandel-Studien war bereits im Sachstandsbericht AR5 auf 20 Prozent gesunken.

Werden die Wissenschaftler:innen für ihre Arbeit an den Berichten bezahlt?

Alle Wissenschaftler:innen arbeiten ehrenamtlich und bekommen höchstens ihre Reisekosten zu den Redaktionssitzungen erstattet.

Lesetipp: Der IPCC – ein Kurzportrait, Teil 1 und Teil 2, klimafakten.de

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