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Erzähl mir eine Geschichte

Was die Szenarien des IPCC über die Gesellschaft der Zukunft besagen

31.08.2021
14 Minuten
Das Bild ist eine Collage. In der Mitte steht der IPCC-Bericht wie ein Buch aufgestellt. Darum sind wie Sprechblasen Bilder aus verschiedenen Versionen der möglichen Zukunft angeordnet: eine dichtbewohnte Großstadt mit Hochhäusern für die Wohlhabenden und Hütten für die Armen; Leihfahrräder im Depot; ein altes Kohlekraftwerk, aus dessen Schornsteinen  pechschwarze Wolken dringen; und eine geschlossene Schranke.

Wie leben wir in Zukunft mit den Klimafolgen? Und welche lösen wir noch aus? Der Weltklimarat arbeitet mit fünf Szenarien, die Narrative der künftigen Welt enthalten. In diesen Erzählungen werden Entscheidungen, Probleme und Potenziale greifbar – der Ausgangspunkt sind oft die politischen Nachrichten der Gegenwart.

Die ersten 4000 Seiten eines IPCC-Sachstandberichts sind eigentlich ein Werk der Fakten, nicht der Fantasie. Den ersten Aufschlag für den sechsten Berichtszyklus machte im Juli 2021 die Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarats, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel auswertet: Es geht um Physik, Glaziologie und Ozeanographie, um Chemie, Mathematik und Informatik. Der Bericht (hier der Klima-Wandeln-Artikel dazu) enthält Zusammenfassungen, Berechnungen und Würdigungen, Grafiken, Wahrscheinlichkeitsangaben und sehr viele Zahlen. 1086 Seiten nennen Prozentangaben, 2155 Seiten Temperaturwerte, 1645 Seiten zeigen oder verweisen auf Tabellen. Ein gutes Fünftel der Seiten listet die ausgewertete Literatur auf.

Was aber kaum jemand ahnt und in Presseberichten und anderen Reaktionen selten vorkommt: Mindestens ein zentrales Kapitel des Berichts beruht zu einem guten Teil auch auf erfundenen Geschichten. Es handelt sich um das Kapitel 4 mit den sogenannten Projektionen, die mit Supercomputern berechnet werden und einen Blick in die Zukunft erlauben. Oder genauer: mehrere mögliche Versionen von Zukunft. Hier kommen die Geschichten ins Spiel; Hinweise darauf finden sich im ganzen Bericht auf fast 700 Seiten.

In einer der möglichen Zukunftsversionen meistert die Menschheit gemeinsam die Herausforderungen der Klimakrise und hält die in Paris vereinbarte Grenze der Erwärmung von 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit so eben ein. In einer anderen scheitern die Staaten der Welt auf fatale Weise, weil sie sich nicht einigen können, und vielen Bürger:innen der momentane Wohlstand und Komfort wichtiger sind als die Lebensbedingungen künftiger Generationen: Dort heizt sich die Erde zum Ende des 21.Jahrhunderts um etwa 4,7 Grad auf. Drei weitere Visionen der Zukunft liegen zwischen diesen beiden Extremen.

Die Erderhitzung bis 2100

Diese Zukunftsszenarien dienen dazu, eine der am meisten betrachteten Grafiken zusammenzustellen. Sie zeigt den möglichen künftigen Verlauf der globalen Durchschnittstemperaturen. Fünf verschiedenfarbige Linien und Bänder streben von der Gegenwart in die Zukunft und heben sich dabei unterschiedlich weit in die Höhe zu immer größeren Werten der Erderhitzung.

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Die Grafik zeigt Temperaturwerte der kündigten Erderhitzung (in Relation zur Zeit vor der Industrialisierung) über der Zeit. Für die Zeit von 1950 bis 2015 belegen historische Messdaten in Grau die Temperaturzunahme von etwa 0,3 auf 1,1 Grad Celsius. Danach setzen fünf farbige Linien ein, die bis zum Jahr 2100 eine Erwärmung von 1,4 bis 4,7 Grad erreichen.
Diese Grafik aus der „Zusammenfassung für politsche Entscheidungsträger“ des jüngsten IPCC-Berichts fasst die Erkenntnisse über die künftige Erderhitzung zusammen. Die fünf Linien stehen für fünf verschiedene Versionen der Zukunft, zwischen denen die Menschheit noch wählen kann.
Auf einen hell-violetten Farbfeld sind die fünf SSP-Szenarien angeordnet. Die horizontale Achse unten zeigt Veränderung in der Gleichheit sowie Fähigkeit zur Kooperation und Anpassung der Gesellschaften: Höhere Werte sind links, niedrigere rechts. Die vertikale Achse an der Seite zeigt die Fähigkeit, das Energiesystem umzubauen und Emissionen zu senken: Höhere Werte sind unten, niedrigere oben.
In der Mitte steht SSP 2, der „Mittelweg“. Oben rechts steht SSP 3, der „steinige Pfad“, unten rechts SSP 4, die „gespaltene Straße“, unten links SSP 1, der „grüne Boulevard“ und oben rechts SSP 5, die „Autobahn“.
Die Grafik zeigt, wie die fünf SSP-Szenarien zusammenhängen. Die Abkürzung steht für „Shared Socioeconomic Pathway“, also gemeinsam verwendeter Pfad der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung.
In den fünf Szenerien entwickeln sich die Bevölkerungszahlen von knapp 7 Milliarden im Jahr 2010. Im SSP 3 nehmen sie auf knapp 13 Milliarden am Ende des Jahrhunderts zu; nur das Wachstum verlangsamt sich hier etwas. Die anderen Versionen der Zukunft erreichen zwischen 2050 und 2080 den Höhepunkt. Die Welt ist demnach 2100 Heimat für 7 bis 9,5 Milliarden Menschen (Szenarien SSP 1 bzw. SSP 4).
Zu den Stellgrößen für die Hochrechnungen der Zukunft gehört in den fünf SSP-Szenarien zum Beispiel die Entwicklung der Weltbevölkerung. Nur in der Version SSP 3, in der die Welt durch regionale Konflikte geprägt ist, gibt es im 21. Jahrhundert keine Trendumkehr.

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Christopher Schrader

Christopher Schrader

Christopher Schrader, einer der Gewinner des AAAS Kavli Prize for Science Journalism, war 15 Jahre Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, bevor er sich 2015 mit den Themen Klimaforschung, Energietechnik, Umwelt, Physik und Geowissenschaften selbständig machte.


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