Ringen um ein „Paris-Abkommen“ für Biodiversität: Alles Wichtige zur Weltnaturkonferenz im Überblick

Bis 19. Dezember ringen die Staaten der Erde beim Weltnaturgipfel in Montreal um ein neues Abkommen zum globalen Naturschutz. Worum geht es genau? Was sind die Ziele? Wer sind die wichtigsten Player? Und wie stehen die Chancen? Der Überblick

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Kraniche stehen im Morgenrot im flachen Wassr

Wenn ab 7. Dezember im kanadischen Montreal Regierungsvertreter aus fast 200 Staaten zusammenkommen, geht es um nicht weniger als die Rettung der Vielfalt des Lebens auf dem Planeten.

Nur wenige Wochen nach dem Klimagipfel in Ägypten will die Staatengemeinschaft bei der UN-Biodiversitätskonferenz COP15 in Kanada die Wende in der nach dem Klimawandel zweiten großen ökologischen Krise unserer Zeit einläuten – dem Artensterben. Ziel des Weltnaturgipfels ist es, bis zum 19. Dezember einen seit mehr als zwei Jahren überfälligen neuen Vertrag zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Natur auf der Erde zu verabschieden.

Dem „Montreal-Abkommen“ wird für den globalen Schutz von Wildtieren, Pflanzen und Ökosystemen – und damit der menschlichen Lebensgrundlagen – eine ähnlich bahnbrechende Bedeutung zugemessen wie es das Pariser Abkommen von 2015 für den Klimaschutz hatte. Doch ob in Kanada ein globaler Naturschutzpakt geschmiedet werden kann, ist auch nach mehrjährigen Vorverhandlungen bis zuletzt offen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Gipfel:

Die Biosphäre in Montreal nachts und in blau erleuchtet
„Biosphäre“ heißt das kugelförmige Gebäude in Montreal, das für die Weltausstellung 1967 geschaffen wurde. In der kanadischen Stadt findet der Weltnaturgipfel statt.

Worum geht es beim Weltnaturabkommen?

Das in Montreal angestrebte globale Biodiversitätsrahmenabkommen soll den Schutz und die nachhaltige Nutzung der Natur auf der Erde für den Rest des Jahrzehnts regeln und die Weichen für die Zeit danach stellen.

Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 den Artenverlust und die Zerstörung von Ökosystemen zu stoppen und die Natur auf einen Pfad der Erholung zu bringen. Es geht also um grundlegende Spielregeln für den Umgang mit Wildtieren, Pflanzen und Lebensräumen. Ein erster Entwurf für das Abkommen enthält dazu insgesamt 22 Einzelziele, die von Jagd und Fischerei über zu Vorgaben zum Einsatz von Pestiziden und Düngern bis zu Regelungen für eine Verteilung von Profiten reichen, die aus der Nutzung genetischer Ressourcen erwachsen.

Darüberhinaus soll eine Ausweitung der Schutzgebiete an Land und in den Weltmeeren auf 30 Prozent der Erdoberfläche entschieden werden. Im besten Falle leitet das Abkommens ein Ende des Artensterbens ein, das nach wissenschaftlichen Analysen ein Ausmaß wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit erreicht hat, bringt eine Wende im Kampf gegen die Zerstörung von Regenwäldern und anderen Lebensräumen und verteilt die Nutzen und Lasten aus der Naturnutzung zwischen reichen und armen Ländern gerechter.

Wer verhandelt über das Weltnaturabkommen?

Die Verhandlungen über das Global Biodiversity Framework (GBF) finden im Rahmen der UN-Konvention über Biologische Vielfalt (CBD) statt, der mit 196 Staaten fast alle Länder der Erde beigetreten sind. Die CBD ist eine von drei UN-Umweltkonventionen, die beim „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro auf den Weg gebracht wurden. Alle drei Schwesterabkommen sollen den Kampf gegen existenzielle Bedrohungen durch Umweltveränderungen voranbringen, die durch menschlichen Einfluss ausgelöst wurden. Neben der Biodiversitätskonvention sind dies die vor allem für die Ernährungssicherheit wichtige Konvention gegen Wüstenbildung (UNCCD) und das bekannteste der drei Abkommen, die Klimarahmenkonvention (UNFCCC).

Ist es das erste Weltnaturabkommen?

Nein. Die Montreal-Verhandlungen und ein Abkommen stehen in der Nachfolge der 2010 bei der 10. CBD-Vertragsstaatenkonferenz in Japan verabschiedeten sogenannten „Aichi-Ziele“. Damals hatte sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, die Wende in der ökologische Krise bis zum Jahr 2020 zu schaffen. Alle dazu festgelegten 20 Einzelziele wurden aber verfehlt, wie eine 2020 von den Vereinten Nationen vorgelegte verheerene Bilanz ergab. Weder konnte das Artensterben gestoppt oder die weltweite Belastung mit Schadstoffen auf ein verträgliches Maß reduziert werden. Noch gelang es, Fischfang und Jagd nachhaltig zu gestalten oder die Zerstörung von Wäldern und anderen Lebensräumen zu stoppen. Im Gegenteil: „Der Verlust an biologischer Vielfalt hat ein beispielloses Tempo erreicht“, fasste die Generalsekretärin der CBD, Elizabeth Mrema, bei der Vorstellung des Berichts zusammen. „Das Leben auf der Erde als Ganzes ist in Gefahr.“ Auch wegen des Scheiterns des Vorgängerabkommens stehen die Staaten diesmal besonders unter Erfolgsdruck.

Eine riesige schwarze Vitrine in einem Museum mit einer Vielzahl von Tieren, vom Wolf über Delfin bis zum Straußenvogel
Auf acht Millionen schätzen Wissenschaftler die Zahl der Arten auf der Erde.

Wie geht es der Natur weltweit?

Katastrophal – das zeigen alle zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Wichtigste fachliche Grundlage für die Bewertung des Zustands der weltweiten Biodiversität in den Verhandlungen über ein neues Rahmenabkommen ist eine Zusammenschau des wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zustand der Natur des Weltbiodiversitätsrates IPBES.

Darin kommen die Expertinnen und Experten zu dem Ergebnis, dass das Tempo des weltweiten Artensterbens schon jetzt zehn- bis 100 mal höher ist als im Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre. Innerhalb der nächsten 80 Jahre – also einer menschlichen Lebensspanne – könnten dem Bericht zufolge eine Million Arten aussterben, wenn nicht energisch gegengesteuert wird, was jeder achten Art entspricht, die schätzungsweise existiert. Auch auf europäischer und nationaler Ebene belegen wissenschaftliche Analysen, wie verheerend es um den Zustand der Natur steht. Erst vor wenigen Wochen warnten Wissenschaftler in einem globalen Bericht zur Lage der Vögel weltweit, dass jeder achten Vogelart das Aus droht. „Nie ging es den Vögeln auf der Erde schlechter als heute“, heißt es in dem Bericht. Vögel gelten als besonders gute Indikatoren des Zustands von Ökosystemen.

kleine kugelförmige Pilze wachsen an einem umgefallenen Baumstamm
Unspektakulär spektakulär: Pilze sind ein wichtiger Bestandteil jedes Ökosystems, hier. Birnen-Stäublinge.

Welche konkreten Ziele sind besonders wichtig?

Als „Vision“ haben die UN das Oberziel postuliert, dass die Menschheit bis zur Jahrhundertmitte „im Einklang mit der Natur“ lebt. Um das zu erreichen soll beispielsweise der Neueintrag von Plastikmüll in die Umwelt bis 2030 gestoppt werden. Die Belange des Naturschutzes sollen in allen Ländern bei Planungsprozessen von Anbeginn mit berücksichtigt werden.

Guterres vor einer hellblauen UN-Flagge an einem Rednerpult mit der Aufschrift „Columbia University“.
Die Menschheit führe „Krieg gegen die Natur“, warnt UN-Generalsekretär António Guterres.

Wir können nicht nach Hause gehen mit einer wenig ambitionierten Vereinbarung, die Ziele und Umsetzungs- und Kontrollmechanismen nicht klar benennt.

Inka Gnittke, deutsche Delegationsleiterin

Als besonders wichtig gelten die flächenbezogenen Zielvorgaben: Danach sollen die verbliebenen Wildnisgebiete der Erde erhalten bleiben und bis zum Ende des Jahrzehnts 20 Prozent der geschädigten Land- Meeres- und Süßwasserökosysteme renaturiert werden. Als Top-Ziel und so bedeutend wie das 1,5-Grad-Limit im Klimaschutz wird das Vorhaben angesehen, mindestens 30 Prozent der Erde unter „wirksamen“ Schutz zu stellen.

Während sich bereits 110 Staaten für seine Verabschiedung ausgesprochen haben, wird um die konkrete Ausgestaltung weiter gerungen. So ist ungeklärt, welche menschliche Nutzung in diesen neuen Schutzgebieten erlaubt sein soll. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg gilt auch eine Einigung über die Finanzierung des Abkommens und die Frage, wie Entwicklungsländer an den Profiten beteiligt werden, die aus der Nutzung genetischer Digitaler Sequenzinformationen beispielsweise von Pflanzen durch die Pharmaindustrie beteiligt werden.

Nicht weniger wichtig als die Ziele sind die Beschlüsse zur Kontrolle ihrer Umsetzung. Dazu gibt es separate Vereinbarungen, die verhindern sollen, dass – wie im Vorgängerabkommen – zwar weitreichende Ziele vereinbart, diese aber nicht verwirklicht werden. „Wir können nicht nach Hause gehen mit einer wenig ambitionierten Vereinbarung, die Ziele und Umsetzungs- und Kontrollmechanismen nicht klar benennt“, sagt die deutsche Delegationsleiterin, Inka Gnittke.

Ein Drohnenfoto eines wiedervernässten Waldes
Auch die geplante großflächige Renaturierung entwässerter Moore – hier der Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern – ist Teil der Maßnahmen, um das Artensterben zu stoppen.

Wie stehen die Chancen für ein Abkommen?

Eigentlich hätte das Abkommen schon im Herbst 2020 unter dem Vorsitz Chinas verabschiedet werden sollen. Doch die Corona-Pandemie hat den Prozess in die Länge gezogen. Hoffnungen, dass die dadurch gewonnene Zeit auch Fortschritte für ein weitreichendes Abkommen bringt, haben sich aber zerschlagen. Auch der Krieg in der Ukraine und die weltweite Inflation belastet die Verhandlungen. Für viele Entwicklungsländer hat sich die Schuldenkrise zugespitzt, sodass der Spielraum für Investitionen in Naturschutz weiter schrumpft.

Zudem verlaufen die Arbeiten am Textentwurf für das Abkommen bis zuletzt schleppend. Auch Tage vor Beginn des Gipfels sind alle wesentlichen Punkte noch als strittig in Klammern gesetzt. Es gilt das Prinzip, dass keines der einzelnen Ziele beschlossen ist, bis nicht das ganze Paket beschlossen ist. Zudem herrscht Einstimmigkeitsgebot. Damit läuft, wie beim Klimagipfel alles auf einen Verhandlungsmarathon über eine Paketlösung zwischen den mehr als 100 Ministerinnen und Ministern zu, die sich ab Mitte Dezember zur Schlussphase angesagt haben. Mit dem Zustandekommen eines Abkommens kann gerechnet werden. Ob es ausreichend scharf sein wird, um die Artenkrise zu stoppen, ist bis zuletzt offen.

Welche Punkte sind besonders umstritten?

CBD-Generalsekretärin Elizabeth Mrema beantwortete diese Frage kürzlich, indem sie praktisch alle zentralen Verhandlungsbereiche aufzählte: Von einer Verständigung auf die Nutzung genetischer Ressourcen und den finanziellen Ausgleich dafür über die genauen Regeln zur Umsetzung vereinbarter Ziele und die Kontrolle des Fortschritts bis hin zu den Zahlungen der entwickelten Länder an die Staaten des globalen Südens für den Schutz der Biodiversität dort. Das bedeutet, dass bis zuletzt selbst eher konsensfähige Ziele als Verhandlungsmasse auf der Kippe stehen könnten.

Wie wichtig ist Geld bei den Verhandlungen?

Der vielleicht größte Brocken auf dem Weg zu einem Abkommen ist das Geld. Vor allem die noch sehr artenreichen südlichen Regionen der Erde bestehen darauf, für den Verzicht auf eine weitere Ausbeutung beispielsweise des Amazonas-Regenwaldes entschädigt zu werden. Den Ländern der Südhalbkugel kommt eine besondere Bedeutung bei der Bewahrung der globalen biologischen Vielfalt zu, weil sich dort noch großflächig Hotspots der Artenvielfalt erhalten haben, während der natürliche Reichtum in den entwickelten Ländern des Nordens vielfach auf kleine Reste zusammengeschrumpft ist.

Auf dem Tisch liegt eine Forderung von Entwicklungsländern nach Unterstützungszahlungen von 100 Milliarden Dollar jährlich aus den Industriestaaten. Dem stehen bisher Zusagen von weniger als 10 Milliarden Dollar gegenüber.

Bild mit zwei Hälften, links ein intaktes Riff, rechts ein ausgebleichtes.
2016 kam es weltweit zu großflächigen Korallenbleichen, wie hier in Amerikanisch-Samoa im Pazifik. Links der Zustand vor der Bleiche, rechts danach.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Mit Ausgaben von rund 800 Millionen Euro pro Jahr etwa für den Erhalt ökologisch besonders wertvoller Schutzgebiete oder für Projekte zur Renaturierung gestörter Ökosysteme in Afrika und Lateinamerika ist Deutschland einer der größten Geldgeber im internationalen Naturschutz. Allerdings treibt die Nachfrage nach Rohstoffen wie Holz und Produkten wie Soja, Palmöl und Rindfleisch aus Deutschland und anderen entwickelten Ländern die anhaltende Umweltzerstörung im Süden weiter an. Dem sollen nun neue Verordnungen auf nationaler und europäischer Ebene entgegenwirken, die Unternehmen dazu verpflichten, Entwaldung und andere Formen von Naturzerstörung in ihren Lieferketten zu identifizieren, publik zu machen und zu beseitigen.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat zuletzt mit der Ankündigung international ein Ausrufezeichen gesetzt, die bisherigen direkten Hilfen für den Naturschutz in Entwicklungsländern bis spätestens 2025 auf 1,5 Milliarden Euro pro Jahr aufzustocken. Damit ist Deutschland Vorreiter. Inhaltlich hat Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) eine Unterstützung für „ehrgeizige Ziele“ unter anderem zum Gebietsschutz, einen besseren Meeresschutz sowie wirksame Mechanismen zur Umsetzung und Kontrolle der Vereinbarungen sowie eine ausreichende finanzielle Ausstattung als Ziele ausgegeben.

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Lektorat: Christian Schwägerl

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