Rückschlag für den Artenschutz – Deutschlands erster wilder Bartgeier Wally ist tot

Sie war der erste wilde Bartgeier Deutschlands seit 100 Jahren. Nun ist Wally tot. Aber ihre Schwester setzt das Wiederansiedlungsprojekt fort.

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Ein Bartgeier im Vorbeiflug auf Augenhöhe

Rückschlag für das spektakulärste Artenschutzprojekt in Deutschland seit Jahrzehnten: Knapp ein Jahr nach seiner Auswilderung ist Bartgeier Wally von einem Suchteam in einer entlegenen Alpenschlucht tot aufgefunden worden. Die Todesursache ist noch unklar. Das Projekt mit dem Ziel, den größten Greifvogel am Himmel über Deutschland wieder heimisch zu machen, wird aber fortgesetzt. Schon in wenigen Tagen wird eine Schwester von Wally ausgewildert.

Ein schwaches Sendersignal wies den Weg

Mehr als 100 Jahre nach der Ausrottung der letzten Bartgeier sollte sie den Grundstein für eine Wiederbesiedlung der deutschen Alpen durch den größten Greifvogel Europas legen. Nun ist sie tot. Nur noch Überreste von Bartgeier-Weibchen Wally wurden vor wenigen Tagen von einem Kletterteam des bayerischen Naturschutzverbandes LBV in einer entlegenen Felsspalte nahe der Zugspitze gefunden. Wally war zuletzt Anfang April gesichtet worden. Seitdem konnten die Vogelschützer des LBV sie auch nicht mehr über den auf ihrem Rücken befestigten GPS-Sender lokalisieren.

Der kurzzeitige und schwache Empfang eines Sender-Signals in der vergangenen Woche brachte dann einen neuen Hinweis, der ein Bergsteigerteam aufbrechen ließ. Im nahe der Zugspitze gelegenen Reintal fanden sie in einer unzugänglichen Felsrinne auf 1.500 Metern Höhe aber nur noch Knochen und Federn des majestätischen Vogels mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern. Nur der Ring und der Sender verrieten die Identität von Wally.

Aufgestiegen waren die Forscher noch guten Mutes. Dass seit Mitte April keine Signale des GPS-Senders mehr von Wally kamen, führten sie darauf zurück, dass die Schnüre, mit denen der Sender am Körper des Vogels befestigt wurden, vorzeitig gerissen sind. Das gleiche war bei gleich vier anderen besenderten Bartgeiern in den Alpen in den letzten beiden Monaten geschehen. „Wir sind zu 90 Prozent davon ausgegangen, dass dort nur der Sender liegt“, sagt LBV-Projektleiter Toni Wegscheider.

Rückschläge gehören zu Artenschutzprojekten

„Uns war immer bewusst, dass solche Rückschläge passieren können, dennoch sind wir über den Tod von Wally bestürzt“, sagt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. „Dass auch mal ein Vogel stirbt, ist Teil der Natur, aber wir hätten ihr natürlich ein langes Bartgeierleben gewünscht.“

Die Überreste des Bartgeierweibchens wurden vom LBV zur Untersuchung bei einer unabhängige Fachstelle eingereicht. „Die Todesursache ist völlig unklar und noch ist offen, ob eine wissenschaftlich belegbare Aussage darüber getroffen werden kann“, sagt Schäffer.

Dass der junge und nach allen bekannten Daten und vorherigen Beobachtungen gesunde Vogel in den unzugänglichen Hängen des Naturschutzgebiets Reintal umgekommen sein könnte, wurde auch von internationalen Experten bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten.

„Neun von zehn Jungvögeln im internationalen Auswilderungsprogramm überleben das erste Jahr“, sagt auch Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. Allerdings gab es auch in anderen am Projekt zum Comeback des Bartgeiers in den Alpen beteiligten Ländern wie Österreich, Frankreich oder der Schweiz immer wieder Todesfälle. Neben menschlichem Einfluss wie Kollision mit Seilbahnkabeln, Vergiftung durch bleihaltige Jagdmunition oder illegalem Abschuss, gibt es auch viele natürliche Ursachen wie Lawinenabgänge oder Kämpfe mit Steinadlern. „Auch Rückschläge sind leider Teil eines solchen Langzeitprojekts und wir wissen, dass ausgewilderte Bartgeier problemlos in den Alpen überleben können“, sagt Nationalparkleiter Roland Baier.

Träger mit schweren Transportkisten mit den Geiern auf einem steilen Pfad. Die Kästen sind mit den Namen der beiden Geier gekennzeichnet.
Wally und Bavaria werden in Transportkisten in die Freilassungsnische gebracht
Porträtfoto der fliegenden Wally
Bartgeier Wally, einige Monate vor ihrem Tod

„Rückschlag, aber kein K.O.-Schlag“

Der Tod von Wally ist ein Rückschlag, aber kein K.O.-Schlag“, gibt sich auch Schäffer im Gespräch mit RiffReporter entschlossen. „Wir werden unsere Anstrengungen mit aller Kraft fortsetzen, um dem Bartgeier ein Comeback auch in den deutschen Alpen zu ermöglichen“, sagt der Vogelschützer.

Schon in der kommenden Woche wollen der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden zwei weitere junge Bartgeier zur Stützung des ostalpinen Bestandes auswildern, darunter auch die erst vor wenigen Wochen geborene Schwester von Wally. „Der Tod von Wally bestätigt uns darin, dass wir dieses Projekt nicht als Sprint, sondern als Marathon auf zehn Jahre angelegt haben“, sagt Schäffer.

Wallys Auswilderungs-Geschwister Bavaria geht es übrigens prächtig. Sie befliegt auf weiten Streifzügen momentan das Umfeld des Nationalparks Berchtesgaden. Beide Vögel waren im Juni vergangenen Jahres im Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert worden. Auch den Winter haben beide problemlos überstanden.

Eines der erfolgreichsten Programme zum Artenschutz

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Jäger die letzten der majestätischen Greifvögel in den Alpen ausgerottet. Mythen wie der, die Geier stöhlen Kinder oder raubten Vieh, hatten dazu beigetragen. Mittlerweile hat sich das Verhältnis zu den Vögeln grundlegend geändert. So wird der Beitrag der Aasfresser zur Eindämmung gefährlicher Infektionskrankheiten hoch geschätzt. Seit Mitte der 1980er Jahre läuft alpenweit ein Wiedereinbürgerungsprogramm, das – trotz des Rückschlags durch den Tod Wallys – so erfolgreich verläuft, wie kaum ein anderes Auswilderungsprogramm.

Rekordzahl wild geborener Geier in den Alpen

Der Geier-Nachwuchs kommt aus einem Zuchtprojekt in mehreren europäischen Ländern. Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Insgesamt wurden seit Beginn der Wiederansiedlung schon rund 250 Bartgeier in den Alpen ausgewildert. Den Erfolg der Bemühungen um die Rückkehr der Knochenbrecher – so ihr altertümlicher Name – belegt eine weitere Zahl: Den aus der Zucht heraus ausgewilderten Vögeln stehen inzwischen fast 300 in Freiheit geschlüpfte Vögel gegenüber.

Das deutsche Bartgeier-Projekt ist auf zehn Jahre angelegt. Jedes Jahr sollen zwei oder drei Geier ausgewildert werden. Auch das bayerische Programm soll die internationalen Bemühungen unterstützen, Bartgeier wieder in ihr gesamtes ursprüngliches europäisches Verbreitungsgebiet zurückzubringen: von Spanien bis zum Balkan. Wie im Vorjahr werden auch dieses Jahr zwei weibliche, noch nicht flugfähige Bartgeier aus dem spanischen Zuchtzentrum Guadelentín in eine eingezäunte Nische in einer Felswand gesetzt.

Europaweit wurden allein im vergangenen Jahr 44 in Freiheit geschlüpfte Bartgeier flügge. Ausgewildert wurden dagegen nur noch sechs – darunter Wally und Bavaria. „Wir müssen jetzt nicht mehr auswildern, nur um die Zahlen zu vergrößern“, sagt Projektleiter Wegscheider im Gespräch mit RiffReporter. „Jetzt geht es mehr darum, die genetische Vielfalt zu stärken und den Geiern eine Brücke nach Osten zu bauen.“

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