Wiederansiedlung des Bartgeiers in Deutschland: „Es hätte nicht besser laufen können“

Ein halbes Jahr nach ihrer Auswilderung nabeln sich die Bartgeier Wally und Bavaria ab und streifen umher. Ein gutes Zeichen, sagt Projektmanager Toni Wegscheider

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Beide Bartgeier kreisen gemeinsam vor einer Felswand.

Es ist das spektakulärste Artenschutzprojekt des Jahres in Deutschland: Die Wiedereinbürgerung des Bartgeiers in den Alpen – mehr als 100 Jahre nach seiner Ausrottung. Nach langjährigen Vorbereitungsarbeiten und einer umfassenden Machbarkeitsstudie war es Mitte Juni so weit. In einer Felsnische im Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden wurden die ersten beiden jungen Bartgeier in die Freiheit entlassen.

Die beiden Weibchen aus einem spanischen Erhaltungszuchtprogramm der internationalen Geierschutz-Stiftung Vulture Conservation Foundation (VCF) waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht flugfähig. Anfang Juli unternahmen die beiden von der Öffentlichkeit Wally und Bavaria getauften Vögel die ersten erfolgreichen Flugversuche außerhalb ihrer Horstnische.

Ab Mitte Oktober brachen sie dann zu den für junge Geier typischen Erkundungsflügen über größere Strecken auch außerhalb des geschützten Nationalparks auf. Seitdem hat für sie endgültig der Ernst des Lebens in Freiheit begonnen. Junge Bartgeier besitzen einen angeborenen Wandertrieb und durchstreifen in den ersten Lebensjahren tausende Quadratkilometer Gebirgsraum auf der Suche nach Nahrung, einem eigenen Revier oder einem künftigen Partner zur Fortpflanzung. Als reine Aasfresser spielen Bartgeier eine wichtige Rolle im Ökosystem, beispielsweise verhindern sie die Übertragung von Krankheiten von toten Tieren auf Menschen.

Bartgeier in Deutschland sollen Brücke für Wiederbesiedlung bauen

Die Auswilderungsprogramm ist Teil eines internationalen Projekts mit dem Ziel, dem Bartgeier die Wiederbesiedlung seines gesamten ursprünglichen Lebensraums zu ermöglichen. Bis zu ihrer Ausrottung durch menschliche Verfolgung kamen Bartgeier flächendeckend von Marokko über die Pyrenäen und Alpen Europas bis nach Zentralasien und weiter China vor. Die Auswilderung in Bayern ist die bislang nördlichste Wiederansiedlung im Alpenbogen. Initiiert hat sie der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogelschutz) – es wird unter anderem unterstützt vom Tiergarten Nürnberg und dem Nationalpark Berchtesgaden. Von ihr erhoffen sich die Geierschützer auch einen „Brückenschlag“ zu früher besiedelten Regionen wie den Balkan.

Am Ende der ersten Auswilderungssaison sprachen wir mit LBV-Projektmanager Toni Wegscheider über seine erste Bilanz des auf etwa zehn Jahre angelegten Projekts „Rückkehr der Bartgeier“.

Toni Wegscheider mit blauem LBV-Thomas-Shirt und Helm vor der Auswilderungsnische mit einem Bartgeier in der Hand.
Projektmanager Toni Wegscheider beim Aussetzen eines der Bartgeiers in die Auswilderungsnische,
Bartgeier Wally im Jungendkleid – überwiegend schwärzlich-braun mit  zwei an der Spitze hell gebleichten Handschwingen.
Wally zieht ihre Kreise nahe des Watzmann-Massivs. Die gebleichten Handschwingen machen ihre sichere Identifizierung auch aus großer Entfernung möglich.
Ein Junge und ein Mädchen breiten ihre Arme vor einer lebensgroßen Abbildung eines fliegenden Bartgeiers aus.
In der Nähe des Auswilderungsplatzes informiert der LBV über das Leben der Geier. Kinder bekommen einen Eindruck von der Größe der Vögel.
Bartgeier Wally von oben fliegend fotografiert, man kann den kleinen Sender auf dem Rücken erkennen.
Durch eine Ausstattung der Bartgeier mit GPS-Sendern können Interessierte auf der Webseite des LBV mitverfolgen, wo sich die Geier aufhalten. Die Daten werden dort, wie europaweit bei allen Bartgeieransiedlungen üblich, zur Sicherheit der Vögel mit drei Tagen Verzögerung eingestellt. Damit soll verhindert werden, dass die Tiere etwa an ihren Schlafplätzen durch Schaulustige gestört werden.
Ein junger Bartgeier im Pflaumgefieder in einem Blumenuntersetzer auf einer Waage
Noch etwas unsicher, aber schon ein Schwergewicht: Dieser junge Bartgeier wird der Pionier beim Wiedereinbürgerung-Projekt in den bayerischen Alpen.
Das Bild zeigt einen Bartgeier im Flug. Der Hintergrund ist unscharf, der Bartgeier sehr deutlich sichtbar, sodass sein Federkleid und auch sein kleiner Bart in den Fokus rückt.
Fliegender Bartgeier

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