Reaktorexperte: „Wenn man in der Kerntechnik etwas hoppladihopp macht, ist das riskant“

Uwe Stoll, Chef der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), warnt davor, die Entscheidung über den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke aufzuschieben, wie Wirtschaftsminister Habeck das möchte. Das dazu nötige Prozedere sei in Deutschland noch nie angewandt worden

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Kernkraftwerk in der Dämmerung, aus dem Kühlturm strömt Dampf.

In diesem Zustand ist die Borsäure-Konzentration, die direkt nach dem Beladen mit frischen Brennelementen bewusst sehr hoch ist, auf Null reduziert.

Borsäure hat in der Debatte bisher keine Rolle gespielt. Wozu macht man das und warum ist das wichtig?

Wenn man frische Brennelemente eingesetzt hat, enthalten sie eigentlich relativ betrachtet zu viel Uran, was zu hoher Wärmeentwicklung führt, weshalb der Neutronenfluss gebremst werden muss. Dazu setzt man Borsäure zu. Dasselbe macht man dann, wenn man einen Reaktor sicher abgeschaltet halten will, also den Kernspaltungsprozess unterbinden und den Reaktorkern unterkritisch halten will, wie wir das nennen. Im Streckbetrieb, in dem sich die Reaktoren dann befinden, ist die Konzentration der Borsäure schon auf Null abgesenkt und um den Reaktor überhaupt am Laufen zu halten, muss man zusätzlich noch andere physikalische Effekte nutzen, beispielsweise die Temperatur des Reaktorwassers absenken. Aber wenn die Reaktoren dann für den angedachten Reservebetrieb zunächst abgefahren werden sollen, dann muss man wieder massiv Borsäure zusetzen, um den Reaktor sicher unterkritisch zu halten.

Worin liegt die Komplikation?

Wenn die Reaktoren im Januar unterkritisch-kalt sein sollen auf dem Weg zur eigentlich geplanten Stilllegung, also mit viel Borsäure im Wasser, aber dann kurzfristig doch wieder Strom erzeugen sollen, dann muss man die Borsäure durch Verdünnen in kurzer Zeit wieder auf Null bringen. Denn wir reden dann ja nicht über neue Brennelemente, sondern über solche, die bereits benutzt und mehr oder weniger ausgelaugt sind. Und eine solche Art des Wiederhochfahrens hatten wir schlichtweg noch nicht. Damit gibt es in Deutschland keine Erfahrungen.

Wir wissen nicht, wie sich der Reaktor bei diesem Prozess verhält, ob es zum Beispiel zu Schwingungen kommt.

Uwe Stoll, GRS

Keine Erfahrung heißt, dass es gefährlich ist?

Nicht an sich, aber in der Kerntechnik stufen wir Abläufe, mit denen wir keine Erfahrung haben, erstmal als Risiko ein. Da sind wir einfach sehr konservativ und aus guten Gründen extrem vorsichtig. Eines der wichtigsten Dinge in der Kerntechnik ist die Betriebserfahrung, dass ich das schon mal gemacht habe und weiß, wie das funktioniert. Und die gibt es nicht. Wir wissen nicht, wie sich der Reaktor bei diesem Prozess verhält, ob es zum Beispiel zu Schwingungen kommt. Deshalb sagen die Betreiber jetzt: Das haben wir noch nie gemacht, wir wissen nicht, ob das wirklich so funktioniert, und das zu einem Zeitpunkt, wo es vielleicht mit der Stromversorgung insgesamt kritisch ist.

Wie könnte man diesen Zustand vermeiden?

Ganz einfach, indem man schon jetzt sagt, was passieren soll, also ob die Reaktoren zum 31.12.2022 in die Stilllegung gehen oder ob sie weiter Strom liefern sollen.

Das heißt, der Plan von Wirtschaftsminister Habeck, im Zweifel erst im Januar oder Februar zu entscheiden, ob und wie es weitergeht, würde den Betreibern Abläufe aufzwingen, mit denen sie sich nicht wirklich auskennen?

Genau deshalb sollte man möglichst schnell sagen, was passieren soll.

Habeck sagt, die Betreiber hätten selbst mitgeteilt, dass sie die Anlagen sowieso einmal herunterfahren müssen, und er auch nicht mehr als das verlange, und es deswegen gar kein Problem gebe. Was sagen Sie dazu?

Robert Habeck gestikuliert am Rednerpult.
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, am 8.September 2022 im Bundestag.
Portraitfoto von Stoll, ein mittelalter lächelnder Mann im Anzug vor schwarzem Hintergrund
Uwe Stoll ist technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS).
„Atomkraft Nein Danke“ steht auf den Transparenten von Demonstranten
Protest gegen Atomkraft im Oktober 2016 in der Nähe des Kernkraftwerks Emsland, dessen Weiterbetrieb nun zur Debatte steht.

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Redaktion: Karl Urban