In achtzig Stunden durchs Mittelmeer: Nejib Belhedi vor neuem Schwimmrekord?

Der 70-Jährige will die 155 Kilometer von Pantelleria nach Hammamet ohne Pause schwimmen und eine Botschaft an Tunesiens Jugend senden

vom Recherche-Kollektiv Afrika-Reporter:
7 Minuten
Ein Mann mit Schwimmbrille und -mütze schaut aus dem Wasser

Aktualisierung 29.06.2022:

Nejib Belhedi ist nach eigenen Angaben zwischen dem 15. und 18. Juni in 64 Stunden und zehn Minuten die 155 Kilometer lange Strecke ohne Pause geschwommen. Ursprünglich hatte er mit einer Schwimmdauer von rund 80 Stunden gerechnet, doch die Strömungen seien sehr günstig gewesen, erklärte er in einem tunesischen Radiosender die deutlich schnellere Zeit. Diese sowie das fortgeschrittene Alter und die medizinische Vorgeschichte des Sportlers hatten in Tunesien eine polemische Debatte losgetreten, in der unter anderem mehrere tunesische Sportlerïnnen Zweifel an der korrekten Durchführung des Marathonschwimmens geäußert haben.

Unter anderem zweifelten die ehemalige tunesische Leistungsschwimmerin Faten Ghattas sowie der Schwimm-Olympiasieger über 10 Kilometer (London 2012), Oussema Mellouli, die Leistung des 70-jährigen Belhedis an. Mellouli sprach in einer Publikation in einem sozialen Netzwerk von einer „großen Lüge“. Das tunesische Sportministerium kündigte eine Untersuchung der Vorwürfe an.

Der Verband WOWSA äußerte sich widersprüchlich zu den Vorwürfen. Er hatte drei Tage nach der Ankunft Belhedis in einer Presseerklärung angegeben, dass er nicht in die Vorbereitungen involviert gewesen war, keine Beobachter des Verbandes an Bord des Begleitbootes anwesend waren und der Verband zum damaligen Zeitpunkt keine Daten zur Ratifizierung der Schwimmstrecke erhalten hatte. Der Vorsitzende des WOWSA hatte auf einem sozialen Netzwerk angegeben, auch eine Schwimmstrecke von 2018 nicht ratifiziert zu haben. Mit dieser steht Belhedi im Guinnessbuch der Rekorde für die längste ununterbrochene Schwimmdauer in offenem Wasser. Das Guinnessbuch bezieht sich dabei jedoch auf die Ratifizierung durch den WOWSA, der die Schwimmstrecke auch auf seiner Webseite aufführt.

Belhedi erklärte auf Anfrage, die Dokumentation und Einreichung der Daten zur Anerkennung der Strecke benötigten Zeit und er wolle sich zu dem Thema nicht mehr äußern.

—————————————

Es ist die größte Herausforderung seiner Karriere: Nejib Belhedi will durchs Mittelmeer schwimmen, mehr als 150 Kilometer, mehr als drei Tage ohne Pause. Wenn es dem Freiwasserschwimmer gelingt, würde er seinen eigenen Guinness-Rekord einstellen.

Wie jemand, der kurz vor einem neuen Weltrekord steht, sieht Nejib Belhedi auf den ersten Blick an diesem Abend nicht aus, als er in einem einfachen Mittelklasse-Vorort am Rand von Tunis aus dem Auto steigt. Vor einem Jahr hat der kräftig gebaute 70-Jährige sich ein neues Hüftgelenk einsetzen lassen, seitdem hinkt er ein bisschen und nutzt einen Gehstock. Auch eine OP am offenen Herzen hat er vor ein paar Jahren schon hinter sich gebracht. Nur die muskulösen, braungebrannten Arme und Schultern deuten darauf hin, dass der pensionierte Oberstleutnant der Spezialkräfte der tunesischen Armee ein Ausnahmeathlet ist.

„Bevor ich durch den Ärmelkanal geschwommen bin, habe ich meine medizinischen Unterlagen an den Verband geschickt. Die haben gedacht, ich halte keine Viertelstunde durch.“ Belhedi lacht, als freue er sich heute noch, dass er es ihnen allen gezeigt hat. Wie alle Schwimmer aus südlichen Ländern musste er vorher einen zehnstündigen Test absolvieren, denn immer wieder kamen Athleten in Schwierigkeiten, weil sie die kalten Temperaturen des Wassers nicht gewohnt waren.

„Der Ärmelkanal ist das Abitur“

Belhedi meisterte die Überquerung 1993 mit Bravour, als erster und bisher einziger Tunesier. Nur rund jedem zehnten, der antritt, gelingt es überhaupt, den Kanal zu durchqueren. Die britische Channel Swimming Association hat seitdem sogar einen Preis für die Durchquerung des Kanals bei stärkster Strömung nach Belhedi benannt und er wurde von der Wowsa, der Weltorganisation des Freiwasserschwimmens aufgenommen.

„Der Ärmelkanal ist wie das Abitur. Den braucht man, um international dabei zu sein“, erklärt Belhedi. Er gerät ins Schwärmen, wenn er daran zurückdenkt. „Die Strömungen, die Kälte, die Ablenkung durch das Licht an der Küste, …. Das ist wirklich eine ganz großartige Herausforderung.“

Auf dem Weg zum neuen Rekord

Seitdem reiht er einen persönlichen Rekord an den nächsten, hat in Etappen die fast 1400 Kilometer lange tunesische Küste abgeschwommen, die Insel Djerba umrundet und tonnenschwere Schiffe allein mit seiner Körperkraft gezogen. Seit vier Jahren steht er im Guinnessbuch der Rekorde für die längste ununterbrochene Schwimmdauer im offenen Wasser. Damals war er von seiner Heimatstadt Sfax an der Küste Zentraltunesiens zur Insel Djerba geschwommen, in 76 Stunden und 30 Minuten. Kommende Woche möchte er seinen Rekord brechen.

Karte mit der italienischen Insel Pantelleria und der Stadt Hammamet an der tunesischen Ostküste
Nejib Belhedi schwimmt bewusst nach Tunesien, nicht nach Europa.
Ein Mann mit dunkelblauem Poloshirt und passendem Käppi sitzt auf einem Café-Stuhl, neben ihm lehnt ein Gehstock.
An Land braucht er einen Gehstock, im Wasser ist er beweglich wie eh und je.