Klimakrise in Peru: Wo der Gletscher zur Gefahr wird

Saúl Luciano verklagt den Energiekonzern RWE auf Schadenersatz wegen Klimarisiken. Doch zu Hause in Huaraz wehren sich einige gegen Projekte zur Frühwarnung

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Berglandschaft, im Hintergrund schneebedeckte Gipfel, im Vordergrund ein ovaler See mit blauem Wasser, eingesäumt von Bergen.

Ende 2014, gerade war die Weltklimakonferenz in Lima zu Ende gegangen, hörte Saúl Luciano auf, nur Saúl zu sein. Denn er wurde zur Symbolfigur einer Auseinandersetzung, die das 21. Jahrhundert prägt: Wer die Klimakrise verursacht hat und wer dafür bezahlen muss.

Saúl Luciano, 41, ein drahtiger unauffälliger Mann mit Brille, erzählt bedächtig und mit leiser Stimme zum x-ten Male geduldig, wie es kam, dass er den deutschen Energiekonzern RWE verklagte – und dass sein Fall vor dem Oberlandesgericht Hamm nun verhandelt wird.

Saúl Luciano ist mit seiner Klage international bekannt geworden. Weltweit fiebern Menschen mit, ob der David aus Peru gegen den deutschen Goliath siegen wird. Zu Hause in seiner Heimatstadt Huaraz aber werden die Berge und Gletscher eifersüchtig gehütet und Eindringlinge mit misstrauischen Augen beobachtet.

Das macht es nicht immer einfach zu erklären, warum gerade im fernen Deutschland über die heimischen Gletscher verhandelt wird. Und so manches gut gemeinte Projekt zur Risikoverringerung scheitert, wenn es die lokale Politik nicht ernst nimmt.

Wie alles begann

Im Dezember 2014 besuchte eine Abordnung der deutschen Umwelt-Nichtregierungsorganisation Germanwatch Saúl Luciano in Huaraz und stieg mit ihm zum 4.562 Meter hoch gelegenen Palcacocha-See. Die Leute von Germanwatch wollten mit eigenen Augen sehen, was die Klimakrise in den Anden anrichtet. Sie waren auch auf der Suche nach einer von der Klimawandel betroffenen Person aus dem globalen Süden.

Als Germanwatch ihn fragten, ob er einen deutschen Energiekonzern verklagen wolle, war Saúl Luciano skeptisch. Er, ein einfacher Bauer und Bergführer aus Peru, solle eine multinationale Firma verklagen? „Da gewinne ich doch nie“, dachte er. Mit multinationalen Firmen kennt er sich aus. Wie eigentlich alle Leute in Huaraz.

Internationale Bergbaukonsortien bauen in Huaraz im großen Stil Kupfer, Gold und Silber ab, kaufen den Bauern das Land ab und lassen schmutzige Rinnsale und Abraumhalden zurück. Noch nie hat man in Huaraz vernommen, dass ein Bauer gegen einen Multi auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte.

Saúl, der Klimakämpfer

Doch die Leute von Germanwatch hatten gute Argumente: dass der CO2-Ausstoß in Deutschland ja nicht vor der deutschen Grenze halt mache. Die ganze Erde erwärme sich und lasse also auch in Huaraz die Temperaturen ansteigen und bringe damit die Gletscher zum Schmelzen. Dass dies der erste Prozess weltweit werden könnte, den ein Betroffener in einem Land des Südens gegen einen Verursacher des Klimawandels im Norden führe. Dass, wenn er diesen Prozess gewinne, dies den Weg freimachen würde für viele andere, die klagen können.

Saúl Luciano dachte lange nach, bevor er zusagte. „Es war meine Gelegenheit, etwas für die Berge zu tun.“ Er befürchtete Einschüchterungen und zweifelte, dass er gegen einen deutschen Konzern eine Chance haben könne. Das Verfahren in Deutschland lief 2015 schleppend an. Das Landgericht Essen wies die Klage zuerst ab. Erst 2017 nahm das Oberlandesgericht Hamm den Einspruch von Saul Luciano an und ließ die Klage zu. Seitdem rennen Journalistïnnen aus aller Herren Länder Saul Luciano die Türen ein. „Zu Beginn hatte ich noch Angst bei den Interviews“, erzählt Saúl Luciano. Auch seine Frau machte sich Sorgen, was sich Saúl mit seiner Klage wohl eingebrockt hatte.

Mann mit gelbem Käppi, Brille, dunkelblauer Jacke lacht in die Kamera. Im Hintergrund ein Hochhaus.
Der Bauer und Bergführer Saul Luciano nimmt es mit dem Energiekonzern RWE auf. Das Foto wurde in Lima gemacht.

Die Gletscher schmelzen rasend schnell

Wenn Saúl Luciano auf seine Berge schaut, mischt sich Trauer in das Staunen: Imposant, idyllisch, wunderschön stehen sie da wie eh und je, der Alpamayo (bekannt als Logo der Filmfirma Paramount), der Artesonraju, der Huandoy – und der höchste von ihnen, der Huascarán. Doch Saúl Luciano sieht auch, dass die „Nevados“, die Schneeberge, immer weniger Schnee tragen. Dabei hatten sie der „weißen Kordillere“ den Namen gegeben. Einen Namen, der bald nur mehr Erinnerung sein wird, wenn es so weitergeht mit dem Klimawandel.

Ein Viertel der tropischen Gletscher weltweit finden sich in der weißen Kordillere. Und sie schmelzen rapide. Das Schmelzwasser bildet auf seinem Weg nach unten immer neue Gletscherseen.

Einer von ihnen ist die Lagune Palcacocha, dieselbe, an die Saúl Luciano vor acht Jahren die Vertreter von Germanwatch führte. Der Gletschersee liegt genau über Huaraz, der Heimatstadt von Saúl Luciano. Seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist er um ein Vielfaches angewachsen – und zwar soviel, dass dies nicht mehr alleine mit den üblichen Klimaschwankungen und dem Klimaphänomen El Niño erklärt werden kann.

Für die Forschungsgruppe um Christian Huggel ist klar, dass der menschengemachte Klimawandel für das Abschmelzen des Gletschers Palcaraju und damit für den Anstieg der Lagune Palcacocha mit verantwortlich ist.

Es geht um 17.000 Euro

Diese Beweisführung ist ausschlaggebend, damit Saúl Luciano mit seiner Klage gegen RWE Erfolg haben kann. RWE sei Germanwatch als einer der größten Kohlendioxid-Emittenten Europas verantwortlich für 0,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Deswegen sei es nur fair, wenn RWE für 0,5 Prozent der Summe aufkomme, die es braucht, um den Palcacocha-See vor dem Überlaufen zu bewahren oder die Bewohner vor einer Schlammlawine zu schützen.

17.000 Euro betragen diese 0,5 Prozent laut den Berechnungen von Germanwatch. Für RWE dürfte die Summe eher dem entsprechen, was ihre Manager in einem Jahr als Trinkgeld bezahlen. Für einen Einwohnerïnnen von Huaraz bedeutet diese Summe fünf Jahre lang den in Peru gültigen Mindestlohn.

Wenn Saúl Luciano auf den idyllischen Palcacocha-See unter dem Gletscher schaut und sieht, wie der Wasserspiegel schon wieder angestiegen ist, dann ist dies für ihn kein Quell der Freude, sondern der höchsten Beunruhigung.

Denn in den Anden sind Seen und Berge keine idyllischen Landschaften, sondern gelten als lebendige Wesen, die man mit Opfergaben und Ritualen besänftigen kann. Und wehe, wenn sie losgelassen werden.

Berglandschaft, im Hintergrund schneebedeckte Berge, im Vordergrund eine ovaler Gletschersee mit blauem Wasser, eingesäumt von Bergen.
Die Palcacocha-Gletscherlagune liegt auf 4.562 Metern Höhe über der Stadt Huaraz. Die Rohre leiten überschüssiges Wasser ab und sollen so eine Überflutung verhindern.
Auf einem Tisch ausgebreitete Landkarte einer Stadt, Gebiete sind in verschiedenen Farben eingezeichnet. Rot sind die Gebiete, die von einer Schlammlawine bedroht sind, wenn der Gletschersee überläuft. Ein menschlicher Finger zeigt auf ein rotes Gebiet – das Haus von Saul Luciano.
Diese Karte von der Stadt Huaraz zeigt an, welche Stadtviertel besonders von einem Überfluten des Gletschersees Palcacocha bedroht sind. Saul Luciano zeigt mit dem Finger, wo sein Haus steht.
Lehmziegelmauer ist beschriftet mit einem weissen Kasten und folgender Botschaft: „Alle Gemeinden haben das Recht auf sauberes Wasser“"
„Alle Gemeinden haben Recht auf sauberes Wasser“ steht an dieser Wand in einem Dorf in der Nähe von Huaraz. Viele Dorfbewohner sind misstrauisch, weil sie schlechte Erfahrungen mit Bergbaufirmen gemacht haben. Die Sorge um das Wasser ist oft dringender als die Angst vor einer möglichen Schlammlawine.
Meterhohe graue Steine liegen zwischen Bäumen. Eine Gletscher-Flutwelle hat sie hinterlassen.
Diese Steine sind nach einer Gletscher-Flutwelle in Carhuaz im Jahr 2010 zurückgeblieben. Die Flutwelle kam an einem Sonntagvormittag. Die Menschen waren auf dem Markt. Deswegen gab es Gott sei Dank keine Toten.
Berglandschaft, im Hintergrund schneebedeckte Berge, im Vordergrund eine Schneise, durch die  neun schwarze Rohre führen, die das überschüssige Wasser ableiten sollen.
Rohre leiten das überschüssige Wasser aus dem Gletschersee Palcacocha und verhindern damit, dass er überläuft.
Mann mit Kappe, rille und blauer Jacke blickt in die Kamera und zeigt auf eine Landkarte auf dem  Tisch. Im Hintergrund eine Dachterrasse.
Saul Luciano Lliuya bei einem Treffen in Lima.

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