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Corona in Afrika: Situation laut WHO „extrem beunruhigend“

von
02.07.2021
4 Minuten
Hände in blauen Plastikhandschuhe liegen gefaltet auf dem Tisch, daneben Corona-Schnelltests.

In Europa drängen sich die Menschen dieser Tage in Biergärten und Fußballstadien und verhalten sich auch ansonsten, als sei die Corona-Pandemie längst Geschichte. Ein gefährlicher Trugschluss: Erstmals seit zehn Wochen ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Europa laut der Weltgesundheitsorganisation WHO nach einem zehnwöchigen Rückgang wieder gestiegen. Im Vergleich zur Lage in Afrika ist die europäische Situation gleichwohl entspannt. Die WHO hält den schnellen Anstieg von Corona-Infektionen auf dem Kontinent für „extrem beunruhigend“. Viele Krankenhäuser sind überfüllt, das Personal über die Grenzen belastet. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie entwickeln sich die Zahlen auf dem afrikanischen Kontinent?

Die Fallzahlen steigen derzeit in mindestens 12 Ländern. Insgesamt sind 5.437.405 Infektionen bekannt (Stand 1. Juli), und 141.649 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Die dritte Welle wird nach Einschätzung der WHO überall deutlich schlimmer ausfallen, als die früheren Ausbrüche. Laut WHO ist die Zahl der Infektionen und Todesfälle auf dem afrikanischen Kontinent in der vergangenen Woche um fast 40 Prozent gestiegen. In einigen Ländern habe sich die Zahl der Toten verdreifacht oder vervierfacht. Zu den derzeit am stärksten betroffenen Ländern gehören die Demokratische Republik Kongo, Namibia, Ruanda, Sambia, Südafrika, Tunesien und Uganda.

Warum steigen die Fallzahlen wieder?

Die Gründe für den rasanten Anstieg sind vielfältig. Die WHO nennt das viel zu laxe Befolgen der Hygieneregeln, häufigere zwischenmenschliche Kontakte sowie die Ausbreitung von hoch ansteckenden Varianten wie der „Delta“. Auf dem Kontinent wurde sie bislang in 14 Ländern nachgewiesen, darunter in der DR Kongo und Uganda. Dort ist sie bereits in der Mehrzahl der Corona-Tests nachweisbar. Womöglich ist die Verbreitung noch stärker, als bisher bekannt. Nur wenige Länder haben die Möglichkeit, Mutationen im Labor zu entdecken. Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender, als das ursprüngliche Virus oder frühere Mutationen. Ein weiterer entscheidender Grund ist die niedrige Impfquote: Laut WHO hat bisher nur knapp ein Prozent der afrikanischen Bevölkerung den vollen Impfschutz.

Ist Abhilfe durch Impfungen in Sicht?

Vorerst nicht, weil das Impftempo aus verschiedenen Gründen viel zu langsam ist. Der wichtigste: Vakzine für Afrika sind weiter knapp. Mehr als 18 Länder haben bereits 80 Prozent der Dosen verbraucht, die sie über die COVAX-Initiative erhalten haben. Der Nachschub wird auf sich warten lassen. Auch, weil Indien als wichtiges Herstellerland für Afrika aufgrund das eigenen Bedarfs viel weniger geliefert hat als versprochen. Strive Masiyiwa, Koordinator der AU-Kommission für den Ankauf von Covid-Vakzinen und Gründer des Technologie-Unternehmens Econet Global, erhebt schwere Vorwürfe gegen die reichen Länder: Sie seien dafür verantwortlich, dass die Covax-Initiative daran scheitert, ihr Versprechen zu erfüllen und Impfstoff für die ärmeren Länder zur Verfügung zu stellen. „Das war eine vorsätzlich errichtete globale Architektur der Ungleichheit“, wird er in der Wochenzeitung „The Continent“ zitiert.

Einige afrikanische Staaten bekamen oder bekommen Impfstoff-Spenden von China, Dänemark, Indien, Russland, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Burundi und Eritrea haben noch keinen Impfstoff erhalten, weil sie nichts geordert haben – sie wollen ihre Bevölkerung nicht impfen. Tansania hat sich erst kürzlich an die WHO gewandt und Corona-Impfstoff bestellt, bis dahin hatte es die Gefährlichkeit von Covid mehr als ein Jahr lang heruntergespielt. Der inzwischen verstorbene Präsident John Magufuli hatte im Frühjahr 2020 erklärt, dank einer Gebetskampagne sei Tansania Corona-frei. Nach seinem Tod übernahm Samia Suluhu Hassan das höchste Staatsamt. Sie steuert in der Corona-Politik der Regierung zumindest etwas um.

Die WHO befürchtet, dass bei dem schleppenden Impftempo auch Impfskepsis eine Rolle spielen könnte. „Während wir weltweite Impfgerechtigkeit fordern, muss Afrika sich seinerseits an die Arbeit machen und das Beste aus dem machen, was wir haben“, mahnte Matshidiso Moeti, Afrika-Direktorin der WHO. Weitere Gründe für den schleppenden Verlauf sind fehlende Infrastruktur im Gesundheitssektor und fehlendes Personal. Weltweit wurden bisher rund 2,7 Milliarden Dosen Impfstoff verbraucht, weniger als 1,5% davon in Afrika.

Erstmals wurde nun auch bekannt, dass Menschen gefälschten Impfstoff verabreicht bekamen: Berichten zufolge bekamen mindestens 800 Menschen Uganda die bestenfalls unwirksame, schlimmstenfalls schädliche Flüssigkeit verabreicht. Laut der ugandischen Regierung seien einige der Opfer mittlerweile an Covid verstorben. Die Vakzine wurden ihnen demnach für umgerechnet rund 22 bis 47 Euro verkauft.

Der Blick fällt von schräg oben auf eine medizinische Angestellte, die aus hygienischen Gründen eine Plastikhaube auf dem Kopf trägt. Auf den Knien hat sie ein Klemmbrett mit Unterlagen, die sie ausfüllt. Vor ihr steht, nur angeschnitten zu sehen, eine Person. Womöglich diejenige, die soeben getestet wurde.
Eine medizinische Angestellte füllt die Unterlagen für einen Covid-Test auf den Knien aus.
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Bettina Rühl

Bettina Rühl

Bettina Rühl lebt seit 2011 als freie Korrespondentin in Nairobi. Ihre Radio-Dokumentationen und Features wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz. Sie ist Vorsitzende des Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net.


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