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Darf der Staat regeln, wie wir uns ernähren?

Eine gesunde Ernährung verbessert das Leben. Trotzdem ernähren sich viele Menschen ungesund. Der Staat müsste stärker eingreifen, fordern Wissenschaftler.

20.10.2021
3 Minuten
Die Zeichnung zeigt zwei Männer und eine Frau. Ein Mann hält sich am Kinn, der andere macht Notizen, die Frau hebt den Zeigefinger. Sie denken über wichtige Fragen nach.

Der Staat kann eine gesunde Ernährung fördern, indem er zum Beispiel Regeln erlässt und Vorgaben macht. Wo steht Deutschland in dieser Hinsicht? Ein Team aus Wissenschaftlerïnnen hat sich die politischen Rahmenbedingungen hierzulande genauer angesehen und mit anderen Ländern verglichen. Das Fazit: Es könnte deutlich mehr Vorgaben geben. Aber was hat der Staat mit unserem Essen zu tun? Drei Fragen und Antworten:

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Ist es unsere freie Entscheidung, wie wir uns ernähren?

In der öffentlichen Diskussion wird häufig so getan, als ob Ernährung reine Privatsache sei. Ein Irrtum. Verbraucher in Deutschland sind mit einem Umfeld konfrontiert, das eine nachhaltige und gesunde Ernährung erschwert, stellte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) in einem Gutachten aus dem Jahr 2020 fest. Vielerorts überwiegt das Angebot an Softdrinks, Snacks und Fastfood, solche Lebensmittel sind zum Teil günstiger als gesunde Nahrungsmittel und werden intensiv beworben. Forschende haben ermittelt, dass Kinder täglich im Schnitt 15 Werbungen für ungesunde Lebensmittel wie Snack Food und Softdrinks sehen. All das sind Gründe, warum sich viele Menschen weit ungesunder ernähren als sie eigentlich wollen. Der Staat könnte regulierend eingreifen und zum Beispiel Werbung an Kinder beschränken, Regeln für die Schulverpflegung erlassen, eine verbindliche Nährwertkennzeichnung für Lebensmittel vorschreiben oder höhere Steuern auf Softdrinks erheben. Bisher hat sich die Politik aber stark zurückgehalten und setzt vor allem auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie.

Wie steht Deutschland bei der Förderung gesunder Ernährung im internationalen Vergleich da?

Schlecht. Das haben Forscherïnnen der Universität München und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie gemeinsam mit 55 Expertïnnen ermittelt. Basis ihrer Bewertung war der Food Environment Policy Index (Food-EPI), ein international anerkannter Standard, der bereits in rund 40 Ländern angewandt wurde. Er vergleicht die bisherigen politischen Maßnahmen in einem Land mit den international anerkannten besten Methoden zur Schaffung gesunder Ernährungsumgebungen. Nur in zwei von 13 untersuchten Bereichen erreicht Deutschland im internationalen Vergleich eine mittlere Bewertung: Bei der Sammlung und Auswertung von Ernährungsdaten und bei den offiziellen Ernährungsempfehlungen. In sieben Bereichen ist die politische Steuerung gering, in drei weiteren sehr gering. Besonders schlecht schneidet Deutschland beim Lebensmittelangebot im Einzelhandel und der Gastronomie, der Preisgestaltung durch Steuern, Abgaben und Subventionen und bei der Regulierung der Lebensmittelwerbung ab.

Die Forschenden machen auch Vorschläge, wie das Ernährungsumfeld verbessert werden könnte. Dabei bewerteten sie die verschiedenen Maßnahmen nach ihrem Beitrag für eine gesunde Ernährung aller Bevölkerungsgruppen und ihrer praktischen Umsetzbarkeit. Ganz vorne auf der Liste der Handlungsempfehlungen stehen

– eine qualitativ hochwertige, gebührenfreie Verpflegung für Kinder in der Schule und der Kita,

– eine Mehrwertsteuerreform, bei der gesunde Lebensmittel wie Obst oder Gemüse niedriger besteuert und ungesunde teurer werden,

– eine Softdrinksteuer,

– die Regulierung von Werbung an Kinder und

– gesundes Essen in allen öffentlichen Einrichtungen.

Sie appellieren an die künftige Regierung, diese Maßnahmen in Angriff zu nehmen.

Über welche Themen müssen wir sprechen?

Ernährungswissenschaftlerïnnen, Ärztïnnen und viele andere fordern schon lange ein stärkeres Eingreifen der Politik. Sie kann durch Regeln und Gesetze die Rahmenbedingungen verändern. Im Moment besteht ein Ungleichgewicht. Werbung, das Warenangebot, die Platzierung, der Preis, die Ess-Umgebung – das alles beeinflusst in weit stärkerem Maße als wir denken, was wir kaufen und essen.

90 Prozent der Deutschen möchten sich gesund ernähren. Doch viele scheitern daran – unter anderem, weil klare Nährwertkennzeichnungen fehlen, Werbung Bedürfnisse schafft, ungesunde Lebensmittel leicht verfügbar und oft günstig sind. Ihre Essgewohnheiten weichen deutlich von den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung ab, zeigen die Nationalen Verzehrstudien. Das hat Folgen: 53 Prozent der Erwachsenen sind übergewichtig, davon haben 16 Prozent eine Adipositas, sind also stark übergewichtig. Rund jedes sechste Kind trägt zu viele Kilos mit sich herum. Adipositas erhöht das Risiko für Typ 2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Formen von Krebs. Eine Studie aus dem Jahr 2015 schätzt die direkten gesundheitlichen Folgekosten von zu hohem Zucker-, Salz- und Fettkonsum in Deutschland auf rund 17 Milliarden Euro. Ernährung ist also für die Gesellschaft hoch relevant. Und damit stellen sich wichtige Fragen:

Sind wir bereit, dem Staat mehr Verantwortung für die Ernährung zu geben? Erlauben wir ihm, steuernd einzugreifen? In welchem Maße soll das geschehen – durch Verbote oder über den Preis? Hat der Staat sogar eine Fürsorgepflicht und muss sich um die Ernährung der Kinder kümmern? Wollen wir als Gesellschaft die Kosten für eine hochwertige gebührenfreie Kita- und Schulverpflegung tragen? Was ist uns gesunde Ernährung wert, als Gesellschaft und als Einzelner? Und gibt es ein Recht auf ungesunde Ernährung? Darüber sollten wir diskutieren – denn Ernährung ist eben nicht reine Privatsache.

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Carina Frey

Carina Frey

Carina Frey arbeitet als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Alter und Pflege sind ihre Spezialgebiete. Sie hat unter anderem die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben.


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