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Mobilität in Zeiten von Corona

Prägt die Pandemie unser zukünftiges Verkehrsverhalten? Ein Interview mit Professor Stefan Gössling

von
23.03.2020
5 Minuten
Das Bild ist unscharf und zeigt eine Straße in der links zwei Fußgänger laufen, einer von ihnen schiebt sein Fahrrad, rechts parken Autos


Busy Streets – Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Die COVID-19-Pandemie zwingt uns, unsere Mobilität neu zu ordnen. Wer kann, meidet Busse und Bahnen und nutzt stattdessen das eigene Auto oder das Fahrrad. Wie kann das, was wir gerade erleben, unser Mobilitätsverhalten langfristig beeinflussen? Ein Gespräch mit Stefan Gössling, Professor an der School of Business and Economics der Linnaeus Universität in Lund in Schweden. Er forscht zu Mobilität und nachhaltigem Tourismus. Gössling in diesem Jahr in Freiburg das Mobilitätsforschungsinstitut Transportation Think Tank (T3) gegründet und ist Autor des Buches „The Psychology of the Car“.


Busy Streets: Auto oder Fahrrad, diese Frage stellen sich momentan viele Menschen. Was beeinflusst unsere Entscheidung?

Stefan Gössling: Busse und Bahnen sind öffentliche Orte. Sie werden momentan automatisch mit einem hohen Infektionsrisiko assoziiert, und deshalb will sie jeder vermeiden. Man versucht, sich von der Gefahrenquelle abzuschotten. Autos vermitteln ein Gefühl der Sicherheit. Sie sind ein privater Raum. Insbesondere große Autos wie die SUVs vermitteln den Fahrern ein starkes Gefühl der Sicherheit, auch weil sie aus ihrer erhöhten Position auf die anderen hinunterblicken. Sie haben scheinbar die totale Kontrolle. Das war schon vor der Corona-Krise so. Aber die aktuelle Situation kann das Bedürfnis nach Kontrolle noch verstärken und die Bindung ans Auto vertiefen.


Busy Streets: Der Benzinpreis ist im Zuge der Corona-Pandemie und des Öl-Konflikts zwischen Saudi-Arabien und Russland seit Jahresbeginn bereits um rund 25 Cent pro Liter gesunken. Ist das gut in der aktuellen Situation?

Stefan Gössling: Für den Einzelnen natürlich. Aber für eine nachhaltige Verkehrspolitik sind schwankende Benzinpreise immer kontraproduktiv. Sie fördern den Kauf von größeren und stärker motorisierten Autos. Die Städte wollen aber langfristig die Zahl von Verbrennern reduzieren und mehr Elektroautos in die Zentren bringen. Für die Verkehrswende ist ein niedriger Spritpreis deshalb problematisch. Ein hoher Benzinpreis dagegen fördert den Kauf von Kleinwagen. Das konnten wir 2007 beobachten.


Busy Streets: Was heißt das für die aktuelle Situation? Welche Maßnahmen sollte die Regierung ergreifen, um gegenzusteuern?

Stefan Gössling: Momentan haben wir eine Ausnahmesituation. Wichtig ist die langfristige Entwicklung und dann das deutliche Signal an die Verbraucher, dass die Treibstoffpreise steigen werden.


Busy Streets: Allerdings steigen auch mehr Menschen von Bus und Bahn aufs Fahrrad um. Kann sich das klimafreundlichere Verhalten nicht ebenfalls durchsetzen?

Stefan Gössling: In den Städten wirkt die Corona-Pandemie momentan tatsächlich wie ein Booster. In Freiburg sind deutlich mehr Menschen per Rad unterwegs als zuvor. Ein Kollege schilderte mir eine ähnliche Situation für München. Wer jetzt sein Fahrrad aus dem Keller holt und es regelmäßig nutzt, kann langfristig ebenfalls sein Mobilitätsverhalten verändern. Immer vorausgesetzt, das Fahrradfahren macht ihnen Spaß, sie fühlen sich wohl und merken, dass sie sich durch die Bewegung besser fühlen. Schneller werden sie in der Stadt damit sowieso am Ziel sein als mit dem Auto. Wichtig ist: Sie haben den entscheidenden Schritt bereits getan: Sie haben ihr Verhalten geändert. Das neue Verhalten muss dann nur noch zur Gewohnheit werden.


Stefan Gössling steht im Herbst inmitten von Weinstöcken. Stefan Gössling hat eine Glatze und trägt ein kurzärmeliges Hemd. Das Laub der Blätter ist gefärbt und vereinzelt hängen noch dunkelblaue Weinreben im Laub
Professor Stefan Gössling forscht zu Mobilität und nachhaltigem Tourismus. In Freiburg hat er kürzlich das Mobilitätsforschungsinstitut Transportation Think Tank (T3) eröffnet

Busy Streets: In Bogota hat die Regierung für die Fahrradfahrer auf über 100 Kilometer Hauptstraßen eine Autospur abgetrennt. Sollten deutsche Städte das übernehmen, um mehr Menschen zum umsteigen zu bewegen?

Stefan Gössling: Jede Maßnahme ist in der aktuellen Situation positiv, die Fahrradfahrern mehr Platz verschafft, also auch das Sperren von Autospuren für Radfahrer.


Busy Streets: Wie kann eine Stadt jetzt außerdem zügig Radfahren sicherer machen?

Stefan Gössling: Sie kann ein Netz von Mikromobilitätsstraßen festlegen. Das sind Nebenstraßen, in denen nur Mikromobilität erlaubt ist, also Radfahren, Rollerfahren, zu Fuß gehen oder sonstiges.


Busy Streets: Das Parken ist dort ebenfalls verboten?

Stefan Gössling: Genau. Im Grunde sind Mikromobilitätsstraßen die konsequente Fortsetzung von Spielstraßen. In der Theorie sind Autos in Spielstraßen bereits heute nur in Ausnahmefällen erlaubt. In der Praxis dominieren sie aber das Geschehen in der Straße. Um das konsequent zu verhindern, müssen sie komplett ausgesperrt werden.


Busy Streets: Ist der Aufschrei der Bevölkerung nicht programmiert, wenn sie nicht mehr vor der Haustür parken dürfen?

Stefan Gössling: Vielleicht. Aber der Umbau der Stadt ist unvermeidbar und die Situation für rigorose Maßnahmen momentan relativ günstig. Die Menschen steigen freiwillig um, aber sie brauchen auch mehr Platz und mehr Sicherheit, damit sie die Verhaltensänderung beibehalten.


Busy Streets: Sind die Städte tatsächlich so weit, um diesen Schritt zu gehen?

Stefan Gössling: Sie haben keine Wahl. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir müssen unser Mobilitätsverhalten ändern. Momentan lassen wir jedes Jahr eine Million mehr Autos auf unsere Straßen. Das funktioniert nicht. Irgendwann ist das Land komplett zugeparkt.


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Busy Streets: Aber nicht alle können oder wollen aufs Rad umsteigen. Was sagen Sie den Menschen, die nicht auf ihr Auto verzichten können oder wollen?

Stefan Gössling: Das Pro-Auto-Argument kann ich verstehen. Aber man muss das Kollektiv sehen. Wenn mehr Menschen aufs Rad umsteigen, haben die, die auf ihren Wagen angewiesen sind, mehr Platz. Zudem ist ein Verkehrssystem nichts konstantes. Was wir aktuell an Verkehr haben, ist gewachsen. In den 50er-Jahren waren deutlich mehr Fahrräder auf den Straßen als Autos. Das war damals normal. Jetzt haben wir in den Städten aufgrund der vielen Fahrzeuge ein Platzproblem und müssen gezielt gegensteuern. Der Autobesitz in den Städten muss reduziert werden. Wenn wir ehrlich sind, hat der Autobesitz in manchen Städten bereits groteske Züge angenommen. Die Leute benutzen manchmal ihre Auto schon gar nicht mehr aus Angst, ihren Parkplatz zu verlieren.


Busy Streets: Wie können sie trotzdem mobil sein und Zugriff auf Autos haben?

Stefan Gössling: Das geht, in dem man alle 200 Meter eine Car-Sharing-Station aufstellt. Man braucht den unkomplizierten Zugriff auf ein Auto per App. Dann wird Sharing attraktiv. Die wichtigste Maßnahme ist, dass das Auto dir nicht mehr gehört. Dann sinkt die individuell gefahrene Kilometerzahl rapide.


Busy Streets: Am Wochenende verbreitete ein New Yorker-Comedian die Nachricht via Twitter, dass bald viele Straßen für Autos gesperrt werden, damit die Menschen trotz Pandemie raus gehen können, aber trotzdem Abstand halten – viele fanden den Vorschlag verlockend. Wäre so ein Maßnahme sinnvoll?

Stefan Gössling: Auf jeden Fall. Bis in die 1920er-Jahre war New York eine reine Fußgängerstadt. Die Kinder haben auf den Straßen gespielt. Mit dem Aufkommen der Autos wurden die Fußgänger und Kinder auf die Fußwege verbannt. Jetzt kann man diese Entwicklung umkehren und gerade in der Krisenzeit den Menschen den notwendigen Platz auf den Straße verschaffen.


Busy Streets: Vielen Dank für das Gespräch!

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


Busy Streets

Wie soll die Stadt von morgen aussehen? Bei „Busy Streets“ geht es um nachhaltige Mobilität und die Entwicklung unserer Städte. Ich berichte schon seit längerem für große Medien über Sharing-Angebote, Radverkehr, autonome Fahrzeuge und Stadtbewohner, die Plätze und Grünflächen zurückerobern.

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