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Pflege zu Hause: Von Gleichberechtigung keine Spur

Frauen pflegen viel häufiger als Männer, auch wenn sie gute Jobs haben

von
07.03.2021
4 Minuten
Eine Frau hilft ihrer alten Mutter am Küchentisch mit Papierkram.

Wenn Angehörige Unterstützung und Pflege benötigen, werden Frauen in die Pflicht genommen. Sie übernehmen diese Aufgaben doppelt so oft wie Männer – und zwar auch dann, wenn sie genauso viel arbeiten und einen vergleichbaren beruflichen Status haben. Das zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen. „Warum nur?“, haben wir die Studienautorin Claudia Vogel gefragt.

Frau Vogel, hat es Sie überrascht, dass Frauen trotz Erwerbstätigkeit so viel öfter pflegen?

Ja absolut. Man ging immer davon aus, dass Frauen häufiger die Pflege von Angehörigen übernehmen, weil sie schlechter bezahlte Berufe haben als Männer und öfter Teilzeit arbeiten. Das wollten wir mit unserer Studie belegen. Aber unsere Berechnungen haben gezeigt: Das ist zu kurz gedacht. Die Art der Erwerbstätigkeit spielt nur eine geringe Rolle, die geschlechtsspezifische Sozialisation scheint viel wichtiger zu sein. Die Verantwortung für die Pflege und Betreuung von Angehörigen wird immer noch Frauen zugeschrieben. Das führt dazu, dass sie häufiger und in viel größerem Umfang unbezahlte Sorgearbeit übernehmen, was zu starker sozialer Ungleichheit führt. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist zwar erklärtes Ziel der Politik, und man dachte, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern würde sich mit der Zeit verringern. Unsere Studie zeigt: Nein, sie hält sich beharrlich, und zwar obwohl zunehmend mehr Frauen erwerbstätig sind.

Die Rollenverteilung fängt früh an

Wie erklären Sie sich das?

Wichtig ist, die gesamte Biografie in den Blick zu nehmen, nicht nur den Zeitpunkt der Pflegeübernahme. Zahlreiche Studien zeigen, dass es mit der Geburt des ersten Kindes zu einer Traditionalisierung der Arbeitsteilung kommt. Es sind weiterhin hauptsächlich die Mütter, die ihre Erwerbstätigkeit einschränken, um sich um die Kinder und die Hausarbeit zu kümmern. Diese Traditionalisierung schreitet im Eheverlauf weiter voran. Wenn sich dann im mittleren Alter die Frage stellt, wer sich um gesundheitlich beeinträchtigte Angehörige kümmert, sind wieder die Frauen dran. Die Gesellschaft und die Familien erwarten, dass sie die Pflege übernehmen. Frauen, die pflegen, erzählen mir häufig: „Das war nicht mein Wunsch. Aber es gab niemand anderes, der sich kümmern konnte, und dann bin ich reingerutscht.“ Männer werden bei der Pflegeübernahme oft gar nicht mitgedacht.

Welche Folgen hat das für die Frauen?

Frauen werden doppelt benachteiligt, weil sie insgesamt mehr arbeiten, aber weniger Einkommen haben. Es gibt amtliche Statistiken, die zeigen, dass Männer zwar in größerem Umfang erwerbstätig sind, aber viel weniger unbezahlte Arbeit leisten als Frauen und dadurch mehr Freizeit haben. Die Frauen sind stärker belastet. Die Übernahme der Pflege führt langfristig häufig dazu, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren müssen oder ganz aus dem Beruf ausscheiden. Der Wiedereinstieg gelingt nur selten. Dadurch haben sie erhebliche Einkommenseinbußen. Wir wissen, dass Frauen, die lange Teilzeit gearbeitet haben und phasenweise nicht beschäftigt waren, besonders stark von Altersarmut betroffen sind. Diese strukturelle Benachteiligung besteht nach wie vor.

Pflegenden Männern gelingt es eher, Job und Pflege zu vereinbaren. Was machen sie besser?

Männer delegieren mehr an Dienstleister, Frauen übernehmen viele Aufgaben selbst. Oft fängt der Unterstützungsbedarf schleichend an: Eine Angehörige braucht Hilfe beim Einkaufen oder Putzen, das übernimmt die (Schwieger-)tochter mit, und da sie eh kocht, bringt sie auch das Essen vorbei. Mit der Zeit kommen dann immer mehr Aufgaben dazu. Und wenn wirklich Pflege notwendig wird, ist es naheliegend, dass sie sich auch darum kümmert. Männer haben den Vorteil: Da sie insgesamt weniger im Haushalt helfen, rutschen sie nicht so leicht in diese Aufgaben rein. Sie können sich leichter abgrenzen. Ich würde mir wünschen, dass Frauen ihren Blick weiten und mehr professionelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

Arbeitsteilung – von Anfang an

Die Rollen zwischen Mann und Frau sind also immer noch klar aufgeteilt. Wie lässt sich das ändern?

Da muss man früh anfangen. Wir sehen, dass die Elternzeit mit den Vätermonaten zu mehr Beteiligung der Väter in der Kinderbetreuung führt. Meine Hoffnung ist: Wenn Familien von Anfang an eine gleichberechtigte Arbeitsaufteilung einüben, gelingt ihnen das auch später besser, wenn Angehörige Unterstützungsbedarf haben. Wenn man die Aufgabe auf mehreren Schultern verteilt, ist die Belastung für alle geringer.

Also ist der Staat gefragt, die Männer stärker in die Pflicht zu nehmen?

Von allein bekommen wir keine Geschlechtergerechtigkeit. Eine Maßnahme, die der Logik der Elternzeit folgt – wenn beide Eltern Elternzeit nehmen, gibt es 14 Monate statt 12 Monate Elterngeld – wäre auch für die Pflege sinnvoll, um die Männer stärker einzubinden. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, Job und Pflege besser zu vereinbaren. Wer Vollzeit arbeitet, kann nicht nebenher intensiv pflegen, die Belastung ist zu groß. Deshalb ist es wichtig, ein Netz an professionellen Angeboten zu schaffen, um Familien zu entlasten. Allein mit ehrenamtlichen Helferïnnen bekommen wir das nicht hin, und auch hier sind es ja wieder die Frauen, die sich in der Pflicht fühlen, zu unterstützen.

Deutschland setzt bei der Pflege nach wie vor auf die Familie – und das führt dazu, dass vor allem Frauen in die Pflegerolle gedrängt werden. Internationale Studien zeigen: die Geschlechterungerechtigkeit ist vor allem in den Ländern groß, in denen es nur wenige professionelle Pflegeangebote gibt. Das müssen wir ändern.

Reicht das, damit sich Männer stärker engagieren?

Nein, wir müssen auch viel stärker über Gleichberechtigung bei der Familienarbeit reden. Nur wenn wir zeigen, dass auch Männer pflegen, ändern sich die Rollenbilder.

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(Hintergrund: Claudia Vogel ist Leiterin des Deutschen Alterssurveys (DEAS), einer umfassenden Untersuchung von Männern und Frauen ab 40 Jahren, die seit 1996 in regelmäßigen Abständen wiederholt wird. Die hier vorgestellte Studie basiert auf den DEAS-Daten. Es flossen Informationen von mehr als 11.000 Frauen und Männern im Alter zwischen 40 und 65 Jahren ein, die zu mehreren Zeitpunkten befragt wurden. Ihre Arbeitsmarktbeteiligung wurde über die wöchentliche Arbeitszeit und den beruflichen Status – das erforderliche Bildungsniveau und das Einkommen – ermittelt. Die Forscherinnen stellten fest: Auch wenn Frauen im gleichen Umfang erwerbstätig sind und einen vergleichbaren beruflichen Status aufweisen wie Männer, pflegen sie häufiger und investieren dafür deutlich mehr Zeit.)

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Carina Frey

Carina Frey

Carina Frey arbeitet als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Alter und Pflege sind ihre Spezialgebiete. Sie hat unter anderem die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben.


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