Die Wirtschaft profitiert von Pflege, Kindererziehung, Hausarbeit. Soll sie auch dafür zahlen?

Care-Berufe stecken in der Krise. Die Beschäftigten verdienen wenig und stehen unter hohem Arbeitsdruck. Dabei sind Wirtschaft und Gesellschaft auf ihre Arbeit angewiesen. Braucht es ein radikales Umdenken? Ein Zukunftsszenario

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Die Grafik zeigt Menschen auf einer Demonstration zur Aufwertung sozialer Berufen. Es nehmen Menschen im Rollstuhl und in Krankenbetten teil, Kinder machen Musik, auf einem Banner steht „Auch wir sind Wirtschaft“.

Stellen wir uns einmal vor, die Menschen würden nicht länger akzeptieren, dass Kindererziehung, Pflege und andere Care-Aufgaben so wenig wertgeschätzt werden. Sie wollen in einer Gesellschaft leben, in der Fürsorge im Mittelpunkt steht und fordern die Wirtschaft heraus. Ein Zukunftsszenario.

Dahinten kommt Miki. Lisa winkt dem blauen Minibus zu, er hält neben ihr in der Parkbucht. Miki springt raus und ruft grinsend: „Hey Partnerin, hier kommt die nächste Teilnehmerin für deine Demo.“ Mit wenigen Handgriffen hat er die Rampe ausgefahren und schiebt das Krankenbett auf den Gehweg. Ein kurzer Gruß, dann fährt er los zur nächsten Tour. Lisa begrüßt die alte Dame im Bett: „Guten Tag, ich bin Lisa Herrlicher vom Unterstützer-Team. Das neben mir ist Nadja. Toll, dass Sie gekommen sind. Wir bringen Sie jetzt zu unserem Platz weiter vorne, dort übernehmen andere. Es sind schon ganz viele da.“

Ganz viele trifft es. Allmählich wird es schwierig, das Krankenbett durch die Menge zu schieben. Überall stehen Menschen, dazwischen toben Kinder herum. „Tschuldigung, dürften wir mal“, ruft Lisa. Fünf Betten hat sie schon von der Parkbucht zum Treffpunkt an den Bäumen geschoben. Fünf kranken Menschen ermöglichte sie so, an der Demo teilzunehmen. Miki wird noch mehr bringen. Der letzte Aufruf ging viral, hunderte Kranke haben sich in die Abhollisten eingetragen, das Unterstützer-Team hing tagelang am Telefon, um Krankentransporte zu organisieren.

Die Gesundheit bleibt auf der Strecke

Zum Glück unterstützen einige Kliniken und Pflegeheime die Aktion und helfen mit. So groß ist der Frust mittlerweile bei den Pflegekräften und auch einigen Ärztïnnen. Sie sollen immer mehr Patientïnnen in immer weniger Zeit versorgen. Es funktioniert nicht, die Qualität bleibt auf der Strecke, die eigene Gesundheit auch.

„Niemand wird schneller gesund, wenn man schneller pflegt“, steht auf einem Banner, an dem Lisa vorbeiläuft. Eine Gruppe Pflegerïnnen hat ein Fließband mit verschiedenen Stationen aufgebaut. Vorne gibt’s Pillen, in der Mitte steht ein Spielroboter mit Stethoskop, hinten eine Verbandsmaschine. Ein paar Puppen in Krankenhaushemden sitzen darauf und warten auf ihre Versorgung. „Wollt ihr so eure Beschäftigten gesund pflegen, wenn wir es nicht tun?“, ist auf dem Fließband zu lesen.

Immer mehr Plätze, aber Erzieherinnen fehlen

Weiter hinten haben sich die Kindergruppen breitgemacht. Die meisten Eltern waren einverstanden, dass die Erzieherinnen mit den Kindern zur Demo gehen. Die Kinder haben Rasseln und Trommeln mitgebracht und hauen fröhlich drauf rum. Auf einem Plakat steht: „Wie geht effizient erziehen?“, auf dem anderen: „Auch wir sind Wirtschaft!“ Die Kita-Köchinnen bieten einen „Schneller-Schnippeln“- und „Billiger-Kochen“-Wettbewerb an. Dem Sieger winkt ein goldener Plastikroboter mit acht Armen als Symbol des modernen Arbeitsideals.

Die Kitas leiden darunter, dass der Staat zwar immer mehr Betreuungsplätze für Kinder verspricht, aber Erzieherinnen fehlen, die sie versorgen. Zuletzt wurden sogar Mini-Jobberinnen eingestellt, allen vollmundigen Versprechen von früher Bildung zum Trotz. Frei nach dem Motto: Kindererziehung kann doch jede, da reicht ein Wochenendworkshop.

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