Die zweite Welle der Infodemie

Ein Zukunftsszenario

16 Minuten
Elf Menschen zeigen „Daumen hoch“ vor einem blauen Himmel.

Stellen wir uns einmal vor, für die nächste Pandemie werden Vorkehrungen getroffen, um Verschwörungstheorien und Falschinformationen einzudämmen. Nach den Erfahrungen mit Corona soll eine Agentur dafür sorgen, dass die Menschen möglichst rational diskutieren. Doch die öffentliche Debatte gerät trotzdem außer Kontrolle.

Die schlechte Nachricht erreicht Daniela Wittstock in ihrer Küche, als sie gerade einen Tee aufsetzt. Es ist die dritte Woche des Shutdowns, ein neues Influenza-Virus breitet sich rasant aus und die Pandemie steuert noch auf ihren Höhepunkt zu. Auf dem Monitor am Kühlschrank blinkt ein rotes Warnlicht neben der Meldung ihres Mitarbeiters Nelson Suarez: „Gespräch mit der Ministerin um 10.45 Uhr!“ Wittstock nimmt den Teefilter aus der Kanne und eilt zurück an ihren Schreibtisch.

„Was will sie denn?“, fragt sie Suarez ohne Begrüßung, als die Videoverbindung steht. „Das haben sie im Ministerium nicht gesagt“, antwortet er. „Aber wenn du mich fragst, planen sie ein Statement.“ Wittstock braucht einen Moment, um das zu verdauen. Sie öffnet noch einmal den Pressespiegel, den sie am frühen Morgen bekommen hat, und klickt auf den Fall Mohammed A.: „Was wusste der Superspreader?“ lautet eine Schlagzeile und „So könnte das Virus aus Algerien nach Deutschland gekommen sein“ eine andere. Es gibt aber auch Medien, die verlangen, dass man nicht vorschnell urteilen dürfe, weil noch keine Fakten auf dem Tisch lägen.

Die Beiträge sind mit gelben Ausrufezeichen markiert, was von Wittstock erhöhte Wachsamkeit erfordert, sie aber noch nicht zum Handeln zwingt. Nach den automatischen Berechnungen ist nicht zu erwarten, dass das Narrativ der muslimischen Einschleppung der Epidemie verfängt. Die traditionellen und die sozialen Medien werden sich bald wieder anderen Themen zuwenden, das sagt zumindest die Warnfarbe Gelb. Suarez scheint ihre Gedanken zu erraten und sagt: „Du weißt doch, dass sich die Ministerin eher auf ihr Bauchgefühl verlässt als auf Zahlen.“

Eigentlich ein Grund stolz zu sein

„Bekommen wir vorher noch ein Meeting hin?“, fragt Wittstock. „Nur der enge Kreis.“ Ihr Mitarbeiter nickt. Es wäre das erste Mal in der zwölfjährigen Geschichte des Bundesforums für gesellschaftlichen Austausch, dass die Politik der Agentur in die Parade fährt und ihr das Krisenmanagement abnimmt, daher möchte seine Chefin ihre Reaktion absichern. „Fünf wären kurzfristig verfügbar“, meldet er. „Das genügt mir“, antwortet Wittstock. „Lieber die Rückendeckung von fünf Stakeholdern als gar keine.“

In den vergangenen zwölf Jahren hat die Agentur, die alle nur „das Forum“ nennen, die öffentliche Debatte neu aufgestellt. Die Organisation lädt online und analog zu Diskussionen ein und veranstaltet auch repräsentative Bürgerdialoge, wenn sie damit beauftragt wird. Weil sie dezentral organisiert ist und über ein ordentliches Budget verfügt, kann sie auch in kleinen Städten präsent sein. Mit der Zeit hat sie sich den Ruf erworben, unvoreingenommen zu informieren und ernsthaft an den Meinungen der Bürgerinnen und Bürger interessiert zu sein. In der noch jungen Influenza-Pandemie hat sich das Konzept bewährt: Die Angebote des Forums werden noch stärker nachgefragt als sonst, und die Reproduktionszahl von Verschwörungstheorien und absichtlichen Falschinformationen liegt unter 1. Mit anderen Worten: Sie laufen sich früher oder später tot.

Eigentlich ein Grund stolz zu sein, denkt sich Wittstock, die seit gut einem Jahr das Forum leitet. Wir haben ein solides Fundament für die öffentliche Debatte geschaffen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden weder in die alarmistische, noch in die verharmlosende Richtung übertrieben, die Maßnahmen zum Infektionsschutz werden transparent begründet und die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger an die Politik zurückgespiegelt. Wie könnte eine einzelne infizierte Person muslimischen Glaubens, die in Frankfurt am Samstagabend drei Clubs besucht und dort Menschen angesteckt hat, diesen Erfolg ins Wanken bringen?

Die Ministerin gießt Öl ins Feuer

Eine halbe Stunde später spricht Wittstock mit fünf Stakeholdern aus dem Lenkungskreis des Forums. Forschung, Kirchen, Gewerkschaften, Schulen und Erwachsenenbildung sind vertreten. Auf das Nachrichten-Ausbreitungsmodell, mit dem Wittstock rechnet, möchte sich keiner von ihnen verlassen. Der eher niedrige geschätzte Impact der Berichterstattung über Mohammed A. überzeugt sie nicht. „Wir steuern auf eine neue Infodemie zu“, sagt die Wissenschaftlerin. „In der Berichterstattung stecken zu viele unbegründete Andeutungen und Spekulationen.“ Der Kirchenvertreter kritisiert hingegen die Stigmatisierung der Muslime: „In den sozialen Medien geht es vorwiegend um seinen Bart und seine familiären Verbindungen nach Algerien. Ob er die Hygieneregeln eingehalten hat, ist nebensächlich.“

„Aber ein Statement der Ministerin würde doch nur Öl ins Feuer gießen“, wendet Wittstock ein. „Wir sollten lieber unser Tool zur Depolarisierung einsetzen.“ Sie ruft das Protokoll auf und geht die Stichpunkte kurz durch: die Fakten und die offenen Fragen zusammenfassen, die Ängste der Bürger erheben und als berechtigt darstellen, ebenso die Ängste der muslimischen Gemeinde in Deutschland, dabei die gemeinsamen Werte betonen – und in den nächsten Tagen mit den Religionsgemeinschaften Diskussionsrunden ausrichten. „Wird das nicht zu lange dauern?“, fragt ein Lehrer skeptisch. „Und was machen wir gegen die Falschinformationen?“, fragt die Wissenschaftlerin. „Wir müssen uns schon entscheiden“, sagt Wittstock. „Geht es darum, eine Minderheit zu schützen, oder darum, die Medien zu korrigieren?“

Um 14 Uhr tritt die Wissenschaftsministerin mit ernstem Gesicht vor die Presse. „Wir sollten Menschen nicht nach ihrem Namen oder ihrem Aussehen beurteilen“, sagt sie. „Das widerspricht den Werten unserer offenen Gesellschaft.“ Während die Ministerin spricht, meldet ein Frankfurter Labor, dass 59 Club-Besucher positiv getestet worden seien. Sie alle haben sich mit der Virusvariante infiziert, die in Nordafrika grassiert. Es ist das erste Auftreten dieses Typs nördlich der Alpen.

Wer moderiert jetzt noch die Debatte?

Binnen einer Stunde springt die Impact-Schätzung des Bundesforums von der Warnstufe Gelb auf Rot. Wittstock setzt drei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Fall Mohammed A. an. Sie mischen sich auf den sozialen Plattformen in Diskussionen ein, erstellen Factsheets für unterschiedliche Zielgruppen und vermitteln Experteninterviews an die Medien. Doch zu den für 18 Uhr einberufenen Onlinediskussionen melden sich enttäuschend wenige Menschen an. „Die Leute diskutieren schon woanders“, erklärt Nelson Suarez in einer Videoschalte.

Ihre letzte Hoffnung hat Daniela Wittstock auf eine frühere Kommilitonin gesetzt, die eines der größten Nachrichtenportale des Landes leitet. „Sollen wir den Fall mal öffentlich diskutieren?“, hat sie am Nachmittag gefragt. Nun kommt die Absage: „Das wäre wirklich wichtig“, antwortet die Chefredakteurin. „Aber wir stehen gerade unter Beschuss, weil wir angeblich die Situation verharmlosen. Wir seien wie das Forum, heißt es. Ich muss gleich ein Statement aufnehmen und mich von euch abgrenzen.“

Wittstock flucht leise, als sie die Nachricht von ihrem Bildschirm wischt. Ihr Partner legt ihr die Hand auf die Schulter, sie hat ihn nicht hereinkommen hören. „Hast du heute Abend noch zu tun?“, fragt er. „So, wie’s aussieht, nicht“, antwortet sie grimmig. „Organisiert heute also jemand anderes die Debatte?“ Sie lacht kurz auf. „Nein, die Debatte überlassen wir dem Spiel der Kräfte.“

Im nächsten Abschnitt erfahren Sie mehr über die wissenschaftlichen Hintergründe des Zukunftsszenarios, Anschließend kommentieren drei Expert*innen das Szenario.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Alexander Mäder


Lenbachstr. 44
70192 Stuttgart
Deutschland

E-Mail: hallo@zukunftsreporter.online

Tel: +49 177 7844988

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Sonja Bettel, Rainer Kurlemann

Lektorat: Carina Frey