Geht die Ära der Aufklärung zu Ende?

Ein Zukunftsszenario

16 Minuten
Vor dem Sonnenuntergang türmt sich eine große Welle auf.

Stellen wir uns einmal vor, der Populismus nimmt weiter an Fahrt auf. Fakten verlieren in der öffentlichen Debatte an Bedeutung. Sogar der Forschungsminister begründet seine Entscheidungen mit dem vermeintlichen Volkswillen. Doch letztlich werde die Vernunft siegen, beteuert der Bestsellerautor Steven Pinker wie eh und je. Ein Zukunftsszenario der ZukunftsReporter.

Die Terminkollision war zu befürchten, aber der eng getaktete Tourplan des 79-jährigen Psychologen und Bestsellerautors Steven Pinker ließ keine Alternative: Nur zwei Stunden, nachdem sich die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2034 in Jakarta für das Halbfinale qualifiziert hat, tritt der aus Kanada stammende Pinker in München auf. Der Saal ist dennoch mit 500 Zuschauern voll besetzt. Im Internet warten noch viel mehr: Fast eine Millionen Menschen haben den Livestream aktiviert, wie der Moderator Leon Streiter bei einem Blick auf den Wandmonitor zufrieden feststellt. Pinker spricht mit seiner Botschaft zu den Segnungen der Vernunft offenbar vielen aus dem Herzen.

Die Diskussion mit Steven Pinker ist einer der Höhepunkte im Jubiläumsjahr der Aufklärung. 250 Jahre nach Immanuel Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ wird intensiv über das Erbe und das vermeintliche Ende dieser Epoche gestritten. Der prominente Intellektuelle soll an diesem Abend in München erklären, wie der Populismus in Deutschland zurückgedrängt werden kann, der nicht auf Vernunft und Wissenschaft setzt, sondern auf den vermeintlichen Volkswillen und den gesunden Menschenverstand. Seine Managerin hatte sich lange gegen dieses Thema gewehrt, denn Pinker hat vor einigen Jahren noch den Rückgang des Populismus vorhergesagt. Ihr wäre es lieber gewesen, man hätte sich auf die allgemeine These „Fortschritt durch rationalen Diskurs“ konzentriert und die fehlgeschlagene Prognose ignoriert. Doch nachdem es Streiter gelungen war, Pinker direkt zu kontaktieren, hatten sie sich rasch geeinigt. Pinker war bereit, sich zu rechtfertigen. Fehler einzugestehen, gehört zur Redlichkeit eines Forschers dazu. Nur würde Pinker tatsächlich einen Fehler zugeben?

Der Gast hat seine Fans

Auf der Leinwand im Saal sind abwechselnd Auszüge aus Pinkers 2018 veröffentlichten Buch „Enlightenment Now“ zu lesen. Dort steht zum Beispiel: „Die freiheitliche Demokratie ist eine wertvolle Errungenschaft. Bis der Messias kommt, wird sie ihre Schwierigkeiten haben. Doch es ist besser, diese Probleme zu lösen, als einen Flächenbrand in Gang zu setzen und darauf zu hoffen, dass etwas Besseres aus der Asche emporsteigt.“ Oder: „Bildung bringt junge Menschen mit anderen Kulturen in Kontakt, die anschließend schwerer zu dämonisieren sind.“ Oder: „Bildung bringt Menschen, wenn alles richtig läuft, Respekt vor überprüften Fakten und durchdachten Argumenten bei. Sie schützt daher vor Verschwörungstheorien, Argumenten auf der Grundlage von Einzelfällen und emotionaler Demagogie.“ Schon bei diesen Sätzen klatschen viele Menschen im Publikum. Dann wird das Licht gedämpft. Als die beiden Gesprächspartner auf die Bühne treten, bricht tosender Applaus aus.

Steven Pinker, Jahrgang 1954, ist Psychologe an der Harvard University. Sein Buch „Enlightenment Now“ erscheint am 26. September unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im S. Fischer-Verlag.
Steven Pinker, Jahrgang 1954, ist Psychologe an der Harvard University. Sein Buch „Enlightenment Now“ erscheint am 26. September unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im S. Fischer-Verlag.
Die AfD ist mit 92 Abgeordneten im Bundestag vertreten. Sie sitzen am rechten Rand des Plenarsaals. Im Bild sind ihre Plätze im leeren Saal zu sehen.
Die AfD ist mit 92 Abgeordneten im Bundestag vertreten. Sie sitzen am rechten Rand des Plenarsaals.

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