Traumhaft unperfekt

Eine Liebeserklärung an den Prototypen

Ein guter Prototyp entsteht vor allem: schnell. Er ist unfertig, unpraktisch – und gerade deshalb großartig.

Heinrich Holtgreve/OSTKREUZ

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

Die Jumper-Verbindungskabel ragen in bunten Farben über das Breadboard. Die Kamera klebt auf einem leeren Orangensaftkarton. Der Mikroprozessor hängt kopfüber runter, nur von einem USB-Kabel gehalten. Und die Status-LEDs blinken mehr rot als grün. Alles sieht unfertig und chaotisch aus. Kurzum: großartig.

Ich liebe Prototypen. Für Betrachter mag befremdlich wirken, welche Gefühle der Zuneigung dieser Haufen Kabelchaos in uns auslöste. In diesem Zustand landete der sMirror, ein smarter Badezimmerspiegel, auf dem Cover einer Beilage von ZEIT CAMPUS. Die Überschrift „So sieht die Zukunft aus“.

Die Zukunft ist immer ein bisschen peinlich

Es war eher peinlich. Ich werde den Prototypen hier als Beispiel nehmen. Wir wollten einen smarten Badezimmerspiegel bauen, der den Nutzern ihren Wunsch morgens sprichwörtlich von den Lippen abliest. Zur persönlichen Morgenroutine soll der sMirror passend die Nachrichtenauswahl abspielen. Gesteuert von den Gegenständen, die wir benutzen. Sie merken: eine Idee, die man ausprobieren muss, um festzustellen, ob sie irgendjemand braucht.

Wir waren auf dem Weg, als das Cover-Foto entstand. Und, hey, es war zugleich unser ganzer Stolz: Die Holz-und-Kabel- gewordene Idee, die wir schon so lang in unseren Köpfen gewälzt hatten. In der das ganze Können von fünf, sechs grandiosen Köpfen drin steckte. Unser Prototyp.

Ihr Prototyp wird ganz anders aussehen. Unvorhersehbar. Unvollkommen. Zusammengestoppelt. Jeder Prototyp ist anders. Beim Prototyping im Sprint gilt die Devise „Fake it until you make it“. Mit einem halbwegs realistisch aussehenden Prototypen werden Sie die bestmöglichen Daten aus dem Nutzertest bekommen. Sie werden erfahren, ob Sie auf dem richtigen Weg sind.

 “A Design Sprint prototype is a facade of the experience you have envisioned in the Sketch phase. You are building just what you need to make the prototype real enough to get an authentic response from a potential user.” – Jake Knapp Sprint Book
Eine CNC Fräse schreibt einen Schriftzug
Wenn es schnell gehen soll: In Sachen Geschwindigkeit ist eine CNC Fräse nahezu unschlagbar.
Jakob Vicari

Um unseren smarten Spiegel zu bauen, verließen wir unsere gewohnte Arbeitsumgebung. Wir quartierten uns für eine Woche ein kleines Haus in der Lüneburger Altstadt ein. In der Küche des 500 Jahre alten Hauses entwickelten wir unser smar- tes Möbel. Bald hingen die Küchenfenster voll mit Post-its. Dabei waren Johanna, Artistic Researcher, Leo, ein Bastler, Matthias, Robert, Till und Malte, Programmierer. Und ich als Fräser und Journalist. Am Montag, bei der Zielfindung, zwei- felte ich: Waren das wirklich die Fähigkeiten, um ein smartes Möbelstück zu erfinden? Am Dienstag zweifelte ich immer noch. Dann bauten wir.

Im Journalismus sind die Mittel knapp. Das heißt: Was andere Branchen in Dummies für den Papierkorb stecken, muss uns im Zweifel reichen. Und ich mag Prototypen, die echte Funk- tionen haben. Für unseren Spiegel war es wichtig, den magi- schen Moment zu erzeugen: Die Nutzerin greift nach ihrer Zahnbürste, der Spiegel erkennt die Bürste und zeigt passend die Tagesschau in 100 Sekunden an. Denn das war es, was wir zeigen wollten.

Prototyp eines Sensor-Wearables aus einem unserer Seminare
Jakob Vicari

Um eine App oder eine Webseite zu bauen, sind Google Presentations, Powerpoint und Keynote gute Werkzeuge. Ich höre Sie aufschreien und gebe zu: Man kann damit nichts machen, was wirklich gut aussieht. Aber genau das ist dieses eine Mal von Vorteil. Es bremst Ihren Perfektionismus. Mit Präsentati- onssoftware können Sie sehr einfach Text, Linien und Formen hinzufügen. Jede Folie ist ein Bildschirm Ihrer App. Und jeder in Ihrem Team kann die Software bedienen. Website-Baukästen wie Squarespace oder Wix sind gut, um schnell Webseiten zu bauen.

Mit Plan und Papprakete

Wenn Sie ein Ding bauen, sollte Sie Material haben. Mit Pappe und Klebeband geht erstaunlich viel. Und auch ein Laser- drucker produziert Schablonen, Aufkleber, Folien. Richtig Spaß machen die Techniken des Rapid-Prototyping: So nennt man Maschinen, die aus einer digitalen Zeichnung direkt ein Produkt ausspucken. Wenn Sie also einen 3D-Drucker, einen Kreativ- Plotter, einen Lasercutter oder eine CNC-Fräse zur Verfügung haben, ist das ziemlich gut. Wenn Sie die nicht haben, mieten Sie sich doch einen Tag im lokalen Fablab oder Makerspace ein. Es ist wirklich einfach, Dinge damit zu produzieren, egal ob aus Leder, Holz oder Aluminium. Mit meiner CNC-Fräse kann ich bestehende Materialien verändern. Zum Beispiel in eine Holzkiste aus dem Bastelladen die Öffnung für einen Schalter hineinfräsen. Oder ich kann aus einem Stück Acrylglas einen neuen Deckel herstellen. Und das deutlich schneller als mit einem 3D-Drucker.

Schublade aus Lego
Wenns schnell gehen muss, dann aus Pappe – oder eben Lego.
Jakob Vicari

Für den Badezimmerspiegel sMirror baute ich die erste Schublade aus Lego. So hatte ich ein Gefühl für die richtigen Abmessungen. Dann fräste ich Holzschubladen und leimte sie zusammen. Für die dritte Version des Prototypen bestellte ich Holzschubladen bei einem Lasercutting-Service, da dieser exakter schneidet und ich verschiedene Materialien ausprobieren wollte. In jede Schublade baute ich einen Ras- pberry Pi Minicomputer und ein Display ein. Und stellte schnell fest, dass ich die Schubladen besser großzügiger bemessen hätte, denn die HDMI-Kabel passten nicht hinein. So ein HD- MI-Stecker ist drei bis vier Zentimeter lang. Hatte ich nicht bedacht, schließlich bin ich Journalist und nicht Elektriker. Und es musste schnell gehen.

Copyshops sind genau richtig unperfekt

Die Software für den Badezimmerspiegel bauten wir erst aus Post-its. Jede Schublade im Badezimmerschrank sollte ein eigenes Display haben, so die Idee. Wobei auf mehreren kleinen Schubladen gleichzeitig verschiedene journalistische Inhalte gezeigt werden können. Die Schublade rechts unten zeigt dem Kind beim Zähneputzen die Sendung mit der Maus, während die Schublade oben rechts den Aktienkurs und die darunter die Schlagzeilen des Tages anzeigt. Die einzelnen Bildschirme rufen Mini-Webseiten auf. Das heißt, sie sind nicht Teil eines Programms, sondern unabhängig voneinander. So konnte jeder beteiligte Entwickler die Technologien einsetzten, die er beherrschte.

Und wenn etwas fehlt, wird es eben gemacht. Die Fähigkeiten des örtlichen Copyshops werden Ihnen gute Hilfe leisten. Auch weil es dort nie um Perfektionismus geht, sondern man es gewohnt ist, dort Wordart auf T-Shirts zu drucken und Familienalbum-Abzüge zu Aufklebern zu machen. Das ist der genau Perfektionismus, den Sie brauchen. Für unseren Spiegel haben wir im Copyshop Aufkleber drucken lassen mit Rastercodes für die Objekterkennung auf Zahnpastatube und Deodorant. Und was soll ich sagen? Es hat funktioniert.

Fünf Adressen für Ihr Prototyping

Wenn Sie nicht im Fablab arbeiten und trotzdem Dinge brauchen, bekommen Sie die zum Beispiel hier:

Modulor: Der riesige Bastelladen am Berliner Moritzplatz ist der perfekte Ausgangspunkt zum Materialeinkauf. www.modulor.de

Formulor.de: Lasercutting-Service, bei dem man online etwas zeichnen kann und es wenige Tage später in Pappe, Holz oder Acryl in der Hand hält. www.formulor.de

Klebefisch: Klebebuchstaben sind eine gute Möglichkeit, um aus unscheinbaren Kartons ernstzunehmende Attrappen zu machen. www.klebefisch.de

Moo: Der Online-Druckservice ermöglicht es, Aufkleber in Kleinstauflagen herzustellen, auch 50 verschiedene. Leider dauert es etwas. www.moo.com

Eckstein: Wer mit Arduino & Co Elektronik bastelt, braucht viele Komponenten. Es gibt viele Geschäfte, bei denen Sie einkaufen können. Ein recht umfangreiches Angebot hat Eckstein. www.eckstein-komponente.de

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Jakob Vicaris Journalismus der Dinge