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Coronakrise: Lasst uns über Väter reden!

Wer bei den großen akuten Problemen für Familien ausschließlich über Mütter redet, trägt zum Rückfall in alte Rollenmodelle bei. Ein Kommentar

von
19.05.2020
4 Minuten
Dargestellt ist ein Mann, der ein kleines Kind auf den Schultern trägt. Ein zweites Kind läuft knapp hinter ihm. Das Bild symbolisiert einen Vater, der sich Zeit für seine Kinder nimmt.

In der Abfolge der deutschen Feier- und Gedenktage spielt der „Vatertag“ an Christi Himmelfahrt den hässlichen Part. Während Weihnachten zumindest der Geste nach damit begangen wird, anderen eine Freude zu machen, und der Muttertag, um Blumen zu schenken und Danke zu sagen, besteht der symbolische Brauch des Vatertags darin, dass Männer nach Rudelbildung betrunken durch die Gegend laufen, andere ungefragt anquatschen und öffentlich Frust ablassen.

Das Besondere am Vatertag: Man hat einen mit Bier beladenen Bollerwagen dabei. Der bizarre Ablauf gemäß Tradition: Papa geht heute weg, Papa grölt draußen auf der Straße, Papa ist betrunken, Papa kann sich nicht um dich kümmern, der muss jetzt schlafen.

Zum Glück ist dieses Verhalten inzwischen nicht mehr repräsentativ für die Väter des Jahres 2020. Aber in seiner Symbolik spiegelt sich etwas Beunruhigendes wider: Der Vatertag ist für unsere Gesellschaft eine gedankliche Leerstelle, die mit Alkohol gefüllt wird.

Die neue Familienlage ist kein Problem allein der Frauen

Einmal im Jahr könnte eine Gesellschaft das verkraften. Die aktuelle Diskussion um das Familienleben in der Coronakrise zeigt aber, dass es um viel mehr geht. Bei der Frage, wie Familien die neuen Lebensrhythmen, Umstände und Zwänge, die mit der Pandemie über uns gekommen sind, bewältigen können, stehen nun wieder vor allem die Mütter im Zentrum der Diskussion. Da gehören sie natürlich hin. Aber nicht allein, sondern gemeinsam mit den Vätern, den Männern.

Die Sorge geht um, dass die Coronakrise, in der die reguläre Betreuung der Kinder in Kitas und normaler Schulunterricht bis auf weiteres wegfallen, zu einem Rückfall in alte Rollenmodelle führen wird: Er verdient das Geld, sie bleibt zuhause und kümmert sich um die Kinder. Diese Sorge ist berechtigt. Und wenn man sich die fortgesetzt skandalösen Unterschiede in der Bezahlung von weiblicher und männlicher Erwerbsarbeit anschaut, wird schnell klar, wie in Familien die Abwägung auszugehen droht, wer weiter Geld verdient und wer sich auf den Nachwuchs und den Haushalt konzentriert.

Meine Kollegin Tanja Krämer hat deshalb zurecht gefordert: Lasst uns über die Mütter reden! Doch die neue Familienlage ist kein Problem allein der Mütter. Sie betrifft alle – die Kinder, die mit den Ängsten dieser Tage konfrontiert sind und ohne Kita oder mit deutlich weniger Schulunterricht dastehen, und die Väter, die ebenfalls um ihre Rolle in der neuen Situation ringen. Das gilt vor allem für jene Väter, die ihre Rollen und Aufgaben bewusst reflektieren und anders leben wollen als die Generation ihrer oftmals durch Abwesenheit und emotionale Distanz ganz und gar nicht glänzenden eigenen Väter.

Auch für Männer gab es einen befreienden Rollenwandel

Ein Rückfall in alte Familienmodelle bedroht da eben nicht nur die Rolle der Frau, sondern auch die mühsam erarbeiteten Fortschritte für die Rolle der Väter in Familien. Der stereotype abwesende Vater, der sich entweder ins Büro, in die Kneipe oder den „Hobbykeller“ verzieht und dann am Sonntag den Braten anschneiden darf, ist heute zumindest nicht mehr der Regelfall.

Viele Väter empfinden diese Entwicklung ebenso als Befreiung wie Mütter den ganz normalen Zugang zur Erwerbsarbeit. Sich als Mann nicht allein über irgendwelche beruflichen, körperlichen oder sonstigen Leistungen zu definieren, sondern über eine lebendige und enge Beziehung zu den Kindern, und diese Rolle ganz selbstverständlich und öffentlich wahrzunehmen – das ist das männliche Gegenstück zum veränderten Rollenbild von Müttern.

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Bei den Vätern ist das übrigens ebenfalls eine Entwicklung, die durchaus immer noch auf Widerstände trifft. Es gibt Mitmenschen, die die Nase rümpfen oder es misstrauisch beäugen, wenn Männer sich in der Öffentlichkeit ähnlich um ihre Kinder kümmern wie Mütter. Und es gibt Frauen, bei denen fürsorgliche Väter schlagartig an Attraktivität und Ansehen verlieren, weil das ihren alten Bildern von Männlichkeit nicht entspricht.

Doch im Ökosystem der modernen Familien sind der Rollenwandel von Müttern und der von Vätern eng miteinander verbunden. Bleibt bei den Männern alles beim Alten, führt das für die Mütter in die Erschöpfung, wenn sie 100 Prozent Mutter, 100 Prozent Partnerin und 100 Prozent Arbeitskraft sein wollen oder sollen. Dasselbe gilt aber für Männer, die ihre Rolle in der Familie ernst nehmen: Werden sie nur als lückenfüllende Arbeitstiere behandelt, die von Frauen beanspruchte Erwerbszeit pflichtschuldig ausfüllen sollen, droht ihnen dieselbe dreifache Überforderung bis hin zur Erschöpfung.

Ende der Bollerwagen-Grölerei

Dafür, dass angesichts der Corona-Herausforderungen nun hauptsächlich über Mütter diskutiert wird, gibt es gute Gründe. Den Frauen droht, wie die Soziologin Jutta Allmendinger warnt, ganz real eine „Re-Traditionalisierung" der Geschlechterrollen.

Doch dabei von den Vätern zu schweigen, wäre ein großer Fehler. Ein alleiniger Fokus auf Mütter könnte sogar bereits zum Rückfall in alte Zeiten gehören, denn so eine Verengung verneint das nötige Zusammenspiel der Geschlechter. Die Botschaft dieser Fokussierung ist, dass es sich um ein Problem der Frauen handelt. Es besteht die Gefahr, damit bewusst oder unbewusst das Spiel derjenigen zu spielen, denen so ein Rückfall ganz recht wäre: „Frauen, löst dieses Problem mal selbst.“ Das kann aber nicht die Antwort sein.

Deshalb: Lasst uns über Väter reden: Was muss anders werden in der Erwerbswelt, dass sie ihre Rolle für die Familie gut wahrnehmen können? Welche gesellschaftliche Anerkennung brauchen Väter, die sich aus alten Rollenbildern gelöst haben – und Männer, die dabei sind, das zu tun oder die zumindest den Plan haben, etwas zu verändern? Wie kann sich das Lohngefüge schnell zugunsten echter Gleichheit von Mann und Frau ändern, damit Familien freier als heute über ihre Rollenverteilung entscheiden können?

Und was ist die Botschaft der Gesellschaft an jene Männer, die gegenüber Kindern und Partnerinnen noch immer abwesend sind und auch an jene, die nun glauben, die Krise für eine Rolle rückwärts im Geschlechterverhältnis nutzen und ihre Partnerinnen in alte Rollenmodelle drängen zu können? Da sind Politik, Wirtschaft und der Debattenbetrieb der Medien gleichermaßen gefragt.

Der Vatertag 2020, an dem Rudelbildung ohnehin vermieden werden muss, wäre ein guter Tag, um die Bollerwagen-Grölerei ein für allemal zu beenden. Bis zum Vatertag 2021 sollte es dann bei der Gestaltung des Arbeitslebens unter Coronabedingungen so sehr um die Rolle der Männer in Familien gehen wie um die Rolle der Frauen. Nur so kann die „Re-Traditionalisierung", vor der Jutta Allmendinger warnt, wirksam verhindert werden – und eine neue Generation von Kindern, die ihre Väter hauptsächlich überarbeitet und aus der Distanz erleben.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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