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Die ersten Menschen und ihre Welt

Ein dramatischer Klimawandel, die frühesten Wesen der Gattung Homo, die seltsamen Nussknackermenschen und die Erfindung des Faustkeils – wie hängt das alles zusammen?

13 Minuten
Das Foto zeigt einen atemberaubenden Panoramablick auf eine sanft nach unten abfallende afrikanische Landschaft mit Hügeln, sanften Abhängen, darüber ein blauer Himmel mit leichter Bewölkung. Viel Sand ist zu sehen, dazwischen grüne und braune Büsche. Unten, zum Tal hin verlaufen unbefestigte Straßen, vorn rechts ragt eine Gesteinsformation senkrecht auf, an der sich zahlreiche, rötliche und sandfarbene Gesteinsschichten erkennen lassen.

Wir heutigen Menschen, so sehen es inzwischen viele Forschende, haben unsere Existenz einem Wechselbad an klimatischen Kapriolen zu verdanken, das unseren Planeten beginnend vor rund 2,6 Millionen Jahren durchschüttelt. Das zu jener Zeit heraufziehende Eiszeitalter stellte die Lebewesen vor völlig neue Herausforderungen. Die Homininen – die Mitglieder der menschlichen Verwandtschaft – passten sich daran auf unterschiedliche Weise an und entwickelten sich zu neuen Arten. Doch nur einer Gruppe gelang es, auf Dauer zu überleben. Wie sie das geschafft hat und was daraus folgte, erzählt dieser Beitrag.

Mehrere Jahrmillionen Jahre lang bereits haben die Vor- oder Affenmenschen an den Rändern von Regenwäldern und Savannen in Afrika überlebt. Sie können aufrecht laufen, aber auch behände klettern, und ihre Gehirne sind kaum größer als die von Schimpansen. Doch dann setzt eine Entwicklung auf unserem Planeten ein, die diesen Wesen aus der menschlichen Verwandtschaft völlig neue Anpassungen abverlangt. Denn das bislang feucht-milde Klima wird mehr und mehr von trockenen und kühlen Perioden abgelöst. Zudem schwanken die klimatischen Verhältnisse innerhalb dieses langfristigen Trends häufig in schneller Folge. Mehr und mehr schrumpfen die Regenwaldflächen und werden voneinander isoliert, während sich dazwischen offene Gehölz- und Graslandschaften ausbreiten.

Es wird kühler und trockener – das Evolutionskarussell kommt in Gang

Und nach nur wenigen hunderttausend Jahren hat sich das Bild der menschlichen Verwandtschaft grundlegend gewandelt: Neben einer Vormenschen-Art der Gattung Australopithecus bevölkern nun drei Arten der Gattung Homo die afrikanischen Savannen und zusätzlich tummeln sich darin seltsame aufrecht gehende Wesen mit kleinen Gehirnen, aber gewaltigen Gebissen, die wegen ihrer großen Zähnen oft „Nussknackermenschen“ genannt werden. Was ist da geschehen, wie konnten in einer so kurzen Zeit so viele völlig neue Mitglieder der menschlichen Verwandtschaft entstehen?

Gezeigt wird die seitliche Ansicht eines Schädels, der aus fossilen Bruchstücken (dunkelgrau) und ergänzten Teilen zusammengesetzt ist. Die Überaugenwülste sind sehr dick, der Oberkiefer riesig (der Unterkiefer fehlt) und die Gehirnkapsel klein. Oben auf dem Schädel, mehr nach hinten hin, ist eine Art Knochenkamm zu erkennen.
Kleines Gehirn – Riesengebiss: Der Nussknackermensch war ein seltsamer Verwandter des Menschen. Der Knochenkamm oben auf dem Schädel – hier eine Nachbildung, ausgestellt im Springfield Science Museum, Massachusetts, USA – diente als Ansatz für gewaltige Kaumuskeln

Zurück zum Anfang dieser erstaunlichen Entwicklung. Kurz bevor der Klimaumschwung beginnt, vor gut drei Millionen Jahren, existieren in Afrika zwei Arten von Vor- beziehungsweise Affenmenschen. In Ostafrika lebt Australopithecus afarensis, bekannt durch das berühmte Skelett „Lucy“, und in Südafrika ist Australopithecus africanus heimisch. Es ist die Endphase einer längeren, recht stabilen Klimaperiode, in der es feuchter und wärmer ist als heute. Im ostafrikanischen Lebensraum von Lucy finden sich Grasfluren, Bäume und zahlreiche Seen. Die globalen Mitteltemperaturen liegen rund drei Grad Celsius über denen der jetzigen Epoche (bezogen auf das natürliche Klima, bevor der Mensch begann, fossile Brennstoffe zu verfeuern und den Planeten anzuheizen).

Vermutlich Opfer eines Klima-Wandels: Die Lucy-Art Australopithecus afarensis

Doch vor knapp drei Millionen Jahren zeigen sich die ersten Anzeichen eines Umbruchs. Die Savannen in Ostafrika wachsen aufgrund des trockener werdenden Klimas zu weiten grasbewachsenen Gebieten an – und die Lucy-Art stirbt aus. Richtig ungemütlich wird es mit dem Klima erst etwas später. Vor 2,7 Millionen Jahren nimmt die Eisbedeckung auf den Landflächen rund um die Arktis zu. Vermehrt bilden sich dort Gletscher, und die bis heute andauernde Vereisung Grönlands beginnt. Auch auf der Südhalbkugel nimmt die Vereisung zu; der Eispanzer der schon seit vielen Jahrmillionen vergletscherten Antarktis wird immer mächtiger.

Die Temperaturen fallen weltweit unter die heutigen Durchschnittstemperaturen. Doch nicht nur das: Sie schwanken in Rhythmen von etwa 41.000 Jahren zwischen deutlich kühleren und eher gemäßigten Perioden. In den kältesten Zeitabschnitten liegen sie um bis zu vier Grad niedriger als heute, in den gemäßigten reichen sie höchstens bis an die heutigen Werte heran. In dem kühleren, trockenen Klima dehnen sich die Savannen weiter aus und es gedeihen vor allem harte, dürreresistente Gräser. Viele Tiere passen sich mit ihrer Ernährung daran an: Aus blätterfressenden, waldbewohnenden Antilopen etwa werden grasende Steppenbewohner mit widerstandsfähigen Zähnen. Und auch die menschliche Verwandtschaft muss mit diesen Veränderungen fertig werden.

Ein afrikanischer Mann steht vor der untergehenden Sonne knietief im Wasser eines Sees, das leichte Wellen wirft. Er ist von der Seite zu sehen, hat einen Stock über der Schulter und schaut nach links. Durch das Gegenlicht ist nur die Silhouette des Mannes zu erkennen. Der Horizont leuchtet in goldgelben bis rötlichen Farben.
So wie diesen Mann heute, zog es schon vor zwei Millionen Jahren Wesen der Gattung Homo an die Ufer des Turkana Sees, um dort Nahrung zu suchen. In den Sedimenten rund um das Gewässer entdeckten Forschende zahllose Relikte der menschlichen Urgeschichte
Das rechte von zwei nebeneinander stehenden historischen Schwarzweißfotos zeigt einen Mann um die 60 mit Sakko und Krawatte, der ein Stück fossilen Kiefer mit Zähnen in den Händen präsentiert und in die Kamera blickt, hinter ihm eine Frau mit heller Bluse, die den Betrachter selbstbewusst anschaut. Im linken Foto ist das Porträt eines Mannes Anfang 40 mit hellem Hemd und Krawatte zu sehen.
Die Leakeys – die wohl einflussreichste Familie von Forschenden der menschlichen Urgeschichte: Rechts Mary und Louis im Jahr 1962, links ihr Sohn Richard in einer Aufnahme von 1986
In der linken Hälfte ist in frontaler Ansicht ein dunkelbrauner fossiler Menschenschädel ohne Unterkiefer zu sehen. Er hat dicke Knochenwülste über den Augenhöhlen, der Hirnschädel ist nicht sehr groß, fünf weißliche Zähne ragen aus dem Oberkiefer. Die rechte Bildseite füllt ein etwas größerer, schräg seitlich von vorn gezeigter versteinerter Schädel, dessen Augenwülste weniger stark ausgeprägt sind. Zahlreiche Zähne sitzen in Ober- und Unterkiefer; besonders die oberen Schneidezähne sind sehr groß. Beide Schädel sind aus Bruchstücken zusammengefügt.
Zwei Kandidaten für die ersten Menschen: links ein Schädel von Homo habilis, rechts der eines Homo ergaster. Beide lebten vor rund zwei Millionen Jahren in Ost- und Südafrika. Der eine (H. habilis) tauchte früher auf, doch der andere (H. ergaster) war schon weiter entwickelt
Vor tiefblauem Himmel zeigt sich eine verdorrte Savannenlandschaft aus hellbraunem Sandboden, bestanden mit zahleichen blassgrünen Büschen, im Hintergrund vereinzelte Bäume. Auf einem kahlen Baum hocken mehrere Geier, im Vordergrund liegen die Überreste einen Elefantenkadavers.
Aas – hier ein toter Elefant in der Savanne Kenias – war eine wichtige Nahrungsquelle der frühen Menschen vor zwei Millionen Jahren. Geier wiesen sie auf Kadaver hin, mit ihren schnellen Beinen erreichten sie das Aas, mit Steinwerkzeugen gelangten sie an das Fleisch
Vor schwarzem Hintergrund ist links die Rekonstruktion des kompletten Skeletts eines menschenähnlichen Wesens zu sehen. Der Schädel ähnelt dem eines Schimpansen, die Arme sind sehr lang, doch Becken, Beine und die aufrechte Körperhaltung wirken menschlich. Rechts wird stark vergrößert ein Stück des Vorderarms mit der Hand gezeigt, deren Finger sehr lang sind.
Die Vormenschenart Australopithecus sediba zeigt eine ungewöhnliche Mischung: Die langen Arme und Fingerknochen, der Brustkorb und Schultergürtel weisen auf einen Kletterer hin. Becken und Beine dagegen lassen einen gut entwickelten aufrechten Gang erkennen, und die Hand erlaubte ein präzises Greifen
Drei Geröllsteine sind hier vor schwarzem Hintergrund fotografiert. Sie sind rundlich bis dreieckig, von gelblich-grauer Farbe und felsiger Struktur. Gut zur erkennen ist, dass Teile von ihnen abgeschlagen wurden und so scharfe Kanten entstanden, die sie etwa zum Schneiden geeignet machte.
Einfache Steingeräte wie die hier gezeigten, in Äthiopien gefundenen, waren die ersten Werkzeuge der Menschen und zeugen von deren Geisteskraft. Sie werden heute als „Pebble Tools“ (Geröllgeräte) bezeichnet und der Oldowan-Kultur zugeordnet
Vor einem unscharfen hellgrünen Hintergrund ist der Oberkörper eines dunkelhäutigen jungen Manns mit dichten, krausen Haaren und einem deutlichen Wulst über den Augen abgebildet. Die Figur hat ein Tierfell vor dem Hals zusammengebunden, das hinten über den Rücken fällt. Über die Schulter hat sich der Mann einen Holzspeer gelegt, auf den er seitlich die Arme stützt. Sein Blick ist schräg nach rechts gerichtet.
Vor rund 1,5 Millionen Jahren lebte und starb an den Ufern des Turkana-Sees dieser junge Homo ergaster, heute bekannt als „Turkana Boy“ – ein weit entwickelter Vertreter der menschlichen Linie (Ausschnitt einer Rekonstruktion im Neanderthal Museum in Mettmann)
Das Foto zeigt vor schwarzem Hintergrund einen hellen Urmenschen-Schädel von der Seite, dessen Gesicht nach links weist. Blau in die Schädelkapsel eingezeichnet sind die Hirnstrukturen.
Anhand von Computertomografien rekonstruierten Forschende der Universität Zürich die Gehirne von Urmenschen. Der abgebildete Schädel aus Indonesien offenbart moderne Strukturen mit stärker ausgeprägten Bereichen für höhere geistige Fähigkeiten im Stirnbereich

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Dies ist der vierte Text einer achtteiligen Serie zur Geschichte des Menschen. Bereits erschienen: „Die Wurzeln des Menschen“ , „Die Erfindung des aufrechten Gangs“ und „Das Zeitalter der Affenmenschen“. Es folgen: „Die Eroberung des Planeten“, „Die Neandertaler und ihre Zeitgenossen“, „Der Siegeszug des Homo sapiens“ und „Was den Menschen so erfolgreich machte“. Die Beiträge folgen im Abstand von je einigen Monaten.

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Henning Engeln

Henning Engeln

Henning Engeln ist Journalist und Buchautor, unter anderem arbeitet er für GEO.


Der lange Weg zum Menschen

Wir Menschen wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Wer waren unsere Ahnen? Wie wurden wir zum Beherrscher der Erde? Weshalb können wir zugleich egoistisch und hilfsbereit sein? Das und mehr erfahren Sie bei „Der lange Weg zum Menschen“ (mehr Details zum Projekt und seinen Macher gibt es hier).

Mein Name ist Henning Engeln, ich bin promovierter Biologe, freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Buchautor aus Hamburg. Ich war viele Jahre Redakteur bei GEO und GEOkompakt. Meine Themenschwerpunkte sind Evolution und Hirnforschung, der Mensch und das Universum.

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