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Das Zeitalter der Affenmenschen

Wie aufrecht gehende, und dennoch primitiv wirkende Kreaturen mit bescheidenen Gehirnen zum Erfolgsmodell der Evolution und zu unseren Ahnen wurden

08.08.2021
14 Minuten
Gezeigt wird die Plastik eines Kopfes mit dunkler Hautfarbe, einer platten Nase, breiten, hervortretenden Wangenknochen, dicken Wülsten über den braunen Augen und weiten Lippen. Das Gesicht ähnelt einer Mischung zwischen Schimpanse und Mensch. Die glatten; schwarzen Haare gehen vom Scheitel zur Seite des Kopfes weg, unter dem Kinn ist langer Bartwuchs zu erkennen.

Sie liefen auf zwei Beinen wie Menschen, aber ihre Köpfe und Gehirne ähnelten denen von Schimpansen. Sie waren Vorläufer der eigentlichen Menschen und bevölkerten über viele Jahrmillionen afrikanische Savannen und Waldränder. Die Vormenschen – populär auch Affenmenschen genannt – waren Künstler der Anpassung, die teils am Boden, teils auf Bäumen lebten und die unterschiedlichsten Lebensräume besiedelten. Sie behaupteten sich sogar noch lange Zeit neben den ersten echten Menschen und brachten kuriose Geschöpfe wie die Nussknackermenschen mit riesigen Gebissen hervor. Was war ihr Erfolgsrezept und weshalb starben sie am Ende dennoch aus?

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Im Jahr 1922 wird der junge Anatom Raymond Dart zum Professor an der University of the Witwatersrand Medical School in Johannesburg, Südafrika, berufen. Im Herbst 1924 zeigt ihm eine Studentin einen versteinerten Pavianschädel, der auf dem Kaminsims ihres Freundes gelegen hatte und aus dem Kalksteinbruch von Taung im Protektorat Betschuanaland stammt. Sofort ist Dart elektrisiert und bittet, ihm alle zukünftig im Steinbruch entdeckten Fossilien zukommen zu lassen.

Kurze Zeit später erhält er aus Taung eine Kiste, die sein Leben für immer verändern wird. Als er hineingreift und eines der Fundstücke herausnimmt, hält er unversehens ein kleines, versteinertes Gehirn in der Hand (dessen Form blieb erhalten, da das Schädelinnere sich nach dem Tod mit Material füllte, so ein Abdruck des Gehirns entstand und anschließend versteinerte). Das Organ ist jedoch zu groß, um zu einem Pavian zu gehören. Vor allem erkennt der gut ausgebildete Anatom eine Besonderheit: Zwei durch die Windungen des Großhirns gebildete Furchen am hinteren Teil des Organs liegen viel weiter voneinander entfernt als bei einem Schimpansen oder Gorilla: Sie wirken menschenähnlich.

Hier sind zwei Fotos zu sehen: Links die knochenfarbene Versteinerung eines kindlich wirkenden, menschenähnlichen Gesichtsschädels, schräg von vorn und von der Seite, an dessen hinterem Teil sich Abschnitte eines versteinerten Gehirns erkennen lassen. Rechts das historische Foto eines jungen, lächelnden Mannes mit Jackett, der die links gezeigte Versteinerung in der linken Hand hält.
Im Jahr 1924 erhält der junge, in Johannesburg lebende Arzt Raymond Dart die Versteinerung eines kindlichen Schädels und Gehirns aus dem Steinbruch von Taung – und erkennt, dass es sich um ein Bindeglied zwischen Mensch und Affe handelt

Anschließend entdeckt Dart in der Kiste einen Gesteinsklumpen mit einem Hohlraum, in den das versteinerte Gehirn passt. Offenbar ist in dem Klumpen der restliche Schädel der Kreatur verborgen, zu der das Gehirn gehört. Etwa zwei Monate arbeitet der Anatom fieberhaft, um den fossilen Schädel Stück für Stück vom Kalkstein zu befreien. Dann hält er ein Relikt in den Händen, das ihn tief berührt: Den Schädel eines Wesens noch im Kindesalter, der menschliche Merkmale zeigt: Die Stirn ist höher aufgewölbt als bei Menschenaffen, das Gehirn größer, dem Gebiss fehlt jene „Affenlücke“, in die bei Schimpansen und Gorillas die mächtigen Eckzähne greifen. Und das Hinterhauptloch – die Öffnung, durch die das Rückenmark zum Gehirn führt – liegt nicht hinten am Schädel, wie bei Menschenaffen, sondern unter dem Schädel, wenn auch nicht so zentral wie beim Menschen.

1924 – ein Anatom in Südafrika findet das „Missing Link“ zwischen Mensch und Affe

Offenbar lief jene Kreatur bereits aufrecht auf zwei Beinen, folgert der Anatom. Andererseits erinnern viele Merkmale auch an einen Menschenaffen. Hat Dart nun das „Missing Link“ zwischen Mensch und Affe gefunden? Er tauft sein Wesen auf den lateinischen Namen „Australopithecus africanus“ – salopp mit „Südaffe aus Afrika“ übersetzt – und veröffentlicht seine Entdeckung am 7. Februar 1925 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift „Nature“.

Mit seinem Fund eröffnet Dart ein neues Kapitel der Paläoanthropologie: die Erforschung der Vor- beziehungsweise Affenmenschen. Was Darts Entdeckung noch verändert: Hatten die Forschenden zuvor den Ursprung des Menschen vor allem in Asien gesucht, richtet sich der Focus nun zunehmend auf Afrika. Und Australopithecus africanus wird nicht allein bleiben.

Anfangs wollte niemand an die Affenmenschen glauben

Für Raymond Dart allerdings gibt es zunächst Enttäuschungen, denn die Schlussfolgerungen des jungen, in der Paläontologie unerfahren Arztes werden in der Fachwelt teils angefeindet, teils ignoriert. Lediglich der aus Schottland stammende Arzt und Paläontologe Robert Broom glaubt an Darts Affenmenschen. Broom tritt 1934 eine Stelle als Assistent in der paläontologischen Abteilung des Transvaal Museums in Pretoria an und konzentriert sich nun ganz darauf, Fossilien zu sammeln. 1936 hört er von einem Kalksteinwerk bei Sterkfontein, das offenbar reich an Versteinerungen ist, und gibt Anweisung, ihm alle dort auftauchenden Fossilien zuzusenden. Bald darauf hält er die Bruchstücke eines fossilen Schädels in den Händen, der dem Kind von Taung ähnelt – allerdings von einem erwachsenen Individuum stammt.

Vor schwarzem Hintergrund ist ein heller, weißlicher Gesichtsschädel zu erkennen, der den Leser frontal anschaut. Statt einer Stirn, wie beim Menschen, findet sich hier ein mächtiger Knochenwulst quer über den Augen, hinter dem der nur kleine Hirnschädel ein wenig aufragt. Auch die Wangenknochen dieser Kreatur, die wissenschaftlich Australopithecus africanus genannt wird, sind stark ausgeprägt, ebenso die Kiefer.
Dicke Knochenwülste über den Augen, ein kleiner Hirnschädel und ein im Vergleich zum Menschen kräftiger Kiefer zeichnen den Affenmenschen Australopithecus africanus aus. Den aufrechten Gang beherrschten diese Wesen schon

Der endgültige Durchbruch kommt 1947: Da entdeckt Broom, ebenfalls in Sterkfontein, einen fast vollständig erhaltenen Australopithecus-Schädel und bald darauf Teile eines versteinerten Oberschenkelknochens, mehrere Wirbel und Beckenknochen. An diesen Fossilien ist eindeutig zu erkennen, dass Australopithecus africanus aufrecht lief. Nun ist es nicht mehr zu leugnen: Es hatte einst Lebewesen gegeben, die zwischen Mensch und Affe standen.

Zu sehen sind links rötlich, rechts grünlich ausgeleuchtete Höhlenwände und –gewölbe, die sich weiter hinten in zwei Gänge verzweigen. Im Vordergrund führt eine Treppe mit Geländer von oben links nach unten rechts in den rechten Gang.
In der Höhle von Sterkfontein, Südafrika, entdeckte der Paläontologe Robert Broom 1947 einen fast kompletten Schädel von Australopithecus africanus. Heute ist diese Höhle, zusammen mit anderen Fossilienfundstätten als „Cradle of Humankind“ (Wiege der Menschheit) bekannt
Vor schwarzem Hintergrund ist ein in aufrechter Position gezeigtes, weitgehend erhaltenes fossiles Skelett zu sehen, das wie eine Mischung zwischen Affe und Mensch wirkt.
Das fast vollständige, rund 3,7 Millionen Jahre alte Skelett von „Little Foot“ (Gattung: Australopithecus) wurde in den 1990er Jahren in einer südafrikanischen Höhle entdeckt. Forschende der University of Southern California haben jetzt dessen Anatomie analysiert. Ergebnis: „Little Foot“ beherrschte zwar den aufrechten Gang, nutzte die Arme jedoch noch viel, um auf Bäumen zu klettern und an Ästen zu hangeln
Das Foto zeigt eine afrikanische Landschaft unter blauem Himmel. Im Vordergrund ein Flussbett, das nur noch wenig Wasser führt, mit einigen grünen Bereiche direkt daneben. Es ist umgeben von gelben, vertrockneten Grasflächen, aus denen blassgrüne Bäume aufragen, die sich bis zum Horizont erstrecken.
Ähnlich wie auf diesem Foto des Tarangire-Flusses in Tansania könnte die Urheimat der Affenmenschen ausgesehen haben: Eine Savanne mit einzelnen Baumbeständen, auf die sich die Wesen bei Gefahr oder in der Nacht zurückziehen konnten
Links ist ein versteinerter, etwas verformter Schädel mit großen, vorstehenden Kieferpartien, Knochenwülsten über den Augen zu sehen, rechts die blau eingefärbte Darstellung eines Gehirnabgusses.
Den Schädel des Vormenschen „Little Foot“ hat ein Team der University of the Witwatersrand, Johannesburg, im Computertomografen gescannt und daraus ein Abbild des Gehirns gewonnen: Das Organ ist relativ klein, zeigt aber eine asymmetrische Struktur und ein Muster der Blutgefäße, die dem Menschen ähneln. Andere Bereiche sind weniger menschlich, etwa die stark entwickelte Sehrinde oder die weniger ausgeprägten seitlichen Bereiche (parietaler Kortex)
Im linken Foto zu sehen ist ein fossiler Oberkiefer (von unten gezeigt), mit extrem großen Backenzähnen. Rechts findet sich die Zeichnung eines Wesens, das mit schwarzen Haaren, dunkler Gesichtsfarbe, platter Nase und der sehr großen Mundpartie wie eine Mischung zwischen Gorilla und Mensch wirkt.
Nussknackermenschen (Paranthropus boisei) lebten vor 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren in Ostafrika und besaßen riesige Zähne und Kaumuskeln. Die Archäologin Gabriele A. Macho von der Oxford University, Großbritannien, kam in einer Studie zu dem Schluss, dass die Nussknacker sich vermutlich überwiegend von Erdmandeln – auch Tigernüsse genannt – ernährt haben
Links ist ein fossiler Schädel ohne Unterkiefer zu sehen, halb von vorne und halb von der linken Seite gezeigt. Rechts daneben findet sich eine simulierte Darstellung desselben Schädels, in dem verschiedene Bereiche farbig dargestellt sind: Der Hirnschädel etwa dunkelblau, das Gesicht überwiegend grünlich, über den Vorbackenzähnen sowie dem Wangenknochen jedoch gelb und rot.
Um herauszufinden, wie sich die Art Australopithecus sediba ernährte, simulierte ein internationales Team die Kräfte (gelb/rot = hoch, grün/blau = gering), die beim Zubeißen im Schädel wirken. Heraus kam, dass dieser Vormensch, der vor 2 bis 1,8 Millionen Jahren in Südafrika lebte, keine sehr harte Nahrung zerkauen konnte – im Gegensatz zu den gleichzeitig existierenden Nussknackermenschen

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Dies ist der dritte Text einer achtteiligen Serie zur Geschichte des Menschen. Bereits erschienen: „Die Wurzeln des Menschen“ und „Die Erfindung des aufrechten Gangs“. Es folgen: „Der erste Mensch und seine Welt“, „Die Eroberung des Planeten“, „Die Neandertaler und ihre Zeitgenossen“, „Der Siegeszug des Homo sapiens“ und „Was den Menschen so erfolgreich machte“. Die Beiträge folgen im Abstand von je einigen Monaten.

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Dr. Henning Engeln

Dr. Henning Engeln

Henning Engeln ist Journalist und Buchautor, unter anderem arbeitet er für GEO.


Der lange Weg zum Menschen

Wir Menschen wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Wer waren unsere Ahnen? Wie wurden wir zum Beherrscher der Erde? Weshalb können wir zugleich egoistisch und hilfsbereit sein? Das und mehr erfahren Sie bei "Der lange Weg zum Menschen" (mehr Details zum Projekt und seinen Macher gibt es hier).

Mein Name ist Henning Engeln, ich bin promovierter Biologe, freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Buchautor aus Hamburg. Ich war viele Jahre Redakteur bei GEO und GEOkompakt. Meine Themenschwerpunkte sind Evolution und Hirnforschung, der Mensch und das Universum.

Ihr Henning Engeln

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